Achtung, konfliktreiche Zone

Training für den politischen Ernstfall

Interview mit Daniel Wehrenfennig

Die 2008 an der Universität von Irvine (Kalifornien) entstandene Olive Tree „Ölbaum“ Initiative (OTI) lädt jedes Jahr eine Gruppe von Studenten ein, eine Konfliktregion im Nahen Osten zu bereisen und in gut vorbereiteten Begegnungen mit Angehörigen verschiedener politischer, religiöser und ethnischer Gruppen einen authentischen und unparteiischen Einblick in die vielschichtigen Konflikte zu gewinnen. Gründer und Direktor der Initiative ist der Konfliktforscher Daniel Wehrenfennig, Freiwilliger der OJC-Jahresmannschaft 1999/2000. ­Claudio Dangmann, in der OJC aufgewachsen, absolviert jetzt als Student der Wirtschaftspsychologie ein Praktikum bei der Olive Tree Initiative und hat für uns Daniel Wehrenfennig befragt.

CD: Daniel, wie bist du als Deutscher zur Konfliktforschung in Kalifornien gekommen?

DW: Ich bin nach meinem Studium der Sozialwissenschaften meiner amerikanischen Frau, die ich übrigens während meiner Zeit bei der OJC kennengelernt habe, in die USA gefolgt und als Graduierter an der Universität von Irvine gelandet. Hier habe ich mich damit beschäftigt, wie die Konfliktforschung ihre Erkenntnisse im politischen Kontext vertiefen kann und wie man die Kluft zwischen dem Wissen, das wir an Schulen und Universitäten vermitteln, und dem, was vor Ort konkret schwelt und brennt, überbrücken könnte. In der OTI wollen wir nicht nur Informationen über internationale Konflikte sammeln und lehren, sondern mit den Absolventen mitten in eine konfliktreiche Zone reisen und unmittelbar sehen, hören, erfahren, wie die Menschen diese Situationen erleben, damit wir die Möglichkeiten für wirksame Lösungsansätze ausloten können.

CD: Was war der Gründungsimpuls für die Olive-Tree-Initiative? 

DW: Die erste Reise, an der ich als „graduate student“ teilgenommen hatte. Die Teilnehmer des Kurses sind oft in den verschiedenen, zum Teil politisch verfeindeten Lagern des Nahen Ostens sozialisiert und so in den israelisch-palästinensischen Konflikt verwickelt. Uns war es wichtig, den giftigen Umgangston zu entschärfen. Beim ersten Vorbereitungstreffen war noch jede Seite fest davon überzeugt, im Recht zu sein, und dass die andere Unrecht hätte. Gleichzeitig mussten alle zusagen, dass sie für die Sicherheit der jeweils anderen im „feindlichen Gebiet“ sorgen würden. Das heißt, sie nahmen sich einander an und wurden so in ihrem „homeland“ zu Fürsprechern der Gegenseite. Das war ein ganz anderer Ansatz. Bei der Nachbereitung wurde schnell klar, dass es der richtige Weg ist. Die Erfahrung der Reise war für jeden sehr prägend: Sie hat nicht nur unsere Sicht auf bestimmte Fragen verändert, sondern auch unseren Blick und die Fähigkeit, uns in die Position anderer zu versetzen. Es folgte eine zweite und dritte Reise, woraus dann die „Olive Tree Initiative“ entstanden ist. 600 Teilnehmer waren schon involviert und sind dem Programm bis heute verbunden. Die Initiative ist inzwischen an 12 Universitäten (elf in den USA und eine in Glasgow, UK) aktiv.

CD: Der Name ist sicher Programm ...

DW: Der Olivenbaum treibt tiefe Wurzeln und überdauert so in kargen Gegenden auch lange Dürrephasen. Seit alters her symbolisiert er Überleben, Frieden und Versöhnung. Der Umgang mit Konflikten ist herausfordernd, mühselig. Heute wird das ganz augenfällig mit dem „Entfreunden“ bei Facebook: ein Klick und ich bin den los, der mich nervt, mir querkommt, mit dem ich nichts zu tun haben will. Das funktioniert nicht nur auf der persönlichen Ebene; die ganze Gesellschaft polarisiert sich zunehmend, und jeder umgibt sich am liebsten mit seinesgleichen, zieht sich zurück in den Zirkel, in dem seine Meinung bestätigt wird. Wir hingegen möchten, dass sich die Studenten in persönlichen Begegnungen unterschiedlichen Perspektiven aussetzen. Sie lernen dadurch nicht nur sachlich Neues, sondern können auch einen neuen Umgang mit abweichenden oder gegenläufigen Positionen, Zielen, Lebensentwürfen einüben. Das ist eine wichtige Kompetenz in unserer zunehmend pluralistischen Gesellschaft. Wenn sich die Studenten später in verantwortlichen oder gar leitenden Positionen behaupten müssen, sind sie dafür besser gerüstet.

