Von Muscheln und Schrauben

Willkommen in der Erfinderwerkstatt

Ich nehme Sie mit hinter die Kulissen des Erfahrungsfelds. Sie werden sehen, wie eine Station ihren Weg geht, von der Entwicklung bis zur Durchführung mit den Besuchern.

Was liegt hier denn so herum? Klemmbrett, Schraubenzieher, Zange, Wasserwaage, Säge, Hammer, Schraubstock, Inbusschlüssel, Klebeband, Dübel und Montage­kleber, ein Trichter, ein Metermaß, Bunsenbrenner, Tacker, ein Schleifstein, diverse Lappen, ­eine Bohrmaschine, Erlenmeyerkolben und feuerfester ­Kesselkitt. Ich zücke mein Klemmbrett mit dem weißen Blatt Papier und halte in einer Skizze meine Ideen fest. Sie kommen aus unterschiedlichen Richtungen: Zuerst ist da ein Ort ganz unten im Keller der Burg. Dort ist es dunkel. Etwas muffig und feucht. Was könnte hier passieren? Was ist spannend für Besucher? Wenn ein Sinn ausgeschaltet wäre, was gäbe es zu entdecken? Man würde mehr auf das Taktile angewiesen sein. ­Tasten – ja, man könnte da etwas ertasten im Dunkel.

Doch was hat das mit dem OJC-Auftrag zu tun? Da muss meine Idee erstmal durch einen Filter, damit sie ­klarer wird und gefasst in ein Gefäß: Manche Dinge kann man nicht nur über den Sehsinn erfassen. Es braucht den ganzen Leib, das Begreifen und Erspüren, um zu erkennen und zu unterscheiden. Es gibt eine Wirklichkeit, einen Sinn über Augenschein und Worte hinaus. Das Gefäß, in das ich meine Idee filtriere, ist das jüdisch-christliche Erbe. Gott hat uns geschaffen mit fünf Sinnen, durch die wir die Welt begreifen können – etwas wahrnehmen von unserer Umwelt und unserem Gegenüber: Form, Qualität und Stofflichkeit der Materialien und die Eigenschaften unseres Gegenübers. Ich möchte, dass die Besucher Sinnzusammenhänge herstellen zwischen den zu ertastenden Gegenständen. Und plötzlich fällt mir ein, wie die Station heißen könnte: „Taste den Sinn!“

Jetzt muss eine konspirative Tüftelsession her. Was denkt meine Kollegin dazu? Sie hat die Idee, dass es um Gegensätze, Ergänzungen und Entsprechungen gehen könnte. In der Erfinderwerkstatt herrscht jetzt Betrieb. Materialien werden herangeschleppt und auf ihre Tauglichkeit abgeklopft: Wie fühlen sie sich mit geschlossenen Augen an? Hier ist eine Schraube – das Gewinde könnte interessant zum Tasten sein. Ah, sie hat Ähnlichkeiten mit einer schneckenförmigen Muschel. Ein weiches Schaffell und hartes Metall – das ist ein guter Gegensatz. Eine kalte große Murmel und ­eine warme Styroporkugel. Beide sind rund, haben aber unterschiedliche stoffliche Qualitäten. Wir sammeln unser Material in Kisten. Unsere Ideen sind noch ­vage und unstrukturiert.

Jetzt brauchen wir ein Konzept. Ich erinnere mich an eine Fortbildung, in der wir ein kunstpädagogisches Projekt für Kinder und Jugend­liche beschreiben ­mussten. Dessen Gliederung für das didaktische Vorgehen könnte uns an dieser Stelle weiterhelfen:          

  • Welchen Titel soll das Projekt haben? – „Taste den Sinn!“      
  • Wo ist was wie mit wem in welchem Zeitraum geplant? Im Gewölbekeller der Burg. ­Verschiedene Gegenstände zum Tasten bei 10 Stationen. Es soll hauptsächlich Erwachsene angesprechen, in ­einem Zeitraum von 15 Minuten pro Person.        
  • Welche Ziele verfolgen wir damit?  Bewusste Konzentration auf den Tastsinn. Qualität, Form, Stofflichkeit der unterschiedlichen Materialien wahrnehmen. Sinnzusammenhänge ertasten und Vergleiche zu Eigenschaften von Menschen herstellen.

