Eine Schule macht Schule

Freiheitliches Denken in der ersten nichtstaatlichen Schule in der UdSSR

Ein leidenschaftliches Plädoyer für ein gesellschaftliches Engagement für Glauben und Denken der nächsten Generation – erst in Leningrad, später ­
St. Petersburg. Seit 28 Jahren begleitet und unterstützt die OJC diese mutige Frau.

Ich bin in einem Land mit einem totalitären Regime geboren und aufgewachsen und lebte darin 44 Jahre lang. Dieses Regime verfolgte jedes freie Denken, das von den vulgär-materialistischen Ideen abwich, und legte der Kultur und der Wissenschaft Beschränkungen auf. Es bekämpfte und vernichtete Kirchen, Geistliche und Gläubige, und unternahm alles, um die Religion durch die kommunistische Ideologie zu ersetzen. Wenn ich dann anspruchsvolle, tiefgehende Bücher las, die vor der Revolution oder im Ausland erschienen waren, beschlich mich oft das beschämende Gefühl, minderwertig und nicht gebildet genug zu sein. Mir fehlten ganze Schichten historischen und kulturellen Wissens. Nicht aus ­eigenem Verschulden. Man hatte sie einfach aus dem Schul- und Hochschulbildungsplan gestrichen. Oft, wenn ich versuchte herauszufinden, welche Bücher ich lesen müsste, um meine Bildungslücken zu schließen, bekam ich in der ­öffentlichen Bibliothek eine Abfuhr. Entweder wurde diese Literatur nur für besondere Zwecke herausgegeben oder überhaupt nicht. Wer zuhause eine Bibel hatte, konnte deswegen im Gefängnis landen. Trotzdem versuchten die Leute aus meinem Bekanntenkreis auf unterschiedlichste Weise, an verbotenes Wissen zu gelangen. Ich hatte heranwachsende Kinder und arbeitete als Lehrerin. Ich wollte unbedingt, dass die nächste Generation unbeschränkt Wissen über die Welt erwerben kann. Dazu brauchte es aber eine ganz andere Schule, andere Programme und andere Lehrbücher. In meiner knappen Freizeit dachte ich oft darüber nach, was zu tun wäre, um diese Situation zu ändern. Ich hatte damals jedoch keine Vorstellung, wie meine Ideen Wirklichkeit werden könnten.

Keine Nacht dauert ewig

Aber keine Nacht dauert ewig. Die Perestroika begann. Bald fand ich Gleichgesinnte, und gemein­sam stürzten wir uns darauf, meine Ideen von einer neuen Schule in die Tat umzusetzen. Im Jahr 1990 durften wir sie eröffnen. In der UdSSR war es rechtlich nicht möglich, einfach so eine freie private Schule zu gründen. Für diesen Status mussten wir die Unterstützung des Stadtsowjets einholen, um einen Regierungsbeschluss zur Änderung und Ergänzung bestehender Gesetze zu erwirken. Das war schwer, doch wir konnten die Aufgabe mit der Unterstützung von erstmals auf demokratische Weise gewählten Abgeordneten des Stadtsowjets von St. Petersburg lösen. 1991 erhielt unsere Schule als erste in der UdSSR den Status einer nichtstaatlichen, privaten Schule. Wir bekamen große Freiheit geschenkt. So konnten wir den einengenden ideologischen Rahmen sprengen, der ganzen Generationen unserer Landsleute Kenntnisse über wissenschaftliche Errungenschaften vorenthielt, das Wissen über Kulturen anderer Völker, Kenntnisse über geschichtliche Ereignisse, die man einfach aus den Lehrbüchern entfernt hatte, über die Philosophien der Welt (außer der marxistischen!) und schließlich über die Weisheit der Bibel. Unter dem Motto „die Gedanken sind frei“ machten wir uns mit Wonne daran, den Inhalt des Bildungsprogramms zu ändern, neue Lehrbücher zu schreiben sowie neue Fächer und Kurse einzuführen.

