„Ich bin hier in München. Können Sie mir helfen?“

Straßenexerzitien auf der Suche nach Gott

Auf meiner Reise mit dem Jesusgebet gelangte ich nach München. Es war ein Experiment.
Wir waren eine Gruppe von 15 Menschen und trafen uns in der Nähe des Stadtzentrums. Wir waren alle auf unserer persönlichen spirituellen Reise. Dafür nahmen wir eine einfache Unterkunft mit Schlafsäcken und Isomatten in Kauf. Die Tage verbrachten wir auf den Straßen der Stadt. Zehn Tage lang.

„Straßenexerzitien“ nannte sich das Experiment. Mitten im vibrierenden Leben der Großstadt suchten wir nach Begegnungen mit Gott. Wir gaben unserer Sehnsucht einen Namen und richteten sie auf Gott. Nach welchem Gott mache ich mich auf die Suche? Welchen Namen gebe ich ihm? So entstanden Suchnamen wie „Ich suche Gott, der mich stärkt“ oder „Ich suche den Gott, der mir Heimat gibt“.

Wir fragten uns: An welchem Ort könnte ich ihn finden? Wer könnte mir dabei helfen? Und wir ­taten es Mose nach: Wir übten uns darin, „unsere Schuhe auszuziehen“ – ein Fachbegriff der Straßen­exerzitien. Er steht dafür, den Schritt über die Grenze des Gewohnten und Vertrauten hinauszuwagen: „sich verletzlich, empfindsam ­machen“, „schützende Sicherheiten loslassen, sich öffnen, sich berühren lassen“. Im Vertrauen darauf, dass sich Gott zeigen wird.

Ich bin in der Wüste

Wir orientierten uns an einer Geschichte in der Bibel (2 Mo 3). Mose arbeitet als Viehzüchter. Das Weideland liegt in der orientalischen Steppe. Dort begegnet Mose ein Naturschauspiel. Er sieht einen Dornbusch brennen. Aber die Flammen verzehren ihn nicht. Der Ort wird für Mose zu einem heiligen Ort. Er hört die Stimme Gottes, soll seine Schuhe ausziehen und sich barfüßig nähern. Dann gibt sich Gott zu erkennen, nennt seinen Namen: „Ich bin, der ich bin.“ Und beauftragt Mose mit einer anspruchsvollen Mission.

Wir kamen zu Orten und Menschen, die wir normalerweise nicht aufsuchen. Einige gingen zu einer Justizvollzugsanstalt. Oder zu einer Babyklappe. Einer verbrachte mehrere Tage in einer Suppenküche. Im Alltag würden diese Orte unangenehme Gefühle hervorrufen. Aber wir wollten wissen, ob wir Gott auch dann finden, wenn wir Gefühle der Unsicherheit, Ohnmacht und Bedürftigkeit zulassen. Abends setzten wir uns zusammen. Wir erzählten, was wir den Tag über erlebt hatten. Im Gespräch wurde klarer, wie Gott an den Orten und in den Begegnungen des Tages anwesend gewesen war.

Ich persönlich brach jeden Morgen mit dem Jesusgebet auf, in der Hand meine Gebetsschnur, die mir Nonnen in Griechenland geschenkt hatten. Es half, beim Wiederholen des Jesusgebets die Knoten weitergleiten zu lassen – quasi als eine Art ­Metronom, um im Fluss zu bleiben und nicht so schnell durch äußere und innere Impulse gedanklich abzudriften. Das Jesusgebet mitten im Ge­triebe auf den Straßen zu beten, fiel mir leichter als ich gedacht hatte. Es war nicht irritierend, sondern half mir, langsam zu gehen und meine Umgebung aufmerksamer wahrzunehmen. Auch ich versuchte, „meine Schuhe auszuziehen“. Für mich bedeutete das: meinen Schritt entschleunigen, keine feste Absicht haben, einfach da sein, den Blick schweifen lassen, Passanten offen in die Augen schauen. Es bedeutete auch: stehen bleiben und innehalten, wenn mir der Impuls dazu kam oder mich jemand ansprach. Es war eine Entdeckungsreise. In allem konnte Gott zu finden sein und mich überraschen.

