Ukraine: Begegnung und Austausch

28. Juni 2022 // mit geflüchteten Menschen in Reichelsheim

Der Reichelsheimer Bürgermeister Stefan Lopinsky hat am Freitagnachmittag, den 24. Juni alle Ukrainer, die nach ihrer Flucht im Ort untergebracht werden konnten, zu einem ersten Treffen in den Hof des Reichelsheimer Europäische Begegnungszentrum (REZ) eingeladen. Bei Kaffee und Kuchen gab es die Möglichkeit zur Begegnung, zum intensiven Erfahrungsaustausch und zur Weitergabe wichtiger Informationen für die Geflohenen wie für die, die ihnen in ihrem Alltag zur Seite stehen. Die Kinder erwartete ein buntes, kreatives Programm im weitläufigen REZ-Gelände.

Vor genau vier Monaten hat Russland unter dem Aggressor Putin das Nachbarland im Westen brutal überfallen, erinnerte Lopinsky die Anwesenden. Seither mussten viele Millionen Zivilisten ihre Häuser, Heimat und Verwandte zurücklassen, um ihr Leben zu retten, vor allem Frauen, Kinder und Alte sind auf der Flucht. „Als uns von den Behörden mitgeteilt wurde, dass die Gemeinde Reichelsheim 50 Personen aufnehmen soll, planten wir schon mit der Feuerwehr die Sammelunterkunft in der Bürgerhalle. Doch wir konnten inzwischen über 55 Personen in privaten Unterkünften verteilen, was es den Gästen ermöglicht, die herausfordernde Zeit unter entspannteren und würdigen Umständen zu nutzen.“ Ihm und seinen Landsleuten fordere der mutige Einsatz der Ukrainer für Freiheit und Selbstbestimmung großen Respekt ab, und doch wüsse er, dass die hier Anwesenden Schlimmes durchmachen in der Angst um ihre Lieben und ihre Heimat: "Umso mehr freut uns das klare Signal der EU nach Kiew: Ihr gehört zum gemeinsamen Europa!“ Dass sich hier aber nicht Völker feindlich gegenüberstehen, zeigte sich darin, dass seine Worte ins Russische übersetzt und von den anwesenden Ukrainern auch gerne angenommen werden. Als Dolmetscherin stand ihm die gebürtige Weißrussin Volha Senker zur Seite, die als Lehrerin die Intensivklasse für ukrainische Schüler und Schülerinnen an der Reichelsheimer Georg- August-Zinn-Schule leitet.

Im Namen der Kommunität Offensive Junger Christen (OJC), die das REZ betreibt und in ihrem Gästehaus Tannenhof seit der Karwoche dreizehn Ukrainer:innen beherbergt, hieß der Geschäftsführer Ralf Nölling alle willkommen: „Unsere Gemeinschaft setzt sich seit über 50 Jahren für Gerechtigkeit und Völkerverständigung ein; so war es uns ein Herzensanliegen, Räume und Ressourcen in Reichelsheim und Greifswald für Geflüchtete zur Verfügung zu stellen. Ich bin überwältigt von der unkomplizierten Hilfsbereitschaft, mit der sich Einzelne und zivile Organisationen in Reichelsheim an der Unterstützung und Begleitung der Ukrainer beteiligen.“ Helfende Hände werden auch dringend gebraucht: Ob beim Gang auf die Ämter, zum Arzt, bei der Organisation der Betreuung der Kinder im Vorschulalter und der Organisation des hybriden Unterrichts in den Schulen, beim Besorgen von Hausrat und immer wieder beim spontanen Organisieren von kleinen Sprach- und Integrationskursen mit Ehrenamtlichen und Freiwilligen. Mittlerweile sind auch die Amtswege gut eingefahren. Die Reichelsheimer Schulen haben Förderkurse für ukrainische Schüler und eine Vorschul- Gruppe eingerichtet, damit die neu eingeschulten Kinder im Herbst am Regelunterricht teilnehmen können.