CD: Was bringt es meiner Generation, der Generation Z, sich mit dem israelisch-palästinen­sischen Konflikt auseinandersetzen, der Jahrhunderte alt ist und sich Tausende Kilometer entfernt abspielt?

DW: Sehr viel, denke ich, weil darin ganz unterschiedliche Dimensionen von Konflikten gebündelt sind – re­ligiöse, ethnische, politische, persönlich-biographi­sche. Erkenntnisse über Dynamiken, Eskalation oder Konfliktbewältigung lassen sich auf andere Regionen oder Situationen übertragen. Wer die Brisanz versteht und übt, konstruktiv damit umzugehen, wird auch anders gelagerte Konflikte besser ­bewältigen.

CD: Reisen in Krisengebiete sind gefährlich. Wie bereitet ihr die Studenten vor?

DW: Ein Bewusstsein für die Gefahr und eine gewisse Bereitschaft zum Risiko braucht es schon, auch das gehört zum Lernprozess. Zur intellektuellen Vorbereitung erarbeiten sich die Teilnehmer in vielen Lehreinheiten die historischen und politischen Zusammenhänge. Gleichzeitig bereiten wir sie auch mental vor, denn bei so einer Reise entsteht eine gewisse Gruppendynamik. Wir legen Wert darauf, dass die Studenten ihre eigenen Meinungen und Verschiedenheiten schon vor der Reise einbringen, lernen, ihre Meinung jeweils klar zu formulieren, aber einander auch zuzuhören und mit Vertrauen zu begegnen.

CD: Wie soll man sich das konkret vorstellen?

DW: Besonders eindrücklich war die Begegnung mit einem Mann aus Haifa, der seine Tochter durch ein Selbstmordattentat verloren hat. Wenn er von seinen Erfahrungen und seinem Schmerz berichtet, dann sind seine Aussagen über Muslime nicht unbedingt politisch korrekt – und unter unseren Studenten sind viele Muslime. Einer von ihnen ist nach der Begegnung auf ihn zugegangen und hat gesagt, ja, ich fühle deinen Schmerz, aber dem, was du über den Islam sagst, kann ich nicht zustimmen. Ich würde mich gerne mit dir darüber austauschen. Also haben die beiden einen Mailwechsel begonnen. Bei der Begegnung ein Jahr später war der Schmerz des Vaters immer noch da, aber er formulierte seine Vorwürfe wesentlich differenzierter.

CD: Was lernen die Teilnehmer bei OTI für ihre persönlichen Konfliktsituationen?

DW: Vor allem eine geschärfte Wahrnehmung. Denn ein Konflikt muss erst als solcher wahrgenommen werden. Normalerweise fühlt sich jeder erstmal als Opfer und muss aktiv bereit sein, gut zuzuhören. Wir nennen das active listening. Wenn man nur hört, was man hören will, filtert man die Worte und findet am Ende nur seine vorgefasste Meinung bestätigt – die Klappe fällt. Active listening heißt nicht, dem anderen zuzustimmen, sondern versuchen zu verstehen, was mein Gegenüber ausdrücken will. Das braucht vor allem Übung. Nach langen Berufsjahren in der Konfliktforschung bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass es nicht so sehr auf die richtige Technik ankommt, die ich einmal erlerne und dann anwende. Die Fähigkeit, Konflikte zu lösen, ist wie ein Muskel, der vor allem trainiert werden muss. Je mehr man etwas übt, desto leichter fällt es einem; wenn man aufhört, klappt es auch nicht mehr. Niemand, der mal einen Konflikt ausgestanden hat, ist für alle Zeit gewappnet. Konfliktfähig wird, wer immer wieder übt, den Konflikten nicht aus dem Weg geht, sondern sie aktiv angeht.

CD: Heißt das, man soll sich bewusst unangenehmen Gesprächen stellen?

