One Love. One Family.
One Korea.

Wir üben den Mauerfall              

Ralf Knauthe ist Mitgründer und Vorsitzender des Dresdener Sozialprojekts Stoffwechsel e. V., das Kids, Teens und Familien in sozialen Brennpunkten mit einem umfangreichen Angebot mit der Hoffnung des Evangeliums erreicht. Die ojcos-stiftung würdigte seinen langjährigen Einsatz für Versöhnung im Dresden der Nachwendezeit, im weltweiten Gebetsdienst zur Einheit der Kirche und für seine Solidarität mit Christen im zweigeteilten Korea mit dem diesjährigen ojcos-­Stiftungspreis. Wir haben Ralf gebeten, zu berichten, was ihn als einen in der DDR Geborenen nach 30 Jahren Mauerfall bewegt und wie er seinen Glauben an eine friedvolle Zukunft nach Korea getragen hat.

Was hat der Berliner Mauerfall mit Korea zu tun? So dachte ich auch, bis ich im November 2016 im Live­stream das „Global Gathering“ (Weltweite Gebetskonferenz) in Jerusalem mitverfolgte. Ich sah einen lieben Freund aus Frankfurt/M., der kraftvoll für die Einheit von Korea betete. Mit einem Mal entzündete Gottes Geist etwas in meinem Herzen und ich fing an zu verstehen, wie meine persönliche Geschichte und die meines Heimatlandes für Gottes Geschichte mit Korea bedeutungsvoll sein kann. So stand ich vom Küchentisch auf und stimmte von Dresden aus in die Fürbitte für Korea mit ein. Einige Zeit später traf ich meinen Freund und erzählte ihm meine Geschichte. Uns beiden war klar: Gott will auch durch unsere Ost-West-Freundschaft Segen in Korea freisetzen.

Weckruf

Im September 2017 durfte ich zum ersten Mal nach Südkorea zum „Korea Family Gathering“ (einem Vorbereitungstreffen für das nächste Global Gathering) reisen. Allein mit dieser Tatsache konnte ich den Geschwistern Zeugnis davon geben, dass Gott Wunder tut. Noch vor knapp 30 Jahren wäre es unvorstellbar gewesen. Wenn Korea, dann höchstens Nordkorea mit „Jugendtourist“, einer Reiseorganisation der DDR.

Schlüsselerlebnis

Seit 2015 liegt in meiner Küche ein verrosteter Schlüssel. Bei Ausgrabungen auf einem der Grundstücke vom Stoffwechsel Dresden haben wir die Überreste eines Wohnhauses gefunden, das am 13. Februar 1945 beim Bombenangriff zerstört worden ist. Durch diesen verrosteten Schlüssel, der nach 70 Jahren ausgegraben wurde, sprach Gott zu mir: Zerstörtes Leben kann durch Jesus wiederhergestellt werden, und der Schlüssel dazu ist Gottes Liebe. Doch oft ist er durch unsere zerstörerischen Erfahrungen wie verschüttet. Kurz vor der Abreise nach Korea erinnerte mich Gott an diesen Schlüssel und ich packte ihn ein. Ebenso einen kleinen Bombensplitter von 1945, den meine Tante als Kind 1945 gefunden und mir irgendwann geschenkt hatte.

Grenzerfahrung I

So sprach ich dann zu den koreanischen Geschwistern über die Zerstörung durch Hass (Bombensplitter) und den Wiederaufbau durch Gottes Liebe ­(Schlüssel). Auch die Teilung Koreas jährt sich zum 70. Mal, und der Schlüssel für die Wiedervereinigung, Gottes Liebe, muss wieder freigesetzt werden. Nach der Versammlung fragte eine Koreanerin, ob sie den Schlüssel nochmal sehen könne, denn sie hatte wenige Tage davor einen Traum, in dem Gott ihr einen Schlüssel zeigte. Ich packte den Schlüssel aus. Mit großen Augen staunte sie und sagte, dass der Schlüssel in ihrem Traum genau so ausgesehen hatte. Es hat mich total berührt, wie Gott diese Geschichte benutzte, um Segen freizusetzen.

Ich traf hier Südkoreaner, die wenige Tage zuvor in Dresden waren und mir auf ihrem Handy die Frauen­kirche zeigten. Sie haben mich zu einer Reise an die Grenze zu Nordkorea in die Entmilitarisierte Zone (DMZ) eingeladen. Als ich dann von dort in den Norden von Korea blickte, kam mir das vor wie eine „verdrehte Welt“. Ich erinnerte mich, wie ich vor 1989 manchmal an der Berliner Mauer stand und vom Osten in den Westen schaute und mir nie hätte vorstellen können, dass ich je im Leben auf die andere Seite dürfte. Nun war ich auf der anderen Seite, eben im Süden von ­Korea, und blickte in den kommunistischen Norden. Mit den südkoreanischen Geschwistern beteten wir für Nordkorea und sprachen, jeder in seiner Sprache, das Vaterunser. Das hat mein Herz tief bewegt und eine Sehnsucht geweckt, meine nordkoreanischen Geschwister kennenzulernen und sie in Freiheit zu sehen.