Ein unerhörtes Experiment

In erster Linie waren wir bestrebt, unseren Schülern und auch den Lehrern und Eltern Wissen über die christliche Religion zu vermitteln, das bis dahin praktisch nicht zugänglich war. Wir wandten uns an die orthodoxe, die lutherische und die katholische Kirche und baten sie, uns Geistliche zur Erstellung eines Lehrprogramms zu schicken. Von der katholischen Kirche in Deutschland kam der unvergessliche Priester und Mönch Hartmut Kania, der damals beim Malteser Hilfsdienst in St. Petersburg arbeitete. Von der Lutherischen Kirche kam Sergei Preiman, der erste Vorsteher der Luth. Evang. St. Michaelskirche. Zu diesem Zeitpunkt erfuhren die Lutherischen Kirchen – nach ihrem Totalverbot – eine Wiedergeburt. Von der ortho­doxen Kirche kam Erzbischof Michail Mudjugin. Für einen Orthodoxen war er ein ganz ungewöhnlicher, sehr gebildeter Priester. Er beherrschte mehrere Fremdsprachen, war wegen seines Glaubens im Gefängnis gewesen und unterstützte ökumenische Ideen. Diese drei Geistlichen waren die ersten Religionslehrer unserer Schule und erstellten ein überkonfessionelles Lehr­programm. Der schulische Religionsunterricht war noch landesweit verboten. Wir fingen einfach damit an und nutzen unseren Status als private, unabhängige Schule. Aber nicht immer war dieser Status auch ein zuverlässiger Schutz. Wir mussten uns ständig gegen Angriffe der Staatsanwaltschaft wehren und uns zweimal vor Gericht verteidigen.

Als 2010 ein neues Religionsgesetz in Russland in Kraft trat, das den Religionsunterricht ab sofort als reguläres Schulfach einführte, hatten wir die notwendigen Materialien für den Unterricht bereit. Und nach harten Kämpfen durften unsere Bücher und Lehrpläne für den Religionsunterricht für ganz Russland verwendet werden – es gab ja sonst keine. Mit einem Team der Comenius-Gesellschaft konnten wir Fortbildungskurse für Religionslehrer anbieten, die bis heute laufen. Zu den dreimal jährlich stattfindenden Kursen kommen Lehrer aus ganz Russland! Dank der Unterstützung der ojcos-stiftung können wir das Lehrmaterial kostenlos weitergeben.

Ziel und Mittel der Schule

Das pädagogische Konzept der Peterschule gründet sich auf die Prinzipien der Pansophie von Jan Amos Comenius. Wir teilen seine Auffassung, wonach es drei Quellen des Wissens gibt: die emotionale, die intellektuelle und die göttliche Offenbarung. Die Bildung der Gesamtperson sehen wir als Erziehungsziel, wobei die Wissensvermittlung das Mittel ist, dieses Ziel zu erreichen. Der Religionskurs macht die Schüler mit der Bibel, mit den Grund­lagen der christlichen Theologie und mit der Religions­geschichte vertraut. Vom ersten Unterrichtstag an lernen sie biblische Gleichnisse kennen, denken über sie nach und diskutieren sie. Dabei geht es nicht nur um Wissenserwerb, sondern um Selbsterkenntnis, Persönlichkeitsbildung und deren sittliche Grundlagen. Für den Ethikunterricht erstellten wir ein Ethiklehrbuch für Schüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen wollen oder dürfen. Im Philosophiekurs erfahren die Schüler etwas über östliche Religionen und Religionsphilosophien und erhalten Kenntnisse über die Geschichte und die wissenschaftlichen Hauptzweige der Philosophie. Anhand der Geschichte der Naturwissenschaft lernen die Schüler, dass die Wissenschaft in den Schreibstuben und Bibliotheken der Klöster und in den Laboratorien bekannter Mönchsorden ihren Anfang nahm. Wir versuchen ihnen zu erklären, dass es die seit der Aufklärung oft behauptete Kluft zwischen Wissenschaft und Religion nicht gibt. Dazu zeigen wir den Schülern, wie zum Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts Brücken zwischen moderner Wissenschaft und Religion gebaut wurden (so ist beispielsweise das von Physikern entdeckte anthropische Prinzip der Entstehung des Universums sehr wohl vereinbar mit dem Glauben an einen Schöpfergott). Im Kunstkultur-Programm wird gezeigt, wie Künstler zu allen Zeiten zu religiösen und biblischen Themen zurückkehrten, die das Fundament der europäischen Kultur gelegt haben. In der Oberstufe wird im Fach Soziologie neben dem Erlernen von Wissen über die Gesellschaft auch darüber gesprochen, was man tun kann, um eine Gesellschaft humaner, gerechter und christlicher zu machen.

