Tabus entmachten

Was TeenSTAR in Äthiopien bewirkt. Interview mit Desta Amanuel

Desta Weldeyohanis Amanuel kommt aus einer ländlichen Gegend Äthiopiens an der Grenze zu Eritrea. Ihre Eltern sind Bauern, ihnen gehört ein kleines Stück Land, das sie bewirtschaften. Sie selbst können weder lesen noch schreiben. Desta aber konnte eine Ausbildung machen und verantwortet heute die landesweite Koordinierung des TeenSTAR-Programms (s. S. 76). Wir haben sie zum Tag der Offensive ein­geladen, um sie besser kennenzulernen und von den Chancen und Herausforderungen zu erfahren, die sie für ihr Land sieht.

Desta, du hast erzählt, dass es selbstverständlich war, dass du schon mit fünf Jahren geholfen hast, Holz und Wasser zu tragen, Mehl zu mahlen, die jüngeren Geschwister zu beaufsichtigen. Trotzdem hat dein Vater dir erlaubt, die Schule zu besuchen. Wie kam es dazu?

Ich durfte mit 12 Jahren als erste aus meiner Familie zur Schule gehen, als eine Schwester von der „Genossenschaft der Töchter der christlichen Liebe vom Hl. Vinzenz von Paul“ in unser Dorf kam, um eine Kirche und eine Grundschule aufzubauen. Ich kam in der Schule gut vorwärts. Darum hat mein Vater es unterstützt, als ich in der Stadt eine weiterführende Schule besuchen wollte. Ich habe eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht und in einer Klinik unter der armen Bevölkerung gearbeitet. Dann bekam ich einen Arbeitsplatz im Sekretariat der katholischen Kirche angeboten.

Ich muss zugeben, dass ich noch nie von der Äthiopisch-katholischen Kirche gehört habe!

Das Christentum ist bei uns seit Anfang des 4. Jahrhunderts verbreitet. Und meine Familie ist schon seit mehreren Generationen katholisch, genau seit einer Evangelisation durch Justinus de Jacobis in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die ganze Region wurde damals katholisch. Die meisten Menschen in Äthiopien sind orthodox, nur ca. 1 Pro­zent der Bevölkerung ist katholisch, aber die katholische Kirche ist für alle da, auch Muslime und orthodoxe Christen sind willkommen. Es gibt zunehmend mehr Muslime, bis heute kommen alle gut miteinander aus.

Und wie bist du zu TeenSTAR gekommen?

TeenSTAR gibt es seit dem Jahr 2000 in Äthio­pien, eine amerikanische Stiftung hatte den Start finanziert. Meine Vorgängerin im Landesbüro der katholischen Kirche fragte mich, ob ich nicht mit ihr zusammenarbeiten und TeenSTAR einführen wollte, denn inzwischen führt die Kirche das Programm eigenständig durch. Finanziell unterstützt wird es aber immer noch von verschiedenen Organisationen weltweit, auch von der OJC. Meine Aufgabe ist die Koordinierung der Gruppen und der Ausbildung in allen dreizehn Diözesen.

Wie ist die Situation junger Frauen in Äthiopien?

Entgegen der Tradition hat mein Vater mich nicht schon vor der Pubertät verheiratet. Tatsächlich werden die Mädchen manchmal schon mit sieben Jahren verheiratet. Die Eltern wissen nicht, was sie einem Teenager sagen sollen und denken, dass ein Ehemann mit ihren Töchtern schon fertig werden wird, vor allem, wenn er etwas älter ist. Sexualität ist in Äthiopien hochgradig tabu, niemand spricht mit seinen Kindern darüber. Eine Mutter erzählt ihrer Tochter nicht, was es bedeutet, wenn die Men­s­truation einsetzt. Fruchtbarkeit und Fortpflanzung sind einfach kein Thema. Deshalb kommt es zu vielen durch Geschlechtsverkehr übertragenen Krankheiten. AIDS ist sehr verbreitet, auch die furchtbare Praxis von Genitalbeschneidungen, auch unter Christen.

Das hört sich sehr archaisch an. Aber auch in Äthiopien gibt es Mobiltelefone und das Internet!