Gebetsgipfel

Vom 21.-23. März 2018 trafen sich 2.000 Christen aus der ganzen Welt auf der Südkoreanischen Insel ­Jeju zum „Global Gathering“. Wir waren mit 70 Betern aus Deutschland angereist und hatten es auf dem Herzen, aus unserer eigenen Geschichte heraus die koreanischen Geschwister zu segnen. Das Wunder der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung ist ein Erbe unserer Nation. Hier hat sich Gott mit seiner ­Liebe durch die deutsche Geschichte vor der ganzen Welt verherrlicht. Unsere Herzen brennen dafür, auch in Korea zu sehen, dass Gott das schenkt, was nur er kann – Heilung und Versöhnung der Herzen. Dazu braucht er, was nur wir tun können: im Gebet und im Gehen seine wunderbaren Pläne freizusetzen.

Wir haben hier Südkoreaner und Nordkoreaner kennengelernt und uns ein Bild von der tiefen Wunde dieses Volkes machen können. 70 Jahre ist Korea bereits eine geteilte Nation, was 1948 mit der Gründung der beiden Staaten fixiert wurde. Wir Deutsche durften unsere Geschwister im Gebet segnen und über ihnen Gottes Vaterliebe freisetzen. Das Wunder unserer deutschen Wiedervereinigung ist ein starkes Zeugnis, denn es fällt besonders den Südkoreanern schwer, an eine gute Lösung zu glauben.

Ein ganz besonderer Moment war, als alle Deutschen auf der Bühne sich hinter nordkoreanische und südkoreanische Teilnehmer stellten und Markus Egli, der Leiter unserer Delegation, den Gastgebern ein kleines Stück der Berliner Mauer überreichte, als prophetisches Zeichen für das, was Gott auch in Korea tun wird. In großer Zuversicht haben wir, also alle 2.000 Beter gemeinsam, im Saal auf Deutsch mehrfach ausgerufen: „Die Mauer ist gefallen!“, während ein Nordkoreaner und ein Südkoreaner gemeinsam das Mauer­stück in die Luft hielten. Das war der Höhepunkt, es war solch ein Glaube und so eine tiefe Freude im Saal, dass wir, berührt von Gottes Gegenwart und seiner Größe, alle anfingen zu singen und zu tanzen.

Herztreffen

Das Global Gathering ermöglichte tiefe Begegnungen zwischen Leitern aus dem Süden und dem Norden, weil Gottes spürbare Gegenwart einen sicheren Raum von Liebe und Annahme schuf. Die Nordkoreaner wagten es, ihre Herzen zu zeigen und zu erzählen, wie abgelehnt sich die etwa 35.000 aus Nord­korea geflohenen Menschen im Süden fühlen, sodass sie oft lieber im Norden verhungern würden als hier zu bleiben. Die Südkoreaner waren davon so erschüttert, dass sie sich vor sie hinknieten und um Vergebung für ihr Unverständnis und ihre Herzenshärte baten. Zum ersten Mal nach 70 Jahren brach etwas auf, und es kam ein Prozess der Versöhnung in Gang. Bei einem weiteren, kleinen Treffen mit etwa 50 Teilnehmern wurde der Austausch vertieft und um Versöhnung gerungen. Eine Gebetsleiterin meldete: „An diesem Nachmittag freute sich der ganze Himmel, als ein Bund, vom Heiligen Geist geleitet, zwischen dem Norden und dem Süden geschlossen wurde. Wir sind beeindruckt von dem, wie Gott uns als Familie zusammengeführt hat. Unsere Geschwister aus Nordkorea fühlten sich sicher und geliebt, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatten.“

Grenzerfahrung II

Gott fügte es, dass wir vom Global Gathering aus mit sieben Deutschen und zwei Südkoreanern zur Grenze flogen, um die prophetische Botschaft des Mauerfalls von der Konferenz auf der Insel Jeju, dem südlichsten Punkt von Korea, nun in den Norden zu tragen. Bewegend war es für uns ehemals West- und Ostdeutsche, dort an der Grenze für die Heilung der Wunde der Teilung von Korea zu beten.

Eilmeldung

Nur wenige Wochen später standen sich die beiden koreanischen Staatsführer an der Grenze gegenüber und reichten einander die Hand – die sensationellen Bilder und Berichte darüber gingen um die Welt. Verborgen vor den Augen der Welt blieb, was Gottes Hand zuvor in den Herzen bewegt hatte. Mich bewegt zutiefst, wie Gott meine eigene Geschichte und die meines Vaterlandes zum Segen für die Geschichte Koreas eingesetzt hat. Er hat es als kleines Puzzleteil zu den treuen Gebeten so vieler Geschwister aus der ganzen Welt, die bereits seit Jahren für Korea beten, zu seinen himmlischen Plänen hinzugefügt. Das feuert mich an, weiter im Gebet zu stehen und im Glauben voranzu­gehen. Gott liebt es, seine Pläne mit uns, seinen geliebten Söhnen und Töchtern, gemeinsam auf der Erde zu verwirklichen. Das ist sein Wille – wie im Himmel so auf Erden.

Von

  • Ralf Knauthe

    ist Mitgründer und Vorsitzender vom Stoffwechsel e.V. in Dresden. Er ist Träger des ojcos-stiftungspreises 2019.

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