Bleib dabei!

Trennung um der Einheit willen (Apostelgeschichte 15,36-41)

Heinrich Heine hatte gegen Ende seines Lebens, als ihm seine atheistische Zuversicht abhanden gekommen war, seine Ansichten in Bezug auf göttliche Dinge sehr geändert. Auf die Frage, wie er denn zur besseren Erkenntnis gelangt sei, erwiderte er: „Ich verdanke meine Erleuchtung ganz einfach der Lektüre eines Buches – eines Buches? Ja, und es ist ein altes, schlichtes Buch… – und dieses Buch heißt auch ganz kurzweg das Buch, die Bibel. Mit Fug nennt man diese auch die heilige Schrift: Wer seinen Gott verloren hat, der kann ihn in diesem Buche wiederfinden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes.“ Außer Gott begegnen wir in der Bibel aber vor allem auch Menschen – in einer Fülle von Umständen, möglichen und unmöglichen Handlungsweisen, in denen wir uns selbst wiederfinden. Die verschiedenen Lebensgeschichten und Ereignisse können uns durchaus als „Wegweisung“ an kritischen Stationen unseres Lebens dienen und uns modellhaft vor Augen führen, wie sich menschliches Handeln mit Gottes Plänen verträgt, wenn die eigene Motivation geklärt und ernsthaft um Lösung und Antwort gerungen wird. Jede Berufung, die von Gott ausgeht, zieht Menschen in eine Beziehung zu ihm und damit immer auch in vielfältige Beziehungen zu anderen Menschen. Solche Begegnungen mit Gott und mit Menschen sind die größte Herausforderung, das eigentliche Abenteuer unseres Lebens.

Konflikte unter Gutwilligen

Wer seine Berufung zu diesem Abenteuer erkennt, der weiß: Ich bin von Gott zu anderen Menschen gesandt. Und nicht nur ich allein. Wir sind gemeinsam mit anderen beauftragt, den von Gott gestifteten Lebenssinn ins Leben zu bringen. Dabei erleben wir – denn wir sind Menschen –, dass es Konflikte gibt, die sich nicht mit dem Hinweis „Seid lieb zueinander“ lösen lassen. Wer denkt, Konflikte dürften nicht sein, ich dürfte nicht im Streit mit jemandem liegen, oder andere dürften sich mir nicht widersetzen, weil wir doch alle der Berufung Gottes folgen, der irrt. Wir sind keine Gutmenschen, und ehe wir wieder ins ­Paradies gelangen, werden wir das auch nicht sein. Konflikte ergeben sich von alleine, aber Auswege nicht. Dazu brauchen wir Hilfe – Wegweisung sozusagen. Wenn wir unsere Bibel aufschlagen, finden wir eine breite Palette an konflikthaltigen Situationen; und das nicht nur unter „den Bösen“ oder zwischen „Guten“ und „Bösen“, sondern auch immer wieder unter jenen, die sich offensichtlich um die gute Sache bemühen. Über eine solche Konfliktsituation berichtet die Apostelgeschichte.

Paulus und Barnabas waren auf Weisung des Heiligen Geistes von der Gemeinde auf Missionsreise geschickt worden. Sie nahmen den Neffen von ­Barnabas, Markus, mit, der sie unterwegs eigenmächtig verließ. Nach dem Apostelkonzil sagte Paulus zu Barnabas: Lass uns wieder aufbrechen und nach unseren Brüdern sehen in allen Städten, in denen wir das Wort des Herrn verkündigt haben, wie es um sie steht. Barnabas aber wollte, dass sie auch Johannes mit dem Beinamen Markus mitnähmen. Paulus aber hielt es nicht für richtig, jemanden mitzunehmen, der sie in Pamphylien verlassen hatte und nicht mit ihnen ans Werk gegangen war. Und sie kamen scharf aneinander, so dass sie sich trennten. Barnabas nahm Markus mit sich und fuhr nach Zypern. Paulus aber wählte Silas und zog fort, von den Brüdern der Gnade Gottes befohlen. Er zog aber durch Syrien und Zilizien und stärkte die Gemeinden (Apg 15,36-41; EÜ 1984). Paulus und Barnabas haben dasselbe Ziel: Sie wollen Christus verkündigen. Das verbindet sie – sie wollen Menschen gewinnen und bei Christus halten. Sie haben dasselbe Ziel und geraten doch aneinander. Barnabas will seinen Neffen dabeihaben, Paulus nicht. Schließlich war jener weggelaufen. Paulus brennt für die Mission, und von ihm geht die Aufforderung aus, wieder auf Missionsreise zu gehen. Barnabas sagt Ja, aber mit Markus; Paulus sagt Nein. Deshalb trennen sie sich.

