Denken oder denken lassen?

Das Mandat der Freiheit im Galaterbrief

Im Jahr 1987 machte der emeritierte Philosophie-Professor James Flynn aus Neuseeland durch eine Veröffentlichung von sich reden. Wir verdanken ihm eine spannende Entdeckung. Durch vergleichende Untersuchungen für die USA konnte er nachweisen, dass sich der durchschnittliche Intelligenz-Quotient (IQ) einer Gesellschaft von Generation zu Generation gesteigert hat, die ­gemessene Intelligenz also zunahm. Seit 1994 wird dies „Flynn-Effekt“ genannt. 2004 überprüfte Flynn seine Entdeckung und stellte überraschenderweise fest, dass sich dieser Effekt verdreht hat und der IQ sinkt. Dies nennt man nun den „negativen Flynn-­Effekt“. So schreib er dann: „Die größte Veränderung, die mir über die Jahre aufgefallen ist, ist das Verschwinden anspruchsvoller Bücher.“ Die Kinder verlieren sich in den Computerspielen. Und so gut sie im ­Daddeln werden, so schlecht werden sie darin, logisch zu denken. Seinen Studenten, bemerkte Flynn, fiel es immer schwerer, Schopenhauer zu lesen.1 Nun wissen wir, dass denken – logisch, fragend, differenziert, kritisch– ganz wesentlich mit Freiheit zu tun hat. Nur wer selbstständig denken lernt, kann sich Freiheit bewahren. Denkfaulheit und Denkunvermögen sind sichere Quellen der Unfreiheit. Aber auch umgekehrt: nur der Freie kann selbstständig denken. Wer seine innere Freiheit leichtfertig abgibt, muss sich nicht wundern, wenn plötzlich sein Leben fremdbestimmt wird.

Biblische Hinweise zur Freiheit

Es ist so eine Sache mit der Freiheit. Jeder will sie. Und hat er sie, muss sie gestaltet werden. Beides ist nicht immer einfach. Zunächst einmal meint Freiheit im Alten Testament eine politische Freiheit2. Es gehört zu den wesentlichen Kennzeichen eines Staates, dass er frei ist und seinen Bürgerinnen und Bürgern Freiheit sichert. Menschen können über sich selbst verfügen. Innerlich wie äußerlich. Der Unfreie ist ein Sklave. Dieser ist zutiefst hörig und abhängig. Wobei politische Freiheit zu allen Zeiten mehr war als der äußere Rahmen einer gleichberechtigten Gesellschaft. Das Volk Israel gehörte in seiner Geschichte fast immer auf die Seite der Sklaven, also der äußerlich Unfreien. Dennoch erleben wir sie immer wieder gerade unter diesen Umständen als die Freien. Immer dann, wenn sie sich an ihren Gott gebunden wussten und damit Menschen und beherrschenden Systemen als die innerlich Freien gegenübertreten konnten. Freiheit kommt also zunächst einmal zutiefst von innen heraus. Sie entscheidet sich an der Frage, wem ich letztlich gehöre. Diese Freiheit im Sinne der Unabhängigkeit von den mich umgebenden Mächten und Umständen beschreibt auch Friedrich Schiller in seinem Gedicht „Die Worte des Glaubens“: „Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, | Und würd‘ er in Ketten geboren, | Lasst euch nicht irren des Pöbels Geschrei, | Nicht den Missbrauch rasender Toren.“3

Freiheit hat man nicht einfach als unverlierbares ­Eigentum. Nein, Freiheit muss stets aufs Neue errungen und gesichert werden. „Lasst euch nicht ­irren“, so Schiller. Heinrich Schlier bringt in seinem Artikel über die Freiheit4 Beispiele dafür, wie die „allzu große Freiheit“, die „äußerste Freiheit“ in die „allzu große Knechtschaft“, „die größte und wildeste Knechtschaft“ umschlägt“ und „(…) wiederum dorthin kommt, wo sie war, und ein müh­seliges Leben führt in unaufhörlichem Unglück“. Er bezieht sich auf die attische Demokratie und nennt in diesem Zusammenhang die Anpassung des ­Gesetzes an die unmittelbaren Bedürfnisse des Volkes, die damit gegebene Willkürherrschaft der Bevölkerungsmasse und den immensen Einfluss ihrer Demagogen. Es fallen die Worte Hörigkeit, Zuchtlosigkeit, Gesetzlosigkeit, Anarchie. Und auch der Sprachdenker und ev. Theologe Friso Melzer gibt zu bedenken: „Die germanische Wurzel fri „hegen“ ist nicht so sehr ein gefühlsbetontes Wort, als vielmehr ein Wort ethischer Verpflichtung.“5 Wir lernen: Freiheit ist zu erringen und zu verteidigen!

