Technologische Verheißungen

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Auf dem Petersplatz in Rom:
2005: Abschied von Papst Johannes Paul II
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Nur acht Jahre später:
2013: Rücktritt von Papst Benedikt XVI

 Angemessen leben in einer vermessenen Zeit

Wir leben inmitten einer Revolution, deren Ausgang noch offen ist. Wohin uns dieser „weltweite Feldversuch ohne Ethikkommission“1  führen wird, ist noch nicht klar. Versuche, die digitale Revolution einzuordnen, stehen darum auch unter dem Zeichen des Vorläufigen. Eine zentrale Frage ist: Was macht die Digitalisierung mit uns? Wie verändert sie unsere Beziehungen? Die amerikanische Soziologin für Technik und Wissenschaft, Sherry Turkle hat sich seit den frühen 1990er Jahren mit der Entwicklung von Internet, Digitalisierung und Robotern auseinandergesetzt. Sie hat u. a. die Versprechen untersucht, die uns unsere Technologie-Produkte machen. Sie lauten in etwa so:

  • Du kannst deine Aufmerksamkeit  auf das richten, was dir gefällt.
  • Du wirst nie Langeweile  haben.
  • Du wirst niemals alleine, sondern immer verbunden  sein.
  • Du kannst dich selbst so darstellen , wie es dir entspricht.

Schauen wir uns diese vier Versprechen einmal näher an:

Aufmerksamkeit  

Warum geht die Zeit am Smartphone so ungewöhnlich schnell vorbei? Zum einen wird in unserem Hirn, so zeigen es eine Reihe von Studien, jedes Mal, wenn wir uns etwas Neuem, Unbekanntem zuwenden, der Botenstoff/ Neurotransmitter Dopamin freigesetzt. Das erzeugt ein subjektives Gefühl der Zufriedenheit und animiert uns zur Wiederholung. Das Tückische an Dopamin ist aber, dass die Menge erstens sehr klein ist und dass zweitens die Wirkung nach sehr kurzer Zeit nachlässt. Das veranlasst uns, das Verhalten, das Dopamin auslöst, noch häufiger zu wiederholen. Computerspiele setzen diese Konditionierung als Belohnungsmechanismus gezielt ein, um eine starke Bindung an das Spiel zu erzeugen. Zum andern verleitet das Smartphone dazu, unsere Aufmerksamkeit schnell von einem zum nächsten springen zu lassen. Damit ist unser Gehirn offenbar überfordert: Wiederholt haben Studien gezeigt, dass wir nicht wirklich gut mehrere Sachen gleichzeitig tun können (Multitasking). Wer es dennoch versucht, schneidet bei allen Tätigkeiten etwas schlechter ab. Wer häufig versucht, seine Aufmerksamkeit aufzuteilen, setzt sich laut der Medienwissenschaftlerin Linda Stone andauerndem Stress aus. Das wiederum verringert die Fähigkeit zur Reflexion, zur Entscheidung und zum kreativen Denken.