Sprachen als Gegenmittel zur Manipulation

Sprachen als Gegenmittel zur Manipulation

Einen großen Raum im Lehrplan unseres Gymnasiums nimmt der Fremdsprachenunterricht ein. Bereits in der 1. Klasse lernen die Schüler zwei Fremdsprachen, Deutsch und Englisch. Die Beherrschung einer Fremdsprache betrachten wir als Mittel, mit Menschen anderer Länder zu kommunizieren und als Gegengift gegen manipulierende Propaganda. In den ersten Jahren benutzten wir dazu geschenkte deutsche und amerikanische Lehrbücher. Den ganzen Komplex der neuen Fächer nennen wir „Geistlich-ethische und reli­giöse Kultur“. Er umfasst alle Klassen, von Klasse 1 bis 11. Alle Pädagogen haben die Möglichkeit, Wahlkurse anzubieten. Sie können redundantes Wissen streichen und integrierte Kurse einrichten, wobei ihrer Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. Diese Herangehensweise ermöglichte schöpferischen Menschen, neue Bücher und Lehrbücher zu erstellen, eine neue Methodik zu entwickeln und ihre Erfahrungen großzügig mit anderen Kollegen zu teilen, wodurch weitere Seminare und Konferenzen entstanden sind.

Die Kinder sollen glücklich sein

Was mir an dieser neuartigen Schule ganz besonders wichtig ist: Die Kinder sollen hier glücklich sein. Gerade in der Schule sollen sie sich nicht abmühen und quälen, um irgendwann einmal glücklich zu sein. Und ich habe den Eindruck, dass uns das gelungen ist – auch weil unsere Lehrer jeden Schüler als Persönlichkeit ansehen. Von Anfang an war der persönlichkeitsorientierte Unterricht unser Unterrichts- und Beziehungsparadigma. Unser Traum war es, ein neues Paradigma in unserer Schule zu schaffen. Zudem war unsere Schule anfangs recht klein (Klassen mit maximal 12 Schülern), da hatten Lehrer und Erzieher genug Kraft und Zeit, jeden einzelnen Schüler zu sehen, zu verstehen und mit ihm mitzufühlen.

Erst viel später befasste ich mich mit der Problemtheorie, d. h. mit dem Studium der Entwicklung und der Praxis von persönlichkeitsorientiertem Unterricht und Erziehung. Zu Anfang handelten wir vor allem intuitiv, was sich dann als richtig erwies und was heute im Schulsystem vieler Länder in der Tendenz angestrebt wird.

Hoffnung für unser Land

Das mit Würde und realistischer Lebensauffassung verbundene freie Denken fehlt in unserer heutigen Gesellschaft in erheblichem Maße. Unser Ziel ist, bei der nächsten Generation diese Fähigkeiten und – noch wichtiger! – christlich-sittliche Werte zu fördern. Aber das hat einen hohen Preis. Mit großen Sorgen, aber auch Stolz haben wir erlebt, dass unsere Schüler und Ehemaligen im letzten Frühjahr und Herbst bei ganz legalen und genehmigten Demonstrationen auf die Straße gingen – und von der Polizei aufgegriffen wurden bzw. ihr auch davonlaufen konnten. Einige hatten Angst, wieder nach Hause oder in die Schule zurück­zukehren, da ihnen Verhaftung und ihren Eltern große Probleme drohten. Einige Eltern haben dadurch ihren Arbeitsplatz verloren. Aber solche Menschen mit eigenständigen Überzeugungen sind die Hoffnung für unser Land. Für meine Kollegen und mich sind Kontakte zu Christen in westlichen Ländern wichtig.  Wir an der Peterschule wissen, dass es in Deutschland Menschen gibt, die für uns beten. Danke!

Von

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