Die Denkfigur der Freiheit im Galaterbrief

Im Neuen Testament stand Freiheit auch als Gegenstück zur Sklaverei. „Eine verbreitete Rechtsform ­eines Loskaufs von Sklaven vollzog sich so, dass der Besitzer des Sklaven mit diesem zu einem Tempel ging und ihn dem dort verehrten Gott – Zeus oder Apollo – verkauft. Der Kaufpreis wird aus der Tempelkasse bestritten. Nun gilt der bisherige ­Sklave als ein Eigentum dieses Gottes (…) Jener im heidnischen Tempel freigekaufte Sklave ist nicht etwa von nun an Tempelsklave, sondern steht unter dem Schutze jener Gottheit und darf von niemand aufs Neue versklavt werden.“6

Dieses Bild wird aufgenommen und auf Christus hin erweitert. Der Apostel Paulus: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen (Gal 5,1).

Die jungen Gemeinden der römischen Provinz Galatien trugen einen existenzbedrohenden Konflikt aus. Paulus schreibt an Menschen, die in Gefahr standen, die herrliche Freiheit der Kinder Gottes nicht an Christus allein zu binden, sondern sie mit der Abhängigkeit zu Beschneidung und alttestamentlichem Gesetzesgehorsam zu verbinden. Und damit ging es plötzlich um eine Sicherheit, die unversehens in eine neue Bindung führte. Heinrich Schlier spricht in diesem Zusammenhang vom „Joch des Sklavendienstes“, in das sich die Galater wieder begeben7. Hier geht es also nicht einfach um eine äußere, politisch-gesellschaftliche Sklaverei, sondern um eine innere Gebundenheit und Unfreiheit. Den Christen zu Korinth schreibt Paulus: Werdet nicht der Menschen Knechte (1 Kor 7,23). Alles, was Christus relativieren möchte, tritt dadurch in Konkurrenz zu ihm. Man fühlt sich an Martin ­Luther erinnert: sola scriptura – sola gratia – sola fide – solus Christus. Allein die Schrift – die Gnade – der Glaube – allein Christus.

Die Denkfiguren, unter denen wir Freiheit bedenken, wandeln sich. Auch heute messen wir diese nicht an Beschneidung und alttest. Gesetzestreue. Dennoch ist die Grundstruktur der durch und durch konträren Beziehung von Freiheit und Sklaverei unverändert! Wir nähern uns also der Frage: Wie steht es um meine Freiheit? Habe ich sie errungen?    

Kann ich sie leben? Spüre ich ihre Gefährdung? Will ich sie verteidigen? Oder konkreter ausgedrückt: ­Trete ich dem mir heute Gegebenen – beispielsweise den Errungenschaften der Digitalisierung – in meinem Gebrauch als Freier oder als Gebundener ­gegenüber? Nutze ich oder werde ich genutzt, gar benutzt? Die große Täuschung lautet: Dadurch, dass man die ­Geräte bedient, meint man, man wäre schon deren Gestalter.

