Zwischentöne

Copyright: Scott Laumann
Copyright: Scott Laumann

Kommunität als kulturkreatives Experiment

Jeppe Rasmussen im Gespräch mit Mark Reichmann

Nach der Konfirmation lebte Mark Reichmann ein exzessives und wildes Leben als Hip-Hopper. Dann wurde er JesusFreak und gründete später die Kubik-Gemeinschaft in Karlsruhe. Seine Sehnsucht, die Welt zu verändern, setzt er visionär in dem von ihm gegründeten Mateno e.V. um, der u.a. das Froh!-Magazin herausgibt. Vor drei Jahren wurde ein alter Traum wahr: In einem Gemeinschaftshaus der katholischen Schönstatt-Frauen gründete er eine Kommunität, die nach den Werten Spiritualität, Freundschaft, Schönheit, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit lebt.

Das Schöne, das Gute und das Wahre. Was bedeuten dir diese drei Ideale?

Mark Reichmann: Sich mit Wahrheit in einer Welt auseinanderzusetzen, in der sie nur noch individuell verstanden wird, ist sehr herausfordernd. Als Kommunität sind wir auf dem Weg, das gemeinsame Wahre zu suchen, ohne dabei das Wahre des Einzelnen zu vergessen.Das Schöne bedeutet mir sehr viel. Gott ist ein kreativer Gott, er hat das Schöne geschaffen, damit wir uns daran freuen. Er hat auch uns geschaffen, damit wir Schönes schaffen. Das Schöne erinnert uns an Gott, sein Herz und seine Größe. Ähnliches gilt für das Gute.

Nach wilden, rebellischen Jugendjahren hast du dich Anfang 20 bekehrt und angefangen, in die Kirche zu gehen. Doch nicht alles, was du dort erlebtest, hat dir gefallen. Warum?

Als meine Freunde sahen, was in meinem Leben passiert war, fingen sie an, sich für Gott zu interessieren. In den Kirchen und Gemeinden fanden sie aber keine Antworten. Der Glaube wurde nicht in ihren Kontext übersetzt, für ihre Fragen und Konflikte gab es keinen Raum. Meine Erkenntnis daraus: Wir brauchen einen Ort für unsere Art, Glauben auszudrücken. Später habe ich die Kubik-Gemeinschaft gegründet – ein geistliches Zuhause für uns als Familie und unsere Freunde. Wir sind mit einem klassischen Gottesdienst im Wohnzimmer gestartet, der dann ziemlich schnell gewachsen ist. Es kamen viele, die vorher mit Glauben gar nichts zu tun hatten.

Was denkst du, hat die Leute angezogen?

Wahrscheinlich zunächst die Authentizität. Die Leute konnten echt sein und fühlten sich angenommen. Später haben wir mit Formen viel experimentiert. Alles, was wir bisher von Gemeinde kannten, stellten wir zunächst in Frage – Predigt, Lobpreislieder, Treffen am Sonntag – und entwickelten eigene Ausdrucksformen. Unsere Gottesdienste wurden allmählich zu geistlichen Erfahrungsräumen, die auf kreative Weise dazu einluden, mit Gott in Kontakt zu treten: Einmal haben wir uns z. B. als Gefäße Gottes betrachtet. Auf Flohmärkten hatten wir Töpfe, Vasen, Schälchen etc. gekauft und golden lackiert. Jeder konnte sich mit einem der Gefäße identifizieren, es dann zerschlagen und danach mit Pflastern flicken. Währenddessen stellte man sich Fragen: Wo komme ich her? Welche Erlebnisse in meinem Leben haben mich kaputt gemacht? Wie die Gefäße sind auch wir: brüchig, zerschlagen und kantig – kein schöner Anblick. Gott schaut sich diese halbkaputten, geflickten Gefäße an, will uns heilen, ohne die Risse und Beulen ungeschehen zu machen. Dieser Gottesdienst hat viele Teilnehmer so tief berührt, wie das keine Predigt geschafft hätte.

Auch in deinem neuen Leben ist nicht alles heil geblieben. Die intensive Gemeindearbeit endete mit einem Burn-out. In dieser Zeit hast du für dich einen Ort entdeckt: die Kapelle der Schönstattfrauen in Durlach, Karlsruhe. Was hat dich dorthin gezogen?

Mein Burn-out war auch eine geistliche Dürrezeit. Ich hatte ganz massiv das Gefühl: Gott ist nicht mehr da. Meine Gebet enden an der Decke. In dieser Kapelle wurde mir die Bedeutung von heiligen Orten bewusst. Von der Kapelle wusste ich, sie ist gottgeweiht. Ich hatte Gott nicht mehr gehört, aber der tägliche Gang dorthin war mein Ausdruck dafür, dass er mir noch wichtig ist und ich Beziehung zu ihm will. Das hat mir geholfen, meiner Sehnsucht Ausdruck zu verleihen.Auch als es mir später etwas besser ging, besuchte ich weiter die Kapelle. Dort wurde im Gebet die Vision von Mateno geboren. Auch ein alter Traum kam mir erneut in den Sinn: kommunitäres Leben. Früher hatten meine Frau und ich in einer Gemeinschaft gewohnt, und der Horizont, verbindlich zu leben, ist uns wieder nahe gerückt.

Um einen Horizont zu erreichen, muss man sich auf den Weg machen. Wie seid ihr ans Ziel gelangt?

In der Kapelle sagte ich zu Gott: „Das mit der Kommunität ist alles gut und schön, aber ich bin am Ende und kann nicht kämpfen. Wenn du das von mir willst, dann brauche ich ein Haus.“ Zwei Wochen später, auf einem lokalen Treffen von „Miteinander für Europa“, erzählte eine Frau von einem ungenutzten Gemeinschaftshaus der Schönstattfrauen, für das sie eine Verwendung suchten. Es war das Haus neben der Kapelle! Ich habe ihr meine persönliche Geschichte mit diesem Ort und von meiner Sehnsucht nach verbindlicher Gemeinschaft erzählt. Ein halbes Jahr später konnten wir dort einziehen.

Heute leben 14 Personen – neun Erwachsene und fünf Kinder – als Kommunität in diesem Haus. Wie habt ihr zueinander gefunden?

Nach dem Einzug unserer Familie war es ein echtes Abenteuer, die anderen zu finden. Viele, von denen wir dachten, sie kämen, sind nicht gekommen, und andere, die wir zu der Zeit noch gar nicht kannten, haben auf die verrückteste Art zu uns gefunden und sind nun zu unserer Familie geworden.

Menschlich wie beruflich seid ihr sehr unterschiedlich –  es könnte, so lässt sich vermuten, immer wieder recht chaotisch sein. Wie gestaltet ihr euren Alltag?

Wir gehen alle ganz normal arbeiten. Uns ist darum ein gemeinsamer, verbindlicher Rhythmus sehr wichtig. Meiner Frau und mir war von Anfang an klar, dass wir den Rhythmus nicht vorgeben und dann von den anderen erwarten, dass er ihnen entspricht. Wir stellen gemeinsam immer wieder neu die Frage: Welchen Rhythmus wollen und können wir leben?

Wie sieht der Rhythmus zur Zeit aus?

Um 7 Uhr morgens treffen wir uns in der Kapelle, um das Stundengebet der Benediktiner zu beten. Dreimal pro Woche essen wir gemeinsam. Sonntags feiern wir Gottesdienst. Außerdem haben wir einen wöchentlichen Themenabend, an dem wir geistliche Themen beackern und das besprechen, was gerade ansteht.

Verpflichtet man sich für eine bestimmte Zeit oder tritt man gleich für immer ein?

Bisher lebten viele eine Zeit lang mit. Das ging manchmal gut, manchmal nicht. Eintritts­kriterien machen in meiner Optik durchaus Sinn; diese müssten wir aber als Gemeinschaft definieren. Insgesamt ist unser Zeithorizont langfristig. Einige von uns haben sich innerlich auf „lebenslang“ eingestellt; andere wollen fünf bis zehn Jahre bleiben. Mit den Schönstättern haben wir uns zunächst auf fünf Jahre Wohnrecht geeinigt, danach ziehen wir Resümee.

Was bedeutet das für euch, in einem Haus der katholischen Schönstattbewegung zu leben?

Unsere Zugänge zum Glauben sind sehr verschieden. Das Wichtigste ist, dass man das akzeptiert und nicht mit aller Macht versucht, Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammenpassen. Wir lassen uns gegenseitig stehen. Das Schöne an unserem Miteinander ist, dass von Anfang an klar war: Gott hat es initiiert. Das gibt Gewissheit auf allen Seiten. Für uns sind die Begegnungen mit den Schönstattfrauen ein Segen, weil ihr persönliches Glaubensleben viele Fragen an uns stellt.

Welche Fragen sind das?

In der Schönstatt-Bewegung spielt die Verehrung Mariens eine große Rolle. Als Christen evangelischer Prägung haben wir dazu kaum Bezug. Wir wohnen jedoch hier so dicht bei­einander, dass man diese und andere Unterschiede nicht einfach beiseite schieben kann. Man kommt ins Fragen und ist dann auch herausgefordert zu akzeptieren, dass man zu verschiedenen Antworten oder vielleicht auch manchmal zu keiner Antwort kommt. Wenn wir morgens in der Kapelle beten, zünden wir das ewige Licht an, um die katholische Tradition zu achten. So lange wir hier an diesem Ort leben, tragen wir sie ganz selbstverständlich mit.

Ihr versteht euch als Kulturkreative, was heißt das?

Die Kulturkreativen sind eine wachsende Werteszene von meist jungen Menschen, die versucht, bewusst und ganzheitlich zu leben. Unsere Sehnsucht ist, dass sich Glaube in jedem Lebensaspekt ausdrückt, von der Mülltrennung bis zum Umgang mit unseren Kindern. Deshalb sind wir auch so begeistert von „Kommunität“, weil der Alltag vollständig von Gemeinschaft und Spiritualität durchdrungen ist.

Ein Künstler liebt seine Freiheit. Und doch übt verbindliches Leben auf viele Kulturkreative eine große Faszination aus. Wie hängt das zusammen?

Wenn du im Fußballverein bist, hast du vielleicht keine Lust aufs Spiel am Wochenende, aber du musst hin, weil du deine Mannschaft nicht im Stich lassen kannst. Freiheit und Verbindlichkeit spielen immer zusammen. Ich kann meinen kommunitären Lebensstil als verbindlich betrachten. Ich sehe für mich und meine Familie aber auch viel Freiheit, die ich in einem ,normalen‘ Setting nicht hätte.

Worin besteht diese Freiheit?

Ich genieße es, in Gemeinschaft zu leben. Die anderen sind einfach da, ich muss Gemeinschaft nicht organisieren. Um meine Freunde zu treffen, setze ich mich nicht ins Auto und fahre ans andere Ende der Stadt – vorausgesetzt, wir haben uns schon vor zwei Wochen verabredet. Vieles passiert einfach, sind Zwischentöne. Ich bin nicht allein. Dadurch weiß ich mich getragen. Wenn ich im Alltag Hilfe brauche, ist immer jemand zur Stelle. Dieses intensive Leben in ständiger Gemeinschaft gefällt und entspricht mir sehr.

Bleibt ihr eher unter euch oder habt ihr viel Kontakt zu den Menschen in Karlsruhe?

Unser Haus heißt Bethanien. Wie das biblische Bethanien sind auch wir am Stadtrand. Jesus ging immer wieder dorthin, um bei seinen Freunden Ruhe zu finden. Ein sehr schönes Bild für das, was wir uns wünschen. Wir wollen ein Bethanien für die Leute von Karlsruhe sein, das sie in persönlichen Beziehungen mit den großen Fragen des Lebens in Berührung bringt und inspiriert, anders als alle zu leben.

Ist die persönliche Begegnung der beste Weg, unseren Zeitgenossen von Gott zu erzählen?

Ja, Glaube muss heute authentisch vorgelebt werden! Darin sehe ich die Chance von Kommunität. In Gemeinschaft zu leben, steht im heftigen Kontrast zur Individualisierung. Wir merken, dass unser Lebensstil andere fasziniert und ins Nachdenken bringt. Mir ist es lieber, dass durch meinen Lebensstil Fragen aufkommen und Gespräche entstehen als durch eine abstrakte Message, die ich weitergebe.

Gemeinschaft konfrontiert mich mit mir selbst und fordert mich heraus. Sie ist immer wieder auch dann unbequem, wenn es um Freiheit oder Verzicht, um Selbstbestimmung oder Verbindlichkeit geht: Werfen wir irgendwann alles Geld in einen Topf? Oder wollen wir hier eine Grenze ziehen? Wie viel Platz braucht jeder? Braucht jeder eine Küche? Ein Bad? Es hilft nichts, wenn ich auf etwas verzichte und dann ein halbes Jahr später ausziehe, weil ich so nicht leben kann. Das sind Fragen nach den Grenzen einer verbindlichen Gemeinschaft: Wie weit kann ich gehen, damit es nachhaltig ist? Nachhaltige Gemeinschaft kommt ohne Grenzen nicht aus.

Kann jeder Gemeinschaft leben?

Ich glaube schon. Gemeinschaften werden gesellschaftlich zunehmend an Bedeutung gewinnen. Da muss sich einer nur seine Rentenbescheide anschauen, zumindest meinen. Früher war die Großfamilie eine Sicherheit, gerade im Alter. Eine individualisierte Gesellschaft wie wir sie haben, ist nicht in der Lage, den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen. Wir werden bald gezwungen sein, über gemeinschaftliches Leben nachzudenken. Viele meinen, sie seien nicht für ein Leben in Gemeinschaft gemacht. Ich bin gespannt, wie das aussieht, wenn es die Umstände unumgänglich machen, in Gemeinschaft zu leben.

Von

  • Jeppe Rasmussen

    Dipl.-Journalist, leitet seit 2017 das Deutsche Instituts für Jugend und Gesellschaft. Verheiratet mit Rahel, Vater von vier Kindern.

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