Zwischen Himmel und Erde ausgespannt.

Mein Leben als Geschenk und Aufgabe.

Eine theologische Orientierung

von Romano Guardini

Wer bin ich? Woher komme ich? Was ist meine Bestimmung? ­Warum geschieht mir, was mir geschieht? Die uralten Fragen nach dem eigenen Selbst, der eigenen Identität greift Romano Guardini (1885-1968) in seinem klassischen (hier gekürzten) Text „Die Annahme seiner selbst“ auf und bietet eine Antwort an. Guardini ­hatte viele Jahre den Lehrstuhl für Christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie in München inne.

Ich bin mir das einfachhin ­Gegebene, das die Voraus­setzung für alles Übrige bildet; auf das ich alles beziehe und von dem her ich an alles heran­trete.

Jede Aussage, die ich mache, enthält, offen oder mitgemeint, das Wort „ich“. Jeder Akt, den ich vollziehe, ist getragen von „mir“. Was in meinem Lebensbereich geschieht, betrifft „mich“.

So bin ich der lebendige Gegenpol zur Welt. Es gibt sie für mich nur als jene, in der ich bin; die mir begegnet; in der ich handle. Für jeden ist „Welt“ seine Welt, eine andere gibt es wirklich nicht. Mein Ich hat also den Charakter der Unausweichlichkeit – fast möchte man sagen, einer Art Notwendigkeit. Nur „fast“. Ich bin mir nämlich nicht nur selbstverständlich, sondern auch merkwürdig, rätselhaft, ja unbekannt – so sehr, daß Dinge geschehen können wie diese: Ich schaue eines Tages in den Spiegel und frage mich befremdet: Wer ist denn das?

Müßte ich nicht sagen: Ich bin nicht ich, sondern hoffe, ich zu werden? Ich habe mich nicht, sondern bin unterwegs zu mir? Ich kenne mich nicht, sondern suche, mich zu erkennen?

Ich bin mir gegeben

Mein Ich-Sein ist für mich das Selbstverständliche; das Erste; der Kern von allem Übrigen. Alles bezieht sich auf dieses Ich. Was für mich „Welt“ heißt, das ist von ihm her gebaut und geht auf es zu. Nun aber bedeutet es auch: Ich bin Ich nicht von Wesen, ­sondern bin mir „gegeben“. Ich habe mich ­also empfangen.

Am Anfang meiner Existenz steht nicht ein Entschluß von mir selbst, zu sein. Noch viel weniger bin ich einfachhin da, keines Werde-Entschlusses bedürfend. Das alles ist nur in Gott so. Sondern ­am Anfang meiner Exi­stenz steht eine Initiative, ein Jemand, der mich mir gegeben hat.

Nicht als Menschen einfachhin, sondern als diesen Menschen: diesem Volk zugehörig, dieser Zeit, von diesem Typus und diesen Anlagen. Bis zu jenen letzten Bestimmtheiten, die es überhaupt nur einmal gibt, nämlich in mir; jener letzten Eigenart, die macht, daß ich in ­allem, was ich tue, mich selbst wiedererkenne, und die sich in meinem Namen ausdrückt.

Damit ist aber zugleich eine Aufgabe ­gestellt. Eine sehr große; vielleicht kann man­ sagen, jene, welche allen einzelnen Aufgaben zu Grunde liegt.

Ich soll sein wollen, der ich bin; wirklich ich sein wollen, und nur ich.

Ich soll mich in mein Selbst stellen, wie es ist, und die Aufgabe übernehmen, die mir ­dadurch in der Welt zugewiesen ist. Die Grundform alles dessen, was „Beruf“ heißt; denn von hierher trete ich an die Dinge heran, und hierhinein nehme ich die Dinge auf.

Meinen Platz einnehmen

Drücken wir es negativ aus: Ich darf diesem Zugewiesenen nicht ausweichen; etwa in die Phantasie, und mich in einen anderen hineinträumen: ich bin der und der... tue das und das... vermag dieses und jenes... spiele solche und solche Rolle...  Bis zu einem gewissen Punkt ist das alles ja unschuldig; man erholt sich darin vom Selber-Sein. Von da ab wird es aber zur Gefahr, sich selber wegzulaufen.