Langeweile

Tony Reinke, ein amerikanischer Journalist2, nennt die Gründe, warum wir Ablenkung lieben: Wir lenken uns gerne ab, um uns anstehende Arbeit, andere Leute und den Gedanken an die Ewigkeit vom Hals zu halten. Bereits Blaise Pascal hat erkannt, wie sehr wir dazu neigen. Über seine Landsleute schrieb er vor 400 Jahren: „Wenn du ihre Ablenkungen fortnimmst, wirst du finden, dass sie vor Müdigkeit und Verdrossenheit vertrocknet sind, weil wir in Freudlosigkeit münden, sobald wir keine Ablenkung mehr haben und über uns selbst nachdenken müssen.“3 Der katholische Theologe Peter Kreeft schreibt: „Wir denken, wir wollen Frieden, Stille, Freiheit und Muße, aber tief im Innern wissen wir, dass wir das gar nicht ertragen könnten … Wir wollen geradezu unser Leben verkomplizieren. Wir müssen nicht, wir wollen es. Wir wollen genervt und bedrängt werden und geschäftig sein. Unbewusst wollen wir genau das, worüber wir uns beklagen. Denn hätten wir Muße, würden wir uns selbst anschauen und auf unser Herz hören und das große klaffende Loch in unserem Herzen sehen und entsetzt sein, denn dieses Loch ist so groß, dass nichts und niemand außer Gott es füllen kann.“4 Mit seinen eigenen Gedanken und mit sich selbst allein zu sein, ist nicht einfach. Das ist eine Fähigkeit, die entwickelt werden will. Wie sollen es andere mit uns aushalten, wenn wir uns selbst nicht ertragen? Wenn ich nicht weiß, wer ich bin, mache ich mich vom Urteil anderer abhängig, damit sie mir ein Gefühl für mich selbst geben. In dieser Abhängigkeit kann ich aber niemals erfahren, wer ich bin und wer der andere wirklich ist.

Immer verbunden

Interessanterweise haben sich Jugendliche in den letzten Jahrzehnten nicht nur weniger untereinander getroffen, auch das gemeinsame Einkaufen ist seltener geworden. Dafür ist das Risiko unglücklich zu sein, oder die Angst, etwas zu verpassen, gestiegen. 5 Wie kommt das? Wir sind als Geschöpfe Gottes zur Gemeinschaft berufen und geschaffen, doch das Netz bietet uns vor allem Kontakte ohne wahre Intimität und eine vermeintliche Nähe mit Sicherheitsabstand. Wenn ich online kommuniziere, kann ich meine Aussagen, meine Reaktionen und Gefühle, Nähe und Intimität selbst kontrollieren und berechnen, wie weit ich gehen, wie ich mich darstellen, was ich von mir preisgeben möchte. Ein Gespräch, eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht – face to face – hingegen ist spontan, intim, authentisch, unkontrollierbar und unberechenbar. Ich gebe mehr von meinen Gefühlen und Reaktionen auf das Gesagte preis. Dass daraus eher Konflikte entstehen können, ist klar. Doch erst durch die Erfahrung von wirklichem Angenommensein – bei Gott und in gelingender Gemeinschaft – kann ich mein Menschsein empfangen. Denn Identität wird uns zugesprochen, sie wächst aus verbindlichen Beziehungen.

Selbstdarstellung

Warum ist der Sog, sich in der digitalen Welt zu verwirklichen und quasi neu zu erfinden, so stark? Die Unterteilung der Ich-Bereiche – etwa in Geist und Leib, Materie und Bewusstsein – ist philosophiegeschichtlich betrachtet nichts Neues. Schon Platon, wie viel später auch Descartes, hat das Denken ins Zentrum gestellt und Bewusstsein, Wille und Geist als das betrachtet, was die Person zur Person macht. Demgegenüber galt ihnen und gilt ihren Erben der Körper als etwas subpersonales, als reine Materie ohne eigene Bestimmung, über den die Person letztlich verfügt. Sie kann mit ihm machen, was ihr beliebt, wonach ihr ist. Für Byung-Chul Han erfährt diese philosophiegeschichtliche Entwicklung im digitalen Medium „ihre volle Erfüllung “: Der Mensch betrachtet sich als autonom, denn, so schreibt Han „man glaubt nun, kein unterworfenes Subjekt, sondern ein sich entwerfendes, ja sich optimierendes Projekt zu sein“6. Das Ganze hat jedoch auch eine Kehrseite: „Das Projekt, zu dem sich das Subjekt befreit, erweist sich heute selbst als Zwangsfigur. Es entfaltet Zwänge in Form von Leistung, Selbstoptimierung und Selbstausbeutung.“ 

