Meines Bruders Hüter?

Vom Rivalen zum Gehilfen

Kaum, dass Menschen beieinander sind, müssen sie anfangen, einander zu beobachten, zu beurteilen, einzuordnen. Damit hebt schon im Entstehen christlicher Gemeinschaft ein unsichtbarer, oft unbewusster, furchtbarer Streit auf Leben und Tod an. „Es kam auch ein Gedanke unter sie“ – das genügt, um die Gemeinschaft zu zerstören. [...] Hier ist keine Zeit zu verlieren; denn vom ersten Augenblick der Begegnung mit dem andern an sucht der Mensch nach der Kampfstellung, die er dem anderen gegenüber beziehen und durchhalten kann. Da sind Starke und Schwache; ist er selbst nicht stark, nun so ergreift er alsbald das Recht des Schwachen als sein eigenes und führt es gegen die Starken. Da sind Begabte und Unbegabte, Einfache und Schwierige, Fromme und weniger Fromme, Gemeinschaftsmenschen und Eigenbrötler. Hat nicht der Unbegabte ebenso eine Position zu beziehen wie der Begabte, der Schwierige wie der Einfache? Und bin ich nicht begabt, so bin ich doch vielleicht fromm, oder bin ich nicht fromm, so will ich es auch gar nicht sein. Kann nicht der Gemeinschaftsmensch im Augenblick alles für sich gewinnen und den Eigenbrötler bloßstellen, und kann nicht der Eigenbrötler der unüberwindliche Feind und schließlich der Besieger der Gemeinschaftsmenschen werden? Welcher Mensch fände nicht mit instinktiver Sicherheit den Ort, an dem er stehen und sich verteidigen kann, den er aber nie und nimmer einem andern einräumen wird, um den er kämpfen wird mit seinem ganzen Trieb zur Selbstbehauptung? Das alles kann unter den zivilsten oder auch frömmsten Formen geschehen, aber es kommt darauf an, dass eine christliche Gemeinschaft weiß, dass ganz gewiss irgendwo „ein Gedanke unter sie kam, wer der Größte unter ihnen wäre“. Es ist der Kampf des natürlichen Menschen um Selbstrechtfertigung. Er findet sie nur am Vergleich mit dem anderen, am Urteil, am Gericht über den andern. Selbstrechtfertigung und Richten gehören zusammen, wie Rechtfertigung aus Gnaden und Dienen zusammengehören.

Den Bruder nicht nach meinem Bilde formen

Wir bekämpfen unsere bösen Gedanken oft am wirksamsten, wenn wir ihnen grundsätzlich das Wort verbieten. [...] Wer seine Zunge im Zaum hält, der beherrscht Seele und Leib (Jak 3,3 ff.). So wird es eine entscheidende Regel jedes christlichen Gemeinschaftslebens sein, die dem Einzelnen das heimliche Wort über den Bruder verbietet. [...] Wo diese Zucht der Zunge von Anfang an geübt wird, dort wird jeder Einzelne eine unvergleichliche Entdeckung machen. Er wird aufhören können, den andern unaufhörlich zu beobachten, ihn zu beurteilen, ihn zu verurteilen, ihm seinen bestimmten beherrschbaren Platz zuzuweisen und ihm so Gewalt zu tun. Er kann nun den Bruder ganz frei stehenlassen, so wie Gott ihn ihm gegenübergestellt hat. Der Blick weitet sich, und er erkennt zu seinem Erstaunen über seinen Brüdern zum ersten Mal den Reichtum der Schöpferherrlichkeit Gottes. Gott hat den anderen nicht gemacht, wie ich ihn gemacht hätte. Er hat ihn mir nicht zum Bruder gegeben, damit ich ihn beherrsche, sondern damit ich über ihm den Schöpfer finde. In seiner geschöpflichen Freiheit wird mir nun der andere Grund zur Freude, während er mir vorher nur Mühe und Not war.

Gott will nicht, dass ich den andern nach dem Bilde forme, das mir gut erscheint, also nach meinem eigenen Bilde, sondern in seiner Freiheit von mir hat Gott den andern zu seinem Ebenbilde gemacht. Ich kann es niemals im Voraus wissen, wie Gottes Ebenbild im andern aussehen soll, immer wieder hat es eine ganz neue, allein in Gottes freier Schöpfung begründete Gestalt. Mir mag sie fremd erscheinen, ja ungöttlich. Aber Gott schafft den andern zum Ebenbilde seines Sohnes, des Gekreuzigten, und auch dieses Ebenbild schien mir ja wahrhaftig fremd und ungöttlich, bevor ich es ergriff.

