Schritt um Schritt

Tango als Vorgeschmack auf den Himmel

Begeistert von einem Tanzfilm aus Hollywood kamen wir als Ehepaar vor einigen Jahren auf den Tango Argentino. Wir haben Kosten und Mühe nicht gescheut, um beseelt von der geheimen Vision, den Tango irgendwo auf die Bühne zu bringen, möglichst schnell die Schritte zu erlernen. Denn eines habe ich sofort gespürt: Dieser Tanz ist nicht nur von einer einzigartigen Faszination, er hat eine Botschaft für unser post­emanzipatorisches Sein! Wie kein anderer Paartanz thematisiert der Tango die Archetypen von männlich und weiblich. Er konfrontiert den Mann mit seiner Männlichkeit und die Frau mit ihrer Weiblichkeit. Der Tango erzählt von dem Geheimnis der Polarität, von Leidenschaft und Erotik und von der Sehnsucht nach Einheit.

Haltung bewahren – die Achse im Tango

Ziemlich ernüchtert waren wir in den ersten Tanzstunden vor allem damit beschäftigt, „gehen zu lernen“. Der Mann vorwärts, die Frau ausschließlich rückwärts, und zwar erst dann, wenn der Mann den Impuls dafür gibt, nicht wenn Kopf oder Taktgefühl es diktieren – erste schwere Übung. Es wurde nicht einfacher. Jede noch so komplizierte Figur ist grundsätzlich unvorhersehbar. Jeder Schritt muss geführt werden in Richtung, Länge und Tempo. Es gibt keine Schrittfolgen, auf die frau sich verlassen könnte.

Stattdessen definiert die „Umarmung“ die enge Verbindung der Oberkörper und macht die nötige Kommunikation erst möglich. Gleichzeitig sorgt sie für den gebührenden Abstand, der nötig ist, um die eigene Achse zu wahren. Und sinnigerweise ist es die Frau, die über die Größe dieses Abstands entscheidet.

Diese Achse ist von größter Bedeutung. Geht sie verloren oder verschmilzt sie mit der des Partners, gerät man schnell aus dem Gleichgewicht. Sie zu halten gelingt nur mit gutem Bodenkontakt. Die Füße verlieren deshalb auch in der verspielten Bewegung nie die Erdhaftung, sie „gleiten“ über den Boden, wenn auch fast lautlos und mit großer Leichtigkeit. Das macht den Tango so erdig und katzenhaft.

Gleichberechtigte Partner – oder Mann und Frau auf Augenhöhe?

Die äußere Form des Tangos erfordert also eine ganz klare Rollenaufteilung: Vordergründig agiert der Mann sehr männlich, die Frau sehr weiblich. Der Mann führt. Die Frau folgt seiner Führung. Sie nimmt den Impuls auf und setzt ihren Schritt dorthin, wo er ihr Platz macht. Dabei kommt der Impuls des Mannes allein aus seinem Oberkörper, durch leichtes Heben und Senken bzw. Drehen der Schultern. Nicht aus der Kraft seiner Arme, die mich problemlos hätten schieben können.

Das Tangopaar wird nur dann zu einer dynamischen Einheit mit Leidenschaft und Ausstrahlung, wenn der Mann tatsächlich entscheidet, wohin er seine Frau im nächsten Schritt führen möchte, und ihr das mit sanfter Deutlichkeit vermittelt – und wenn die Frau diese feine Führung auf­nehmen, ihren Raum einnehmen und ihrer eigenen Bewegung Gestalt geben kann. Sobald die Frau zu führen beginnt, ist es dem Mann nicht mehr möglich! Umgekehrt ist dem Mann nicht möglich, die Frau zu zwingen, ihm zu folgen.

Auf der inneren Ebene wird schnell deutlich, dass die „männliche“ Qualität des Mannes der Entscheidungs- und Führungsbereitschaft eng verknüpft ist mit „weiblichem“ Einfühlungsvermögen und Sensibilität. Umgekehrt ist die „weibliche“ Fähigkeit sich anzuvertrauen im Tango gekoppelt an ihre „männlichen“ Gaben der Haltung und Disziplin. Er erfordert also sehr wohl auch die Entwicklung der gegengeschlechtlichen Anteile! Folgen erfordert mindestens so viel innere Stärke wie Führen. Und die Führungsstärke des Mannes kommt aus seiner Hingabe an die Frau.

Im tanzenden Dialog mit der Frau wird der Mann in die Lage versetzt, sich mit seinem Mannsein zu identifizieren. In der Hingabe an die Führung des Mannes wird die Frau fähig, sich mit ihrem Frausein zu identifizieren. Und auf diese Weise kann der Tango uns helfen, wieder mit Lust Mann und Frau zu sein!

Leidenschaft und Transzendenz

Die spürbare Leidenschaft im Tango kommt aus der nie aufgelösten Polarität der Gegensätze von Mann und Frau, die zwar eine dynamische Einheit bilden, aber nie ein statisches Gleichgewicht. „Nur zwischen den Gegensätzen ist Raum für die Sehnsucht“ (S. 34). Wer sich im Tango versucht, wird feststellen: Die Leidenschaft zwischen Mann und Frau bedingt tatsächlich die Bereitschaft zu leiden, an dem Gefühl der Fremdheit, der spürbaren Distanz, des Misslingens, der Unvollkommenheit. Die Einheit des Tangopaares verlangt ein hohes Maß an Selbstbeherrschung, den Mut sich anzuvertrauen und die Geduld für einen langen gemeinsamen Weg des „Sich-Zähmens“. Sie ist nicht instant zu haben.

Es ist ein Tanz der Achsen um die nach oben offene Mitte. Die Achsen bilden mit dem Boden ein Dreieck. Niemals verschmelzen die Achsen, aber sie bleiben immer auf Tuchfühlung. Es bleibt also auch in der Vereinigung eine polare Spannung, die sich nicht auflöst, bzw. die sich nach oben öffnet. Im Tango gibt Eins und Eins immer Drei! Die polare Spannung zieht die Liebe über sich selbst hinaus, zu einer gemeinsamen Aufgabe, zu gemeinsamen Kindern, zu einem gemeinsamen Ziel. „Vereinigung ist nur im Dritten möglich“ (S. 96).

Der Tango ist voll Sehnsucht nach Einheit, die zwar erspürt und erahnt, aber nie vollkommen erreicht wird. Er ist irdisch und vorläufig, aber vermittelt er nicht auch einen Vorgeschmack auf den Himmel? Am Ende der Zeit wird der Bräutigam Christus mit seiner Braut, dem neuen Jerusalem, zum Hochzeitsfest einladen. Ich bin überzeugt, dass bei diesem Fest auch ausgiebig getanzt wird! Vermutlich wird es dabei weder ­einen Brautwalzer noch einen „Braut-Tango“ geben. Aber vielleicht kann uns der Tango lehren, was es heißt, sich von Christus schon im Hier und Jetzt führen zu lassen. Es ist seine hingebende Liebe, die uns empfänglich macht für seine lenkenden Impulse. Er lädt uns ein, im Kontakt mit ihm zu bleiben, uns ihm hinzugeben und unsere Schritte vertrauensvoll zu setzen, damit wir im Himmel mit Leichtigkeit mittanzen können!

Ich denke, dazu müssen wir keine besonders begabten Tänzer sein. Unser Ehe-Tango ist nämlich bisher nirgendwo auf die Bühne gelangt, und wir sind auch nicht weit über das „Gehen-lernen“ hinausgekommen. Aber darum geht es auch nicht, oder?          

Zitate aus Ralf Sartori, Tango – Die einende Kraft des tanzenden Eros, Kreuzlingen/München 1999

Ich lobe den Tanz
denn er befreit den Menschen
von der Schwere der Dinge
bindet den Vereinzelten
an die Gemeinschaft.

Ich lobe den Tanz
der alles fordert und fördert
Gesundheit und klaren Geist
und eine beschwingte Seele.

Tanz ist Verwandlung
des Raumes, der Zeit, des Menschen
der dauernd in Gefahr ist
zu zerfallen ganz Hirn
Wille oder Gefühl zu werden.

Der Tanz dagegen fordert
den ganzen Menschen
der in seiner Mitte verankert ist
der nicht besessen ist
von der Begehrlichkeit
nach Menschen und Dingen
und von der Dämonie
der Verlassenheit im eigenen Ich.

Der Tanz fordert
den befreiten, den schwingenden
Menschen
im Gleichgewicht aller Kräfte.

Ich lobe den Tanz
O Mensch lerne tanzen,
sonst wissen die Engel
im Himmel mit dir
nichts anzufangen!

Dem Kirchenvater Aurelius Augustinus zugeschrieben

Von

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