Immer neu beGEISTert

1968 - 2018 50 Jahre OJC

Hast du die Herrschaft Gottes nicht über dir, wird bald ein anderer über dich herrschen. Die Liebe Gottes sollte uns zu den freiesten Menschen machen.
Dietrich Bonhoeffer

Liebe Freunde,

am 25. Januar 2018 stand der Zeiger der „Uhr des Jüngsten Gerichts“ auf zwei Minuten vor Zwölf. So kurz davor sei die Menschheit, die Erde zu zerstören – symbolisch gesprochen –, behauptet ein Gremium aus Wissenschaftlern und Fachautoren im Bulletin of the Atomic Scientists, dem siebzehn Nobelpreisträger angehören. Ihre Prognose begründen sie mit den Spannungen zwischen USA, Russland und Nordkorea, dem nuklearen Wettrüsten, den möglichen Folgen der Eskalation sowie Umweltkatastrophen und weiteren Kriegen.

Das Erbe von 1968

Die Welt geht freilich nicht zum ersten Mal gleich unter. Jede Generation erlebt ihre ganz eigenen Apokalypsen. Es ist nicht einfach, die Zeitzeichen zu deuten. Jesus forderte die „Weissager“ seiner Zeit heraus: Das Wetter könnt ihr aus den Zeichen des Himmels vorhersagen, aber die Zeichen der Zeit könnt ihr nicht deuten (Mt 16,3). Das wird auch 2018 nicht anders sein, wenn sich die weltweite Welle der Studentenrevolten zum 50. Mal jährt. Der „heiße Frühling“ im Kalten Krieg hat das Wirtschaftswunderdeutschland in wenigen Wochen in eine Art Weltuntergangsszenario verwandelt. Tatsächlich rüttelten die radikalen Kräfte 1968 an den Fundamenten der Gesellschaft. Ordnungen, die selbstverständlich schienen, wurden in ­Frage gestellt: Die „patriarchalen Autoritäten“; die „spießige“ Moral; die kapitalistischen Konzerne und die USA mit dem Vietnamkrieg.

Das geschah in unerschütterlichem Fortschritts­optimismus und sozialisitischer Heilserwartung. Nun, fünfzig Jahre später, werden die 68er und die Generationen nach ihnen Rückschau halten und Rechenschaft geben, was aus den revolutionären Hoffnungen geworden ist. Auch wir als OJC-Gemeinschaft und Frucht der 68er-Bewegung sind aufgefordert, uns auf unsere Wurzeln zu besinnen. 

Dagegen sein reicht nicht!

Horst-Klaus und Irmela Hofmann waren damals fest entschlossen,  „den Kampf um das Leben und Denken der jungen Generation“ aufzunehmen. Sie erkannten die Versuche, die Jugend zu ideologisieren und ihre Sehnsucht nach Veränderung politisch zu nutzen. Horst-Klaus schrieb damals: „Dagegen sein ist unzureichend. Es ist unsere Schuld, wenn die Jungen heute kein glaubwürdiges Modell für gelebtes Christsein mehr finden. Das Vertrauen in die ältere Generation ist zerstört.“ Sie wagten den Dialog mit den „jungen Wilden“, denn auch sie wollten eine radikale Erneuerung, aber auf der Grundlage des Evangeliums, eine Alternative von Revolution, die im eigenen Herzen beginnt. Damit setzten sie ein lebendiges Zeichen gegen den Zeitgeist. Unter den Mao-Bibel lesenden ­Revo­luzzern und resignierten Frommen wurden viele von dieser umfassenderen und tiefgreifenderen Revolution überzeugt und be-geisterte ­offensive junge Christen (S. 11). Während sich 68er Kommunen schnell wieder auflösten, entstanden geistliche Gemeinschaften, die heute noch wirksam sind. Das „Experiment Großfamilie“ der OJC erneuerte sich durch manche Krise und Umwälzung hindurch. Ein wahres Wunder und das Werk der Treue Gottes und des Heiligen Geistes, der uns entgegen aller Prognosen und trotz menschlichen Versagens durchgetragen hat. Dem Geheimnis der „Offensive der Liebe“, wie es die jungen Christen damals nannten, möchten wir in den Beiträgen der Salzkörner in diesem Jahr auf den Grund gehen.

