Sie haben den Anfang gemacht

Wie aus dem Mut zweier Männer die Versöhnung zweier Völker erwachsen ist

„Sie haben den Anfang gemacht. Und wir haben ihr Werk fortgesetzt.“1 Mit diesen Worten würdigte Charles de Gaulle die Gründungsväter des modernen Europa, den Franzosen Robert Schuman und den Deutschen Konrad Adenauer. Beide Männer hatten ihre Wurzeln im wilhelminischen Kaiserreich. Adenauer am Rhein, Schuman in Lothringen, das nach dem dt.-frz. Krieg 1870 Deutschland angegliedert worden war und erst nach dem Ersten Weltkrieg wieder französisch wurde. Entsprechend nannte Schuman sich selbst einen „Grenzgänger“2 – zuhause in beiden Kulturen und beiden Sprachen. Beide Männer hatten schwere Erfahrungen mit der Naziherrschaft gemacht und beide dachten, völlig unabhängig voneinander, schon sehr früh über ein versöhntes Europa als Friedensgaranten nach. Beide nahmen politische Ämter an, kannten einander aber nur vom Hörensagen.

Freundschaft braucht Begegnung

Nach dem 2. Weltkrieg war Deutschland aufgeteilt in Besatzungszonen. Als Gouverneur von Rheinland-Pfalz residierte General Hettier de Boislambert im kleinen Bassenheim bei Koblenz. Er bewohnte die dortige Burg mit ihrem von hohen Mauern umgebenen weitläufigen Schlosspark. An diesem so abgelegenen und dadurch auch behüteten Ort trafen sich am 8. und 9. Oktober 1948 Robert Schuman und Konrad Adenauer zu ihrer ersten persönlichen Begegnung .3 Sie fand unter höchster Geheimhaltung statt. So geheim, dass auch viele Jahre danach niemand etwas von diesem Treffen wusste. Begegneten sich hier doch zwei Männer, die zwei Länder repräsentierten, deren Verhältnis von anhaltend tiefer Erbfeindschaft getragen war. Im blickdichten Schlosspark konnten sie ungestört miteinander reden. In dieser ebenso persönlichen wie vertraulichen Atmosphäre sind aus Feinden Freunde geworden. Bis heute wissen wir kaum, wo­rüber sie sprachen – aber wir kennen die Auswirkungen für beide Nationen und ganz Europa! Es ist ganz unzweifelhaft, dass dieses geheime Treffen den Anfang von Europa – im Sinne des friedlichen und versöhnten Miteinanders von benachbarten Völkern – bildete. Dort wurde der erste Schritt getan.4 Diese zwei machten den Anfang, deren Werk fortgesetzt wurde und weiter fortgesetzt werden muss.

Begegnung braucht Mut

Nun war es nicht so, dass die Begegnung in Bassenheim, wie auch die folgenden, einfach von gegenseitiger Sympathie getragen war. Diese Männer hatten mit allerlei handfesten Differenzen – beispielsweise der offenen Saar-­Frage – zu kämpfen. Und als ihre Annäherung öffentlich wurde, gab es in beiden Völkern hinreichend Gegenwind. Man kann kaum genug abschätzen, wieviel Vertrauen es brauchte – z. B. in der Sicherheitsfrage, nachdem die Deutschen in den vergangenen knapp 80 Jahren Frankreich dreimal überfallen hatten. Und wie viele verzichtvolle Zugeständnisse auf beiden Seiten! Schuman und Adenauer waren mutige Menschen mit Verantwortungsbewusstsein weit über ihr eigenes Ergehen hinaus! Sie sahen nicht nur sich, ihren Ruf, ihren Stolz … sie hatten vor ­allem einen Blick für die friedvolle Zukunft Europas. Und sie wussten: diese beginnt bei uns persönlich und bei der Versöhnung unserer beiden Völker. Robert Schuman – der Erfinder des Worts von der „europä­ischen Seele“ – nannte dies das „Gesetz einer edlen, aber demütigen Brüderlichkeit“5.

Mut braucht Quelle

Schuman und Adenauer lebten aus ihrem christlichen Glauben. Sie teilten aber nicht nur ihre gemeinsame Konfession – es war vor allem ein Mann und ein Ort, der sie verband: Frank Buchman in Caux.6 Mit der Forderung nach Ehrlichkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit und Liebe wollte man dort im christlichen Geist den Frieden in der Welt stärken. Was die Mitarbeiter dieser Bewegung in Deutschland an Versöhnungsarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg geleistet haben, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen.7 1952 verlieh die deutsche Bundesregierung Frank Buchman das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Als er 1961 starb, berichtete das Bulletin der Bundesregierung: „Seit 1947 war Caux das Symbol der Arbeit Dr. Buchmans für das deutsche Volk. Durch Caux hat er Deutschland in den Kreis der zivilisierten Nationen zurückgeführt (…).“ 8 Es schmerzt mich sehr, dass dies heute so verkannt und verschwiegen wird. Und nebenbei: Die von ihm gegründete „Moralische Aufrüstung“ gehört auch in die DNA der OJC. Unser Gründerehepaar war von dort tief geprägt – dass es eine „Offensive“ geben konnte, ist nicht zuletzt von Caux und Frank Buchman inspiriert. Beide Männer – Schuman wie Adenauer – hatten anhaltende, enge Verbindung zu ihm und waren beide zu Gast in Caux. Ihr Glaube wurde dort so inspiriert und beflügelt, dass er sich in politischen Realitäten wiederfinden konnte. Es braucht nicht nur gute Ideen oder Ressourcen oder was auch immer – es braucht vor allem Menschen mit einer Hoffnung im Herzen! Einer Hoffnung, die weit über ihr eigenes Leben hinausreicht, weil sie aus einer ewigen Quelle gespeist wird! Einer Hoffnung, die Widerständen trotzt und Begegnung selbst mit Erzfeinden wagt. Aus dem Mut dieser beiden Männer ist die Versöhnung zweier Völker erwachsen. Heute, inmitten eines neu entflammten Nationalismus, könnte man leicht abgewandelt mit de Gaulle sagen: „Sie haben den Anfang gemacht. Und wir haben ihr Werk fortzusetzen!“

 

Anmerkungen:

  1. Schuman-Adenauer, Deux Artisans de la Réconciliation franco-allemande, Zwei Architekten der deutsch-französischen Versöhnung, Mailand 2013, S. 7
  2. Robert Schuman, Für Europa, 2. Auflage, Genf 1963 und 2010, S. 14
  3. Schuman war damals franz. Außenminister, Adenauer seit fünf ­Wochen Präsident des Parlamentarischen Rates zur Erarbeitung des Grundgesetzes
  4. s. Theobald Groß, Der „Vater Europas“ in geheimer Mission, Robert Schuman trifft 1948 Konrad Adenauer, Aachen 2016
  5. Schuman, a.a.O. S. 8 und 32
  6. Buchman gründete 1921 die „Oxford-Gruppenbewegung“, seit 1938 „Moralische Aufrüstung“ (MRA), heute „Initiativen der Veränderung“
  7. Wer mehr über diesen Dienst erfahren möchte, dem sei das Buch unseres verstorbenen norwegischen Freundes Leif Hovelsen, Durch die Mauern, empfohlen.
  8. Garth Lean, Der vergessene Faktor, Vom Leben und Wirken Frank Buchmans, S. 322

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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