Der Raub der Freiheit in der Postmoderne

In Boris Schumatskys Buch vom neuen ­Untertan ­­las ich folgende Sätze: „Die Industrie erfindet nicht immer nur neue Arten von Geräten, wie zuletzt Smartphones. Ihr wichtigstes Erzeugnis ist ein Smartphone-User (…).“8 Und: „Die Einsamkeit des Internets macht es dem abgekoppelten Menschen nicht leichter.“9

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: ich bin kein Fortschrittsfeind. Ich bin in einer Straße aufgewachsen, in der es in meiner Kindheit ein einziges Telefon gab. Umso mehr freue ich mich, wenn ich heute Bilder oder kleine Filmchen von meinen Enkelkindern per WhatsApp bekomme. Die Gefahr des Raubes steckt nicht in der Digitalisierung. Wohl aber in der Digitalität. Nicht die Technik ist es, sondern was die Technik mit uns macht. Digitalität meint, dass „Aspekte des 'Sozialen' in den Veränderungs-Diskurs getragen [werden], der Lebenswelten (und damit Arbeits-, Bildungs- und Freizeitwelt) und Handlungssysteme (Politik, Wirtschaft, Gesellschaft) beeinflusst.“10

Schumatsky spricht von digitalen Usern, die in der Einsamkeit des Internets zu abgekoppelten Menschen geworden sind. Grundfragen des Lebens werden plötzlich nicht mehr mit Menschen ausgehandelt, sondern in virtuellen Welten. Fragen wie: Wer kennt mich? Wer nimmt mich wahr? Wie werde ich wahrgenommen? Wer liebt mich? Auf wen kann ich hören? Wem vertraue ich? Solche Fragen lassen sich nicht über „Likes“ beantworten. Wenn man ein wenig googelt, findet man schnell ein feines Angebot: 10.000 echte Follower für 9,59 €! Sind das etwa die Freunde, die meine grundlegenden Lebens­fragen beantworten und mir bei der Gestaltung meines Lebens helfen können?

Das leicht zu benutzende Angebot des Internets in den sogenannten sozialen Medien fördert doch viel eher Unsicherheit, Unklarheit und Einsamkeit. ­Frage ich mich denn: Wer sind eigentlich meine (heimlichen) Influencer? Wer prägt meine Bilder und Vorstellungen? Welche Bilder prägen meine Vorstellungen und Werte? Ist mir klar, dass das Gegenteil von Wahrheit keine alternative Wahrheit, sondern die Lüge ist? Bin ich mir klar darüber, dass die brandgefährlichen Geschwister Populismus und Nationalismus vom „denken lassen“ leben? Dass ruckzuck mein eigenständiges Denken und damit auch meine mir ganz eigene Verantwortung einfach an andere abgetreten werden? Das ist jedenfalls ­alles andere als Freiheit!

„Der Braunschweiger Hirnforscher Martin Korte hat festgestellt, dass die digitale Welt das gesamte Hirn verändert, ja schon verändert hat. Sie hat ihm die Klarheit des Denkens geraubt. Zu den nun ziemlich besorgt schauenden Lehrern sagt Korte jetzt: ‚Wenn Sie vielleicht den Eindruck haben, dass Ihre Schüler sich heute nicht mehr gut konzentrieren können, dann hat das mit der Digitalisierung der Kinderzimmer zu tun.’ Das Gehirn, immer öfter abgelenkt von digitalen Reizen, habe sich daran gewöhnt, die Aufmerksamkeit nicht mehr zu kanalisieren. ‚So werden wir die Welt nicht mehr durchdenken’, sagt ­Korte. Die Tabletklassen – in seinen Augen sind sie gar keine gute Idee.“11

Nochmals – um es wirklich sicher zu stellen – ich bin kein Feind der Moderne. Weder des technischen noch des digitalen Fortschrittes. Dies alles erfordert aber den reifen Menschen. Den kritisch-denkenden und darin freien Menschen. Jeder Fortschritt hat stets gute wie gefährliche Seiten. Wenn wir beispielsweise an öffentliche Kameraüberwachungen denken: Wir alle wollen Sicherheit – und sehen doch die Gefahr einer totalen Überwachung, die wir zu Recht nicht wollen.

Der kritische Nutzer ist gefragt. Der, der sich nicht einfach den für ihn angereicherten Informationen überlässt, sondern hinterfragt und erforscht und sich so zu verwahren mag gegen manipulative ­Täuschung. Freiheit heißt: meiner selbst mächtig zu sein – der Gestalter meines Lebens zu sein. ­Alexander Solschenizyn wurde einmal gefragt, wie man sich am besten gegen totali­täre Systeme wappnen kann – seine Antwort: „Wehren Sie der Unwahrhaftigkeit in jeder Form.“

Damit stehen wir vor der Frage: Wie könnte das gehen? Und so sind wir wieder beim Galaterbrief: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.

