Wohin der Geist drängt

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Durchstarten in alle Richtungen

50 Jahre Offensive! Wer euch begegnet, merkt, ihr seid in den besten Jahren! Geistig und geistlich seid ihr ganz lebendig. Und dennoch markiert ihr hier ein halbes Jahrhundert. Ihr seid eine Gemeinschaft, die vielen anderen ganz zugewandt ist. Das ist ja ein zentrales Anliegen von euch: Ihr wollt in die nächste Generation hinein investieren. Dieses Da-Sein für die Zukunft wird sicher auch in den nächsten 50 Jahren Teil eurer zentralen Berufung bleiben.

Was soll man solch einer Gemeinschaft wie der OJC überhaupt auf den Weg geben? Ihr macht ja so vieles richtig. Dennoch möchte ich euch bei eurem Durchstarten bestärken und ermutigen. Ich habe vier Richtungen, in die wir alle miteinander gut und gerne immer wieder neu durchstarten können und sollen, gleich, ob wir jetzt zur OJC gehören, zum Freundeskreis oder zu den verbundenen Gemeinschaften und Werken.

In die Tiefe

Das Erste ist der neue Start in die Tiefe, die Tiefen­bohrung. Es ist so wichtig, die Wurzeln tief zu treiben, unsere Geschichte nicht zu verlieren. Die Kultur, gerade auch die geistlich geprägte Kultur Europas, aber nicht nur Europas, immer neu zu entdecken. Den Reichtum, der ja da ist, nicht zu vergessen. Uns zu besinnen, zurückzu­schauen auf das, was Gott uns schon anvertraut hat. Das wahrzunehmen, was sich vom Geist Gottes, vom Wort Gottes in unsere Geschichte hinein in­kulturiert hat. Immer neu zu fragen: Was hat Gestalt ­gewonnen, was ist Fleisch geworden? – und dann daran anzuknüpfen, immer neu in die Tiefe, in die Vergangenheit, in die geistlichen Urgründe hinein und von dort heraus Kraft zu ziehen.

In die Höhe

Der zweite Start passt zu unserem heutigen Fest Himmelfahrt, nämlich neu in die Höhe zu starten. Immer neu Spiritualität einzuüben, immer wieder Gotteslob, Anbetung in die Mitte zu stellen, immer neu hören auf das Wort und den Geist Gottes, immer neu seine Gegenwart erleben wollen. „Trachtet nach dem Reich Gottes“, das heißt: Startet immer neu in die Höhe! Und das ist möglich, denn Gott hat sich uns gezeigt als „Immanuel“, als „Gott mit uns“. Und weil er zu uns kommt, dürfen wir uns zu ihm ausstrecken. Ich vergesse, was dahinten ist, sagt Paulus, ich strecke mich aus nach der himmlischen Berufung.

In die Weite

Durchstarten in die Weite – das ist die dritte Bewegung. Ihr als OJC lebt das schon, doch ich glaube, in Zukunft seid ihr noch mehr dazu gerufen, weltweit zu denken, zu beten und zu leben. Es ist schön, dass wir heute hier Freunde aus ver­schiedenen Ländern, verschiedenen Kontinenten bei uns haben. Diese Internationalität ist aus meiner Sicht einer der stärksten Wachstumspunkte, wo ihr noch weitergehen könnt in den nächsten 50 Jahren eurer Beauftragung. Da ist noch so viel Territorium zu entdecken. Die Welt, die früher so weit weg war, ist so nah gekommen. Sie wahr­zunehmen und sich immer wieder neu aufzumachen, an die Dönerbuden und in die Kontinente dieser Welt, hin zu den anderen Kulturen, das ist eine Durchstartbewegung in die Weite hinein, die ich euch gerne anbefehlen möchte.

Nach vorn

Und dann nach vorne, zu neuen Formen, neuen Generationen, neuen Zielgruppen. Wir leben ja in einer grundsätzlich veränderten Weltlage, noch vor zehn Jahren war die Welt eine ganz andere. Vor zwanzig Jahren schrieb man noch mit der Hand. Heute rast die Digitalisierung immer schneller voran. Unser Fest heute ist wahrscheinlich zeitgleich schon via Facebook oder sonst wie irgendwo im Äther unterwegs und wird möglicherweise in China schon wahrgenommen. Wie gehen diese sich ständig beschleunigenden Trends weiter? Was wird in zehn, zwanzig, fünfzig Jahren sein?

