Bei den Guten Stehen?

Ausharren im Vorletzten

Nicht nur in den Medien lesen, hören und sehen wir, wie die Fronten sich verhärten, die „Spaltung der Gesellschaft” voranschreitet. Auch und gerade in den Gemeinden und Gemeinschaften sind wir mit scheinbar unlösbaren Konflikten konfrontiert, und erst recht in den Beziehungen zu unseren Nächsten und Allernächsten. So manche Freundschaft wurde im letzten Jahr auf Eis gelegt oder ist ganz in die Brüche gegangen. Es scheint nur noch zwei Schubladen zu geben, in die wir uns gegenseitig stecken. in welche man fällt, ist oft schon nach wenigen Sätzen geklärt. Und wie schwer kommt man da wieder raus!

Haben moralische Fragen unserer Zeit (wie z. B. die Gretchenfrage: Wie hältst duʼs mit dem Impfen?) tatsächlich Bekenntnisstatus erlangt? Im Horizont der Endzeit, in der wir ohne Zweifel leben, und in der die bösen Kräfte sich verbünden und manches Mal schon ihre scheußliche Grimasse zeigen, ist die Gabe der Unterscheidung ein kostbares Gut, zunächst und vor allem die Unterscheidung zwischen „den letzten Dingen“ und „den vorletzten Dingen“. Die „Grammatik der Gemeinschaft“ [15+16] beschreibt sie so:

Über die letzten Dinge haben wir keine Verfügung. Wir können sie empfangen, über sie staunen, uns nach ihnen ausstrecken und ihr Geheimnis feiern. Zu den letzten Dingen gehören das Anbrechen des Reiches Gottes, seine ewig gültige Wahrheit und seine Verheißungen.
Die vorletzten Dinge unterliegen der Schwerkraft dieser Welt. Sie sind die vornehmlich pragmatisch zu klärenden Fragen und Aufgaben unseres Lebens. Ihre Bewertung erhalten sie durch unsere Zuweisung. Wir können über sie verfügen, sie uns aneignen oder sie verwerfen.

Solange wir uns auf der Ebene der vorletzten Dinge bewegen, gibt es zwischen den Schubladen, zwischen den unversöhnlichen Lagern und zwischen allen Stühlen noch einen Raum. Vielleicht ist er schmal und unbequem, aber es ist der Raum der Begegnung und des Wachstums. In diesem Raum darf es Überzeugungen geben und Irrtümer. In diesem Raum leben wir mit dem „Stückwerk der Erkenntnis”, und vor allem mit einem großen Anteil Nichtwissen. In diesem Raum ist es möglich, die eigenen Ansichten zu ändern, ohne das Gesicht zu verlieren. Aber wie hält man es aus in diesem Raum? Und welche Haltung brauchen wir, um dort glaubwürdig bestehen zu können?

Im Ringen um diese Frage bin ich im letzten Jahr immer wieder über die Bergpredigt gestolpert. Erstaunlich, wen Jesus hier seligpreist: nicht die, die sich im Besitz der Wahrheit wähnen, sondern die arm sind vor Gott, nicht die sich selbst für gerecht halten, sondern die sich nach Gerechtigkeit sehnen, die Sanftmütigen, nicht die andere mit Gewalt überzeugen oder ihr Recht durchsetzen wollen, sondern die um der Gerechtigkeit willen Nachteile in Kauf nehmen oder sogar verfolgt werden.

Na ja, eigentlich ist es doch ganz schön, bei den Guten zu stehen, die es richtig gemacht haben, die verantwortungsvoll und solidarisch waren – oder eben konsequent im unbeugsamen Widerstand. Jedenfalls aus christlicher Überzeugung, und biblisch begründet. Da fällt es leicht, auf „die andern“ herabzublicken, die das Ganze halt noch nicht geistlich durchschaut und die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben – oder die einfach nicht verstehen wollen, dass die geforderten und empfohlenen Maßnahmen doch direkt mit praktizierter christlicher Nächstenliebe gleichzusetzen sind.