Auch vor dem Bösen in mir darf ich nicht weglaufen: vor schlimmen Anlagen, verdichteten Gewohnheiten, angehäufter Schuld. Ich muß sie annehmen, ich muß zu ihnen stehen: so bin ich... das habe ich getan... Nicht im Trotz; der ist nicht Annahme, sondern Verhärtung. Aber in Wahrheit, weil nur sie über das Böse hinausführt: ich bin so, aber ich will anders werden.

Die äußerste Form des Fortlaufens ist der Selbstmord. Es ist nicht müßig, von ihm zu sprechen, denn er wird immer mehr zu einer der großen Gefahren der Zeit. Die Treue nimmt ab; auch gerade als Treue zum eigenen Sein. Das Gefühl, Ich-Sein sei Aufgabe, wird immer schwächer, weil das Bewußtsein schwindet, sich selbst gegeben zu sein. Man hat es als ein Äußerstes an sachlicher Tapferkeit gerühmt, im gegebenen Augenblick ohne viel Aufhebens Schluß machen zu können – ist das aber wirklich Tapferkeit?

Wirklicher Mut heißt wissen, daß man auf einen Platz gestellt ist vom Herrn des Daseins, Gott – und daher nicht weggehen darf, bis er selbst einen abruft. Das gibt allem Tun und Wagen erst seinen Ernst. Der andere Mut kommt aus dem Mangel an Selbstachtung: ich bin irgend Einer, verschwinde ich, sind Andere da. So wie bei wandernden Ameisen: tritt man sie tot, laufen hundert nach; tritt man alle tot, ist noch die Art da; geht die Art selbst ­zugrunde – nun, im Letzten ist nichts wirklich wichtig.

Die Aufgabe kann sehr schwer werden.

Es gibt die Auflehnung dagegen, man selber sein zu müssen: Warum soll ich es denn? ­Habe ich denn verlangt, zu sein? Es gibt das Gefühl, es lohne sich nicht mehr, man selbst zu sein: Was habe ich denn davon? Ich bin mir langweilig. Ich bin mir zuwider. Ich halte es mit mir selbst nicht mehr aus. Es gibt das Gefühl, mit sich selbst betrogen, in sich selbst eingesperrt zu sein: Nur so viel bin ich, und möchte doch mehr. Nur diese Begabung habe ich, und möchte doch größere, leuchtendere. Immer stoße ich an die gleichen Grenzen. Immer ­begehe ich dieselben Fehler, erfahre dasselbe Versagen.

Mit mir einverstanden sein

So wird der Akt des Selbstseins in seiner Wurzel zu einer Askese: ich muß auf den Wunsch verzichten, anders zu sein, als ich bin; gar ein Anderer als der, der ich bin. Wie drängend dieser Wunsch werden kann, mögen wir aus den Mythen und Märchen ersehen, die bei allen Völkern wiederkehren, und in denen ein Mensch in ein anderes Wesen verwandelt wird.

Ich muß darauf verzichten, Begabungen zu haben, die mir versagt sind; meine Grenzen ­erkennen und sie einhalten. Das bedeutet nicht Verzicht auf das Streben, aufzusteigen. Das darf ich und soll es; aber auf der Linie des mir Zugewiesenen. Ich darf aber nicht dem Ressentiment verfallen; jener Haltung, die verrät, daß ich doch nicht wirklich angenommen, wirklich verzichtet habe, und die darin besteht, das mir Versagte schlecht zu machen.

An der Wurzel von allem liegt der Akt, durch den ich mich selbst annehme. Ich soll damit einverstanden sein, der zu sein, der ich bin. Einverstanden, die Eigenschaften zu ­haben, die ich habe. Einverstanden, in den Grenzen zu stehen, die mir gezogen sind.

Meine Grenzen erfahren

cht nur die Grenzen, sondern die Unzu­länglichkeiten und Fehler meines Seins erfahre: Schäden der Gesundheit; Störungen im psychischen Gefüge; Belastungen von Eltern und Vorfahren her; Bedrängnis durch die so­ziale und historische Situation und so fort. Warum ist das alles?