Die Sicherung der Freiheit anhand des wirklichen Lebens

Paulus will die Freiheit gesichert sehen. Er weiß um die Versuchlichkeit des Lebens zu allen Zeiten, sich das Joch der Knechtschaft auflegen zu lassen. Die Fremdherrschaft, das Fremd-bestimmt-Sein, das Versklavt-Sein an Mächte aller Art, die uns bestimmen wollen. So fleht er geradezu: Steht nun fest! Dies meint: „in etwas und von etwas gehalten werden“12. Die Sicherung unserer Freiheit geschieht nicht in der Einsamkeit des Internets. Freiheit lebt von Wirklichkeit. Und von Wahrheit. Und von Verbundenheit. Wo Menschen gemeinsam leben – wo der Mensch sich dem Menschen stellt –, da kann Freiheit vertieft und gesichert werden. Auch in diesem Sinne wollen wir in unserer Kommunität miteinander leben. Ich nenne drei Anregungen.

Wir sind ein Ort wirklicher Gemeinschaft. Nicht ­immer leichter, aber eben immer wirklicher Gemeinschaft. Keine Avatare, keine virtuellen Identitäten. Menschen aus Fleisch und Blut – Menschen, die einander erfreuen, aneinander leiden, einander herausfordern und fördern. Nicht immer einfach, aber doch unendlich wohltuend und das Leben fördernd, diese Gemeinschaft aus Menschen, denen ich nicht egal bin.

Hier hat auch gebrochenes Leben seinen Platz. Ich darf sein, wie ich bin. Und ich muss nicht so sein, wie ich sein müsste, um möglichst viele Likes zu erhaschen. Ich darf echt sein, wirklich Ich sein.

So kann man hier auch aufrichtig sein. Ich muss mich nicht verstellen. Ich darf in meiner ganz begrenzten Wirklichkeit leben. Denn Realitätsgewinn erzeugt Wachstum und Reife eines Menschen und hilft mir, die Dinge des Lebens zu nutzen, ohne mich benutzen zu lassen. Um die Freiheit zu sichern, braucht es Orte des wirklichen Lebens! Hier in Reichelsheim und überall sonst auf dieser Welt!

Ich schließe mit Schiller. Vielleicht, weil ich nicht allzu weit von seinem Geburtshaus aufgewachsen bin. Sein oben genanntes Gedicht beginnt mit den Worten: „Drei Worte nenn’ ich euch, inhaltsschwer.“ Dann nennt er Freiheit, Tugend, Gott. Er weiß, dass Freiheit zu Tugend, also zu reifem Leben, führt. Und dass dies seinen tragenden Grund in Gott, dem Freiheit schenkenden Gott hat. So schließt er mit den Worten: „Die drei Worte bewahret euch, inhaltsschwer, (…) | Dem Menschen ist nimmer sein Wert geraubt, | So lang er noch an die drei Worte glaubt.“

Gott ist es, der Freiheit verleiht. Wir sind es, denen die Verantwortung für dieses Geschenk anvertraut ist.

Anmerkungen:

  1. Siehe: Die Zeit, Nr. 14, 2019, Wir waren mal schlauer, von Nataly Bleuel, Nike Heinen, Tanja Stelzer
  2. Siehe H. L. Strack und P. Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, Band III 576
  3. Friedrich Schiller, Sämtliche Gedichte und Balladen, Frankfurt a. M. und Leipzig 2004, S. 17f
  4. Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWNT); Band II 484ff
  5. Friso Melzer, Das Wort in den Wörtern, Gießen 19973, S. 128
  6. WSB: Hans Brandenburg, Galater, S. 102f
  7. Heinrich Schlier, KEK, Der Brief an die Galater, 229
  8. Schumatsky a. a. O. 237
  9. Schumatsky a. a. O. 504
  10. de.wikipedia.org/wiki/Digitalit, abgerufen am 09.04.2019
  11. Die Zeit Nr. 14 a. a. O.
  12. Schlier a. a. O. 230

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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