Nun wird Stärke und Schwachheit, Klugheit und Torheit, begabt und unbegabt, fromm oder weniger fromm, nun wird die ganze Verschiedenartigkeit der Einzelnen in der Gemeinschaft nicht mehr Grund zum Reden, Richten, Verdammen, also zur Selbstrechtfertigung sein, sondern sie wird Grund zur Freude und zum Dienst aneinander. [...]

Wie wird nun der rechte brüderliche Dienst in der christlichen Gemeinschaft getan? Wir sind heute leicht geneigt, hier schnell zu antworten, dass der einzig wirkliche Dienst am Nächsten der Dienst mit dem Worte Gottes sei. Es ist wahr, dass kein Dienst diesem gleichkommt, dass vielmehr jeder andere Dienst auf ihn ausgerichtet ist. Dennoch besteht christliche Gemeinschaft nicht nur aus Predigern des Wortes. Der Missbrauch könnte ungeheuerlich werden, wenn hier einige andere Dinge übersehen würden.

Dem Bruder zuhören können

Der erste Dienst, den einer dem andern in der Gemeinschaft schuldet, besteht darin, dass er ihn anhört. Wie die Liebe zu Gott damit beginnt, dass wir sein Wort hören, so ist es der Anfang der Liebe zum Bruder, dass wir lernen, auf ihn zu hören. Es ist Gottes Liebe zu uns, dass er uns nicht nur sein Wort gibt, sondern uns auch sein Ohr leiht. So ist es sein Werk, das wir an unserem Bruder tun, wenn wir lernen ihm zuzuhören. Christen, besonders Prediger, meinen so oft, sie müssten immer, wenn sie mit andern Menschen zusammen sind, etwas „bieten“, das sei ihr einziger Dienst. Sie vergessen, dass Zuhören ein größerer Dienst sein kann als Reden. Viele Menschen suchen ein Ohr, das ihnen zuhört, und sie finden es unter den Christen nicht, weil diese auch dort reden, wo sie hören sollten. Wer aber seinem Bruder nicht mehr zuhören kann, der wird auch bald Gott nicht mehr zuhören, sondern er wird auch vor Gott immer nur reden. Hier fängt der Tod des geistlichen Lebens an, und zuletzt bleibt nur noch das geistliche Geschwätz, die pfäffische Herablassung, die in frommen Worten erstickt. Wer nicht lange und geduldig zuhören kann, der wird am andern immer vorbeireden und es selbst schließlich gar nicht mehr merken. Wer meinte, seine Zeit sei zu kostbar, als dass er sie mit Zuhören verbringen dürfte, der wird nie wirklich Zeit haben für Gott und den Bruder, sondern nur immer für sich selbst, für seine eigenen Worte und Pläne.

Brüderliche Seelsorge unterscheidet sich von der Predigt wesentlich dadurch, dass zum Auftrag des Wortes hier der Auftrag zum Hören hinzutritt. Es gibt auch ein Zuhören mit halben Ohren, in dem Bewusstsein, doch schon zu wissen, was der andere zu sagen hat. Es ist das ungeduldige, unaufmerksame Zuhören, das den Bruder verachtet und nur darauf wartet, bis man endlich selbst zu Worte kommt und damit den andern loswird. Das ist keine Erfüllung unseres Auftrages, und es ist gewiss, dass sich auch hier in unserer Stellung zum Bruder nur unser Verhältnis zu Gott widerspiegelt. Es ist kein Wunder, dass wir den größten Dienst des Zuhörens, den Gott uns aufgetragen hat, nämlich das Hören der Beichte des Bruders, nicht mehr zu tun vermögen, wenn wir in geringeren Dingen dem Bruder unser Ohr versagen. Die heidnische Welt weiß heute etwas davon, dass einem Menschen oft allein dadurch geholfen werden kann, dass man ihm ernsthaft zuhört, sie hat auf dieser Erkenntnis eine eigene säkulare Seelsorge aufgebaut, die den Zustrom der Menschen, auch der Christen findet. Die Christen aber haben vergessen, dass ihnen das Amt des Hörens von dem aufgetragen ist, der selbst der große Zuhörer ist und an dessen Werk sie teilhaben sollen. Mit den Ohren Gottes sollen wir hören, damit wir mit dem Worte Gottes reden können.