Ein angemessener Ort

Weil die digitale Technologie ihre Versprechungen nicht erfüllen kann, bzw. sie in ihr Gegenteil verkehrt, brauchen wir dringend eine „Kultur des Digitalen“. Wie jede andere Technologie müssen wir auch sie gezielt für das einsetzen, was uns dient. Das heißt für mich, dass wir einen angemessenen Ort für das Digitale benötigen.7 Der wäre gegeben, wo die Technologie hilft, unsere Beziehungen zu realen, nahbaren Menschen zu bauen und zu pflegen. Denn von Bildschirm zu Bildschirm kann man sich nicht in die Augen schauen! Angemessen ist sie weiterhin, sofern sie uns dabei unterstützt, für unseren gebrechlichen Körper zu sorgen, wohingegen alle Verheißungen unangemessen sind, die uns glauben machen, wir könnten den Begrenzungen unseres leiblichen Seins entfliehen. Sie ist angemessen eingesetzt, wenn sie gute Gespräche in Gang bringt, aber unangemessen, wenn sie diese unterbricht oder verhindert. Unterstützt sie unseren Erwerb von Fähigkeiten in den Bereichen menschlicher Kultur: Sport, Musik, Kunst, Kochen, Schreiben, Buchhaltung, Codieren etc.: angemessen! Unangemessen: wenn das Digitale das aktive Erwerben mit passivem Konsum ersetzt. Zusammenfassend können wir sagen: Digitale Technologie ist richtig, wenn sie in uns die Ehrfurcht und Begeisterung für das Geschaffene fördert und uns befähigt, uns in der geschaffenen Welt zu bewegen.

Tugenden

Dabei kommen wir nicht um die alten Tugenden wie Selbstbeherrschung, Selbstkontrolle, Mäßigung und Verzicht herum! Mir hilft etwa eine Regel, die ich seit Jahren zu leben versuche: eine Stunde pro Tag, ein Tag pro Woche, vier Wochen pro Jahr. Jeden Tag gibt es mindestens eine Stunde für Reden, Spielen, Musizieren und Singen, in der technische Geräte keinen Platz haben. Jede Woche mindestens einen Tag ohne digitale Geräte, jedes Quartal eine Woche. Denn wir nicht-digitalen Wesen gedeihen am besten, wenn wir die analogen Rhythmen des Lebens beachten. Tag und Nacht, Alltag und Sonntag, Fest- und Fastentage. Und schließlich bieten die sog. „evangelischen Räte“ hilfreiche Kriterien für den Umgang mit digitalen Angeboten, da sie den Verzicht um des Zugewinns willen ins Zentrum stellen:

Armut – (auf Reichtum verzichten): nicht Facebook- Freunde und Follower sammeln, sondern in die Qualität von Beziehungen investieren. Neue Geräte nur anschaffen, wenn unbedingt nötig. Nur bei einem sozialen Netzwerk anmelden. Die Chat-Zeit begrenzen. Die Stille suchen und aushalten.

Keuschheit – (auf die Seelenhygiene achten): Was schaue ich mir alles bei Youtube an? Mich von Kommentaren über andere enthalten, auf Tratsch verzichten. Eigene und fremde Daten schützen. Benachrichtigungen ausschalten, um bei der Arbeit nicht gestört zu werden. Das Smartphone nicht mit ins Bett nehmen. Nicht nach Aufmerksamkeit heischen. Medien fasten. Um echte Freundschaften ringen. Gemeinschaft pflegen.

Gehorsam – (das Hören einüben): Mein Gegenüber sollte mir der wichtigste Mensch sein. Ihn ausreden lassen. Anderen dienen, statt mich selbst gut darzustellen. Mich rufen lassen, wenn ich gebraucht werde. Beten und still auf die Stimme Gottes hören.

Von

  • Jeppe Rasmussen

    Dipl.-Journalist, leitet seit 2017 das Deutsche Instituts für Jugend und Gesellschaft. Verheiratet mit Rahel, Vater von vier Kindern.

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