Herausforderungen in einer neuen Weltlage

In dieser veränderten Weltlage, in der ehemals mehr oder weniger „monolithische“ Kulturen wie das christliche Abendland, der islamische Orient usw. – sich immer mehr durchmischen, können wir nur nach vorne durchstarten. Wir erleben, wie der Westen islamischer wird, aber auch durch das Wirken Gottes immer mehr Menschen zum Beispiel im Iran, aber auch in Saudi-Arabien, auf wunderbare Weise den Weg zum Messias Jesus finden. Die alte Zeit mit abgegrenzten geographischen, kulturellen und religiösen Räumen ist ein für alle Mal Vergangenheit. Angesichts dieser neuen globalen Realitäten erwachen viele Fragen. Fragen nach der Zukunft der Welt, aber auch nach der Zukunft der Christenheit. Welche neuen Formen wird Gottes Geist den Kirchen schenken? Wie werden sich unsere Kirchen verändern durch die vielen Migranten, durch das Entstehen so vieler internationaler Gemeinden in unserem Land? Was bewegt Gottes Geist hier? Was können wir von den Zugezogenen lernen?

Die Verheißung, aufzubrechen

Mir ist eines eurer Berufungsworte in den Sinn gekommen: Mache den Raum deines Zeltes weit und breite aus die Decken deiner Wohnstatt; ­spare nicht! Spann deine Seile lang und stecke deine Pflöcke fest! Denn du wirst dich ausbreiten zur Rechten und zur Linken, und deine Nachkommen werden Völker beerben und verwüstete Städte neu bewohnen (Jesaja 54,2). Hier ist das Bild eines Beduinenzeltes, an das man immer wieder anbaut. Wenn eine neue Familie entsteht, einer der Söhne oder Töchter heiratet, wird ein Zelt angebaut. Ein Bild für organisches Wachstum, für Ausbreitung in alle Himmelsrichtungen. Was bedeutet das für euch als OJC-Gemeinschaft? Wie sieht diese Multiplikation der OJC in der Zukunft aus? Was ist jetzt dran? Vielleicht Ausgründungen in neue Orte hinein, wo eure Grundberufung noch einmal ganz konkrete Formen findet? Ich denke, wir haben in den vergangenen fünfzig Jahren schon einiges von diesem Multiplikations-Wachstum erlebt. Viele haben davon profitiert, an vielen Orten, Gemeinden, Gemeinschaften und Bewegungen im Land und weit darüber hinaus. Ihr als OJC habt euch in dieser veränderten Weltlage in andere Bewegungen hinein multipliziert. Doch vielleicht werdet ihr selbst in der Zukunft viel multikultureller, vielleicht werdet ihr auch vielsprachiger, vielleicht sind nicht nur Deutsch und Schwäbisch eure beiden Sprachen der Zukunft!

Der Wind weht und wirkt

Wenn wir auf die geistliche Großwetterlage schauen, dann sehen wir, dass über viele Jahrhunderte der Wind der Christenheit aus dem Norden und aus dem Westen gekommen ist. Da war das Geld, da war die Erfahrung, da war die Reformation, da waren die Erweckungen, das war Europa plus Neueuropa, sprich Amerika. Von dort wehte der Wind in die weite Welt hinein. Seit mindestens 30, 40 Jahren sehen wir, dass der Südwind stark wird. Das Zentrum der Christenheit ist in die Südhalbkugel hinuntergegangen. Dort ist viel mehr Dynamik. Während wir hier relative Flaute haben, weht dort der Wind der Heiligen Geistes mit großer Kraft. Und dann gibt es noch einen neuen Wind, den Wind aus der Wüste, der uns auch hier in Europa erreicht und der seinen Ursprung in Zentralarabien hat. Wenn jetzt diese Winde aufeinandertreffen, ist da ein Kampf der Kulturen angesagt? Zwischen all diesen verschiedenen Winden, die durch diese Welt stürmen, dem Nordwind, Südwind, Westwind und Ostwind, ist das Wehen des Heiligen Geistes zu spüren, zu erlauschen, wo dieses sanfte Reden und Wirken Gottes ist, das sich fast unmerklich und dennoch so real durch alle Strömungen hindurchbewegt. In dieser neuen Lage durchzustarten heißt ja nicht, dass bisher alles falsch war oder nur halb gut. Es heißt, dass die Kräfte gesammelt werden und es weitergehen kann. Ich wünsche euch, dafür offen zu sein!

