Reden und Taufen gegen den Strom

Johannes, der haarige Prophet

Johannes der Täufer, der in raues Kamelhaar gehüllt und durch karge Wüstendiät abgehärtet zu Buße und Umkehr rief und sein buntes Klientel im Jordan taufte, gilt in der christlichen Tradition als der letzte Prophet des „Alten Bundes“. Seine Sonderstellung in der Folge der Propheten ist augenfällig, nicht nur, weil er den lang erwarteten Messias persönlich kennt und identifiziert, sondern weil er als „Wegbereiter” ihm auch im Martyrium der machtpolitisch motivierten Verfolgung und Hinrichtung vorausgeht. Das Schicksal des Täufers ist aber nur vordergründig im gewaltsamen Tod besiegelt; kaum eine bib­lische Biografie ist so rund, so erfüllt, so vollendet wie die des Johannes. So ist er, der dem Messias vorausging, zugleich Lehrmeister für alle, die Christus nachfolgen.

Es lohnt sich, einen genauen Blick auf Eigenarten dieser markanten Gestalt zu werfen, um auszuloten, was Jesus meinte, als er sagte, der Geringste im Reich Gottes sei noch größer als dieser Propheten-Gigant (Mt 11,11). Dazu müssen wir seine Funktion als „Stimme in der Wüste” (Jesaja), die vom Nahen des Königs kündet, und seine Einbettung in den judäischen Kontext der Zeit verstehen. Denn verfolgt und umgebracht wurde Johannes nicht wegen seiner Ansichten zur Eschatologie, sondern weil er in allen Aspekten seiner Existenz quer lag und quer sprach zu den dominierenden religiösen, politischen und kulturellen Stimmen seiner Zeit.

Rufer und Täufer – Charakter als Provokation

Die Provokation für seine Zeitgenossen entzündete sich nicht an Berichten über göttliche Exklusivmitteilungen oder Wunderzeichen. Auch bleibt es im Dunkeln, wann Johannes konkret von Gott beauftragt wurde, ob er dem Auftrag gern oder widerwillig folgte und wie seine kontroversen öffentlichen Auftritte initiiert worden sind. Der Täufer gewinnt die Zustimmung und den Respekt von vielen schlicht durch seine Person: durch ­seinen Charakter, die Überzeugungen, die er klar artikuliert, und nicht zuletzt durch seine priesterliche Abstammung. Zugleich zieht er genau damit auch Ablehnung, Hass und Vernichtungswillen einiger auf sich. Kurz: Johannes polarisiert durch das, wer er ist: ein mit allen Fasern seiner Existenz auf die künftige messianische Ordnung ausgerichteter Mensch. Und durch das, was er ist: Rufer und Täufer, ein priesterlicher Mensch, ausgestattet mit der Vollmacht, die Unreinheit und Schuld im Volk hineinzutauchen in Gottes Gerechtigkeit und Gnade, damit sie darin verwandelt würden. An Johannes scheiden sich die Geister und ebenso Wahrheit von Lüge, Gesetz von Sünde, Verheißung von Verblendung und messianische Vollmacht von antichristlichem Kalkül. Kein Wunder, dass seine Verkündigung für die Herrschenden als unerträgliche Provokation gilt und er schließlich einen Kopf kürzer gemacht wird.

Sentimentale Inszenierung als Ablenkungsmanöver

Die Öffentlichkeit, damals wie heute, giert nach erotisch schwülen Geschichten. Es gibt einen Markt für die theatralische Rahmung des politischen Mordes, durch den sich der feige, offene Konfrontationen meidende Herodes Antipas eines gefährlichen Kritikers entledigen kann. Gemeint ist die Intrige der Königin, die ihm durch die Prostituierung der eigenen Tochter, den „Tanz der Salome“, ein galantes königliches „Ehren”-Wort abringt: Man serviert der jungen Dame den Kopf des Täufers auf dem Silbertablett.

Der Symbolgehalt dieser zynischen Inszenierung ist vielschichtig1  und soll allen, die sich an Johannes halten und den Thronanspruch des Herodes-Sohnes hinterfragen, eine Warnung sein. Wir wissen aus historischen Quellen außerhalb der Bibel2 , dass die Dynastie der Idumäerkönige in maßgeblichen religiösen und politischen Kreisen nicht als thronwürdig galt und dass diese Ablehnung durch die inzestuösen Verhältnisse, die sich über mehrere Generationen erstreckten, befeuert wurde. So ist die harsche Kritik des Johannes an der Ehe des Antipas mit seiner Schwägerin, die obendrein seine Nichte war, für den König in vielerlei Hinsicht bedrohlich. Sie stellt seine ohnehin schwache Legitimation auch spirituell infrage.