Gründungscharisma aktueller denn je

Mittlerweile werde auch ich augenzwinkernd gefragt, ob man mit 42 Jahren noch offensiver junger Christ sein könne. Begeistertes und ­Offensives-Jünger-Christi-Sein ist doch keine Frage des Alters, lautet meine Antwort. Die Frage aber ist berechtigt: Welche Bedeutung hat der Auftrag heute noch, zu dem Hofmanns sich haben rufen lassen? Nach wie vor geht es um das Aus- und Zurüsten junger Menschen, die ihren Glauben vertiefen und ihre persönlichen Lebensziele mit Gottes Plan in Einklang bringen möchten. Auch heute braucht es mutige und verantwortliche Mitgestalter der Zukunft, die sich nicht in Weltuntergangsszenarien erschöpft, sondern in der sich der Sieg Jesu Christi über alle Mächte der Zerstörung offenbart. Das meint Leben in der „Apokalypse“ – im „Offenbarwerden“ dessen, was in den Herzen ist und ins Leben kommen muss.

Generation Z

Die sog. Generation Z kämpft wie keine vor ihr mit der Frage: „Wer bin ich eigentlich?“ Sie präsentiert sich als extrem konsumorientiert, ist routiniert und ­gehemmt zugleich in der medialen Selbstdarstellung und heillos überfordert mit den noch nicht entfalteten Potenzialen. Wissenschaftler bestätigen: Die biologische Reife verfrüht die Adoleszenz (10 Jahre), während die psychische Reife sich nach hinten verzögert (25 Jahre). Das Überangebot an materiellen, beruflichen, identitätsbezogenen, ja selbst spirituellen Lebensentwürfen löscht jegliche Begeisterung aus, noch bevor sie wirklich entzündet ist. Ehe sie für eine Sache brennen, ergreifen sie prophylaktisch Vorkehrungen, um ein mögliches Ausbrennen zu verhindern. An der jungen Generation aber wird nur sichtbar, was an uns allen zerrt: die Dauerbeschleunigung des Lebens und die Dauerberieselung mit sinn- und heilloser Information. Wir können den Jungen nur weitergeben, was wir von den Alten gelernt haben und was sich als hilfreich erwiesen hat: Erneuerung beginnt mit der täglichen Stille vor Gott, in der wir lernen, das Feuer des Heiligen Geistes zu hüten (S. 8). Aus dieser Begegnung heraus möchten wir uns neu zur Solidarität ­untereinander und mit der leidenden Welt, in die wir gestellt sind, entzünden lassen.

Der archimedische Punkt

Alle Krisen verbindet die Frage: Wer ist schuld an der Misere? Auch im frommen Lager sind wir schnell mit Antworten zur Hand: der Zeitgeist, die 68er, das Großkapital, die Säkularisierung, die Sexualisierung usw. Frühere Zivilisationen fragten, womit sie die Götter oder Gott erzürnt hätten und wie sie ihre Gunst wiedergewinnen können. Heute erschöpft sich unser Reflex in Abwehr: Schuld sind immer die anderen! Sie oder die Umstände müssen sich ändern, bevor wir uns selbst bewegen. Es war 1968 das Aha-Erlebnis manch junger Protestler, dass die Welt sich zuerst in ihren Herzen wandeln muss. Erst wenn sie bereit sind, Frieden zu schließen – mit Gott, mit ihren Eltern, ihren Nächsten und ihren Gegnern – werden sie in den großen Konflikten der Völker Versöhnung ausrichten können. Das ist radikal! Das reicht an den Grund des Lebens. Die Früchte des Heiligen Geistes reifen in Menschen, die sich zu Christus hin und von Ihm her zur Gemeinschaft verbinden lassen (S. 20). Mit ihnen schreibt Er HIStory – seine Geschichte mit spannenden Episoden, unerwarteten Wendungen und Happy End, in der die Berufung des Einzelnen und das Ziel Gottes mit dem Kosmos im Einklang ist. Wo sind sie, die heute „den ganzen Erdkreis erregen“ (Apg 17,6)? Die Erneuerer, die sich nicht depressiv abschotten, auch nicht aggressiv vorgehen, sondern offensiv Initiative ergreifen? Wo sind Christen, die den prophetischen Auftrag wahrnehmen und „individuell erwählt, inspiriert und gesandt, den Willen Gottes für die jeweilige Zeit in Kirche und Welt konkret kundtun“ (S. 14)? Wo sind die Gefährten, die ungebahnte Wege betreten und das Unmögliche von dem erbitten, der alles möglich machen kann?