Dem Bruder ein Gehilfe werden

Der andere Dienst, den in einer christlichen Gemeinschaft einer dem andern tun soll, ist die tätige Hilfsbereitschaft. Dabei ist zunächst an die schlichte Hilfe in kleinen und äußeren Dingen gedacht. Es gibt deren eine große Zahl in jedem Gemeinschaftsleben. Keiner ist für den geringsten Dienst zu gut. Die Sorge um den Zeitverlust, den eine so geringe und äußerliche Hilfeleistung mit sich bringt, nimmt meist die eigene Arbeit zu wichtig. Wir müssen bereit werden, uns von Gott unterbrechen zu lassen. Gott wird unsere Wege und Pläne immer wieder, ja täglich durchkreuzen, indem er uns Menschen mit ihren Ansprüchen und Bitten über den Weg schickt. Wir können dann an ihnen vorübergehen, beschäftigt mit den Wichtigkeiten unseres Tages, wie der Priester an dem unter die Räuber Gefallenen vorüberging, vielleicht – in der Bibel lesend. Wir gehen dann an dem sichtbar in unserem Leben aufgerichteten Kreuzeszeichen vorüber, das uns zeigen will, dass nicht unser Weg, sondern Gottes Weg gilt. Es ist eine seltsame Tatsache, dass gerade Christen und Theologen ihre Arbeit oft für so wichtig und dringlich halten, dass sie sich darin durch nichts unterbrechen lassen wollen. [...] Es gehört aber zur Schule der Demut, dass wir unsere Hand nicht schonen, wo sie einen Dienst verrichten kann, und dass wir unsere Zeit nicht in eigene Regie nehmen, sondern sie von Gott füllen lassen. Im Kloster nimmt das Gehorsamsgelübde gegen den Abt dem Mönch das Verfügungsrecht über seine Zeit. Im evangelischen Gemeinschaftsleben tritt der freie Dienst am Bruder an die Stelle des Gelübdes. Nur wo die Hände sich für das Werk der Liebe und der Barmherzigkeit in täglicher Hilfsbereitschaft nicht zu gut sind, kann der Mund das Wort von der Liebe und der Barmherzigkeit Gottes freudig und glaubwürdig verkündigen.

Den Bruder in Liebe (er)tragen

Wir sprechen drittens von dem Dienst, der im Tragen des andern besteht. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen (Gal 6,2). So ist das Gesetz Christi ein Gesetz des Tragens. Tragen ist ein Erleiden. Der Bruder ist dem Christen eine Last, gerade dem Christen. Dem Heiden wird der andere gar nicht erst zur Last. Er geht jeder Belastung durch ihn aus dem Wege, der Christ muss die Last des Bruders tragen. Er muss den Bruder erleiden. Nur als Last ist der andere wirklich Bruder und kein beherrschtes Objekt. Die Last der Menschen ist Gott selbst so schwer gewesen, dass er unter ihr ans Kreuz musste. Gott hat die Menschen am Leibe Jesu Christi wahrhaftig erlitten.

So aber hat er sie getragen, wie eine Mutter ihr Kind, wie ein Hirte das verlorene Lamm. Gott nahm die Menschen an, da drückten sie ihn zu Boden, aber Gott blieb bei ihnen und sie bei Gott. Im Erleiden der Menschen hat Gott Gemeinschaft mit ihnen gehalten. Es ist das Gesetz Christi, das im Kreuz in Erfüllung ging. An diesem Gesetz bekommen die Christen teil. Sie sollen den Bruder tragen und erleiden, aber, was wichtiger ist, sie können nun auch den Bruder tragen unter dem erfüllten Gesetz Christi.

Es ist zuerst die Freiheit des andern, von der wir früher sprachen, die dem Christen eine Last ist. Sie geht gegen seine Selbstherrlichkeit und doch muss er sie anerkennen. Er könnte sich dieser Last entledigen, indem er den andern nicht freigäbe, sondern vergewaltigte, ihm sein Bild aufprägte. Lässt er aber Gott sein Bild an ihm schaffen, so lässt er ihm damit die Freiheit und trägt selbst die Last solcher Freiheit des andern Geschöpfes. Zur Freiheit des andern gehört all das, was wir unter Wesen, Eigenart, Veranlagung verstehen, gehören auch die Schwächen und Wunderlichkeiten, die unsere Geduld so hart beanspruchen, gehört alles, was die Fülle der Reibungen, Gegensätze und Zusammenstöße zwischen und mit dem andern hervorbringt. Die Last des andern tragen, heißt hier, die geschöpfliche Wirklichkeit des andern ertragen, sie bejahen und in ihrem Erleiden zur Freude an ihr durchdringen.