Inzest und sexuelle Inversion gelten im biblischen Judentum nicht nur moralisch als verwerflich, sondern als ein fatales Sichtbarwerden geistlicher Zerrüttung, des Abfalls vom rechten Gottesdienst und als Abgötterei, die das Bundesvolk – „die Braut“ – in seinem innersten Wesen befleckt. Für die frommen und politischen Eiferer im Land klingt im Vorwurf der ehebrecherischen Allianz aus Priestermunde auch die fundamentale Kritik des einstigen Propheten Elias am Königshaus Ahabs mit. Dessen Ehefrau, die dem Okkultismus frönende Jesabel, wurde zum erklärten Feind des Elias und trachtete nach seinem Leben. Man stelle sich mal vor: Der Volksmund identifiziert Johannes mit diesem radikalen Propheten, dessen Wiedererscheinen das Volk als Fanal für das messianische Großreinmachen erwartet! Das kann Herodes nicht egal sein. Schwankend zwischen anbiedernder Leutseligkeit und zynischer Aggressivität zögert er, seinen Gefangenen zu exekutieren. Es braucht die entfesselte Atmosphäre des Trinkgelages, die inszenierte Galanterie und nicht zuletzt das überrumpelte Publikum, das ihn aus Ehrengründen bestärken muss.

„Alles aus Liebe und Leidenschaft!” – So ab­geschmackt die Rechtfertigung ist, sie funktioniert seit Menschengedenken. Wie schnell übertönt das sentimentale Lamento der Begeisterten oder Empörten jedes rationale Hinterfragen, alle ethischen Bedenken gegen vermeintliche Notwendigkeiten. Sie werden vom Tisch gefegt und die unliebsamen Bedenkenträger zum Schweigen gebracht. Die erschütterten Zeitgenossen und die Evangelisten haben den unheilvollen Mechanismus aber durchschaut. So dienst selbst der schmähliche Tod des Rufers allen, die es verstehen wollen, als Handhabe, um das ewige Intrigenspiel im Missbrauch von Rechten, Gütern und Menschen – nicht selten religiös verbrämt – zu entlarven und hoffentlich zu entmachten.

Religiöse Heuchelei als Opium fürs Volk

Zur Einkerkerung und Enthauptung eines Priesters konnte es erst kommen, weil sich nicht nur auf dem Thron, sondern auch im von Herodes dem Großen errichteten Tempelbezirk ein System etabliert hatte, das einem messianischen Gemeinwesen, wie es Johannes und viele ersehnten, im Wege stand.3  Die mit Herodes und der römischen Besatzungsmacht kollaborierende Clique um Hannas, seine Söhne und seinen Schwiegersohn Kaiphas hat andere Priesterfamilien, wie etwa die von Johannes, an den Rand gedrängt und sich die Pfründe an Status, Macht und Geld gesichert. Der kultische Dienstleistungsmarkt brummt, Hunderttausende von ­jüdischen Pilgern aus Palästina und der ganzen Welt werden alljährlich im Tempel abgefertigt. Es gibt eine eigene, lukrative Tempelwährung und einen boomenden Immobilienmarkt mit Grabesäckern, in denen wohlhabende Fromme die Auferstehung und die Ankunft des Messias erwarten können, um gleich ganz vorne mit dabei zu sein. Viele Priester aus den Reihen der Sadduzäer glauben persönlich weder an eine Auferstehung noch an eine messianische Zeit. Das kann ihnen jedoch wenig anhaben, denn ihr Status ist im ­mosaischen Gesetz fest verankert. Umso ärgerlicher ist Opposition aus der Priesterschaft.

Johannes weiß, woher er kommt und wer er ist. Er schlägt das priesterliche Erbe nicht resigniert aus, sondern nimmt es bewusst an und protestiert, wo er es veruntreut sieht. Die schicken neuen Mikwen im Tempel lässt er links liegen und nutzt demonstrativ den Jordan für rituelle Waschungen und Taufen. Er tauscht priesterliches Ornat in Kamelhaar und duftende Opferspeisen in Wüstennahrung, was an Zeiten der Wanderung und des Exils erinnert, als dem Bundesvolk ein Leben im gelobten Land durch eigenes Verschulden verwehrt blieb. Er hantiert nicht mit Weihrauch, sondern predigt das reinigende Feuer des Gerichts. Statt fette Tiere als Sühnopfer darzubringen ruft er zu Sündenbekenntnis und Umkehr. Selbst wenn Johannes schwiege, wäre seine bloße Dissidenten-Existenz ein schallender Protestruf gegen den Status quo. Aber er nimmt kein Blatt vor den Mund und weist auch die Anbiederungsversuche der Sprösslinge etablierter Priesterfamilien zurück, die sich im Glanz seiner Popularität sonnen möchten. Es ist also nur verständlich, dass diese ihm, sobald er von der weltlichen Macht kassiert wird, die priesterliche Solidarität verweigern werden.

