Knapp vorbei ist auch daneben

Wie wir mit den drei Weisen ins Ziel gelangen

„Wo sind die Kamele?” – ist stets die erste Frage meiner Nichten, wenn sie die Krippe unterm Christbaum inspizieren. Die elegant geschirrten Einhöcker der drei Weisen aus dem Morgenland sind ihre Stars und stechen selbst Ochs und Esel aus. Wie alle Tiere wurden auch sie zu den Weihnachtsberichten hinzufabuliert, vielleicht, weil ein „Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen” wenig spektakulär ist. Und weil nicht nur das Kinderauge nach Pracht und Exotik späht, hat die Überlieferung die Weisen zu „Heiligen Königen” befördert.

Tatsächlich haftet dem Bericht etwas von Königslegende an. Der Evangelist Matthäus beschreibt die messianische Zeitenwende als eine Erschütterung aller Machtverhältnisse im Gefüge der Weltreiche und ihrer Vasallen. Und während bei Lukas, dessen Bericht auf die Naherwartung im Volk Israel fokussiert, die Hirten bei Bethlehem nach dem ersten Schrecken genau verstehen, wen ihnen die Engel da verkünden, gelangen die Sterndeuter aus dem Osten erst über verfängliche Umwege zum Kind. Sie laufen geradewegs dem Herodes in die Arme, der später alle männlichen Kleinkinder in Bethlehem töten lässt, damit keiner Anspruch auf den Thron Davids erheben kann. Das ist die finstere Seite der Geschichte, vor der wir bei allem weihnachtlichen Sternengefunkel und Epiphanias-Staunen die Augen nicht verschließen dürfen.

Schatten überm Weihnachtsfunkeln

Dieser Kindermord war nicht der erste und nicht der letzte Genozid gegen Juda, enthüllt aber die hinter der Menschengeschichte tobende kosmische Rebellion gegen Gottes Ordnung. Darin ist der machtgierige Edomiterkönig ein williges, die drei Orientalen unfreiwillige Werkzeuge. Wie konnte es so weit kommen? Trotz durchdachter himm­lischer Regie, die das junge Paar, die Geschicke des römischen Protektorates und sogar die Sternenkonstellation so punktgenau auf das Kommen des Verheißenen ausgerichtet hatte? Auf diese Frage gibt das Evangelium keine Antwort, und es wäre verfehlt, die Weisen dafür verantwortlich zu ­machen. Weil sie aber in der Erzählung offensichtlich die Völker repräsentieren, tun wir Christen gut daran, einige Lehren aus dem Bericht zu ziehen.

Wissensdrang oder Offenbarung

Die drei werden als „Magoi” vorgestellt, als Universalgelehrte, bewandert in der Sternenkunde und den Mythen der Völker. Womöglich hegten sie Sympathien für den Schöpferglauben und das Gesetz der Juden und hatten Respekt vor ihrem Gott. Wir sehen: Forscherdrang, Erkenntnisdurst, geistlicher Hunger und moralische Sensibilität sind ein innerer Kompass im Streben nach Wahrheit. Sie versetzen uns in heilige Unruhe und inspirieren zu tiefen religiösen Einsichten. Wenn sie unsere Sinne auch für das Übersinnliche schärfen, lehren sie uns, die Zeichen der Zeit zu deuten. Dennoch: Knapp vorbei ist auch daneben. Unser Wissen und Trachten, selbst unsere edelste Motivation, führen letztlich ins Leere, oder wie hier: in die Irre.

Wahl oder Erwählung

Das Volk Israel hat aus Erfahrung gelernt, dass Weisheit nicht die Voraussetzung für die Gotteskenntnis ist, sondern deren Frucht. Gott selbst wird seinem Volk vorstellig: nicht in Sternenkonstellationen oder alchimistischen Experimenten, sondern in der unmissverständlichen Offenbarung seines Namens und seines Willens. Er stellt sich seinen Erwählten in den Weg, wie dem Jakob, der mit ihm ringend seine wahre, seine Israel-Identität erhält.

