Herz und Hirn vereint zusammen

Vom erfahrungsbasierten Lernen

Die Würde des Leibes und seine Wahrheit zu ­erkennen scheint in einer Zeit, in der die Humanität vielerorts bedroht ist, eine lebensnotwendige Auf­gabe zu sein. Gerade das menschliche Gehirn gewährt uns als überaus faszinierendes Organ tiefe Einblicke in das Mensch-Sein. Wenn wir das Gehirn von außen betrachten, sehen wir die rechte und linke Hälfte sowie die vielen Hirnwindungen – vergleichbar mit dem Bild einer Walnuss. Beide Teile sind durch ein dickes Nervenbündel, den Balken, miteinander verbunden. Das Gehirn ist ein unglaublich lernfähiges Organ, wobei bestimmte ­Bereiche sogar die Funktionen gestörter Teile übernehmen können. Wenngleich die einzelnen ­Areale unterschiedliche Aufgaben haben, ist eine be­stimmte Funktion dieses Organs niemals an einen abgegrenzten Bereich gebunden, sondern erfordert komplexe ­Informationsbahnen zwischen den Hirn­regionen, die für diese bestimmte Aufgabe spezialisiert sind oder dazu etwas beizutragen haben.

Autonom und verbunden

Das mag als Symbol für unser Mensch-Sein gelten. Nach den philosophischen Einsichten der Psychoanalytikerin Ruth Cohn ist der Mensch „gleicherweise autonom und interdependent. Die Autonomie des Einzelnen ist umso größer, je mehr er sich seiner Interdependenz mit allen und allem bewusst ist.*

Aus seiner Autonomie bezieht der Mensch seine einzigartige Existenz und ist bestrebt, seine Identität zu entwickeln. Gleichzeitig ist er – als Faktum – wesentlich interdependent, d. h. Teil des Universums bzw. seines Umfeldes, mit dem er in allen Lebensbezügen in Korrespondenz, Einflussnahme und gegenseitiger ­Abhängigkeit steht. Die Gleichzeitigkeit und gegenseitige Bedingung von Autonomie und Interdependenz gilt es, sich bewusst zu machen und zu akzeptieren. Das erklärt, warum Lernen in Gruppen, im gemein­samen, sich gegenseitig unterstützenden ­Bemühen äußerst sinnvoll ist, nachhaltig wirkt und dem Mensch-Sein entspricht. Nun wieder zurück zur Biologie. Unser ­Gehirn besteht aus Nervenzellen, den Neuronen. Wir haben schätzungsweise etwa 100 Milliarden davon. Sie arbeiten an vielen Stellen im Gehirn gleichzeitig, sind über ­dünne, vielfach verzweigte Fasern mit anderen Neuronen verknüpft und erledigen vielfältigste Aufgaben und Funktionen.

Ein Neuron hat Fasern, die Dendriten. Sie nehmen Informationen von anderen Neuronen auf und leiten sie mittels elektrischer Impulse in den Zellkörper des Neurons. Hier verarbeitet das Neuron die Impulse und schickt dann entweder selbst einen Impuls weg oder nicht. Wird ein Impuls weggeschickt, so geschieht das über das Axon. Jedes Neuron hat nur ein Axon. Es ist beim erwachsenen Menschen eingehüllt in Fettummantelungen, die Myelinhülsen, die als Isolierung wirken. Das heißt, die Information kann hier nicht durchfließen, sondern muss von Zwischenraum zu Zwischenraum springen. Und das geht viel schneller als der innere Weg durch das Axon. Dieses verzweigt sich in Axonterminals (vgl. Flughafen), an deren Enden sich jeweils eine Synapse befindet. Die elektrischen Impulse kommen nun in den Synapsen an und werden umgewandelt in chemische Impulse. Auf chemischem Weg sind Verbindungen zu anderen ­Neuronen möglich. Der Dendrit des anderen Neurons empfängt diese Impulse, wandelt sie wieder um in elektrische Impulse und leitet die Information ­weiter an seinen eigenen Zellkörper. Es ist unvorstellbar, was in kürzester Zeit ständig im Gehirn stattfindet – in Kombination mit vielen anderen Datenübertragungen.

Das Gehirn, ein Hochleistungsorgan

Je größer die Synapse ist, umso größer ist der Effekt der Übertragung. Eine große Synapse hat die ­größere Kontaktfläche. Es kann sich also viel mehr Chemie ­abspielen. Wer hat nun die Synapsengröße festgelegt? Der Mensch selbst, indem er sein Gehirn ­gebraucht und sich mit verschiedenen Dingen beschäftigt. Wenn ­viele Impulse durchlaufen, werden die Synapsen ­dicker. Außerdem steigt die Anzahl der Verbindungen. Diese funktionieren umso besser, je mehr vorher schon durchgelaufen ist.