Wenn ich mich richtig entsinne … bin ich im letzten Jahr auf beiden Stühlen schon mindestens einmal gesessen. Und nun bleibe ich hängen bei Kapitel 7:
Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden (Mt 7,1f). Wenn ich mich zum Richter über andere erhebe, verlasse ich die Ebene der vorletzten Dinge und betrete den unverfügbaren Raum der letzten Dinge. Es steht uns einfach nicht zu, einander den rechten Glauben abzusprechen. Sobald ich im Gespräch mit Andersdenkenden merke, dass sich hinter den Ansichten und Entscheidungen meines Gegenübers Glaubensüberzeugungen verbergen, übe ich Zurückhaltung in der Diskussion! Was dem andern heilig ist, lasse ich lieber so stehen, auch wenn sich in mir Widerstand regt, und ich die Bibel anders verstehe. Im Gegenzug hoffe und erwarte ich, dass auch meine Glaubensüberzeugungen respektiert werden und stehen bleiben dürfen. Missionarische Überzeugungsversuche sind in so einer (meist aufgeladenen) Atmosphäre fehl am Platz.

Albert Frey hat diesen Text über das Richten sehr eindrücklich in Liedform gebracht:

Ich bin nicht Richter über den Glauben.
Mir steht kein Urteil über dich zu.
Ich seh die Splitter in deinen Augen.
Doch meine Balken siehst vielleicht du. …
Wer glaubt, dass er steht, sehe zu,
dass er nicht falle (1 Kor 10,12).
Vergebung und Gnade brauchen wir alle.
(aus: „Wir alle“, Für den König, Gerth Medien 2006)

Bei aller Glaubens- und Erlösungsgewissheit: Wer garantiert mir eigentlich, dass der Weg, auf dem ich grade unterwegs bin, tatsächlich „der schmale Weg” ist? Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind‘s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind‘s, die ihn finden (Mt 7,13f)!

Es ist schon eine Kunst, ein Leben lang auf dem Schwebebalken zu balancieren, oder wie der Fiedler im Musical „Anatevka” mit der Geige in der Hand auf dem Dachfirst! Vielleicht bin ich längst unten auf dem bequemen breiten Weg gelandet, ohne es zu merken?

Nicht weniger aufrüttelnd geht es weiter im Text: Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen… Das tückische an den falschen Propheten sind die „Schafskleider“, denn sie geben sich einen frommen Anschein. Sie treten mit großer Überzeugungskraft auf und werden viele verführen (Mt 24,11). Wir müssen damit rechnen, auch in unseren Tagen mit charismatischen und medienwirksamen Propheten konfrontiert zu werden, mit falschen oder mit echten! Wir sollten uns davor hüten, uns leichtgläubig an ihre Lippen zu hängen, und ebenso davor, sie vorschnell zu beurteilen. Es sind nicht ihre Worte und auch nicht ihr Verhalten, an denen man sie erkennen könnte, sondern erst an ihren Früchten wird offenbar, woher sie gekommen sind. Wann die reif sind, liest man in der Bibel leider nicht. Einen Richtwert aber habe ich bei Sir Peter Ustinov gefunden: „Mit Propheten unterhält man sich am besten drei Jahre später.“

In jedem Fall komme ich nicht darum herum, mich von Jesus gewaltig irritieren zu lassen! Der Weg Jesu passt in kein Schema, in keine Kategorie, nicht einmal in die des moralisch Guten. Am Ende zählen auch nicht die vorweisbaren „guten Taten“ allein, nicht einmal auf das rechte Bekenntnis kann ich mich verlassen: Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel (Mt 7,21).

Was am Ende zählt, und dies gehört definitiv zu „den letzten Dingen“, besingt das Hohelied der Liebe (1 Kor 13): Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Solche Liebe, die die zweite Meile mitgeht, die andere Wange hinhält, und auch den Mantel noch gibt (Mt 5,39-41). Nur die Liebe durchbricht unsere moralischen Vorstellungen von Richtig und Falsch. Nur die Liebe überwindet unsere Sprachlosigkeit angesichts des vermeintlichen Irrsinns, der uns umgibt.

„Entscheide dich immer für die demütige Liebe. Wenn du dich ein für allemal dafür entschließt, kannst du die ganze Welt bezwingen. Liebevolle Demut ist wunderbar stark, ist das Stärkste überhaupt. Nichts anderes kommt ihr gleich.“
(Fjodor Dostojewski)

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