Weite Anfahrtswege

Interview mit Peter von der Bruderschaft des Weges

Peter, zu eurer Bruderschaft des Weges gehören Männer mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten. Was hat dich dahin geführt?

Ich war sogar einer der Gründer. Von 2008 bis 2010 habe ich die Reise zum Mannsein, die wuestenstrom, heute IdiSB e.V.*, veranstaltet hat, mitgemacht. Das war eine intensive und lebensverändernde Erfahrung. Wir wollten danach nicht einfach wieder in den Alltag zurück, sondern verbindlicher miteinander unterwegs sein. Der Name, Bruderschaft des Weges, sagt es ja schon, wir wollen gemeinsam ein Stück Weg gehen, nebeneinander und miteinander.

Bruderschaft ist ein Begriff, den man heute nicht mehr so oft hört. Was unterscheidet sie von einem Freundesnetzwerk?

Ganz klar die Verbindlichkeit. Nach einer ein- bis zweijährigen Aufnahmezeit verpflichten wir uns jeweils für drei Jahre und haben danach auch immer die Möglichkeit, wieder auszusteigen. Es geht um mehr als nur Freundschaft. Ich bin nicht mit allen Brüdern befreundet, da sind auch welche dabei, die ich mir persönlich wahrscheinlich nie auswählen würde. Wir verpflichten uns, einander Brüder zu sein, und wie meine leiblichen Brüder gehen mir einige manchmal auf die Nerven.
Bei uns sind verschiedene Denominationen vertreten, quer durch den ganzen Garten. Uns verbinden unsere Grundsätze plus eine Liturgie, die wir uns gegeben haben. Wir tragen einander im Gebet, in der Fürbitte. Jeder hat einen Gefährten, jeder einen Beichthörer und jeder gehört zu einer Kleingruppe. Die ist in meinem Fall virtuell, weil die Mitglieder weit verstreut leben.

Du bist verheiratet und hast Familie. Ist das nicht genug an Zugehörigkeit? Wieso noch eine Bruderschaft obendrauf?

Die Bruderschaft kam zuerst. Meine Frau habe ich am Ende der Männerreise kennengelernt. Das sind zwei verschiedene Elemente. Ich bin in meiner Familie, meinem Umfeld und einer Gemeinde verankert. Ich habe ein wirklich stabiles Netzwerk. Aber die tiefe Zugehörigkeit, die ich mit den anderen Männern erlebt habe, die möchte ich auch weiter pflegen. Aus der Bruderschaft auszusteigen, weil ich jetzt verheiratet bin, war für mich nie eine Frage.

Die Bruderschaft ist also eine gute Ergänzung zu dem, was du als Ehemann und Vater lebst. Kannst du inhaltlich mal zwei, drei Themen abstecken, wo du die Bruderschaft suchst?

Den ganzen Bereich meiner konflikthaft erlebten Sexualität kann ich nur begrenzt mit meiner Frau teilen und noch begrenzter mit meinen Freunden. Da ist so viel Unwissen und Falschwissen. Der Anfahrtsweg im Gespräch ist sehr weit, zu erklären, was zu dem führte, wie es bei mir ist oder zumindest war. Das ist in der Bruderschaft nicht so. Wir teilen gleiche oder ähnliche Lebensgeschichten, das gibt von Anfang an eine andere Basis.

Du verwendest das anschauliche Bild des weiten Anfahrtsweges. Warum ist das so?

Gespräche über meine sexuelle Identität führe ich ja nicht auf der Straße mit irgendeinem Wildfremden, es braucht bei diesem Thema immer etwas Anlauf. Aber wenn ich von meiner Lebensgeschichte erzähle und auch, dass ich zu einer Bruderschaft gehöre, sind die meisten überfordert. Wenn beim Thema sexuelle Identität oder Homosexualität heute jemand sagt, er habe eine Veränderung erlebt oder er lebe es anders als der Mainstream, ist es oft sehr anstrengend, anderen die Beweggründe zu vermitteln. Sogar mit wohlwollenden Leute in meinem Umfeld, in meiner christlichen Sozialisierung wird es zunehmend schwieriger.

Und ist es darum so wichtig, auch für die Gestaltung deines Alltags, zu einer Bruderschaft dazuzugehören?

Allein zu wissen, da sind andere Brüder, die kann ich anrufen oder anfragen, gibt mir extrem viel. Die meiste Kommunikation geht im Alltag über Messengerdienste oder per Telefon, weil wir über ganz Deutschland, die Schweiz und Österreich verteilt leben.

Und wie gestaltet sich die Verbindlichkeit, wenn viele Kilometer zwischen den Einzelnen liegen?

Wir haben zwei viertägige Retraiten im Jahr, da kommen wir auch persönlich zusammen. Die sind verbindlich und uns auch sehr wichtig.
Ich wohne ganz an der Peripherie und empfinde es als größtes Manko, dass solche Treffen nicht öfter möglich sind. Andererseits könnte ich nicht in eine klösterliche Gemeinschaft gehen, weil ich in Beruf, Familie und Gemeinde eingebunden bin. Die Bruderschaft in dieser Form ist besser als etwas, das es nicht gibt und was sich wahrscheinlich nur schlecht realisieren ließe. Aber es bleibt eine Herausforderung. Man muss sich in Verbindung setzen und den Weg auf sich nehmen. Oder wenigstens das Telefon in die Hand.

