Wo Männer hausen

Unsere Mannschaft in der Scheffelstraße
Unsere Mannschaft in der Scheffelstraße © OJC

Unsere Mannschaft in der Scheffelstraße

Interview mit Daniel Schneider und Konstantin Mascher

Seit drei Jahren wohnen Freiwillige in unserem Haus in der Scheffelstraße. Wie sieht denn das gemeinsame Leben mit den jungen Männern aus?

Konstantin: Zwei OJC-Familien wohnen auf zwei Etagen. Unter dem Dach hat sich eine Wohngemeinschaft aus fünf Männern eingerichtet. Die meisten von ihnen kamen direkt nach dem Abitur, manche auch nach der Ausbildung, um ein Jahr mitzuleben. Für viele ist bereits die Wohnsituation eine ganz neue Erfahrung: Zum ersten Mal müssen sie den Haushalt selbst organisieren, putzen, waschen, gemeinsam einkaufen und das Miteinander meistern.

Daniel: Wir nehmen sie mit hinein in unseren geistlichen Rhythmus von Alltag und Gebet. Tagsüber arbeiten sie in ihren Einsatzstellen, ihre Abende und Wochenenden gestalten sie selbst. Einmal in der Woche sitzen wir beide mit ihnen beim WG-Abend zusammen. In der Regel unterhalten wir uns über ein Thema, das sie gerade beschäftigt, oder das für uns in der OJC relevant ist.

Was hat man sich unter einem geistlichen Rhythmus vorzustellen?

Daniel: Wir üben mit ihnen das ein, was wir als Gemeinschaft verbindlich leben. Wir Männer beginnen den Tag am frühen Morgen mit dem gemeinsamen Stilleauftakt, der in eine persönliche einstündige Stille Zeit mündet. Wir gehen täglich ins Jugendzentrum zum Mittagsgebet, das sie abwechselnd leiten. Jeden Donnerstagmorgen treffen wir uns zum „Männer-Austausch“. Hier kann jeder erzählen, was ihn in der Stille beschäftigt hat, welche Lebensfragen ihn bewegen und wie er in seinem Glauben herausgefordert ist.

Konstantin: Wir sind überzeugt, dass Gott in ­unserem Leben nur nachhaltig wirken kann, wenn wir uns ihm regelmäßig zur Verfügung stellen, wenn wir ihm unser Herz und Ohr hinhalten. Für die jungen Männer ist dies eine gar nicht so leichte Übung. Sie müssen erst lernen, auszuhalten, wenn sie gerade nichts hören.

Das geistliche Programm ist ziemlich umfangreich. An welchen Fragen haben sie noch zu knabbern?

Daniel: Die meisten sind in diesem Jahr zum ersten Mal für längere Zeit von Zuhause weg. Sie lernen nun, Verantwortung für sich, für ihre WG und die ganze Hausgemeinschaft zu übernehmen, besonders aber in ihrer Arbeit, die sie auf andere Weise fordert als die Schule. Sie sind außerdem eingeladen, sich in das gemeinsame Leben einzubringen. Zum Reifen gehört auch, das Wohl der anderen im Blick zu haben, sich den anderen nicht vorzuenthalten.

Konstantin: Sie treten ja heraus aus ihrer festen Rolle im Familiengefüge. Zuhause waren sie alle noch Söhne ihrer Eltern, große oder kleine Brüder. Nun lernen sie fremde Familien und Ehen aus der Nähe kennen und haben die Möglichkeit, diese Konstellationen mit denen im Elternhaus zu vergleichen. Das eröffnet ihnen auch einen ganz neuen Blick auf sich. Außerdem setzen sie sich mit Daniel und mir auseinander, mit ­erwachsenen Männern, die ihnen im Alter näher sind als ihre Väter, die aber sehr wohl Autorität ausüben. Hier sind sie nun Männer unter Männern. Es wird ihnen zunehmend mehr Augen­höhe abverlangt. Das fordert sie zu einem eigenen Stand heraus. Wir nehmen sie mit auf unseren Weg in ein authentisches Mannsein, denn unterwegs sind und bleiben wir alle.

Wie wird man denn ein authentischer Mann?

