Einladung zur 1. OJC-Konferenz 1968

Denken, Danken, Dienen

Rückblick auf die Anfänge des gemeinsamen Lebens

Da war über uns zu lesen: „Großfamilie im Einsatz für Versöhnung“ – „Lebensgemeinschaft auf Zeit“ – „Pädagogische Werkstatt für einen alternativen Lebensstil“ – „Übungsfeld zur Wiedervereinigung von Glauben und Denken, Charakter und Spiri­tualität, persönlicher Frömmigkeit und politischem Engagement“ – „Begegnungs-, Forschungs- und Schulungsstätte für junge Christen“.

Was auch immer von der OJC-Großfamilie berichtet wird, jedes Fass riecht nach dem ersten Guss: Sie ist ein Kind der schöpferisch-kritischen Studentenunruhen von 1968 und das seit 12 Jahren.

Drei Begebenheiten erhellen besser als lange Analysen den „zwielichtigen“ Lebensraum der jungen Generation, in dem die Offensive entstand:

  1. Mein Freund, der damalige Heidelberger Studentenpfarrer, wehrte sich gegen die überall aufkommenden Programme sozial-ethischer Selbstbeschäftigung. Ein Theologiestudent stellte ihn vor das zentrale Problem der westlichen Christenheit: „Ich habe nun drei Jahre lang Begriffe und Theorie des Christentums studiert, nun möchte ich die dazugehörigen Realitäten kennenlernen.“ Ändert sich etwas oder nicht? Das war seine Frage.
  2. Nach einem Vortrag im Ring politischer Jugend in Berlin über das Thema „Sexualethik bei Herbert Marcuse und im Neuen Testament“, kam ein 24-jähriger Systemanalytiker und fragte mich: „Wie sind Sie denn ein so leidenschaftlicher Christ geworden und wo haben Sie Ihre Hoffnung her?“ Da erzählte ich ihm von meiner Hingabe an Gottes Willen. Folker  erwiderte: „Ich möchte die gleiche Erfahrung machen und die gleiche Entscheidung treffen wie Sie.“ Um 18 Uhr waren wir in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Was mit diesem jungen Mann geschah, das erlebten damals Hunderte: Er hat sein Leben durchgedacht, ich habe ihm Gottes Vergebung zugesprochen und mit ihm das Ignatius-Gebet gebetet, in dem es heißt:
    Lehre uns, lieber Herr,

    dir zu dienen, wie du es verdienst;

    zu geben und die Kosten nicht zu scheuen,

    uns zu mühen und nicht nach Ruhe zu fragen,

    zu kämpfen und der Wunden nicht zu achten.


    Mit Folker begann für mich die Offensive, nicht in Programmen, sondern in lebendigen Menschen.
  3. „Was würden Sie denn tun, wenn eines Tages zwei junge Leute zu Ihnen kämen mit der Bitte: ‚Wir möchten einmal eine Zeitlang in Ihrer Familie mitleben. Sie haben von einem revolutionären Christsein gesprochen, das hat uns eingeleuchtet; und nun möchten wir bei Ihnen erfahren, wie man das im Alltag leben kann!‘“ Das sagte meine Frau Irmela auf die Frage nach dem Anfang der „Großfamilie“. Damals mussten wir uns entscheiden: Wollen wir Privatleute bleiben und uns heraushalten aus den Fragen der jungen Generation und den Konflikten um uns herum? Wir haben gewählt und uns damit auf einen neuen Lebensweg eingelassen.“

Diese drei Begegnungen enthalten drei wesent­liche Anfragen junger Menschen an eine blutarm gewordene christliche Gemeinde:

  1. Wo finden wir einen tragfähigen Lebensgrund?
  2. Wer beantwortet unsere Sehnsucht nach einer umwandelnden, dauerhaften Lebenserneuerung?
  3. Wo kann ich lernen, mein Leben zu gestalten, zu teilen und hilfreich einzubringen?

Darauf versucht die Offensive mit ihrer ganzheitlichen Lebenspraxis, die Kopf, Herz und Hand einbezieht, zu antworten. Aber das geschieht nicht im Rahmen eines Akademie-Programms, sondern in der Gestalt einer „Kolonie“. Dabei geht es um die Einladung, sich auf ein Experiment in einer Werkstatt für die Zukunft einzulassen.

Unser Ziel bestimmt unseren Lebensstil

Wer Verantwortungsträger werden will, muss in vielen kleinen Schritten des Alltags zuverlässige Verhaltensweisen einüben. Dazu braucht es Klarheit, Mut und Freude.

1. Klarheit aus der Stille

Der Tag beginnt in der Gegenwart Gottes. Wir stehen morgens so früh auf, dass jeder von 6-7 Uhr Zeit für sich hat, um in Ruhe seinen Tag von Gott ausrichten zu lassen. Das kann so aussehen: Ich beginne die Stille in dankbarem Aufblick mit einem Hingabegebet. Dem folgt der Einblick in die eigene Situation, die Beziehung zu anderen, die Umstellung des Herzens auf die Erfordernisse des Tages. Die tägliche Bibellese nach dem ökumenischen Plan ermöglicht den Durchblick in die Horizonte Gottes; und die abschließende Fürbitte (vom Persönlichsten bis zum Politisch-Weltweiten) den Ausblick auf das, was von Gott erwartet werden kann.