Von dort her kann scharf ins Bewußtsein treten, daß die Einweisung ins individuelle ­Dasein mit dem Verstand nicht durchdrungen werden kann. Ich vermag einzusehen, wie es bei mir zu diesem oder jenem Tatbestand ­gekommen ist. Aber ist damit wirklich alles klar? Auf die Frage: Warum muß gerade ich es sein, auf den hin dieser und jener Einfluß wirksam werden? – gibt es keine Antwort.

Ich kann nicht erklären, wie ich ich-selbst bin; ich kann nicht verstehen, warum ich so oder so sein muß; ich kann meine Existenz nicht in irgendeine naturhafte oder geschicht­liche Gesetzmäßigkeit auflösen, denn sie ist keine Notwendigkeit, sondern eine Tatsache. Sie ist, wie sie ist, und könnte auch anders sein. Sie ist, und könnte auch nicht sein. Und doch bestimmt sie vom Innersten her mein ganzes Dasein. Das alles heißt: ich kann mich selbst nicht erklären, noch mich beweisen, sondern muß mich annehmen. Und die Klarheit und Tapferkeit dieser Annahme bildet die Grundlage alles Existierens.

Diese Forderung kann ich auf bloß ethischem Wege nicht erfüllen. Ich kann es nur von etwas Höherem her – und damit sind wir beim Glauben.

Glauben heißt hier, daß ich meine Endlichkeit aus der höchsten Instanz, aus dem Willen Gottes heraus verstehe.

Er ist es, der mich geschaffen hat. Er ist Der, der mich mir gegeben hat. Weil er es wollte.

Die Fragen der Existenz: Warum bin ich der, der ich bin? Warum geschieht mir, was mir ­geschieht? Warum ist mir versagt, was mir versagt ist? – diese Fragen bekommen ihre Antwort nur in der Beziehung auf Gott.

Allerdings müssen wir sofort hinzufügen: sofern diese Beziehung nicht nur abstrakt ­gedacht, sondern lebendig erfahren wird. Das aber kann geschehen. Denn eine solche Erfahrung ist wohl Gnade; aber es ist verheißen, daß sie – „die gute Gabe“ – denen gegeben wird, die im Ernst und der Geduld ihres Herzens darum bitten und sich betend und meditierend darum mühen.

Mein Anfang liegt in Gott. Frömmigkeit aber bedeutet, sich immer wieder aus diesem Willen Gottes entgegenzunehmen. Das ist das A und O aller Weisheit. Die Absage an die ­Hybris1. Die Treue zur Wirklichkeit. Die Tapferkeit, welche sich dem Dasein stellt und ebendarin dieses Daseins froh wird.

Mich selbst achten

Die Achtung des Menschen vor sich selbst muß geradezu neu entdeckt werden. Sie wurzelt in der weithin vergessenen Wahrheit, daß Gott selbst uns achtet. Der Mensch kommt nicht aus der Natur, sondern aus der Erkenntnis und der Liebe, das heißt aber, aus der Verantwortung des Lebendigen Gottes. Ein Mensch, der nur aus der Natur käme, könnte sich nicht achten – ebensowenig, wie ein Tier es kann. Und es ist wichtig, daß wir Selbst­achtung lernen, denn die Geschichte der Menschheit droht immer mehr auf die Ent­ehrung des Menschen zuzugehen – ebenso, wie sie auf die Vernichtung zuzugehen droht, und eines nur möglich wird durch das andere. Der moderne Krieg mit seinen Waffen wäre nicht möglich, wenn im Menschen nicht der Trieb zum Tode wirkte; und kein Totalismus2 würde gelingen, wenn etwas im Menschen nicht mit seiner eigenen Entehrung einverstanden wäre. Gott hat aber den Menschen nicht in der Weise erschaffen, wie er es mit den Himmelskörpern getan hat, nämlich als Objekte. Sondern so, daß er ihn zu seinem Du gesetzt und ihn angerufen hat. Ebendamit hat Er aber die Achtung für den Menschen zur Grundlage des Verhältnisses gemacht, in das Er ihn zu sich selbst gesetzt hat. So darf auch das Gericht, das der Mensch über sich hält, niemals die fundamentale Achtung auf­heben, die er vor sich haben soll – deswegen, weil Gott sie hat.