Besonders schwer wird das, wo Starke und Schwache im Glauben in einer Gemeinschaft verbunden sind. Der Schwache richte nicht den Starken, der Starke verachte nicht den Schwachen. Der Schwache hüte sich vor Hochmut, der Starke vor Gleichgültigkeit. Keiner suche sein eigenes Recht. Fällt der Starke, so bewahre der Schwache sein Herz vor Schadenfreude, fällt der Schwache, so helfe ihm der Starke freundlich wieder auf.

Zur Freiheit des andern kommt ihr Missbrauch in der Sünde, die dem Christen an seinem Bruder zu Last wird. Die Sünde des andern ist noch schwerer zu tragen als seine Freiheit; denn in der Sünde wird die Gemeinschaft mit Gott und mit den Brüdern zerrissen. Hier erleidet der Christ den Bruch der in Jesus Christus gestifteten Gemeinschaft am andern. Hier aber wird auch im Tragen die große Gnade Gottes erst ganz offenbar. Den Sünder nicht verachten, sondern tragen dürfen, ihm die Gemeinschaft bewahren dürfen durch Vergebung. Liebe Brüder, so ein Mensch etwa von einer Sünde übereilt würde, so helfet ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist (Gal 6,1). Wie Christus uns als Sünder trug und annahm, so dürfen wir in seiner Gemeinschaft Sünder tragen und annehmen zur Gemeinschaft Jesu Christi durch Vergebung der Sünden. Wir dürfen die Sünden des Bruders erleiden, wir brauchen nicht zu richten. [...] Den Dienst der Vergebung tut einer dem andern täglich. Ohne Worte geschieht er in der Fürbitte füreinander; und jedes Glied der Gemeinschaft, das in diesem Dienst nicht müde wird, darf sich darauf verlassen, dass auch ihm dieser Dienst von den Brüdern getan wird. Wer selbst trägt, weiß sich getragen, und nur in dieser Kraft kann er selbst tragen.

Dem Bruder Gottes Wort ausrichten

Wo nun der Dienst des Hörens, der tätigen Hilfe, des Tragens treu getan wird, kann auch das Letzte und Höchste geschehen, der Dienst mit dem Worte Gottes. Es geht hier um das freie, nicht an Amt, Zeit und Ort gebundene Wort von Mensch zu Mensch. Es geht um die in der Welt einzigartige Situation, in der ein Mensch dem andern mit menschlichen Worten den ganzen Trost Gottes und die Ermahnung, die Güte und den Ernst Gottes bezeugt. Dieses Wort ist von unendlichen Gefahren umlauert. Ist ihm das rechte Hören nicht vor­angegangen, wie sollte es dann wirklich das rechte Wort für den andern sein? Steht es im Widerspruch zur tätigen Hilfsbereitschaft, wie könnte es ein glaubwürdiges und wahrhaftiges Wort sein? Kommt es nicht aus dem Tragen, sondern aus der Ungeduld und dem Geist der Vergewaltigung, wie könne es das befreiende und heilende Wort sein? Umgekehrt verstummt gerade dort der Mund leicht, wo wirklich gehört, gedient, getragen worden ist. Das tiefe Misstrauen gegen alles, was nur Wort ist, erstickt oft das eigene Wort zum Bruder. Was kann ein ohnmächtiges Menschenwort an einem andern ausrichten? Sollen wir die leeren Reden ver­mehren? Sollen wir wie die ­geist­lichen Routiniers über die wirkliche Not des andern hinwegreden? Was ist gefährlicher, als Gottes Wort zum Überfluss zu reden, wiederum, wer will es verantworten, geschwiegen zu haben, wo er hätte reden sollen? Wie viel leichter ist das geordnete Wort auf der Kanzel als dieses gänzlich freie, zwischen der Verantwortung zum Schweigen und zum Reden stehende Wort?