Wir haben unglaublich viele Synapsen, nämlich 1 Million Milliarden, das sind 10 hoch 15 Synapsen. Das heißt, an vielen Stellen laufen gleichzeitig Impulse. Das Gehirn, ein Hochleistungsorgan, ist in Bewegung, wird ständig umgebaut und steuert alles Lernen und Verhalten.

Wie funktioniert nun Lernen?

Wir müssen wissen: Alles, was wir im Leben erfahren und tun, hinterlässt Spuren im Gehirn. Was geschieht, wenn wir zum Beispiel eine neue Sprache ­lernen? ­Viele Impulse laufen an ganz bestimmten Stellen durch das Gehirn. Dort werden die Synapsen dicker und neue wachsen nach. Sie nehmen Kontakt zu ­benachbarten Nervenzellen auf. Diese bilden durch die häufigeren Impulse neue Empfängerfasern, neue Dendriten. Die Verbindungen werden immer kom­plexer und das ­Weiterlernen wird leichter, weil die ­Wege im Gehirn ausgebaut sind und die Gesetzmäßigkeiten der ­Sprache abgespeichert wurden.

Lernen heißt, neue Verbindungen im Gehirn knüpfen. Der Mensch hat also die Möglichkeit, durch Lernen die Potenzen seines Gehirns weiterzuentwickeln.

Wenn jemand ein toller Geigenspieler ist, hat er irgend­wann 10 000 Stunden Geige geübt, die dahinter­stehenden Gesetzmäßigkeiten verinnerlicht und im Gehirn einige Zentimeter Platz für die linke Hand geschaffen.

Das Lernen funktioniert umso leichter und wirkungsvoller, je mehr der ganze Mensch mit seinen Sinnen und Emotionen daran beteiligt ist, je mehr das Lernen mit einer Erfahrung verbunden ist. Denn diese führt im Gehirn zu einer Vervielfältigung der Kontakte zu weiteren Nervenzellen, die wiederum Informationen weiterleiten und dadurch die Anzahl der Neuronen multiplizieren, die in den Prozess des Lernens einbezogen sind. Diese Aktivierung weiterer Hirnareale erklärt auch die Wirksamkeit verschiedener pädago­gischer Richtungen wie z. B. der Montessori-Pädagogik oder der Erlebnispädagogik.

Kognitives Wissen und soziales Lernen

So kann der ganzheitliche Ansatz, bei dem vielfä­ltige Impulse im Gehirn ausgelöst werden, nicht nur zu ­kognitivem Wissen, sondern auch zu sozialem Lernen und letztlich zu einem tieferen Lebenswissen führen, das nicht mehr „vergessen“ wird. Verstärkt wird der Lernzuwachs, wenn die Erfahrung und ihre Bedeutung bewusst werden und in den Lebensalltag des Menschen einfließen. Der Mensch lernt ständig und kann das Gehirn nicht daran hindern, dass es lernt. Das kann gleichzeitig ein Problem sein. Viele Jugendliche haben mit 18 Jahren im Fernsehen oder im Netz Tausende Morde und Gewalttaten gesehen. Die ­Akteure lachen oft, schlagen sich weiter und kommen ungeschoren davon. Was lernt das Gehirn? Es gibt ganz viel Gewalt auf der Welt, es gibt keine Alternativen dazu, es tut nicht weh, man kommt ungeschoren davon. ­Darüber gibt es aufschlussreiche Untersuchungen. Das Gehirn lernt das, womit es umgeht. Deshalb ist es für den Menschen so wichtig, bewusst auszuwählen, womit er sich befasst, und das Richtige zu lernen!

Ein Teil des Großhirns, nämlich das Stirnhirn, beinhaltet das ethische Vermögen des Menschen. ­Dieses ethische Regulativ ist im vordersten Bereich des Stirnhirns, der sogenannten Präfrontalrinde und dem ­Orbitalhirn, das der knöchernen Augenhöhle aufliegt, beheimatet. Diese Hirnregionen organisieren unsere Gedanken und Handlungen und sind mit den inneren Werten, der personalen Freiheit und den höchsten ­seelischen Leistungen des Menschen verbunden.

Geist formt Gehirn

Präfrontalrinde und Orbitalhirn machen uns als ­Menschen aus und ermöglichen eine Kultivierung und Integration der Triebe, z. B. der Sexualität oder ­Aggressivität, in die Gesamtpersönlichkeit und damit in eine höhere Ordnung. Das ist die Voraussetzung, dass der Mensch überhaupt schöpferisch gestaltend in der Welt wirken kann, z. B. in der Kunst, in der ­Familie, letztlich in jedem dem Mensch-Sein angemessenen ­Beruf. Auch ethisch verantwortliches Handeln kann der Mensch einüben, entsprechend dem, was er als richtig erkannt hat.