Ja, und dadurch hat sich in den letzten zehn Jahren sehr viel verändert, allerdings nicht nur zum Guten. Alle jungen Leute haben ein Mobiltelefon, das muss sein, egal wie arm sie sind. Damit haben sie Zugang zum Internet und leider auch zu Pornos. Die Elterngeneration wusste so gut wie nichts über das, was im Körper passiert, die jetzige Generation weiß zu viel, zumindest scheinbar. Die Tradition greift nicht mehr und die Kluft zu den Eltern ist riesig. Die Jugendlichen fühlen sich unverstanden – bei vielen weckt das übrigens auch den Wunsch, das Land zu verlassen.

Eine riesige Herausforderung, auch für die Kirchen, oder?

Besonders die fehlende Sprache ist ein Problem. Die Priester gelten als über den anderen stehend, sie befürchten, dass es sie erniedrigen könnte, wenn sie bestimmte Themen ansprechen. Viele Gemeinden wünschen sich Veränderung und gleichzeitig haben sie Angst davor. Dabei haben wir ein eigenes Angebot für religiöse Gruppen. Da können wir sehr offen über unser spirituelles Verständnis sprechen.

Und was ist mit den Schulen? Gibt es keine Sexualaufklärung im Unterricht?

Das Thema kommt in den Lehrplänen nicht vor. Die Lehrer interessieren sich, sie geben sich Mühe, aber sie wissen selbst viel zu wenig über Biologie und wie der Körper funktioniert. In den Schulen werden Kondome verteilt, aber man gibt den Schülern nicht die notwendigen Informationen dazu. Sie benutzen die Dinger also, wann immer sie Lust dazu haben, aber sie wissen nicht, was das bedeutet. Die Mädchen werden schwanger und es kommt zu vielen Abtreibungen. Etliche brechen danach die Schule ab, ganz abgesehen davon, dass sie jedes Selbstwertgefühl verlieren. Viele, wenn auch nicht alle Kinder, haben die Möglichkeit, in einer Schule lesen und schreiben zu lernen, aber das ist alles. Es gibt große Wissenslücken in Fragen der Ernährung und der Hygiene. Darüber hinaus fehlt es ihnen an Führung, an einem Verständnis von Ethik und Moral.

Dabei dreht es sich bei TeenSTAR ja gar nicht nur um Moral …

Richtig, TeenSTAR ist ein ganzheitliches Programm. Wir sprechen über die Vorgänge im Körper beim Übergang von der Kindheit zum Erwachsenen. Darüber hinaus fördert das Programm eine umfassende Persönlichkeitsbildung. Wenn ich mich mit den Jugendlichen unterhalte, dann merken sie schnell, dass TeenSTAR ihre Sprache spricht. Jugendliche, die Probleme mit ihren Eltern oder in der Schule haben, lernen sich durch TeenSTAR auszudrücken und fühlen sich verstanden. Genauso lernen die Eltern, wie sie mit ihren Kindern reden können, denn wir arbeiten auch mit Erwachsenen. Ein Kurs dauert zwischen 6 und 8 Monate mit regelmäßigen Gesprächsgruppen, wir folgen dabei dem internationalen TeenSTAR Ausbildungsprogramm. Am Ende steht eine Zeremonie mit der Übergabe einer Teilnahmebescheinigung. Dazu werden die Eltern und auch Repräsentanten der Schulen und Gemeinden eingeladen, alleine diese Wertschätzung bedeutet viel für die Jugendlichen. Dass sich ein junges Mädchen vor eine große Gruppe von Erwachsenen stellt und über ihren Körper spricht und Zeugnis gibt von dem, was sie durch TeenSTAR gelernt hat, ist für die äthiopische Kultur sehr ungewöhnlich. Der Bedarf ist groß. Seit 2000 haben wir über 500 Kursleiter ausgebildet und über 50.000 Schüler aus den verschiedenen Religionen haben an dem Kurs teilgenommen.

Hat Äthiopien nicht ganz andere Probleme, die zuerst gelöst werden müssten?

Stimmt, das Land ist sehr arm. Die Technologie ist nicht weit entwickelt, es mangelt an guter Bildung. Aber TeenSTAR ist ein Entwicklungsprogramm für ganz Äthiopien, weil die Jugendlichen lernen, sich einzubringen und teilzuhaben. Sie lassen sich nicht mehr so leicht manipulieren und können ein besseres Leben führen. Besonders die Mädchen entdecken, dass sie Begabungen und einen Wert für die Gesellschaft haben.