Was ist der gemeinsamer Nenner, der euch in euren unterschiedlichen Erfahrungen beieinander hält?

Wir alle sind in irgendeiner Weise in unserer sexuellen Identität verletzt worden. Viele haben einen Konflikt mit einer homoerotischen Anziehung, aber nicht alle. Und wir wollen nicht in diesem Konflikt stehen bleiben, sondern unser Leben aktiv gestalten.

Verletzte Seelen, die sich zusammengefunden haben, so heißt es auf eurer Website. Aber leiden wir nicht alle an Verletzungen, die uns im Alltag und unseren Beziehungen zu schaffen machen?

Wahrscheinlich schon. Wir aber sind keine verletzten Seelen, die sich in ihrer Verletzung bestätigen. Wir haben eine Verletzung in unserer Identität erlebt und für die Arbeit am Aufbau einer heilen Identität gibt es in den Gemeinden kein Angebot. Denn wir müssen uns mit Themen auseinandersetzen, die tiefer gehen, wo nicht nur Liebe und Verstehen, sondern auch Konfrontation und Herausforderung nötig ist. Diese Arbeit ist ein zentraler Aspekt in unseren Retraiten und Kleingruppen.

Die geteilte Not stiftet eine Art der Zugehörigkeit, weil ihr bereit seid, über den Schatten der Scham zu springen?

Genau das ist es. Bei einigen gelingt es besser, bei anderen fast oder gar nicht. Freud und Leid mit meinen Mitmenschen zu teilen, schafft eine andere Basis. Wenn ich zu einem Verein gehöre, der z. B. Singvögel beobachtet, gibt das auch Zugehörigkeit, aber auf einem eher sachlichen Niveau. Wir möchten ehrlich über die Ängste in unserer männlichen Identität sprechen und möchten uns im Wachsen begleiten. Da gibt es unterschiedliche Herausforderungen. Manche von uns verlieben sich zum ersten Mal in eine Frau oder sind auf einmal Väter, andere sind stark traumatisiert oder erleben viel Scham im Alltag. All das sind Dinge, die wir teilen und wo wir einander aufgrund unserer Schicksalsgemeinschaft besser verstehen.

Ein weiteres Stichwort auf eurer Website ist „Rhythmus des gesunden Lebens“. Was ist damit im Kontext der Bruderschaft gemeint?

Wir beschreiben damit eine Möglichkeit, wie wir dem auf die Spur kommen können, was uns beschäftigt. Der Rhythmus des gesunden Lebens soll zum Wachstum unserer Identität helfen. Dazu müssen wir erst mal unseren Konflikt verstehen. Oft müssen wir vertrackte Beziehungen im Alltag klären, in die wir aufgrund unserer Verletzung öfter geraten als andere Männer, und müssen dann zu einem selbstbestimmten Leben finden. All das umfasst dieser Rhythmus, es ist also ein Weg von der Verletzung zum Wachstum.

Das heißt, diese Form der Zugehörigkeit entsteht, wenn wir auch in der Lage sind, über Wesentliches zu reden?

Ja, jeder einzelne muss entscheiden, ob er bereit ist, einen Raum zu öffnen und Platz für echten Austausch zu schaffen. Und ich muss bereit sein, mich herausfordern zu lassen, was mich vielleicht irritiert oder überfordert. Das gelingt manchmal und manchmal bleibt es eher oberflächlich. Das ist dann auch okay, aber nicht das, was wir eigentlich anstreben.
Gleichzeitig betone ich immer wieder, dass wir auch ganz alltägliche Dinge miteinander teilen müssen. Es ist mir wichtig, dass wir z. B. in den Retraiten den normalen Alltag feiern. Einfach auch, weil wir das in der Regel schlecht können. Viele in unserem Kontext haben ihre Jugendzeit mehr erlitten als erlebt. Wir müssen lernen, fröhlich zu sein und nicht nur das Schwere miteinander zu teilen.

Zuletzt eine Frage zum gesellschaftlichen Aspekt. Toleranz wird ja meist so verstanden, das empfundene Homosexualität auch gelebt werden muss. Gibt es Irritationen, wenn ihr von eurem Weg berichtet? Ist das ein politisches Statement?

Zwangsläufig, ja. Die meisten Brüder suchen das nicht und wollen das auch nicht. Aber wir sind einfach dadurch, das es uns gibt, eine absolute Provokation, innerhalb und außerhalb der Kirche. Man möchte uns ja effektiv aktiv verbieten, unser Leben so zu leben, wie wir es wollen. Dabei geht es gar nicht darum, dass sich immer etwas verändert. Bei vielen Brüdern hat sich nicht viel verändert. Aber wir haben für uns entschieden, dass wir unsere wie auch immer geartete sexuelle Orientierung nicht einfach so akzeptieren möchten, weil wir glauben, dass da mehr dazu gehört als irgendwelche Informationen, die auf irgendwelchen Chromosomen abgespeichert sein sollen.

Die Fragen stellte Konstantin Mascher.

Von

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