Daniel: Das ist eine gute Frage. Wir sind überschüttet mit Bildern davon, wie ein Mann zu sein hat. Sie begegnen uns schon in der frühesten Kindheit im Elternhaus, in kulturell geformten Mustern und Idealen. Diese Bilder sind oft ­widersprüchlich. Ein richtiger Mann soll einerseits Stärke, Erfolg und Durchsetzungsvermögen haben, andererseits soll er verständnisvoll, opferbereit und fürsorglich sein. Und immer wieder werden Männer als Trottel oder Barbaren karikiert, auf die die Frauenwelt eigentlich verzichten könnte. Durch all diese Eindrücke formt sich ein Wunschbild von uns selbst. Und es stellt uns ­unter einen erhöhten Leistungsdruck.

Konstantin: Es gibt zwar unzählige Klischees, aber gleichzeitig gibt es immer weniger feste, eindeutige Rollenvorbilder. Das ist zunächst ein Zugewinn an Freiheit. Jeder kann individuell seine Vorlieben ausleben, sein Image gestalten. Aber das kann auch in große Verunsicherung führen. Oft fragen sich unsere jungen Männer: Wer bin ich eigentlich? Und wer bin ich als Mann in ­Beziehung zu anderen Männern? Wie verhalte ich mich gegenüber Frauen? Da wir nicht nur Männer, sondern auch Frauen ins Jahresteam einladen, stellt sich für die Männer bald die ­Frage: Wie können wir ihnen ein Gegenüber sein? Welches Gegenüber will ich sein?

Für die Freiwilligen in der OJC gilt die „Geschwisterregel“. Was genau bedeutet das, und welche Rolle spielen Liebesbeziehungen in diesem Jahr?

Daniel: Die Geschwisterregel besagt, dass man in dem gemeinsamen Jahr einander als Geschwister betrachtet, als Schwestern und Brüder, die eine kleine Gemeinschaft bilden, in der man keiner Person den Vorzug gibt. Darum verzichten sie in diesem Jahr auf exklusive Beziehungen. Die Regel bedeutet nicht, dass man sich nicht ver­lieben darf. Aber wir ermutigen die Freiwilligen, ganz an den eigenen Fragen zu bleiben und sich nicht im unvermeidlichen Techtelmechtel rund ums Verliebtsein zu verzetteln. Das ist eine große Chance. Hätte ich mich vor meiner Ehe mit bestimmten Themen im Voraus beschäftigen können, wären meiner Frau und mir vermutlich mancher Stress und die eine oder andere leidvolle Erfahrung erspart geblieben. So mussten wir dann verschiedene grundlegende Fragen ­gemeinsam durchexerzieren.

Konstantin: Beim Seminartag über Ehe und Beziehungen sage ich oft den Satz: „Bevor man ein Wir wird, muss man ein Ich sein.“ Das WG-Leben, das sie hier miteinander führen, ist in meinen Augen auch eine hervorragende Ehevorbereitung. Hier können sie lernen, ehrlich und zugewandt zu kommunizieren, Konflikte auszufechten und sich als Männer in Freundschaften und in der Arbeit zu bewähren. Dadurch entwickeln sie Fähigkeiten, die sie auch später als Gegenüber einer Frau und als Vater ihrer Kinder brauchen werden.

Jede Männer-WG, mit der ihr unterwegs seid, ist anders und ganz eigen. Wie ähnlich oder unterschiedlich gestalten sich die Probleme?

Konstantin: In der Regel schauen wir genau hin, was für die Männer jeweils dran sein könnte. Verkriecht sich jeder in der freien Zeit hinter Laptop oder Smartphone? Sieht die Küche aus wie nach einem Bombeneinschlag? Belasten schwelende Konflikte die Atmosphäre? Dann muss es darum gehen, wie wir gemeinschaftsfähig werden. Das ist immer eine große Baustelle, ebenso das Erwachsenwerden. Relativ bald taucht die Frage auf, was es bedeutet, ein erwachsener Mann zu sein: Welche Entwicklungsschritte sind für mich dran? Dazu gehört auch der Blick in die eigene Geschichte. Bei der Suche nach Antworten spielt die Beziehung zu den Eltern, zur Mutter, zum Vater, zu den Geschwistern eine wesentliche Rolle.

