Kathedrale niederschwellig

Wegweiser der Inspiration

Für mich ist sie ein Raum der Vollkommenheit. Hier kann ich atmen. Hier bin ich getragen. Hier kommt mein Auge zur Ruhe. Die vier Streben des Gewölbes treffen sich und lehnen ihre Last an den ruhenden Schlussstein. Das Firmament einfangen – das wollten sie, die gotischen Baumeister. Ihre Gewölbe sind ­architektonisch unübertroffen. Hier hat der Glaube die Schönheit geküsst. Und so erfahre ich diesen Raum auch nach Hunderten von Jahren als berührend, weil Schönheit einfach die Tür zum Herzen öffnet, ­ohne um Erlaubnis zu fragen.

Teil eines himmlischen Ensembles

Die Michaelskapelle auf Schloss Reichenberg war Ausgangspunkt und ist bis heute das Herz des Erfahrungsfeldes auf Schloss Reichenberg. Als die Kommunität das Schloss 1979 übernahm, war dieses Herz allerdings gebrochen und zu einer Bauruine verkommen, die als Abstellkammer für Gartengeräte diente. Heute darf man sie mit den schönsten Kirchen im Lande in einem Atemzug nennen, ohne dass ihre bunten Fenster dabei erröten müssen. In diesem Raum stimmt auf geheimnisvolle Weise alles, und wenn man sich nur ein bisschen darin aufhält, kann man erfahren, wie man selbst ein Teil dieses vollkommenen Ensembles wird.

Big Stones statt Smart Phones

Nach drei Jahrzehnten fruchtbarer Tagungsarbeit in der OJC beschäftigte mich seit 2002 die Frage, wie wir auch in den kommenden Dekaden Haftflächen zur jungen Generation herstellen können. Wie kann die Botschaft von Glaube-Liebe-Hoffnung zeitgemäß vermittelt werden? Wie erreichen wir Menschen, deren Lebenswelt immer stärker von digitaler Taktfrequenz und Flachbild-Erfahrungen geprägt ist? Und was hat das mit den gewachsenen Gegebenheiten hier vor Ort zu tun? Wir haben diese Fragen vor Gott und voreinander gestellt, zuerst zögerlich, später dann radikal: Der Prozess, der seinen Lauf nahm, war dynamisch. Für mich zeigte sich immer klarer ein Bild, dass wir das Schloss als Stadt auf dem Berge in einen zugänglichen Ort der Begegnung verwandeln sollten, zu einer Kathedrale mit niedriger Schwelle, zu einem Ort, an dem Glaube und Schönheit erfahrbar werden, und der Menschen ermöglicht, ihre Lebensgeschichte spielerisch mit den großen Bögen und Themen der Menschheitsgeschichte in Berührung zu bringen. ­Außerdem wünschte ich mir, dass wir etwas entwickeln, was  viele Besucher kopieren und in ihren Jugendgruppen, Schulklassen und Gemeinden multiplizieren können. Je mehr Möglichkeit für Ideenklau, desto besser!

Ein Text, der sich entfaltet

Die Paten am Wegesrand, die in meinen Notizbüchern über mehrere Jahre zur Architektur des Erfahrungs­feldes zusammenflossen, kamen aus ganz unterschiedlichen Hintergründen: Meine Frau Christine lud mich ins „Erfahrungsfeld der Sinne“ auf Schloss Freudenberg ein, das der Künstler und Pädagoge ­Hugo ­Kückelhaus entwickelt hat. Die Pädagogik ­Maria ­Montessoris, die Skulpturen von Käthe Kollwitz und Elke Werners Bibelparcours waren weitere Augenöffner. Starken ­literarischen Zustrom lieferten der Kunsthistoriker Hans Sedelmayr mit seinem Buch vom „Verlust der Mitte“, Eugen Rosenstock-Huessys Gedanken über den Friedensdienst auf dem Planeten sowie ­Friso Melzers Theologie, in der „Gnade und Schönheit“ zusammengehören. Vilém Flussers Schriften zur Ästhetik, ­Martin Schleskes Buch vom Klang und Stefan Kiechles jesuitische Ausarbeitungen vom „homo ­ludens“ haben das Spielerische ebenso unterfüttert wie die Behauptung von Friedensreich Hundertwasser: „Die gerade Linie ist gottlos.“ Das alles hat sich zu einem dynamischen „Text–il“ zusammengewoben, das sich dem entfalten wird, der das Erfahrungsfeld begeht und erkundet.

Maulwürfe und Papiertiger

Zwischen dem ersten Funken der Inspiration und der Eröffnung des Erfahrungsfeldes lagen nicht nur ­einige Jahre innerer und äußerer Veränderungen, sondern auch das Geschenk, mit vielen großartigen Menschen gemeinsam etwas Neues gestalten zu dürfen: Ein dynamisches Team hat seit 2005 viel Herzblut und Lebenszeit investiert. Hunderte von Spiel- und Gestaltungsideen wurden gebrainstormt und auf Machbarkeit geprüft und einige Dutzend davon schlussendlich umgesetzt. Hermann, der Baumeister, hat ein paar hundert Meter Butterbrotpapier mit Landschafts- und Raumplanungen bezeichnet. Robert, der Maulwurf unter den Landschaftsgärtnern, hat sich mit seinen FSJ-Teams mehrfach durch den Schlossberg gegraben, um viele hundert Kubikmeter Erde zu neuen Spielflächen zu verschieben. Erich, der Schweizer Steinmetz, hat nicht nur die Michaelskapelle wieder in ein Gottes­haus verwandelt, sondern zusammen mit Andreas aus Polen die alten Schlossmauern für die nächsten 500 Jahre befestigt. Mit Ute, der urwalderfahrenen Erlebnispädagogin, hat die Entwicklung der einzelnen Stationen die notwendige Gestaltungskraft bekommen und unter ihrer Leitung hat sich ein Team aus Päda­gogen gebildet, die für Kontinuität und Weiterentwicklung sorgen. Jochen, der finanzbegabte Papiertiger, hat zusammen mit Ralf mehr Antragsformulare für Denkmalschutz und Fördermittel verschlungen, als ich mir je hätte vorstellen können.

Dass Glaube und Schönheit sich gegenseitig zur Resonanz bewegen, hat die abendländische Kultur über ein Jahrtausend hinweg zur Innovationsstube unseres Kontinents gemacht. Diesen Erfahrungsraum des Staunens, des Begreifens und die leise Ahnung eines hochangebundenen Lebens wollen wir wieder zugänglich machen und weiterentwickeln: Sehhilfe leisten, Geschichten erzählen, Erfahrungen ermöglichen.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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