In der nächsten halben Stunde vor dem Frühstück treffen sich zwei Gruppen zur freiwilligen Mitteilung dessen, was den einzelnen in der Stille bewegt hat und was an gemeinsamen Möglichkeiten und Aufgaben erkennbar geworden ist. Aus diesem Austausch kommt oft die Planung des alltäglichen oder außerordentlichen gemeinsamen Tuns. Durch die Stille lernen wir, vor Gott in Menschen zu denken und unser Leben zu teilen. Nach dem Frühstück arbeitet jeder (auch die Gäste) eine Stunde lang in einem der häuslichen Arbeitsbereiche. Anschließend treffen wir uns zum gemeinsamen Bibelstudium. Hier werden die Überlegungen eingebracht, die die Tageslese in der Stille am Morgen ergeben hat. Theologisch und konfessionell verschiedenartig in der Herkunft, sitzen wir gemeinsam vor den „Urkunden unseres Glaubens“ und gewinnen Kraft aus dem Wort Gottes. Danach geht es für einige Stunden an die praktische Arbeit in Haus und Gemüsegarten, auf Baustellen und in die Arbeit mit Menschen.

2.         Mut aus der Geschichte

Wir bedenken die großen Taten Gottes und untersuchen in Geschichte und Kirchengeschichte ­gelungene Friedensstiftungen, geistliche Erfahrungen von Konfliktlösungen. Viele Männer und Frauen, unbekannte und bekannte Heilige, Biographien aus Vergangenheit und Gegenwart kommen in Sicht und zeigen unseren Einsatz in den ermutigenden Zusammenhängen der Geschichte der Christenheit.

3.         Freude aus der Zukunft

Wer abends unsere Familienzusammenkünfte erlebt, die Berichte der vielen ausländischen Gäste oder eine der ganz unterschiedlichen Geburtstagsfeiern, der sieht, dass wir am Feiern Freude haben. Der biblische Tatbestand, dass die Freude am Herrn die Stärke seiner Leute ist, lässt uns den weiten Horizont der Hoffnung immer wieder suchen und finden. Auch die Krisen und Katastrophen der Gegenwart können die Freude nicht verdrängen, die aus der Zukunft, aus der Zuversicht auf den wiederkommenden Christus in uns lebendig ist. Unser Zusammenleben will ein Zeichen dieser Hoffnung sein und Konsequenzen daraus ziehen in einem alternativen Lebensstil, bis hin zu ökologischem Landbau und alternativer Pädagogik.

Das Zusammenleben der Großfamilie wirkt auf viele Besucher äußerst anziehend, aber der Alltag, den wir zu teilen bereit sind, ist ernüchternd. Die Dauer des Zusammenlebens bringt die Lasten und die Reibungen. Zur Idylle bleibt kein Raum. Aber im Beieinanderbleiben wird erfahren: „Der Nächste steht uns in Wahrheit nicht im Weg, sondern er steht am Rande des Abgrundes als Schutzengel, der uns hindert, aus der Realität des Lebens hinaus in die Illusion zu gleiten.“ (Paul Schütz)

Gründungswellen von Gemeinschaften

Die geistlichen Aufbrüche zu gemeinsamem Leben in der Mitte unseres Jahrhunderts lassen drei Wellen erkennen:

  1. Aus den Erschütterungen des 2. Weltkrieges und gemeinsamer Erfahrung von Bomben­nächten (Fokolare, Marienschwestern), politischem Unrecht und Flüchtlingselend (Taizé, Imshausen und Karmelerneuerung) erfolgt die tiefgehende, – dauerhafte Hinwendung zur Lebensform der Ordensgemeinschaft in der katholischen und evangelischen Jugend.
  2. Im wirtschaftlich erstarkenden, gesellschaftlich restaurativen Europa entsprang aus der Begegnung ­mit dem Evangelium der Armut und der sozialen Not – in anderen Völkern oder anderen Schichten – die zweite Welle geistlicher Erneuerung. ­Bruderschaftliche Gemeinschaften lebten in Kommunitäten eine neue Form der Antwort (u.a. Gnadenthal, Römlinghofen und Bensheim-Auerbach).
  3. Eine dritte Welle geistlicher Aufbrüche fiel zusammen mit dem weltweiten Aufbruch der studentischen Jugend aus den herkömmlichen Lebensformen der Industriegesellschaft. Die Sehnsucht nach Frieden, die Verzweiflung über scheinbare Wirkungslosigkeit des einzelnen und die Frage nach tragendem Lebenssinn führte viele innerlich Entwurzelte, Unzufriedene und Ausgestiegene zu familienartigem Zusammenleben in Wohn- und Produktionsgemeinschaften. Die Großfamilie der Offensive entstand als Konsequenz aus einer Reihe überfüllter Schüler- und Studentenkonferenzen, an denen in wenigen Jahren circa 20.000 junge Erwachsene teilgenommen haben.

Die „Großfamilie“ – das gemeinsame Leben – ist der Versuch einer Antwort auf die Fragen, wie aus geistlicher Erneuerung gelebte Verbundenheit ­und geistige Auseinandersetzung in unserer Gesellschaft in guter, offener Weise verwirklicht werden kann. (1980)

Von

  • Horst-Klaus Hofmann

    (geb. 1928) arbeitete 19 Jahre vollzeitlich im CVJM und gründete zusammen mit seiner Frau Irmela die ökumenische Kommunität „Offensive Junger Christen“, die er von 1969-2001 inspirierte und leitete

    Alle Artikel von Horst-Klaus Hofmann

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