Penfield, der weltberühmte Hirnforscher und Hirn­chirurg in Kanada, machte die fundamentale Aus­sage: „Das Gehirn des Menschen wird durch seinen Geist geformt.“ Das heißt, der Mensch kann durch persönliche Anstrengung sein eigenes Organ, das ihn zur ­Person macht, formen. Dabei geht es nicht um die Unterdrückung, sondern um den friedvollen Umgang mit den Trieben. Der Mensch kann sich sagen: Das Verlangen ist da, aber ich muss das jetzt nicht tun oder haben. ­Etwas anderes ist mir wichtiger. Da gewinnt der Mensch innere Freiheit

Sehr bedeutsam ist die Entwicklung des Gehirns in der Jugendzeit. Es erfolgt eine Generalüberholung der Schaltkreise. Die Nervenzellen werden auf ­ihre ­Nützlichkeit überprüft, wobei die Nervenverbin­dungen ­absterben, die selten gebraucht werden. Dort, wo es viele Impulse im Gehirn gibt, entstehen dichtgepackte Nervenkabel, die die Informationen viel zuverlässiger und schneller durchleiten, als das beim Kind der Fall ist. Außerdem nehmen die Myelin-Ummantelungen zu, wodurch die Leitungs-Geschwindigkeit von 5 auf 100 m pro Sekunde steigt. Das Gehirn wird zu einem Organ gezielten Handelns.

Wenn es auch in der Jugendzeit eher mit einer Bau­stelle zu vergleichen ist, so liegt gerade darin eine ­große Chance. Es kann ja sein, dass im Kindheitsalter vieles schiefgelaufen ist. Nun kann ein junger Mensch in der Entwicklungszeit zunehmend seine Chancen der Veränderung wahrnehmen und sich neu orientieren. An die Stelle der bisherigen Erziehung kann Selbsterziehung treten.

Auch Freiheit will gelernt sein

In der Begleitung Jugendlicher haben Erwachsene ­eine große Verantwortung. Entscheidend ist auch die ­Frage: Welches Lebensmodell und welche Erfahrungen bieten wir jungen Menschen an? Denn das, was von ihnen verinnerlicht wird, führt zu einer Formung für das Leben.

Trotzdem ist das Gehirn zeitlebens in der Lage, vorhandene Programmierungen zu lockern, zu überformen und umzugestalten, sich weiterzuentwickeln, komplexer zu werden, wenn neue Aufgaben zu lösen und neue Anforderungen zu bewältigen sind – auch wenn das im Erwachsenenalter meist mit Mühe verbunden ist. Früher hat man gesagt, was kaputt sei, bleibe ­kaputt. Seit 1998 weiß man, dass Neuronen nachwachsen und sogar noch schneller als die alten lernen können. Ein wertvoller Schatz des Menschen sind die in seinem Gehirn verankerten Erfahrungen, die er im Lauf seines Lebens gemacht hat. Und wenn der Mensch diesen Schatz benutzt, an andere weitergibt und verteilt, dann wird er nicht kleiner, sondern immer größer.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass Präfrontal­rinde und Orbitalhirn sich weiterentwickeln werden. Das führt uns zu der Frage: Wohin könnte sich die Menschheit entwickeln? Die Funktion dieser Gehirn­bereiche kann uns dies anzeigen. Es könnte in Richtung Unabhängigkeit von den Trieben, in Richtung personale Freiheit und damit in ­eine größere Verantwortlichkeit hinein gehen. Das erfordert, sich immer mehr von seinem eigenen Ego zu ­lösen, das Wohlergehen der Gemeinschaft im Blick zu haben und immer mehr Mensch zu werden.

So können wir erkennen, dass das Schicksal unserer Erde und ihrer Bewohner mit der Entwicklung der ­typisch menschlichen Gehirnfunktionen verbunden ist und jeder Einzelne für sich selber und für das ­Ganze Verantwortung trägt.

Gewähren wir jungen Menschen die Möglichkeit erfahrungsbasierten Lernens. Lassen wir sie erleben, dass sie mit ihrem ganzen Menschsein angenommen sind und selbst Wertvolles zum gemeinschaftlichen Leben beitragen können. Damit stellen wir positive Weichen für die Zukunft aller Generationen.

Anmerkung:
* vgl. Cohn/Farau, Gelebte Geschichte der Psychotherapie, 4. Auflage 2008, S. 356

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