Nach und nach ergibt sich eine Logik für die Anordnung und Auswahl der Elemente. Der didaktische Aufbau der Station nimmt Gestalt an. Theorie und Praxis ergänzen einander. Ich entscheide mich für einen Testlauf. Wie reagieren Erwachsene, wie Kinder und welche Materialien sind spannend? Welche Höhe ist passend im Verhältnis zur Körpergröße? Eine Mutter und ihr fünfjähriger Sohn sind unsere Probanden. Es ist interessant, den beiden zuzusehen. Die Erwach­sene versucht gleich herauszufinden, was sie tastet. Der Sohn reagiert spontan auf die Eigenschaften unserer Materialien. Ich fange die Reaktionen ein und halte sie fest. Die Gegensätze zwischen künstlich und natürlich beim Backpinsel oder zwischen echtem Blatt und künstlicher Pflanze kommen gut an. Jetzt muss ich Nägel mit Köpfen machen: Wie sieht die praktische Umsetzung aus? Wo sollen die Materialien hinein? Wie kann man sich im Dunkeln orientieren und wissen, wann es wo etwas zu tasten gibt?

Wir entscheiden uns für zehn Stationen mit paarweise angeordneten Plastikschüsseln. Es soll einen Handlauf geben, an dem entlang die Reise durch das Dunkel ihren Weg nehmen kann. Ein Knoten markiert eine Taststation. Vor dem Anbringen der Schüsseln kommt der Meterstab zum Einsatz. Wo passen die Schüsseln hin, wie kann man eine Halterung bohren, dass sie den richtigen Abstand zueinander haben? Jedes Element bekommt seinen Platz und jede Lichtquelle wird abgedunkelt. Jetzt ist alles vorbereitet. Die eine Komponente sind die Gedanken und Ideen. Die konkret zu tastenden Elemente und die technische Anordnung kommen jetzt mit der anderen Komponente zusammen, mit den Besuchern. Es ist fast wie bei einer chemischen Reaktion, alle Elemente wurden in den Erlenmeyerkolben geschüttet, jetzt wird umgerührt und das ganze über dem Bunsenbrenner erhitzt. Welche Reaktion entsteht? Zündet die Idee und wird ein ­Feuerwerk abbrennen? Es gibt verschiedene Typen, die in den Dunkelraum hinein- und wieder herausgehen. Sie müssen sich das so vorstellen: Man geht hinab in den Gewölbekeller, dort ist das Licht schon gedämpft. Ich stehe vor dem schwarzen Vorhang und die Besucher sind gespannt, was sie erwartet. Ich lade sie ein zu „Taste den Sinn – eine Welt ohne Sehsinn“.  Bei einem Typ ist die Aufregung groß, meist Familien mit Kindern. Es fallen Worte wie: „Mama wo bist du?“ oder „Ah, ich hab was ertastet“, und alle benennen die Gegenstände. Am Ende nehme ich die Kinder in Empfang und sie treten ins Halbdunkel des Gewölbekellers. Jetzt gibt es vier Auswertungsstationen, um über das Erlebte nachzusinnen. Eifrig schreiben die Kinder auf, was sie alles gefühlt haben. Ein anderer Typ ist der Mann in den 60ern mit einem pädagogischen Beruf.  Er lässt sich Zeit. Hinter der Vorhangschleuse hört man nur leises Rascheln und die Schritte auf dem Sandboden, eine ruhige, gesammelte Atmosphäre. Er kommt nach circa 10 Minuten wieder heraus, schaut sich um und seine Augen gewöhnen sich an das Licht. Wir kommen ins Gespräch über Gegensätze, Ergänzungen, das Verhältnis zwischen Jung und Alt. Er zieht Parallelen zwischen dem Getasteten und seiner Lebenssituation: Erst kürzlich ist er Opa geworden.

Wir erleben viele Reaktionen:        

  • „Ich erlebe die anderen Sinne (hören, tasten) viel intensiver.“         
  • „Im Tasten entsteht das Bild für den Gegenstand. Coole Erfahrung!“       
  • „Für mich wurde Begrenzung neu erlebbar!“

Die Erfindung hat ihren Weg genommen und der Dunkelraum ist Wirklichkeit geworden. Auf Schloss ­Reichenberg kann man ihn jetzt erfahren. An welchem Projekt sind Sie gerade dran? Welche Entwurfsskizze mit Ihrer Gemeinde oder Kleingruppe wartet auf ­Verwirklichung? Geben Sie Ihrem Tüftlergen eine Chance!

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