Dennoch sollten wir uns Johannes nicht als verbitterten Systemkritiker, gar Eiferer vorstellen, den etwa ein heiliger Zorn antreibt oder Empörung motiviert. Das Fundament seiner robusten Wider­ständigkeit ist die freudige und unbeirrbare Zuversicht, dass das Reich Gottes nahe herbei­gekommen ist.

Von der Zukunft her leben

Jeder biblische Prophet war mehr oder weniger Mahner seiner Zeitgenossen und Künder ­einer Zeit, in der Gott die Gerechtigkeit im Volk und den Frieden auf Erden herstellen wird: seine Königsherrschaft. Diese Erwartung verband sich zunehmend mit der Vorstellung, dass dies durch einen Gesalbten, einen Nachfolger auf Davids Thron erfolgt. Doch kein anderer Prophet lebte in einer so unerschütterlichen Naherwartung wie der Täufer. Er wusste, dass seine Generation dem „König“, dem „Sohn“, dem „Richter“, dem „Bräutigam“, dem „Lamm“ begegnen wird und rief dazu auf, schon jetzt nach den Ordnungen dieser neuen Zeit zu leben.

Wir Christen neigen dazu, diese radikale Ausrichtung auf den Kommenden als bereits abgegolten zu deuten und haben unser Bild von Johannes stabil eingerahmt: Er ging vor Jesus her und wies auf ihn hin. Er kannte ihn, taufte ihn, bekannte ihn, konnte aber nicht wissen, dass alles anders kommen würde. Die Heilsgeschichte hat ihn überholt. – So denken wir. Für uns war der Messias ja längst da, sein Reich war gar nicht von dieser Welt, und wir leben zweitausend­neunzehn nach Christus. So post-messianisch gepolt verlieren wir aber schnell aus dem Blick, dass auch die Kirche sehr wohl aus dem Künftigen lebt und agiert. Die Heilsgeschichte hat sich nicht mit Pfingsten erledigt, und die Gegenwart ist kein dumpfer Übergang in eine totale, zeitlose Ewigkeit, in der alles irgendwie schon gut ist!

Von Johannes und seinen Schülern, den späteren Jüngern Jesu, wie auch von Paulus haben die Christen der ersten Generation gelernt, in der Erwartung des Kommenden zu leben – ganz wie Israel! Sie blickten auf Jesus nicht in erster Linie als auf einen, der schon da war, starb, auferstand und wieder vor Augen verschwand – das wussten sie über ihn –, sondern als auf einen, der kommt, als einen, dessen Tod und Auferstehung nicht die Erfüllung des Heilswirkens ist, sondern erst deren Voraussetzung! Zielpunkt ist das Offenbarwerden der Herrschaft Gottes in der Welt und vor der Welt – darauf geht, lebt und betet die Kirche zu. „Komm!“ (Off 22) ist das einzige biblisch verbürgte, an Jesus gerichtete Bittgebet der Kirche. Jedes weitere Bitten und Bekennen gründet auf den, „der da kommen soll“, wie ­Johannes ihn noch aus dem Kerker adressiert. Alle weltanschauliche, gesellschaftliche oder ethische Positionierung der Gemeinde in der Welt hat nur dann Relevanz, kann nur dann echte Wirkmacht entfalten, wenn sie sich aus dieser Zukunft legitimiert.

Seine unbeirrbare Ausrichtung verleiht dem ­Rufen des Täufers Strahlkraft und Vollmacht und weckt in seinen Zuhörern die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Nicht, weil es einst und schon immer so war, soll Israel Gottes Gebot verinnerlichen, sondern weil aus dem Leben in Fülle nur so etwas Neues werden kann. Johannes will nicht an alten Regeln um des Alten willen festhalten, sondern das in die Gegenwart ziehen, was in den Weisungen Gottes von jeher zukunftshaltig ist. Von ihm lernen wir, aus der Zukunft und um der Zukunft willen zu leben, uns nach dem auszu­strecken, was vor uns liegt, wie Paulus es formuliert. Auch unser Leben, Lehren und Bekennen muss sich daran messen lassen: Was führt in eine lebendige Zukunft?