Trennung statt Spaltung

Es ist in diesem Fall sehr wichtig festzuhalten: zwischen den beiden Aposteln kommt es nicht zum „Bruch“. Sie kündigen weder die Einheit in Christus auf, noch sprechen sie einander die Kompetenz und die Vollmacht für das Apostolat ab. Ihre Trennung führt auch nicht zur Spaltung der Gemeinde. Unter Umständen kann Trennung also eine Lösung des Konflikts sein; nicht nur Notlösung, sondern fruchtbare Neuorientierung, die den Handlungsraum für beide Seiten sogar erweitert: Das Ziel, die Mission, bleibt dasselbe. Das gemeinsame Anliegen aller Beteiligten bleibt nicht auf der Strecke. Die Mission geschieht nach der Trennung sogar umfangreicher, in Zypern, Syrien und Zilizien in Kleinasien, der heutigen Türkei.

Erzwungenes Miteinander im Glauben kann die Lage verschlimmern. Wir wissen, dass es „geistlichen“ Zwang ebenso wie körperlichen gibt. Mitunter ist die subtilere Form „geistlichen“ Zwanges nicht weniger zerstörerisch als eine, die mit brachialer Gewalt durchgesetzt wird. Die gut gemeinte Aufforderung Vertragt euch doch! wäre hier unangemessen und unrealistisch, denn das Leben wehrt sich gegen Gleichmacherei, auch gegen geistliche. Ein Nebeneinander ist möglich, wenn und solange das Ziel gleich ist. Einer nimmt vielleicht die Autobahn, während ich quer durch den Wald gehen will. Wenn ich weiß, dass der andere auf einem anderen Weg ist, aber das gleiche Ziel verfolgt, dann ist das Nebeneinander auf verschiedenen Wegen immer besser als ein Gegeneinander auf demselben Weg.

In praktischen Fragen gilt: besser oder schlechter, nicht gut oder schlecht. Wo es um gut oder schlecht geht, da wird der Konflikt verschärft. Es ist also jeweils zu prüfen, worum es geht – um ein praktisches oder um ein grundsätzliches Problem. Wenn ich zum Beispiel feststelle, dass ich mit ­einem Menschen nicht kann, hilft die Frage: Muss ich denn mit ihm können? Möglicherweise nicht. Tue ich trotzdem so, als ob ich mit ihm könnte, dann werde ich leicht zum Heuchler, der vorne lächelt und hinten beißt. Die grundsätzlichere Frage „Wollen wir beide Christus verkündigen?“, darf nicht im Konflikt verschwinden. Wenn ich einen Weg, den ein anderer wählt, für schlechter halte als meinen, kann ich darauf vertrauen, dass er es eventuell selbst merkt. Ist er zu verbohrt und zieht die anstrengendere Lösung vor, so kann ich das hinnehmen, weil das Ziel zählt. Ich bin beweglich, wenn zwischen schlechter oder besser statt zwischen gut und schlecht zu entscheiden ist. Paulus und Barnabas gehen nun in verschiedene Richtungen. Barnabas fährt mit seinem Neffen Markus. Paulus erwählt sich Silas. Die Gemeinde in Antiochien hatte beide miteinander ausgesandt, sie haben zu zweit Großes geleistet. Aber sie sind an einem empfindlichen Punkt in Konflikt geraten, und die Gemeinde Christi musste lernen, damit umzugehen.

Seit Ostern liegt die Last, Herausforderung und ­Gefahr der Konfliktbewältigung bei uns selber. Jesus ist es nicht mehr, der den Streit der Jünger – „wer von uns gehört an welchen Platz?“ – schlichtet. Das ist angesichts der Gabe des Heiligen Geistes auch nicht nötig, sofern man den Heiligen Geist nicht als den Geist der Selbstrechtfertigung versteht, sondern als den, der innovativ ist, der zu neuen Lösungen führt und ermächtigt. Der Geist Gottes hilft uns gerade in Konflikten weiter­zukommen, indem er uns daran erinnert, dass wir durch Christus verbunden sind und wie wir untereinander und ihm zugeordnet sind.

