Über den Wolken

Von der Freiheit, sich eine Meinung zu bilden

Gewöhnt euch an, zu allem eine Meinung zu haben!“ schärfte uns schon unser Biolehrer in der 8. Klasse ein – das hat mich damals überfordert. Und selbst nach meinem Physik Studium empfinde ich es noch als herausfordernd. Wie soll ich mir denn mit meinem begrenzten Wissen eine eigene Meinung bilden können? Es ist doch auch sicherer und unkomplizierter, sich der Mehrheitsmeinung anzuschließen.

Aus Anlass des 65-jährigen Jubiläums des Grundgesetzes vor vier Jahren betonte Katrin Göring-Eckardt die Bedeutung der Meinungsfreiheit für die Demokratie – Meinungsfreiheit als elementarstes Menschenrecht, als „zentrale Voraussetzung für eine kritische Auseinandersetzung“, als Unterscheidungsmerkmal zwischen Demokratie und Diktatur, ja als die „Freiheit zum Irrtum“, weil Meinungen sich auch ändern (dürfen).1 Ziemlich hoch angebunden ist sie also, die Meinungsfreiheit. Aber mal ehrlich: Frei und wohl fühle ich mich doch am ehesten unter Leuten, die zumindest in großen Stücken der gleichen Meinung sind wie ich. In der falschen Umgebung kann es schnell unangenehm werden.

Über den Wolken mag die Freiheit wohl grenzenlos sein – hier unten aber stößt die freie Meinung bei gewissen Themen mitunter schnell an Grenzen, und wer sich traut, den Mund aufzumachen, merkt bald, dass es gar nicht wenige Fettnäpfchen gibt, in die man treten kann! Man braucht nur einmal zu erwähnen, dass Abtreibung eigentlich wenig mit der Befreiung der Frau, sondern mit der ­Tötung menschlichen Lebens zu tun hat, dass der übereilte Ausstieg aus der Atomenergie vielleicht doch ein Fehler war, oder dass der Einfluss des Menschen auf das Klima womöglich überschätzt wird. Fettnäpfchen!

Warum ich trotzdem angefangen habe, um eine eigene Meinung zu ringen?
Ganz einfach: Ich glaube an die Wahrheit. Ich glaube, dass es eine Wahrheit gibt (Ich bin die Wahrheit, Joh 14,6). Allerdings ist die Wahrheit nicht instant zu haben, sie ist nicht käuflich und wird auch nicht per Mehrheitsbeschluss definiert. Und doch gibt die Wahrheit sich dem Menschen zu erkennen, stückweise (unser Wissen ist Stückwerk, 1 Kor 13,9), lückenhaft und niemals vollständig. Auf der Suche nach Wahrheit haben wir neben der Bibel als Offenbarung Gottes auch das „Buch der Natur“, wie schon Augustinus es nannte, das sich uns zu lesen anbietet. Seine Sprache ist die der Schönheit und der Mathematik. Dass der Mensch überhaupt in der Lage ist, diese Sprache zu verstehen, entspringt seiner Würde als Ebenbild Gottes. Wissenschaft, die um diese Würde weiß, kann zu Erkenntnissen führen, die immer neu ins Staunen bringen. Als Grundlage meiner Meinung bieten sich also die Erkenntnisse aus der (Natur-)Wissenschaft an. Dazu kommen persönliche Erfahrungen, Prägungen, Begegnungen und natürlich meine Grundüberzeugungen, mein Glaube, mein Weltbild. Aus all dem bilde ich mir meine Meinung.

Wenn ich nun meine, ein Stück der Wahrheit erkannt zu haben, kann ich dahinter nicht einfach zurücktreten, auch wenn sie unpopulär ist, ich kann nur dranbleiben und tiefer bohren. „In der Mitte läge die Wahrheit? Keineswegs. Nur in der Tiefe“, formuliert Arthur Schnitzler sehr treffend.
Und wo ist jetzt der Haken?
Schwierigkeiten entstehen besonders dann, wenn es nicht einfach um belanglose Meinungsverschiedenheiten am Küchentisch geht, sondern um Themen von politischer Relevanz, die auf nationaler oder globaler Ebene diskutiert oder auch nicht mehr diskutiert werden, weil sie sich zu mächtigen Mehrheitsmeinungen entwickelt haben, mit denen man Politik machen, andere Menschen beeinflussen oder gutes Geld verdienen kann. Macht, Manipulation und Moneten.

Macht

Dass Wissen und Macht eng verflochten sind, wusste bereits Francis Bacon. Oder präziser: Wissenschaft ist Macht. Wer politische Richtungsentscheidungen in der Bevölkerung mehrheitsfähig machen will, braucht folglich zuerst eine Mehrheit der wissenschaftlichen Experten hinter sich, wie auch immer diese zustande kommen mag. Man könnte ein übergeordnetes zwischenstaatliches Gremium hinzuziehen oder eines gründen, ­welches die Deutungshoheit über alle fachbezogenen wissenschaftlichen Arbeiten hat. Das wäre eine ideale Basis, um Macht auszuüben. Noch wirksamer wird der politische Druck, wenn die Thematik eine starke ethische Komponente hat, mit Angst besetzt ist, oder mit einem schlechten Gewissen aus der Geschichte. Um die Suche nach der Wahrheit geht es ab diesem Punkt dann nicht mehr. „Die Wissenschaft“ soll nur noch bestätigen, was man ohnehin schon zu wissen glaubt. Man könnte es auch Missbrauch der Wissenschaft für politische Ziele nennen.

