Digitale Fahrt im Heißluftballon

Woran Christen sich im Zeitalter des WWW orientieren        

Interview mit Reinhardt Schink

„Die digitale Revolution findet statt und ist weit mehr als nur ein Modewort, sie verändert unser ­Leben und unsere Gesellschaft nachhaltig“, meint Dr. Reinhardt Schink, designierter Generalsekre­tär der Deutschen Evangelischen Allianz. Die Digita­lisie­rung sei tatsächlich vergleichbar mit der Erfin­dung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, der zwar zunächst eine technische Errungenschaft war, dessen Auswirkungen aber die Gesellschaft, die Geistes­geschichte und auch die Wirtschaft nachhaltig verändert haben. Konstantin Mascher, Prior der OJC, fragte nach, wie Christen die ­Digitalisierung und ihre Auswirkungen in ihrem (Arbeits-)Alltag einordnen können.

Sind wir Christen in Deutschland eher Akteure oder Getriebene der digitalen Revolution?

Beides, denn betroffene Menschen sind immer auch Teil der Veränderung. Es ist wie bei einer Fahrt in einem Heißluftballon: Der Wind, der einen vorwärts treibt, wird in dem Ballon nicht so deutlich wahrgenommen, da man sich ja gemeinsam mit dem Wind fortbewegt. Man mag sogar den Eindruck haben, es sei windstill. Erst durch die Orien­tierung an einem festen Bezugspunkt am Boden wird deutlich, wie weit man sich bewegt hat oder − im Blick auf die Digitalisierung formuliert −, wie ­tiefgreifend sich unsere Lebens- und Gesellschaftsbereiche verändert haben. Um dies zu erkennen, muss man nicht Christ sein. Aber eine Weltsicht wie das Christentum mit universalen Wahrheiten bietet solche verlässlichen ­Bezugspunkte. Sie kann Orientierung geben v. a. im Blick auf die Wirkkräfte, die hinter den Entwick­lungen stehen.

Was hat sich denn konkret für dich verändert?

Zum Beispiel die Organisation meiner Reisen. Ich habe alle Buchungen, alle Tickets, Verbindungen und Stadtpläne immer realtime auf dem Smartphone. Aber wehe, das gute Teil streikt oder schlimmer, ich habe es vergessen. Dann weiß ich nicht mehr, wen ich wann, wie und wo treffen will ...
Oder ein anderes, für mich zur Sparsamkeit erzogenen Schwaben, wichtiges Beispiel: Mein Einkaufsverhalten hat sich seit dem mobilen Internet dramatisch verändert. Als Kind gab es in unserem Ort zwei Spielwarenläden, die beide in der Fußgängerzone lagen. Einer der beiden Läden war mein Favorit. War ich, der kleine Reinhardt, auf der Suche nach einem neuen Spielzeug, ging ich zunächst in den Laden, den ich nicht so sehr mochte, um das An­gebot und den Preis zu prüfen. Danach ging es quer über die Straße zu meinem Lieblingsladen, wo ich in aller Regel zufrieden feststellte, dass das Spielzeug genau gleich viel kostete. Heute sieht mein Einkaufsverhalten ganz anders aus: Nicht nur gibt es viel, viel mehr Produkte zur Auswahl. Für jedes gibt es auch eine Vielzahl unterschiedlicher Bewertungen und Tests, die bei einer gut überlegten Kaufentscheidung zu Rate gezogen werden ­wollen. Und dann gilt es, den besten Preis zu finden.

Aber angesichts von Produktpiraterie, unterschiedlichen Liefer- und Zahlungsbedingungen usw. ist es gar nicht so einfach, das Angebot mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis zu finden. Und dann ist da immer noch das Wissen, dass es vermutlich ­irgendwo in den Tiefen des weiten Internets ein Angebot geben wird, das noch ein bisschen günstiger ist. Nur, wo? Und wann ist es vernünftig, die Suche abzubrechen? Ich mag das etwas übertrieben dargestellt haben. Aber es fragt sich, ob für den preissensiblen Käufer das Einkaufen im Internet nun ein ­Synonym für das „Schnäppchen-Shopping-­Paradies“ ist oder für eine „Du-zahlst-jetzt-sicher-zuviel-Internet-Hölle“.

Die Vorteile liegen auf der Hand, aber auch die negativen Auswirkungen werden uns allmählich bewusst.