Annemarie Knichel, Initiatorin und Leiterin des „Runden Tisches für internationale Verständigung“ hat viele Ankündigungen zu machen. In Kooperation mit der Evang. Michaelsgemeinde und dem GenerationenNetz Reichelsheim, gefördert durch die Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau startet am 5 Juli ein halbjähriger Sprach- und Integrationskurs für 15 Frauen – mit Ulrike Zelta-Rosche, die bereits früher Sprachkurse für Migranten gegeben hat und sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsbetreuung engagiert. Neben der Sprache werden die Frauen auch darüber informiert, wie sie den Alltag in Deutschland bestehen können. „Das ist ein großer Schritt nach vorne und eine wichtige Entlastung“, bestätigt Knichel. Doch wie der Bürgermeister auch, wünscht sie sich eine Optimierung der Zusammenarbeit mit den Ämtern in der Kreisverwaltung, dem Jugend-, Flüchtlings-, Sozialoder Arbeitsamt. „Um diese Stellen, aber auch die zahlreichen Helfer zu entlasten, die den Flüchtlingen bei ihren Ämtergängen zur Seite stehen, wäre es hilfreich, eine feste Sprechstunde eines oder zwei Sachbearbeiter hier in Reichelsheim zu haben“, meint Lopinsky. „Dafür gibt es noch keine Strukturen, aber es wäre eine lohnende Innovation, die allen eine Menge Mühsal, Anreise, Zeit, Sprit und manchen vergeblichen Gang ersparen könnte.“

Auch aus der Nachbargemeinde kommt fachkundige Verstärkung: Heike Breid von der Volkshochschule Odenwaldkreis bietet in Kooperation mit der VHS an ihrer privaten Förderschule Zukunftswerkstatt" in Fränkisch-Crumbach ab sofort den Intensivkurs „Deutsch for you“ an - täglich, vor den Ferien abends, in den Ferien vormittags. Als studierte Förderschullehrerin und Lerntherapeutin bringt Heike Breid auch Kenntnisse aus der Trauma- Pädagogik und aus der Arbeit mit „displaced persons“ mit, also mit Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten. „Oft sind für Flüchtlinge, deren Leben ja eine ständige Ausnahmesituation darstellt, der regelmäßige Unterricht, der Schulraum, der tägliche Wissenserwerb die einzige Struktur. Sie bietet Halt, Sicherheit und einen Sinnhorizont. Integrationskurse können, wenn sie gut angeleitet und angenommen werden, stabilisierend und therapeutisch wirken." Das vielfältiges und ganzheitlich ausgerichtete Lernangebot in ihrer Schule bietet neben dem klassischen Unterricht auch gemeinsames Einkaufen, Kochen, Reisen und das Einüben weiterer wichtiger Alltagssituationen. Alle Materialien und Utensilien werden den Teilnehmern gestellt; anfangs wird eine russisch sprechende Kollegin assistieren. Die Absolventen erhalten ein A.1.1 und A.1.2. Abschlusszertifikat.

Ein Angebot für Kinder und interessierte Erwachsene brachte Silke Schäfer vom Posaunenchor der Evangelischen Kirchgemeinde mit. Sie lud dazu ein, kostenfrei ein Instrument zu erlernen und zu den Proben dazuzukommen. "Gemeinsames Musizieren stiftet auch ohne Sprache Gemeinschaft", meint Schäfer. „Wir stellen den ukrainischen Teilnehmern die Instrumente auf Leihbasis, Noten und alles, was es für die schnelle Einbindung braucht. Außerdem verteilen wir Freitickets für anstehende Veranstaltungen wie das Gospel-Konzert unter der Leitung von Kantor Mathias Ernst.“

Nach der langen Corona-Pause war der Hof im REZ wieder mit Menschen aus allen Himmelsrichtungen bevölkert, das ungezwungene, gesellige Beisammensein für alle eine Wohltat. "Die Nachrichten aus der Ukraine sind weiterhin alarmierend, das Schicksal der Geflüchteten ist vorerst ungewiss, und auch wir West-Europäer können die Folgen des Krieges für unsere Länder gar nicht absehen“, meinte der Bürgermeister zuletzt. „Aber hier in Reichelsheim werden wir die Zeit auf jeden Fall gemeinsam überstehen und meistern. Das ist ein starkes Zeichen!"