Zu der Furcht vor der eigenen Verantwortung zum Wort tritt die Furcht vor dem andern hinzu. Was kostet es oft, den Namen Jesus Christus selbst einem Bruder gegenüber über die Lippen zu bringen. Es vermischt sich auch hier Richtiges und Falsches. Wer darf in den Nächsten eindringen? Wer hat Anspruch darauf, ihn zu stellen, zu treffen, ihn auf das Letzte hin anzureden? Es wäre kein Zeichen großer christlicher Einsicht, wollte man hier einfach sagen, jeder habe diesen Anspruch, ja diese Verpflichtung. Der Geist der Vergewaltigung könnte sich hier in bösester Weise wieder einnisten. Der andere hat in der Tat sein eigenes Recht, seine eigene Verantwortung und auch seine eigene Pflicht, sich gegen unbefugte Eingriffe zu wehren. Der andere hat sein eigenes Geheimnis, das nicht angetastet werden darf ohne großen Schaden, das er nicht preisgeben darf, ohne sich selbst zu zerstören. Es ist nicht ein Geheimnis des Wissens oder Fühlens, sondern das Geheimnis seiner Freiheit, seiner Erlösung, seines Seins. Und doch liegt diese rechte Erkenntnis in so gefährlicher Nähe des mörderischen Kainswortes: Soll ich meines Bruders Hüter sein? Die scheinbar geistlich begründete Respektierung der Freiheit des andern kann unter dem Fluch des Gotteswortes stehen: Sein Blut will ich von deiner Hand fordern (Ez 3,18).

Sich vor dem Bruder offenbaren

Wo Christen zusammenleben, muss es irgendwann und irgendwie dazu kommen, dass einer dem andern persönlich Gottes Wort und Willen bezeugt. Es ist undenkbar, dass von den Dingen, die jedem Einzelnen die Wichtigsten sind, nicht auch brüderlich gesprochen werden sollte. Es ist unchristlich, wenn einer dem andern den entscheidenden Dienst wissentlich versagt. Will das Wort nicht über die Lippen, so werden wir uns zu prüfen haben, ob wir unseren Bruder nicht doch nur in seiner Menschenwürde sehen, die wir nicht anzutasten wagen und darüber das Wichtigste vergessen, dass auch er, er sei so alt, so hochgestellt, so bedeutend wie er wolle, ein Mensch ist wie wir, der als Sünder nach Gottes Gnade schreit, der seine großen Nöte hat wie wir, der Hilfe, Trost und Vergebung braucht wie wir. Es ist die Grundlage, auf der Christen miteinander reden können, dass einer den andern als Sünder weiß, der in aller seiner Menschenehre verlassen und verloren ist, wenn ihm nicht geholfen wird. Das bedeutet keine Verächtlichmachung, keine Verunehrung des andern; vielmehr wird hier dem andern die einzige wirkliche Ehre erwiesen, die der Mensch hat, dass er nämlich als Sünder an Gottes Gnade und Herrlichkeit teilhaben soll, dass er Gottes Kind ist. Diese Erkenntnis gibt dem brüderlichen Wort die nötige Freiheit und Offenheit. Wir reden einander auf die Hilfe an, die wir beide brauchen. Wir ermahnen einander zu dem Weg, den Christus uns gehen heißt. Wir warnen einander vor dem Ungehorsam, der unser Verderben ist. Wir sind sanft und wir sind hart gegeneinander, denn wir wissen von Gottes Güte und von Gottes Ernst. [...]

Je mehr wir lernen, uns selbst das Wort vom andern sagen zu lassen, auch harte Vorwürfe und Ermahnungen demütig und dankbar anzunehmen, desto freier und sachlicher werden wir zum eigenen Wort. Wer selbst in Empfindlichkeit und Eitelkeit das ernste brüderliche Wort ablehnt, der kann auch dem andern nicht in Demut die Wahrheit sagen, weil er die Ablehnung fürchtet und sich dadurch wieder selbst verletzt fühlt. Der Empfindliche wird immer zum Schmeichler und damit alsbald zum Verächter und Verleumder seines Bruders. Der Demütige aber bleibt zugleich an der Wahrheit und an der Liebe. Er bleibt am Worte Gottes und lässt sich von ihm zum Bruder führen. Weil er nichts für sich sucht und fürchtet, kann er durch das Wort dem andern helfen.

Aus: Bonhoeffer, Gemeinsames Leben. (GTB, 26. A, 2001, S. 77–94)

 

Von

  • Dietrich Bonhoeffer

    ev. Theologe, war Studentenpfarrer in Berlin, Auslandspfarrer in London und von 1935-37 Leiter des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwald. Wegen seiner Rolle im Widerstand wurde er 1945 im KZ Flossenbürg von den Nazis hingerichtet.

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