Und weiter: wenn ich mir selbst gegeben bin, dann ist mir ebendarin auch ­meine Lebenschance gegeben; und wenn Der, der mich mir gegeben hat, der Weise und Gütige ist, ja sogar, wie Christus sagt, mein Vater – dann will Er doch, daß „ich lebe, und in Fülle lebe“. Diese Lebens­erfüllung kann aber nur die meine sein; nicht die eines Anderen. So führt der Weg zu allem Guten aus meinem Wesensansatz heraus – und die Tapferkeit der Selbstannahme bedeutet zugleich das Vertrauen auf diesen Weg.

Ich-Sein heißt geradezu einen Weg haben, jenen, der aus dem Ich der ­Anfänglichkeit in das der Vollendung führt. Der kann weit umführen, durch ­Bedrängnisse und Dunkelheiten. Er kann scheinbar verwehen und verschüttet werden. Immer ist er aber da, sogar wenn er durch den Untergang führt. Man sagt dergleichen nicht gern. Es klingt pathetisch; und außerdem wendet das Gewissen ein, ob der Redende denn selbst damit Ernst mache. Aber schließlich muß er die Wahrheit doch sagen, auch wenn er selbst davor nicht bestehen kann. Der Tod ist nicht, was all das makabre Gerede in Philo­sophie und Dichtung und Kunst verkündet; der Weg geht durch ihn hindurch.

Dem Geist trauen

Wer ich bin, verstehe ich nur in dem, was über mir ist. Nein: in Dem, der mich mir gegeben hat. Der Mensch kann sich aus sich selbst heraus nicht verstehen. Die Fragen, in denen das Wort „warum“ vorkommt und das Wort „ich“ – sind vom Menschen her nicht zu beantworten. Die Antwort auf sie gibt nur Gott.

Und hier kommt uns wohl nahe, was der Heilige Geist bedeutet, von dem ­gesagt ist, daß Er „der Geist der Wahrheit“ sei, der „einführt in alle Wahrheit“; und weiter, daß Er der Geist der Liebe sei. Er kann mich jene Wahrheit verstehen lehren, die mich niemand lehren kann, nämlich meine eigene.

Dieser Geist kann wirken, daß ich meiner inne werde. Er kann machen, daß ich die haarschmale und doch so tief trennende Ferne durchmesse, die zwischen mir und mir-selbst liegt. Er kann wirken, daß ich in Frieden mit mir gelange. Denn in mir ist ja kein Friede. All jene Fragen, die das „Warum“ enthalten und das „Ich“, sind ja Ausdruck einer tiefen Entzweiung.

Die ersten Menschen haben in der Stunde der Prüfung sich selbst nicht angenommen, nicht Ebenbild sein wollen, sondern Urbild; nicht von Gott geschaffen und gegeben, sondern selbst Gott. Die Wirkung aber war, daß sie uneins wurden in ihrem Wesen und dadurch das Wissen um sich selbst verloren. Ihr Sein vergaß seinen Namen. Von da ab waren Name und Sein auf der Suche nacheinander und fanden sich nicht mehr. Im Heiligen Geist hat Christus die Versöhnung, den Frieden vollbracht; mit Gott und in Gott mit dem eigenen Selbst.

Diese Einheit ist nur, wo Liebe ist. Wissen ist nur, wo Liebe ist. Vom Menschen gibt es kein kaltes Wissen. Kein Wissen in Gewalt. Nur in jener Großmut und Freiheit, die Liebe heißt. Die Liebe beginnt aber in Gott: darin, daß Er mich liebt, und ich fähig werde, Ihn zu lieben; und Ihm dankbar bin für seine erste Gabe an mich, die heißt: ich-selbst.

1 Hochmut

2 Totalismus ist jene geistige Haltung, in der alle Dinge – materielle, geistige und moralische – von einem einzigen, einer Ideologie unterworfenen Blickwinkel aus gewertet werden. Er relativiert auch den Wert und die Würde eines Menschenlebens, ordnet sie dem ideologischen System unter.
 

Copyright

Alle Autorenrechte liegen bei der Katholischen Akademie in Bayern
Romano Guardini, Die Annahme seiner selbst, 9. Taschenbuchauflage 2008
Matthias-Grünewald-Verlag, Ostfildern

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