Ich bin im Krankenzimmer

Manchmal spürte ich in mir eine Resonanz zu einzelnen Menschen, die zufällig meine Wege kreuzten. Ich wurde irgendwie aufmerksam auf sie. So ging es mir mit einem 90-jährigen Mann im Rollstuhl im Foyer einer Klinik. Sein Blick ist auf die Zeitschriftenauslage gerichtet, während ich nach einem WC frage. Als ich wiederkomme, ist er gegangen. Ich höre, wie die Dame am Kiosk einer anderen berichtet, ein Patient suche jemanden, der für ihn Besorgungen machen würde. Ich weiß intuitiv, dass es dieser Herr ist, und biete meine Hilfe an. Ich habe ja Zeit für das, was mir vor die Füße fällt. So finde ich mich kurz darauf in seinem Patientenzimmer wieder. Wir sind irgendwie beglückt über das Zusammentreffen, von dem wir noch vor einer halben Stunde beide nichts wussten. Für die Erstellung der Einkaufsliste brauchen wir etwas Zeit, weil ihn sein Gedächtnis immer wieder verlässt. Eine gute Gelegenheit, sich etwas kennenzulernen. Herr F. ist pensionierter Oberst der Bundeswehr und hat keine Angehörigen in der Nähe. Nach einer Weile räumt er ein, im Grunde suche er ja jemanden, der sich mit ihm unterhält. Das gewähre ich ihm gerne. Ich habe ja Zeit. Meine einzige Agenda ist, offen zu sein für meinen Wunsch, Gott zu begegnen. Ich habe meiner Suche den Namen gegeben: Gott, der Du großzügig zu mir bist. Und so bin ich bereit und offen, Gott zu finden in allem, was in unserer Begegnung geschehen würde. Herrn F. fehlt eine Nagelfeile. Ich habe vor zwei Tagen eine gekauft, die ich im Rucksack bei mir habe. Herr F. lässt sie sich geben und feilt einen rissigen Nagel glatt. Schließlich bittet er mich, sein Portemonnaie aus dem Safe im Schrank zu holen. Er vertraut mir 130 Euro an, um ihm Artikel zur Maniküre zu besorgen. Aber nur in bester Qualität, wie er betont.

Als ich unterwegs bin und nach gehobenen ­Geschäften für Nagel- und Hautscheren suche, ­geschieht es. Mir wird auf einmal bewusst: Gott, der großzügig ist, zeigt sich mir. Er begegnet mir in Herrn F. Der beruft sich auf seine Menschenkenntnis und schenkt mir großzügig Vertrauen. Ich genieße die Befriedigung, jeweils nach dem Besten zu fragen. Auf den Preis muss ich nicht achten. Mit dieser Vorgabe gehe ich selten einkaufen. Aus dem Vollen schöpfen, die Freiheit haben, das Wertvollste vorziehen zu können – in diesem Gefühl nehme ich auf einmal den großzügigen Gott wahr und bin im Herzen berührt.

Am Nachmittag betrete ich sein Zimmer. Seine Augen leuchten: „Ich wusste, dass Sie wiederkommen würden.“ Er freut sich sehr über die guten Artikel und will mir 30 Euro zur Entlohnung ­geben. Ich zögere, aber er meint: Damit wir beide zufrieden sind.

Ich spüre, dass es ihm wichtig ist, dass ich seine Gabe nehme um der Würde willen. Er will mit mir auf Augenhöhe bleiben. Auch im Nachhinein fühle ich mich nicht „bezahlt“ für eine Dienstleistung, zumal er zum Abschied noch sagt: „Vielen Dank! Das war wirklich eine Tat der Nächsten­liebe.“

Dies war nur eine von vielen kostbaren Begegnungen in München. Ich ging in sie hinein mit dem Herzensgebet und der Offenheit, Gott in den Menschen zu begegnen. Gott schaffte es mehrfach, mich zu finden. Überraschend kreativ – in allem, was in den Begegnungen geschah. Auf solchen Begegnungen lag ein besonderer Glanz. Ich finde kein anderes Wort, um die Strahlkraft auszudrücken, die mein Gegenüber und mich erfasste. Wir fühlten uns beschenkt und vergaßen die Zeit. Mitunter wollten wir nicht auseinander­gehen, ohne Adressen auszutauschen. Was gesprochen wurde, war meistens nichts Besonderes, fast nie religiös. Und dennoch hatte ich zunehmend das Gefühl, nicht nur mit einem Menschen, sondern gleichzeitig mit Gott im Austausch und verbunden zu sein.

Aus: Isabel Hartmann / Reiner Knieling, Gott: Wie wir den Einen suchten und das Universum in uns
fanden. Gütersloher Verlagshaus 2019, S. 126-130

Von

  • Isabel Hartmann

    Sie ist Pfarrerin, spirituelle Begleiterin und Erfinderin von „Geist und Prozess“, ein Konzept, das professionelles Prozessdesign und geistliche Haltungen miteinander verbindet, s. www.geistundprozess.de.

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