Die von Lukas genannten „Hirten auf dem Felde bei den Hürden“ haben weder die Bildung noch die moralische Exzellenz, geschweige denn die Mittel für eine Expedition zum „Judenkönig“. Sie leben aber aus der Hoffnung, dass ein Nachfahre ihres Ahnen David die Königsherrschaft Gottes unter ihnen errichten wird. Über Generationen haben sie die Erinnerung an Gottes Werke und Verheißungen bewahrt. Wie die alten Eheleute Zacharias und Elisabeth oder die jungvermählten Maria und Josef waren sie – ohne sonderliche Verdienste – bereitet worden, den König zu empfangen. Sie waren randvoll mit Israel-Identität, die in der bedingungslosen Hingabe jenes Menschen an Gott wurzelt, der erlebt hat, dass Gott sich ihm bedingungslos schenkt. Das Zeugnis der Hirten von der Engelsbotschaft entzündet ganz Bethlehem und fällt tief ins Herz der jungen Mutter: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“. Sie wird von der stärkenden Kraft  dieser Worte lange zehren, viel länger als von Weihrauch, Myrrhe und Gold.

Beschreibung oder Begegnung

Es macht einen Unterschied, ob einer über den Sohn Davids redet, ohne ihn zu kennen, oder ob er ihn als den bezeugt, der sein Leben von Grund auf verwandelt hat. Nicht, dass es Herodes von seinem mörderischen Vorhaben hätte abbringen können; aber selbst unter den Schriftkundigen am Königshof hinterließ das Reden der Fremden über ein ihnen fremdes Kind nur Befremden. Und es brachte schließlich alle in Teufels Küche.

Hausieren nicht auch wir als „Fromme“ zuweilen mit Glauben aus zweiter Hand oder religiösen Richtigkeiten? Dabei betont die Heilige Schrift stets, dass das Zeugnis von Christus erst wirksam und vollmächtig ist, wenn es aus der Verbundenheit mit ihm folgt. Dann, wenn der Heilige Geist seine Worte in uns lebendig macht, während Christus uns in der unsichtbaren Welt vor dem Vater bezeugt und für uns eintritt. Wäre nicht viel gewonnen, wenn uns die Geschichte der Weisen dazu anhalten würde, beim „Ausbreiten“ der Botschaft schlicht bei dem zu bleiben, was sich uns im eigenem Leben als lebendige Wahrheit erwiesen hat?

Gefolgschaft oder Nachfolge

Wer genau liest, sieht, dass die Weisen bis Jerusalem dem Stern keineswegs gefolgt sind. Erst nachdem sich ihre Expedition als erfolglos erweist, lassen sie sich von dem Himmelslicht, das neu aufstrahlt, „leiten“. Und nach der Begegnung mit dem Kind brauchen sie weder Stern noch astronomisches Werkzeug: Sie hören im Traum die unmissverständliche Weisung, den Königshof großräumig zu umgehen, während Josef angewiesen wird, mit seiner Familie nach Ägypten zu fliehen.

In der Begegnung mit dem Kind wandelt sich die Herzenshaltung der Drei. Ihre distanzierte Ehrfurcht vor dem König, dessen Ankunft sie aus den kosmischen Zeichen gefolgert haben, weicht einer neuen Erfahrung: Ihr Herr begegnet ihnen unspektakulär aber unbedingt und vertraut sich ihnen an, nahbar, schutz- und liebesbedürftig. Diese Begegnung macht das Herz weise, es verliert sich nicht im Labyrinth kluger Folgerungen und frommer Spekulation, sondern lässt sich formen und leiten.

Die Gelehrten gehen nicht den Weg zurück, den sie gekommen sind. Von nun an wandeln sie, wie schon die Väter des Glaubens, vor dem Angesicht des Herrn – durchdrungen von Israel-Identität. Ihr Kompass ist nicht mehr das eigene Wissen und Streben, sondern der Heilsplan Gottes, dessen Menschenliebe sie sich ausgesetzt haben. Diese mächtige Liebe kann in ihrem Leben, und durch sie im Leben ihrer Völker, wirksam werden. Der kosmische Herrschaftswechsel hat sich in ihren Herzen vollzogen!

„Die Kamele sind weiter hinten, die müssen erst durchs Nadelöhr“, murmele ich vor mich hin. Von den Weisen lernen wir, dass kein Weihrauch, Myrrhe, Gold, kein Reichtum an Wissen, Haben oder Wollen uns auch nur einen Schritt näher ans Ziel bringt. Gott aber kommt uns entgegen. Und mit den Weisen lernen wir, von Israel zu lernen: Auf die Begegnung kommt es an.

Von

  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

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