Du sprichst viel von Frauen und Mädchen. Was ist mit den jungen Männern?

Unsere Kultur wird insgesamt sehr von Männern dominiert. Es war für mich etwas ganz Besonderes, bei meinem Aufenthalt bei der OJC zu beobachten, wie freundschaftlich und offen Männer und Frauen miteinander umgehen. Die Freundschaft der Brüder Konstantin und Frank, die mich in Äthiopien besucht haben, bedeutet mir sehr viel.

Je mehr das Selbstbewusstsein der Mädchen wächst, desto mehr möchten sie, dass auch die jungen Männer davon erfahren, und darum haben­ wir das Angebot auf sie ausgeweitet. Wenn sie sich selbst besser kennen, respektieren sie die Mädchen eher. Eine beeindruckende Veränderung hat ein junger Mann gemacht, der mit zehn Jahren die Schule abgebrochen hatte und dann elf Jahre ziellos auf der Straße lebte. Jemand hat ihn zu TeenSTAR gebracht. Nach dem Kurs hat er den Schulabschluss nachgeholt und ist aufs College gegangen. Er ist ein echtes Vorbild für andere und seine Geschichte trägt auch zur Versöhnung der Geschlechter bei.

Versöhnung ist ein gutes Stichwort.

Versöhnung ist ein gutes Stichwort. Wie haltet ihr es mit den anderen Religionen?

Wir gehören zu zwei interreligiösen Institutionen in Äthiopien, dem „Ethiopian Inter-Faith Forum for Development Dialogue and Action“ (EIFDDA) und dem „Interreligious Council of Ethiopia (IRCE). Dort arbeiten wir mit Muslimen genauso wie mit anderen Religionen zusammen. Die Fragen der Teenager sind in allen Religionen gleich. Von uns bekommen sie die Antworten, die ihnen vorher niemand geben wollte, und zwar wissenschaftlich fundiert über ihren Körper, aber auch was Geist­liches betrifft. Wenn wir über Gott reden, sprechen wir meistens vom Schöpfer, an den glauben alle. Äthiopien ist ein riesiges Land mit der zweitgrößten Bevölkerung (nach Nigeria) in Afrika. Es sind nicht nur viele Religionen vertreten, es werden über 80 verschiedene Sprachen gesprochen. TeenSTAR hilft zu einer tiefgehenden Veränderung nicht nur Einzelner, sondern letztlich im ganzen Land. Die Fähigkeiten, die unsere Absolventen in den Kursen erwerben, helfen ihnen, auch in der Schule und mit unserem Land besser zurechtzukommen. Sie begeben sich nicht in unnötige Gefahr, nur um das Land verlassen zu können, sondern bleiben und bauen es hier mit auf. Sie verstehen, dass es vorteilhaft ist, wenn sie zusammenarbeiten und nicht eine Gruppe gegen die andere kämpft.

Äthiopische Frauen sind so schön. Was macht dich stolz als Frau aus Äthiopien?

Äthiopische Frauen sind sehr fürsorglich, sie arbeiten hart und tragen das Leben weiter. Sie sind das Herz der Familie, kümmern sich um ihre Brüder, um ihre Ehemänner und ihre Eltern. In unserer Kultur ist es üblich, dass die Männer rumsitzen und die Frauen kochen und alle Arbeit machen, sogar, wenn sie schwanger sind und ein kleines Kind auf dem Rücken tragen. Und dann haben sie zu wenig Zeit zum Schlafen. Den Mädchen wird nicht gesagt, wie wichtig sie sind. Sehr oft hören die Frauen, dass sie ja nur Frauen seien. Dabei ist es andersherum. Wenn eine Familie stark ist, liegt es daran, dass da eine starke Frau oder ein starkes Mädchen ist. TeenSTAR macht sie noch stärker. TeenSTAR hilft ihnen, nicht länger die Sklavinnen der Männer zu sein, sondern sich selbst und die Männer zu respektieren. Sie verstehen, Männer sind wichtig, aber Frauen sind es auch. Sie verlieren ihre Schüchternheit und erheben ihre Stimme. Sie nehmen den Tabus die Macht.

Die Fragen stellte Birte Undeutsch. Mit der Weihnachtsaktion 2018/19 werden wir die Arbeit von Desta Amanuel auch finanziell unterstützen.

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