Daniel: Die Ablösung vom Elternhaus ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Wir ermutigen die jungen Männer, sich ihrer Beziehungen und ihrer Prägung bewusst zu werden. Viele Fragen oder Konflikte in ihrem Miteinander lassen sich dadurch besser ver­stehen. Gleichzeitig bieten wir ihnen einen offenen Blick in unsere eigenen Familien hinein: Wie gehen meine Frau und ich miteinander um? Wie erziehen wir unsere Kinder? Diese große Nähe bietet ihnen viele Gelegenheiten, sich über ihre Erfahrungen und Wünsche auszutauschen.

Konstantin: Es geht auch immer um die Frage der Sexualität. Dabei scheuen wir uns nicht, heikle Themen wie Pornografie und Masturbation in den Blick zu nehmen. Auch die Frage, wie Sexualität gesund gelebt werden kann, gehört dazu. Der Eros ist ein wesentlicher Aspekt unseres Menschseins, der sich nicht durch moralische Maßgaben bestimmen lässt. Viel wichtiger ist, was ich durch meine Wünsche, Sehnsüchte und Begehren über mich selbst erfahre.

Ein Gespräch über Sexualität, Selbstbefriedigung und Pornografie zu führen, ist sicherlich nicht leicht. Wie geht ihr ganz praktisch vor?

Konstantin: Wir haben verschiedene Zugänge. Oft hilft als Einstieg ein Artikel zu dem Thema, gepaart mit dem Erzählen aus der eigenen ­Geschichte.

Daniel: Selber ehrlich zu erzählen, öffnet eigentlich jede Gesprächsrunde. Sobald einer persönlich wird und bereit ist, sich verletzlich zu machen, ziehen auch die anderen mutiger nach. Da wächst Vertrauen.

Softie oder Macho – was möchtet ihr den Männern mitgeben?

Konstantin: Weder noch. Es geht ja um das ­Authentischwerden. Ein Schlüssel dazu ist für mich der Zugang zur eigenen Aggression. ­Aggression ist durchaus etwas Positives. Sie gibt die Kraft, Ziele anzustreben, sich abzugrenzen und etwas umsetzen zu können. Der Softie hat keinen Zugang zu seinem Aggressionspotenzial, der ist für alles zu haben, gibt sich für alles hin, auch für das, was ihm gar nicht entspricht. Der Macho wiederum, der seine Aggressionen nicht integriert hat, besitzt keine gesunde Kontrolle. Er schlägt auf alles ein, was ihm nicht passt. Für mich ist Jesus ein überzeugendes Vorbild, weil er wohl auch aggressiv sein konnte, sei es gegenüber den religiösen und politischen Widersachern, sei es bei den Geldwechslern im Tempel. Dabei war er aber immer ganz bei sich und nicht außer sich.

Daniel: Das Leben in einer WG ist ein hervorragendes „Reizklima“. Auf Dauer kann man den Konflikten im Alltag nicht aus dem Weg gehen, sondern muss sich ihnen stellen. Dadurch werden wir mit eigenen und fremden Vorstellungen, Gewohnheiten und Grenzen vertraut. Auch der Blick darauf, wie in der eigenen Familie z. B. mit Konflikten umgegangen wurde, hilft, sich selbst besser zu verstehen. Durfte ich ein gesundes, aggressives Potenzial entwickeln oder wurde es eher klein gehalten, war ich überbehütet oder wurde mir etwas zugemutet?

Wie kann man zum Reflektieren der eigenen Lebensgeschichte anregen?

Konstantin: In meinem Mannschaftsjahr hat mich das persönliche Erzählen der Mitarbeiter fasziniert. Deshalb ist es mir wichtig, dass wir als Männer, die verheiratet sind, die selber Kinder haben, befragbar sind und angesprochen ­werden: „Wie geht es euch damit?“ oder „Wie habt ihr das bei euch erlebt?“

Daniel: Außerdem pflegen wir die Tradition des Geburtstagserzählens. Wir ermutigen die Männer, uns zu erzählen, woher sie kommen, wer zu ihrer Familie gehört, wer sie besonders geprägt hat. Sie zeigen uns Fotos von ihren Freunden und Erlebnissen. Das führt sie schon bei der Vorbereitung zu Fragen wie: Woher komme ich, wer sind meine Großeltern, meine Eltern? Wie war mein Verhältnis zu meinen Geschwistern? Welche Vorbilder haben mich begeistert? Was sind meine geistlichen Wurzeln? Was war mein größter Triumph bisher? Wie bin ich im Glauben groß geworden? Welche Niederlagen habe ich in meinem Leben schon erlitten?

Viele sind gerade erst volljährig geworden. Sind sie bereit, sich darauf einzulassen?

Daniel: Die Verbindung zu den Eltern ist bei den meisten noch sehr eng und die Ablösung hat gerade erst begonnen. Einige Eltern haben ­Erwartungen, wie häufig sich die Sprösslinge ­telefonisch melden oder zu Hause auftauchen sollen. Das löst etwas aus – und darüber kommen wir dann ins Gespräch. Was die Männer damit anfangen, ist sicher unterschiedlich. Manches wird erst später relevant. Wir vermitteln ihnen, dass die Reflexion der eigenen Geschichte nie ­abgeschlossen ist. Wir sind alle lebenslang auf dem Weg. Es ist unsere Hoffnung, dass die Abende sie ermutigen, auch nach dem Jahr mit anderen Männern im Gespräch zu bleiben.

Konstantin: In unseren Gesprächen helfen auch Filme und Literatur. Das Märchen vom Eisenhans zum Beispiel zeigt sehr eindrücklich, dass wesentliche Aspekte männlicher Identität sich nicht durch die Beziehung mit Frauen vermitteln, auch wenn diese eine wichtige Rolle in der Entwicklung spielen. Männlichkeit wird durch andere Männer verliehen. Darum sind uns diese Männergespräche in der WG auch so kostbar. Hier üben wir ein, Gefühle, Empfindungen und Konflikte in Worte zu fassen.


Was soll das Reden über Gefühle leisten?

Konstantin: Die Selbstwahrnehmung als Mann hat viele Ebenen: Sie hat mit Körper, Seele, Gefühlen, Kultur, Beziehungen und Geist zu tun. Um darin beheimatet zu sein, letztlich sich selbst anzunehmen, müssen mir auch meine Gefühle vertraut sein, und ich muss in der Lage sein, sie zu artikulieren, sie anderen anzuvertrauen. Das Gleiche gilt für meinen Körper. Er ist nicht etwas, was mich dominiert oder definiert. Aber auch kein Objekt, an dem ich herumbastle oder es als Instrument einsetze. Er ist ein integraler Bestandteil meiner Persönlichkeit. Meine Seele fühlt sich wohl in meinem männlichen Leib. Ich wäre nicht ganz, wenn ich nicht in meinem ­Körper wäre. Und weil ich einen männlichen Körper habe, kann ich mich auch als Mann in und zu meinem Umfeld verhalten.

Daniel: Männer, zu denen man aufschaut, sind oft Menschen mit Rückgrat, die sich nicht verbiegen lassen oder sich wie Wetterfähnchen im Wind drehen. Für mich sind gesunde männliche Attribute, dass jemand Integrität zeigt, authentisch lebt, sich seiner Schwächen bewusst ist und zu ihnen steht. Anspruch und Scheitern, Gelingen und Misslingen gehören zum Leben. Es kommt darauf an, diese Spannung auszuhalten. Dazu möchten wir die jungen Männer in diesem Jahr ermutigen.

Was wünscht ihr euren Männern?

Konstantin: Dass sie zu leidenschaftlichen und leidensfähigen Männern werden, die später ­beherzt Ehe und Familie wagen. Männer, die auch eine leidenschaftliche Christusbeziehung pflegen und sich leidenschaftlich in unsere Kultur als Ebenbilder Gottes einbringen. Und dass sie sich als Männer engagieren in einer zu­nehmend geschlechtslosen Kultur.


Die Fragen stellte Jeppe Rasmussen

Von

  • Jeppe Rasmussen

    Dipl.-Journalist, leitet seit 2017 das Deutsche Instituts für Jugend und Gesellschaft. Verheiratet mit Rahel, Vater von vier Kindern.

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