Manipulation

Möglich wird das, weil Wissenschaft niemals ganz frei ist und sich unvoreingenommen der Wahrheit verschreiben kann. Jede Studie, jedes Experiment ist von einem Interesse geleitet, ob die daran Forschenden sich dessen bewusst sind oder nicht. Das Ergebnis einer Untersuchung kann im Design schon vorgezeichnet sein. Ebenso können unerwünschte Ergebnisse von vornherein ausgeschlossen werden durch die Art und Weise, wie ein Experiment konzipiert wird. In diesem Fall sieht man am Ende das, was man eben sehen wollte. Egal welche Überzeugung man hat oder welches Weltbild man vertritt, über den Verdacht der Ideologisierung ist Wissenschaft nicht erhaben! Manipulation ist aber auch auf übergeordneter ­Ebene möglich, z. B. wenn „von oben“ festgelegt wird, wer als „Experte“ gelten darf und wer nicht, oder wenn wissenschaftliche Erkenntnisse als „Fakten“ deklariert werden, also als nicht hinterfragbare Tatsachen. Sternstunden der Wissenschaft ereignen sich dagegen eben dann, wenn Experimente zu wirklich überraschenden und unerwarteten Ergebnissen führen. Diese haben das Potenzial zu einem echten Erkenntnisgewinn und zu einem tieferen Verständnis der großen Zusammenhänge.

Moneten

Das Geschäft mit der Angst oder mit dem schlechten Gewissen kann sehr lukrativ sein. Wenn also wissenschaftliche Erkenntnisse politische Auswirkungen haben, lohnt sich immer die Frage: Wer profitiert? Wohin geht das Geld? Auch die umgekehrte Frage ist sinnvoll: Woher kommt das Geld für die benötigten Untersuchungen? Qualifizierte Wissenschaft kommt ohne großzügige Geldgeber nicht aus. Auch staatliche Institute garantieren noch keine freie Wissenschaft, insbesondere wenn die Konsequenzen der wissenschaftlichen Arbeit indirekt zu respektablen Steuereinnahmen führen.

Wenn populäre Meinungen also verflochten sind mit Macht, Manipulation oder Moneten, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen und nachzufragen. Skepsis ist geboten, wenn die sachliche Auseinandersetzung zu einer Thematik in der Öffentlichkeit unterdrückt wird, wenn Kritiker respektlos behandelt werden oder aufgrund ihrer wissenschaftlich begründeten Meinung ihren Posten verlieren, oder wenn ein Zusammenhang als „vollständig verstanden“ und die wissenschaftliche Diskussion für „beendet“ erklärt wird. Dann muss außerdem auch die Frage erlaubt sein, ob es vielleicht nur vordergründig um die Deutung wissenschaftlicher Ergebnisse geht, und nicht eigentlich um die Zementierung eines bestimmten Welt- oder Menschenbildes. Will ich mir vor diesem Hintergrund eine freie Meinung bilden, muss ich mit Bedacht vorgehen. Ich muss bereit sein zu hinterfragen, was die gängigen Medien mir als Wahrheit präsentieren und etwas mehr Zeit in die Thematik hinein investieren. Auch darf ich die Auseinandersetzung mit Vertretern einer anderen Meinung nicht scheuen! Denn Einüben kann man die Meinungsfreiheit durchaus am Küchentisch.
Ich muss meinem Gegenüber genau zuhören und nachfragen, worauf seine Meinung basiert, mir auch bereitwillig etwas sagen lassen. Vielleicht hat er wirklich gute Argumente?
Mag sein, dass wir dennoch nicht zusammenkommen, dann ist die schwerste Übung der Demo­kratie gefragt: die Toleranz! Und die kann gerade in ethischen Fragen richtig weh tun. „Der Demokrat ist Schmerzkünstler“, schreibt Volker Kitz2. Es kann aber auch schon helfen, wenn wir zusammen uns mal kurz über die Wolken begeben, um zu klären: Worum geht es uns eigentlich? Um Erkennt­nisse oder Überzeugungen, um Meinung oder um Glauben? Eine Meinung kann ich ändern, ohne mein Gesicht zu verlieren, meinen Glauben aber nicht so leicht. Als Christen sind wir in unserer Meinungsbildung der Treue zu Gottes Offenbarung in seinem Wort verpflichtet, darin aber auch einer großen Freiheit (Zur Freiheit hat uns Christus ­befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Gal 5,1) und zur eigenen Urteilsbildung herausgefordert: Warum urteilt ihr nicht auch von euch aus darüber, was recht ist? (Lk 12,57)   

Anmerkungen:
1 https://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-05/grundgesetz-geburtstag-65-fraktionschefs/seite-3
2 https://www.zeit.de/2018/11/demokratie-toleranz-gesellschaft-wahrheit-meinung-vielfalt/seite-2

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