DW: Genau! Wir können in unserer Gesellschaft nicht mehr davon ausgehen, dass alle von den gleichen Annahmen und Prinzipien ausgehen. Wir entwickeln unsere Identität zunehmend als Individuen. Ein Miteinander funktioniert aber nur, wenn alle entweder ähnlich sind, oder wenn sie lernen, die Spannungen auszuhalten, die Individualität und Unterschiedlichkeit hervorbringen, und mit den daraus entstehenden Konflikten kreativ umzugehen. Dazu bietet OTI erste Lernschritte und vermittelt notwendige Techniken. Das ist keineswegs nur angenehm. Viele Teilnehmer sagen, sie wären zwischendrin am liebsten davongelaufen. Irgendwann merken sie aber, dass es einen Durchbruch gab, weil sie drangeblieben sind. Sie können das, was sie gelernt haben, auch anderswo einbringen, etwa ein schwieriges Gespräch mit den Eltern führen oder mit dem Partner oder mit Kollegen. Das ist experimentelles Lernen.

CD: Wir nehmen in Europa, auch in Deutschland, ­eine zunehmende Angst vor dem Fremden und Un­bekannten wahr. Wie können wir dem entgegenwirken?

DW: Viele warnen vor einem Rechtsruck und machen moralisch Druck. Es wäre aber viel sinnvoller, mit den Menschen über ihre Ängste ins Gespräch zu kommen. Was ist denn bedrohlich an der Migration, an fremden Kulturen, Religionen? In der Soziologie sprechen wir vom Konzept einer pedagogy of discomfort, eine Pädagogik des Unwohlseins. Gemeint ist die Bereitschaft, zu seinen Gefühlen und seinen Werten Abstand zu gewinnen und sie zu betrachten. Man setzt sie dann in Relation zur eigenen gesellschaftlichen, kulturellen, religiösen und politischen Prägung. Das ist irritierend, verunsichernd, aber auch sehr hilfreich, um sich selbst zu verstehen, die eigene Reaktionen, Meinungen und Problemlösungsstrategien. Dabei hilft es, sich mit den Augen derer zu betrachten, die anders sozialisiert wurden oder mit anderen Lebenssituationen fertig werden müssen. Wir lernen uns selbst in einer fremden, ungewohnten Umgebung neu und besser kennen, auch unsere Grenzen.

CD: Worin siehst du die besondere Aufgabe oder das besondere Pfund der Christen?

DW: Wir Christen neigen auch dazu, uns als Opfer zu sehen und im Gespräch eine defensive Haltung einzunehmen, uns zu rechtfertigen. Dabei haben gerade wir viel zu geben. Unser Glaube gibt viele Impulse zum Brückenbauen über alle Unterschiedlichkeit hinweg. Wir können Orte schaffen, Räume öffnen, wo Menschen genau das zum Ausdruck bringen können. Mag sein, dass meine Sicht etwas romantisch ist, aber waren es nicht die frühen Gemeinden, in denen Herren und Sklaven an einem Tisch saßen? Es kamen Menschen in der Gemeinde aus unterschiedlichen Völkern und gesellschaftlichen Schichten zusammen, die man im Alltag niemals gemeinsam gesehen hätte. Heute sitzen wir meist mit Leuten zusammen, mit denen wir gut können. Unser Freundeskreis wird immer homogener, auch unsere Gemeinden. Dabei sollten gerade sie ­offen für Fremde sein. Als Christen wissen wir, dass man Probleme nicht mit noch mehr Regeln löst, sondern mit mehr Liebe, Verständnis, Ehrlichkeit, Freundlichkeit, Nächstenliebe. Wenn wir aus dieser Haltung heraus leben, können wir Wesentliches zum Miteinander beitragen.

CD: Klingt toll, ist aber ein ziemlich hoher Anspruch.

DW: Ich habe ja gesagt, dass Konfliktfähigkeit wie ein Muskel trainiert werden muss.

CD: Zeige mir eine gute Übung!

DW: Ich zeige dir drei! Damit kannst du eine Konfliktroutine entwickeln, für den Anfang vielleicht einmal pro Woche. Erstens: Suche einen Gesprächspartner, der mindestens zwanzig Jahre älter ist als du – oder jünger! Zweitens: Informiere dich aus einer Quelle, auf die du sonst eher nicht zugreifst, vielleicht eine Zeitung oder mal was in einer anderen Sprache. Drittens: Finde jemanden im Kreis deiner Lieben, dem du dich verbunden fühlst, von dem du aber weißt, dass er zu einem Thema eine dezidiert andere Meinung hast als du, und sprich mit ihm darüber. Geh das ganz ruhig an, wie beim Workout. Nicht übertreiben, sondern die Muskeln langsam aufbauen. Wir suchen uns die Konflikte nicht aus, aber wir können ihnen auch nicht ausweichen – wir sind mittendrin. Was zählt ist, wie wir damit umgehen.

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