Wie nah kommt uns der Nahe Osten?

Nach menschlichem Ermessen ist es unmöglich, den Nahen Osten zu befrieden. Je mehr sich der Westen anmaßt einzugreifen, desto verworrener und aussichtsloser die Lage. Wie etwa im Irak, wo seit dem Sturz des Diktators Saddam Hussein nun tausend kleine Diktatoren ihr ­Unwesen treiben. Nach menschlichem Ermessen hätte die freimachende Botschaft vom Erbarmen Gottes nie bis in die Ninive-Ebene dringen können. Doch ist es Gott immer wieder gelungen, mithilfe gehorsamer Boten wie Abraham oder dem schwererziehbaren Jona oder dem todesmutigen Judas Thaddäus Menschenherzen zu gewinnen. Seit einem Jahr sind wir nun auch Teil eines unmöglichen Unterfangens und können unserer Solidarität mit Christen im Irak aktiv Nachdruck verleihen. Im Januar 2018 hat die ojcos-stiftung einen Fürsprecher für religiöse Minderheiten im Irak beauftragt, sich in intensiver Netzwerkarbeit deutschland- und EU-weit für deren Belange einzusetzen, damit die humanitäre Aufbauarbeit vor Ort stabilisiert und gefördert werden kann. Wir stellen David Müller im Interview vor (S. 32).

Danken und beGEISTert durchstarten

Am fünfzigsten Tag nach Pessach erlebte Israel, wie sich die Herrlichkeit Gottes auf die Vertreter des Volkes senkte. Seither feiert es Schawuot als das ausgelassene Fest der Erstlingsfrucht, die sie dem HERRN darbringen, um vor IHM „fröhlich zu sein“ (5. Mose 16,11).

Wir Christen feiern die Geburtsstunde der Kirche, das Pfingstfest, das sich 50 Tage nach der Auf­erstehung und 10 Tage nach der Himmelfahrt Jesu gewaltig ereignete. In den ersten Jahrhunderten beging die Kirche diese Zeitspanne als ein einziges Freudenfest – ein Vorgeschmack auf die Ewigkeit. Viel zu danken haben auch wir für 50 Jahre Gottes Treue und Durchtragen. Ebenso für alles Mittragen und Mitbeten der vielen Freunde und Unterstützer, ohne deren Einsatz wir diesen Auftrag nicht wahrnehmen können. Auch in diesem Jahr vertrauen wir darauf, dass die dazu notwendigen geistigen und materiellen Mittel zur rechten Zeit bereitgestellt werden. Wir brauchen Eure Unterstützung für unsere vielfältigen und lebensverändernden Angebote!

Wir haben das Jahr 2018 im Zeichen des Dankes begonnen und wollen in diesem „heißen Frühling“ neu durchstarten. Loben und danken Sie mit uns! Kommen Sie mit Kindern, Eltern, Großeltern und feiern Sie mit uns die Zukunft, von der uns verheißen ist: „Siehe, ich mache alles neu!“

Ihr
Konstantin Mascher, Prior
Reichelsheim, den 8. Februar 2018

Von

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