... und abnehmen

Wenn wir bekennen, dass Christus uns aus der Zukunft entgegenkommt, ist die einzige legi­time Dynamik: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Das ist keine bloße Demutsformel; Johannes formuliert hier die Maxime einer Existenz angesichts des Kommenden, und die gilt für jedes bräutlich-geistliche Leben, auch für die Kirche. Denn das Sein und die Wirksamkeit der Kirche formt sich im beständigen, dynamischen Raum-Machen für den, der kommt. Nicht im Leisetreten, wohl aber in der Bereitschaft, den jeweils errungenen Status quo um der Zukunft willen loszulassen: den Stand an Erkenntnis und Einfluss, den rechtmäßigen Bestand an geistlichen und materiellen Gütern, an bereits gewonnenen Gewissheiten und allen im Glauben empfangenen Privilegien. Wer vor dem Kommenden hergeht, macht um sich, bei sich und in sich jetzt schon Platz für das Künftige. „Abnehmen“ bedeutet für Johannes und für die Kirche, der Zukunft in Christus entgegenzuwachsen. Deshalb ist die einzige Nagelprobe für alles, was Christen lehren, verkünden oder fordern, diese: Weitet sie den Raum für den Kommenden? Selbst dann, wenn es dabei für uns eng wird?

... damit er wachsen kann

Wenn die Voraussetzung für die robust-widerständige Sprachfähigkeit des Johannes die Vorfreude auf den Kommenden war, dann war das Geheimnis seiner Standhaftigkeit die Freude. Die Freude an dem, den er bereits kannte und dessen Freund er sich nennen durfte. Von dieser Freude war sein ganzes Dasein durchdrungen. Noch vor seiner Zeugung wird es im Allerheiligsten des Tempels als Losung über sein Leben ausgesprochen (Lk 1-2), und noch im Mutterleib überwältigt ihn die Herrlichkeit Gottes, die im Sohn manifest wird – sein ganzes Wesen wird vom Heiligen Geist durchflutet. Wenn Johannes Jahre später predigt, dass er zum Zeichen der Buße mit Wasser taufe, der Kommende aber mit Geist und Feuer, also neuem Leben, taufen wird, dann spricht er aus prophetischer Vor-Erfahrung. Sie realisiert sich vor seinen Augen, als er Jesus im Jordan tauft und dieser vom Vater durch den Heiligen Geist bezeugt und bevollmächtigt wird. Die Quelle seiner inneren Freude ergießt sich fortan als Strom in die Welt. Sein hohepriesterliches Amt erfüllt sich in der Geste, die auf das Lamm, auf Christus weist: „Dieser ist Gottes Sohn.“

Das Vermächtnis des Täufers an uns, an die Braut, ist die Freude, die er vom Anfang bis zum Ende seines Lebens bezeugt: Der Freund freut sich über die Stimme des Bräutigams (Joh 3,29). Ja, es ist diese sprachfähige, streitbare, tätige und vollmächtige Vorfreude auf den Kommenden, mit der die Kirche Teil hat an der Vollendung seines Werkes.                  

Anmerkungen:
1 So drängt sich den Zeitgenossen etwa die Legende der mutigen Judith auf, die den assyrischen Heerführer, der Judäa belagert hatte, verführt und köpft. Besonders zynisch ist die Parallele, weil nun ein rechtmäßiger und wehrloser Priester von einem unrechtmäßigen Usurpator auf Davids Thron auf Wunsch einer unrechtmäßig ins Haus geholten Stieftochter aus dem Weg geräumt wird. Religiöse, politische und moralische Werte werden in ihrem Kern pervertiert und missbraucht.
2 Der antike jüdische Historiker Flavius Josephus begründet im „Jüdischen Krieg“ die Hinrichtung des Täufers mit der Angst des Herodes Antipas vor einem Aufstand im Volk.
3 Sowohl Josephus als auch rabbinische Quellen beklagen die Macht- und Geldgier der etablierten Tempelaristokratie. Eine lohnende Lektüre dazu ist die Arbeit von Rainer Metzner: Kaiphas, der Hohepriester jenes Jahres. Geschichte und Deutung, Leiden – Boston 2010.

 

Von

  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

    Alle Artikel von Írisz Sipos

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen. Bitte mailen Sie an versand@ojc.de oder rufen Sie an: 06164-9308-320.
Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Sie können unsere Zeitschriften gerne kostenfrei hier abonnieren.

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generationen zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal