Treffen mit jüdischen Überlebenden des Holocaust

22. März 2019 // Schüler der Georg-August-Zinn-Schule in Reichelsheim begegnen Überlebenden der Shoah. Eine Veranstaltung des Fachbereichs Geschichte in der Aula der GAZ am 14. März 2019

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Es war eine ungewöhnliche und bewegende Begegnung in der Aula der Reichelsheimer Georg-August-Zinn-Schule (GAZ): Die Abschlussjahrgänge der Stufe 9 und 10 trafen sechs in Israel lebende Überlebende der Judenverfolgung während des 2. Weltkriegs, hörten ihre bewegenden Geschichten und bekamen Einblick in die Zeit, die rund 75 Jahre zurückliegt. Weit genug, um für die Jugendlichen als eine Ewigkeit zu gelten, doch so nahe, dass viele aus der Generation, die damals Kinder waren, noch am Leben sind.

„Diese Begegnung ist eine einzigartige Gelegenheit, die Berichte von Zeitzeugen zu hören”, kommentiert Dr. Dirk Strohmenger, Leiter der Fachschaft Geschichte an der GAZ und Verfasser der Studie Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis 1923-1945. „Ein Schwerpunkt im Unterricht in der Sekundarstufe ist das Dritte Reich. Alle Kurse werden das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Buchenwald besichtigten. Heute können sie aus erster Hand etwas über die Zeit erfahren.”

Das liegt auch dem 85-jährigen Ilan Brunner aus Israel am Herzen. Er wurde als Vierjähriger nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Prag von den Eltern mit seinem älteren Bruder in einen der sog. „Kindertransporte” nach England gesetzt. Die Familie entkam so der Verfolgung und wurde nach dem Krieg im jungen Staat Israel wieder vereint. Den Dialog mit der Nachkriegsgeneration in Deutschland pflegte Brunner schon während seiner Tätigkeit als Pressesprecher der Armee. Seit gut 20 Jahren organisiert er ehrenamtlich Begegnungen zwischen jungen Deutschen und Israelis, die durch Terrorangriffe verletzt wurden, bzw. zwischen israelischen Eltern, die ein wehrpflichtiges Kind durch Terrorangriffe verloren haben. Für sein Engagement im Projekt „Disraelis = Disabled Israelis” wurde er 2014 mit dem Bundesverdienstkreuz und im gleichen Jahr mit dem ojcos-Stiftungspreis in Reichelsheim ausgezeichnet.

„Mit zunehmender Besorgnis beobachte ich den neu aufkeimenden Antisemitismus und Terror in Deutschland und in der EU”, beklagt Brunner. „Synagogen werden überfallen, Friedhöfe geschändet und Juden auf offener Straße angegriffen. Hat man vergessen, wo die Gewalt durch Radikale und das Wegschauen der Vielen hinführt? Wir sind hier, um daran zu erinnern.” Eine Sequenz aus dem Film Landgericht – Geschichte einer Familie veranschaulicht die Not der jüdischen Familien, die sich aus Angst vor der Verfolgung trennen und ihre Kinder wildfremden Menschen anvertrauen mussten. Danach erzählen die Gäste und beantworten Fragen aus dem Plenum.

Ilan Brunners sechs Reisegefährten leben in der Umgebung von Tel Aviv, stammen aber aus Rumänien bzw. Polen, wo ihre Familien dem Wüten der SS und deren Kollaborateuren ausgeliefert waren. Sie haben fast alle Angehörigen durch den Genozid verloren und selbst nur wie durch ein Wunder überlebt. Die Zeitzeugen liefern keine historischen Berichte, sondern tragen Mosaiksteine der Erinnerung aus der frühen Kindheit zusammen: Blutige Pogrome im rumänischen Iași, von SS-Truppen eingeschüchterte Nachbar im polnischen Galizien, um das Leben ihrer Kinder fürchtende jüdische Eltern in Prag.

Da ist Bat-Ami Halperin, die in Polen nur überlebte, weil sie blond und blauäugig war und weil der Vater sie mit der Schwester für viel Geld bei polnischen Bauern unterbringen konnte, damit wenigsten zwei seiner 6 Kinder durchkommen. Doch dann musste sie sich allein in abgelegenen Dörfern und Wäldern verstecken. Ihre Verwandtschaft wurde ganz ausgelöscht, sie besitzt nichts außer den inneren Bildern, die an die Eltern und 4 Geschwister erinnern. „Bleibt eurem jüdischen Glauben treu und, wenn die Gefahr vorbei ist, erzählt allen, was man uns angetan hat”, hatte ihnen der Vater eingeschärft. Das tut sie seither, und ist es auch mit 88 Jahren nicht müde. Oder Eva Glatter, deren Vater bereits im Arbeitslager umgekommen war, als sie geboren wurde. Das klammernde, schreiende Mädchen konnte keiner von der Mutter trennen, als diese zum Arbeitsdienst eingezogen wurde. So schuftete die junge Frau mit dem Kind auf dem Arm, während sie um ihrer beider Leben fürchtete. Oder Aharon Shmilowich, dessen Vater interniert wurde und starb, weshalb der Achtjährige mit der Mutter ins Getto zog. Er erinnert sich, wie ihm bei kleinen Besorgungen die Jugendbanden in der Stadt nachstellten und ihn verprügelten, weil er einen gelben Stern trug.

Die Schüler haben im Unterricht schon viele historische Details gehört, von den Gästen wollen sie wissen, wie es sich anfühlte, in dieser schlimmen Zeit Kind zu sein, Lebensangst zu haben, die Trennung von den Eltern zu verwinden, durchzukommen: „Haben Sie Menschen sterben sehen?”, „Können Sie den Deutschen vergeben?”, „Woher nehmen Sie die Kraft, die Hand zur Versöhnung auszustrecken?” – Das sind ihre Fragen. Die Antwort darauf  fällt nicht leicht. „Ihr seid die Zukunft”, antwortet Neta Leibowich, die als Dreijährige von Christen versteckt wurde und später in einem siebenbürgischen Internat für jüdische Waisen landete. „Wir glauben daran, dass es eure Generation besser macht, weil ihr die Spirale von Hass und Gewalt durchschaut und gegen den Antisemitismus aufsteht. Es liegt an euch, dass so etwas nie wieder passiert.” Harieta Berkovitz, die in den Tagen des Pogroms von Iași geboren ist, dem über 10.000 Juden zum Opfer fielen, möchte nicht vergessen: „Für die Vergangenheit trifft euch keine Schuld, aber ihr seid für die Zukunft verantwortlich.“

Michael Wolf, Initiator der Begegnung und aktiv im Vorstand der Reichelsheimer ökumenischen Kommunität Offensive Junger Christen – OJC e.V. ist den Lehrern der GAZ dankbar, dass sie die Begegnung ermöglicht haben. Besonders freut ihn, dass sich sogar Schüler des Abiturjahrgangs, die vom Unterricht wegen der Prüfungen freigestellt sind, eingefunden haben. Die OJC hat die Gäste für eine Woche eingeladen. „Wir haben viel Zeit zur Begegnung, laden dazu das FSJ-Team ein, machen Ausflüge in die nähere Umgebung, nach Heidelberg und werden mit ihnen nach Berlin fahren”, berichtet Wolf. Am Vortag haben sie den Reichelsheimer Altbürgermeister Gerd Lode getroffen, der sich viele Jahre für die Begegnung mit Reichelsheimer Juden und ihre Nachkommen eingesetzt und die deutsch-jüdischen Versöhnungsprojekte der OJC tatkräftig unterstützt hat. „Dieser Tag war sicher ein Höhepunkt, weil sich die Generationen begegnen durften. So bleibt Geschichte lebendig, so können wir gemeinsam in eine lebbare, bessere Zukunft investieren.”

In der Ausgabe vom 19. März des Odenwälder Echo ist ein Artikel dazu erschienen: Sieben Zeitzeugen sind auf Einladung der Offensive Junger Christen im Odenwald zu Gast, um sich gegen das Vergessen und für Aussöhnung einzusetzen.