Genau, und das betrifft nicht mehr nur Datenschutz, Informationssicherheit, Copyright, Shitstorms und Meinungsfreiheit. Uns wird zunehmend bewusst, dass die Möglichkeiten der Technik missbraucht werden können und wir schleichend immer abhängiger vom Internet werden. Diese Ambivalenz trägt zu der tiefen Verunsicherung bei, die ­Begriffe wie digitale Revolution, Big Data, Smartphones, Künstliche Intelligenz oder Augmented Reality, u. v. a. in uns auslösen.

Wieso lassen sich diese Nebenerscheinungen nicht besser vermeiden?

In diesen komplexen Systemen sind wir zugleich Treiber und Getriebene. Macht und Verantwortung werden entpersonalisiert und ­verflüchtigen sich in ein eigenartiges Gefüge, dem wir ­beinahe einen personalen Charakter zuschreiben. Entschei­dungen werden von anonymen Algorithmen getroffen, die zwar von Menschen erschaffen wurden, die aber scheinbar immer weniger kontrollierbar und beherrschbar werden. Es ist entlarvend, wie über die jüngsten tragischen Flugzeugabstürze und den Kampf der Piloten gegen „das System“ berichtet wird. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Diskus­sion um eine Ethik für die Künstliche Intelligenz und für die Verantwortung von Maschinen begonnen hat.

Wenn aber Zeit Geld ist oder gar Leben, dann müsste sich doch jeder Zeitgewinn mehrfach auszahlen!

 Es ist aber gerade diese unglaubliche Beschleunigung und Gleichzeitigkeit des Lebens, verbunden mit einer unfassbaren Informationsflut, die uns die Kontrolle aus der Hand nimmt. In den paar Minuten, die der geneigte Leser für das Lesen dieses Interviews benötigt, wurden weltweit über eine Milliarde E-Mails versandt! Man fragt sich, wie es in früheren Zeiten möglich war, ohne E-Mail und Messengerdienste das soziale Leben zu gestalten? Aber Zeitzeugen versichern glaubhaft, dass es nicht nur funktioniert hat, sondern dass das Leben insgesamt ruhiger und vielleicht sogar entspannter verlief. Denn im Gegensatz zu einem Brief wird auf eine Mail oder Messengernachricht natürlich eine sofortige Antwort erwartet, unabhängig von der Tages- oder Nachtzeit. Da der Empfängerkreis sehr einfach erweitert werden kann, zieht das Mail-Ping-Pong immer weitere Kreise. Jeder ist in diesem Kreislauf mal Empfänger und mal Sender, mal Treiber, mal Getriebener. Und dies ist nur ein kleines, simples­ Alltagsbeispiel, das stellvertretend steht für die wesentlich komplexeren, sich verstärkenden und beschleunigenden Prozesse.

Warum ist es so schwer, sich zu entziehen?

Die Sogwirkung ist ungeheuer. Eine empirische Studie fand heraus, dass Jugendliche eher eine ­Woche lang auf Alkohol oder Sex als auf ihr Smartphone verzichten würden. Ich frage mich, ob wir uns mit dem Internet ein Goldenes Kalb gebaut ­haben, um das wir nun tanzen und dem wir bereitwillig unser reales Leben mit seinen vielfältigen sozialen Beziehungen opfern! Zuerst versprach uns die Digitalisierung unendlich viele Möglichkeiten, die unser Leben bereichern würden. Aber unmerklich haben sich die Rollen verkehrt. Statt uns Leben in Fülle zu ermöglichen, scheinen wir persönlich und als Gesellschaft mehr und mehr von den Anforderungen der virtuellen Welt bestimmt zu werden. Oder fromm formuliert: Nicht mehr die Digitalisierung dient uns, sondern wir dienen der Digitalisierung. Wo Menschen nicht mehr dem Schöpfer dienen, sondern das Geschaffene anbeten, antwortet der lebendige Gott, indem er diesen Wunsch ernst nimmt. Das Individuum sowie ganze Gesellschaften finden sich dann in Teufelskreisen wieder, die Paulus mit dem Wort „dahingegeben“ (siehe Röm 1) charakterisiert und die die digitale Revolution sehr treffend beschreiben.

Du sprachst vorhin die Rolle von Algorithmen an. Daten sind dazu da, um von Algorithmen ausgewertet zu werden. Sie bestimmen zunehmend die Entscheidungsfindung. Ist es Science oder Fiction, dass wir in nicht ferner Zukunft die Entscheidungshoheit an Maschinen abtreten?