Sendung mit Auftrag

Der geistliche Zuspruch, den ich euch heute mitgeben will, ist das uns allen sehr bekannte Wort am Ende des Matthäusevangeliums. Dort spricht Jesus von der Grundlage: Mir ist gegeben alle ­Gewalt im Himmel und auf Erden (Mt 28,18). Jesus Christus ist und bleibt die Grundlage. Und dann spricht er vom Auftrag: Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker, und er unterstreicht das mit der Verheißung: Ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt. Unter diesem Sendungsauftrag, der zugleich eine unglaubliche Zusage ist, könnt ihr in die nächsten fünfzig Jahre durchstarten. Es ist eine unerschütterliche Tatsache, dass Jesus Christus da ist. Was bedeutet es, wenn wir diesen Auftrag ergreifen, nämlich zu taufen, zu lehren und zu Jüngern zu machen? Taufet sie auf den ­Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes! Das heißt: Führt Menschen in eine ganzheitliche Christuserfahrung hinein, in dieses Mit-Sterben und dieses Mit-Auferstehen mit Jesus. Es ist der Auftrag, weiterzuleben und weiterzugeben, was wir selbst empfangen haben, uns immer tiefer hineinzuleben in die Realität des gekreuzigten und auferstandenen Jesus.

Taufen, lehren, prägen

Wie war das damals am Anfang der Christenheit? Wie war das dort am Jordan? Doch so: Der Täufer geht gemeinsam mit dem Täufling ins Wasser. Der Taufende wird selbst auch nass. Das ist wichtig, dass wir nicht nur versuchen, anderen etwas zu vermitteln, was uns selbst unberührt lässt. Wenn wir die nächste Generation in die Erfahrung der Gegenwart Jesu, seines Kreuzes, seiner Auferstehung, seines Heiligen Geistes, taufen wollen, dann werden wir dabei selbst nass. Wir werden auch immer wieder getauft. Damit meine ich, dass wir andere Menschen einladen, hineinzusteigen in die Jesuserfahrung, in die Lebenserneuerung, die der Geist Gottes schenkt. Das können wir nur tun, wenn diese Lebenserneuerung, wenn diese Taufe im Geist und in der Wahrheit immer wieder in und an uns selbst auch passiert. Tauft sie, das heißt auch: Bleibt selbst Lernende, denn nur als Lernende können wir lehren. Sie zu lehren, ganzheitlich, das macht ihr auf wunderbare Weise mit den FSJlern und allen, die bei euch für eine Zeit mitleben. Meine Frage an uns alle hier und heute ist: Wie können wir als Gemeinden in Deutschland Leute nicht nur mal kurzfristig berühren, wenn sie irgendwo in einen Gottesdienst kommen? Wie können davon noch viel mehr Menschen profitieren? Doch so: Indem wir unsere Häuser öffnen, unsere Herzen öffnen, unser Leben öffnen, so wie Jesus es seine Jünger gelehrt hat. Im Zusammensein Menschen an uns heranlassen bedeutet, wir können sie prägen und zu einem Lebensstil der Nachfolge einladen. Das funktioniert nur dann, wenn wir selbst in diese Bewegung hineinkommen, immer neu uns eintauchen in die Wirklichkeit Gottes, immer neu selbst gelehrt werden, unser Denken, Fühlen und Handeln erneuern lassen und uns als Jünger, als Schüler, als Nachfolger bewähren.

Die Generationen und die Nationen

In dem allen ist mir – und das ist vielleicht der Kern dessen, was ich Euch sagen will – der Fokus dieses Sendungsauftrags von Jesus neu ins Auge und ins Herz gesprungen: panta ta ethne. Im griechischen sind es drei Wörter, im Deutschen nur zwei: „alle Völker“: Machet zu Jüngern alle Völker (Mt 28,19). Wir sind in Deutschland aufgerufen, diese Realität wahrzunehmen. „Alle Völker“, alle Volksgruppen, Stämme, Zielgruppen. Ihr habt einen Auftrag an den Generationen. Den habt ihr in eurer OJC-Geschichte engagiert und treu gelebt. Ich glaube, Gott gibt euch auch einen Auftrag an den Nationen. Die Generationen plus die Nationen, das ist das Wort, das ich euch bringe. Ihr macht das gut mit den Generationen, bleibt dabei! Und macht es noch mehr mit den Nationen! Euer Reden, Denken, Schulen, Handeln kann und soll noch internationaler werden. International im geographischen Sinne, Horizonte erweitern, aber auch international bei uns. Seid weiterhin da für die Generationen und für die Nationen! Dazu segne euch Gott. Amen.

Von

  • Roland Werner

    Dr. phil., ist Sprachwissenschaftler und evang. Theologe. Er leitet mit seiner Frau Elke die ökum. Gemeinschaft Christus-Treff in Marburg, ist Autor vieler Bücher und war bis Anfang 2010 Vorsitzender des Christival.

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