Flache Hierarchie

Die in Christus begründete Hierarchie ist zunächst einmal eine flache, das heißt: am Tisch des Herrn, in Gebet und Gottesdienst sind alle Geschwister auf gleicher Ebene in Christus verbunden. Ämter, Status, Ordination oder Dienstalter spielen keine Rolle. Die kommen erst und nur im gemeindlichen Dienst zum Tragen. Und auch diese Hierarchie ist anders als alle, die wir kennen. Was ist daran neu?

Herkömmliche Hierarchien sind von der Macht und im Interesse der Machtausübung begründet. Der Befehlsweg ging – und geht bis heute – von oben nach unten. Was im obersten Rat entschieden wird, muss Stufe um Stufe weitergegeben werden.

Bei Christus ist das anders. Wer unter euch der Erste sein will, der muss der Letzte und aller Diener sein (Mk 9,35). Dort liegt der entscheidende ­Unterschied: Die Hierarchie ist nicht in der Hoheit der Person begründet. Die von und in Christus begründete Hierarchie, in die sich der Apostel Paulus gestellt hat, besteht in Dienst und Selbstlosigkeit und nicht in Macht­fülle. Es geht für Christen nicht darum, im Vollbesitz dessen zu sein, was durch eigene Kraft und Leistung an Position errungen wurde und wodurch wir andere Menschen unsere Macht bis in die Finger- und Zehenspitzen fühlen lassen.

Die Hierarchie des Lammes

Der Ursprung dieser neuen Hierarchie ist Christus selbst. Und sie existiert nicht ohne ihn. Geht hin – siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe (Lk 10,3; EÜ). Das ist die Hierarchie dessen, der als Lamm in den Tod ging. Darin liegt seine Vollmacht begründet und daraus leitet er den Anspruch ab, zu schicken und zu senden: Siehe, ich sende euch ... Es gibt auch solche, die sagen: „Ja, geh“ – aber sie selbst sitzen in Sicherheit und schicken andere vor. Die Hoheit Jesu besteht in dem Dienst, den er selbst getan hat, und in der Selbstlosigkeit, die er gelebt hat.

Keine Gleichmacherei

Es gibt totalitäre Weltverbesserungsmodelle und -regime, die auf das Prinzip „Alle sind gleich“ pochen und darunter Gleichmacherei verstehen. Umso wichtiger ist das zweite Merkmal der Hierarchie Jesu: Es gibt in ihr keine Uni­formität. Die Verschiedenheit ist gewollt, sie wird begrüßt und als Reichtum erfahren. Es kann gar nicht genug Gaben und Verschiedenheiten bei uns geben! Jeder ist einzigartig, aber jedem gilt die gleiche Berufung zum Dienst und zur Selbstlosigkeit. Womit der eine dient, ist anders als das, womit sein Nachbar dient.

Einem Ziel verpflichtet

Als christliche Gemeinschaft sollen wir uns dadurch von anderen unterscheiden, dass all die vielen Gaben, die bei uns vorhanden sind, dem einen Ziel dienen; wenn nötig, nebeneinander – und da muss der eine es nicht so machen wie ein anderer –, wo möglich, miteinander. Christus ist ganz Dienst und ganz Selbstlosigkeit. Wir müssen im Vertrauen auf ihn das, was wir sind und haben, nicht uniformieren, sondern damit dienen und weniger selbstbezogen damit umgehen. Hier ­haben die Christen das heilige Recht und die Pflicht, einander zu fragen: Wo ist dein Dienst, wo deine Selbstlosigkeit? Im Interesse unserer Handlungsfähigkeit und des Vermögens, mit Konflikten umzugehen, muss uns zweierlei wichtig sein: die Schaffung von Freiräumen für Verschiedenheit durch ein geordnetes Nebeneinander und die kurze Hierarchie dank des einen Herrn Jesus Christus. Christus, der Herr, ist der Diener, und so soll es bei uns auch sein. Dann entsteht jene einzigartig begründete flache Hierarchie, die Grundlage für eine unüberschaubare Fülle an reicher, im gemeinsamen Dienst aufblühender Verschiedenheit ist. 

Von

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