Daten alleine nutzen wenig. Spannend wird es, wenn aus ungeordneten Daten wertvolle Informationen gewonnen werden. Hierfür werden Algorithmen eingesetzt, d. h. ein mathematisches Vorgehen, um in wohldefinierten Einzelschritten in einer unüberschaubaren Datenfülle Muster und Regel­mäßigkeiten zu erkennen, die bei der Entscheidungsfindung eine große Hilfe sein können. Bekannt ist der Fall einer US-amerikanischen Supermarktkette, die aufgrund des geänderten Einkaufsverhaltens erkannte, dass Kundinnen schwanger waren, und die dann gezielt entsprechende Werbeangebote sandte. Ein aufgebrachter Vater beschwerte sich darüber, dass seine minderjährige Tochter plötzlich vermehrt Werbung für Schwangerschaftsartikel und Babynahrung bekäme, musste sich nach einigen Wochen aber kleinlaut entschuldigen, als die Familie erfuhr, was der Supermarkt bereits lange aus einem unwissentlich veränderten Einkaufsverhalten der Tochter erkannt hatte: sie  war ungewollt schwanger.

Werden also das menschliche Urteilsvermögen und die Intuition überflüssig?

Mitnichten! Die Algorithmen können Muster und Regelmäßigkeiten innerhalb stabiler Wirkungszusammenhänge erkennen. Werden jedoch die zugrunde liegenden Invarianzen gebrochen, ist ein Algorithmus solange „blind“, bis sich neue, statistisch auswertbare Muster herausgebildet haben. Gerade in Zeiten von Paradigmenwechseln ist ­menschliche Urteilskraft und auch Intuition gefragt. Dies bedeutet, dass gerade in den herausforderndsten und entschiedensten Zeiten einer Entwicklung die Führungskräfte durch die Digitalisierung nicht weniger, sondern über mehr Urteils- und Entscheidungskraft verfügen müssen. Die Herausforderung ist zu erkennen, ob sich in der aktuellen Situation ein Paradigmenwechsel vollzieht. Außerdem benötigen sie dann den Mut, für ihre Überzeugungen einzutreten und mutig Schritte ins Ungewisse zu gehen, ­ohne dass sich der neue Entscheidungskontext bereits herausgebildet hätte. Denn dies beinhaltet auch die Gefahr, grandios zu scheitern.

Gibt es also noch Hoffnung, dass der Mensch den Maschinen überlegen bleibt?

Das habe ich nicht gesagt. Es hängt davon ab, anhand welcher Dimension man die Überlegenheit messen will. Aber vielleicht ist es ohnehin die falsche Frage. Impliziert sie doch ein Gegeneinander von Mensch und Maschine; ein Kampf darum, wer der bessere sei. Ganz so, als ob der Mensch seine Würde nur so lange behalten würde, wie er leistungs­fähiger als die Maschine sei. Aber der Mensch verliert seine Würde nicht dadurch, dass der von ihm konstruierte Taschenrechner besser im Kopfrechnen ist. Der Mensch verliert seine ­Würde, wenn er Teilerkenntnisse von Weltanschauungen und Ideologien verabsolutiert und so seine von Gott zugesprochene Würde wegwirft. Die Geistesgeschichte kann als eine Serie von selbstgemachten menschlichen „Erniedrigungen“ beschrieben werden. Beispielsweise die biologische Erniedrigung durch die Evolutionstheorie, in der der Mensch mit dem Glauben an einen Schöpfer auch seine Sonderstellung in der Natur sowie die Erkenntnis seiner Gottebenbildlichkeit aufgibt. Oder die psychologische Erniedrigung, in der der Mensch seinen freien Willen preis gibt und sich nur noch als ein Bündel von Trieben versteht, die ihn beherrschen. Und in der Gegenwart kommt die digitale Erniedrigung hinzu, wenn der Mensch seine Fähigkeit, zu verstehen und zu entscheiden, an einen Algorithmus delegiert.

Was ist unsere wichtigste Ressource als Christen?

Christen haben mit ihrem Glauben eine unfassbar große Hoffnungs- und Kraftressource. Es geht nicht um philosophische Richtigkeiten oder gesellschaftspolitische Positionen, sondern um eine ­lebendige Person. Um eine in der Ewigkeit verankerte Hoffnung, die das Heute verändert, und um eine Auferstehungskraft, die Herzen transformiert, das Denken erneuert und neue Verhaltensweisen ermöglicht. Es geht um Authentizität in sozialen Beziehungen, die der analogen Off-Line-Welt Strahlkraft verleiht und sie attraktiv macht. Mit weniger brauchen wir uns nicht zufrieden geben.

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