Wasser ist unser Lehrmeister – Brunnen sind unsere Schulen

Klang und Kommunikation – der Klangbrunnen

Wasser dünkt uns eine Selbstverständlichkeit, wir brauchen ja nur den Hahn aufzudrehen und es kommt kalt oder warm heraus, oder wir kaufen es abgepackt. Im Brunnen auf Schloss Reichenberg schöpft man es aber mit eigener Kraft aus der ­Tiefe. Wasser ist ein Lehrmeister auf allen Gebieten des Erlebens und des Wissens und ein großartiger Quell der Poesie, der Kunst und der Freude. Mal wird es als heilig und heilend, kostbar und allgegenwärtig besungen, mal als bedrohlich und zerstörerisch, wie etwa in den Berichten über die Sintflut. Wie sich uns sein Wesen offenbart, beschreibt der Wasserforscher ­Theodor Schwenk: „Das Wasser will nichts für sich selbst, es gibt sich ­allem hin und fragt nicht nach der Gestalt,  in die es sich verwandeln muss, wenn es von einer Pflanze, einem Tier oder einem Menschen gebraucht wird. Mit derselben Hingabe füllt es sie alle aus, es verzichtet überall und tritt nach vermittelnder Tätigkeit wieder zurück, um für neues Schaffen und Vermitteln bereit zu sein. Da es selbst lauteres Wesen ist, kann es auch alles andere reinigen, erfrischen, heilen, erkraften, beleben und läutern.“ (aus: Das sensible Chaos)

Im spielerischen Umgang lehrt es uns über uns selbst: Wie verhalte ich mich im Team? Wie geschickt bin ich im Umgang mit dem flüssigen Nass? Welches Verständnis bringe ich auf für Zusammenhänge aus Natur und Technik? Wie wertvoll ist Wasser? Wie kann ich es kontrollieren, und wo überrascht es mich?

Kommunizierende Röhren 

Um den Brunnen zum Klingen zu bringen, braucht es 3 bis 5 Personen. Zunächst wird die Wasserbrücke zusammengefügt und an den Sandsteinpfosten des Brunnens eingerastet. Das daraus geschöpfte Wasser läuft über die Brücke in ein Fass und muss von dort über einen Schlauch in ein weiteres hinübergeführt werden. Nach dem Gesetz der kommunizierenden Röhren muss das Fass am Ende der Wasserbrücke voller sein als am Brunnen. Von hier wird das Wasser manuell hochgepumpt. Zwei Klangspiele können durch je verschiedene Pumpen mit Wasser versorgt werden. Das „kleine Klangspiel“ kommt bereits mit wenig Wasser zum Erklingen. Stellt man den Hebel vom „Violinschlüssel“ auf „Bassschlüssel“ um, wird der große Kupfertank auf dem Querbalken befüllt und hebt allmählich die Flügel der Abdeckung. Beim Öffnen eines Ventils ergießt sich das Wasser über die metallenen Elemente, bringt sie in Bewegung, und der Brunnen plätschert, klappert und musiziert einige Minuten lang.

Kommunizierende Sphären

Die alten Holzbalken stammen aus dem Schloss. Ihr Aufbau gleicht einem Durchgang, der die Lauterkeit und Durchlässigkeit von Wassers veranschaulicht, das an einer Seite hochgepumpt wird, um an der anderen wieder abzufließen. Dies erinnert an seinen unablässigen Weg durch die Atmosphäre; hier dargestellt durch die Doppelspirale. Wie der Renaissancebrunnen trägt auch der Klangbrunnen den Himmelsrichtungen Rechnung. Die alten Baumeister wussten wohl um die Gesetze des Kosmos, den Lauf der Gestirne und die Erdmagnetkräfte, und womöglich ist darin das Stein gewordene Gebet enthalten, der Brunnen möge niemals versiegen. Der Klangbrunnen bündelt als Station die Aufmerksamkeit und lädt zur Weiterentwicklung ein. Dem aktiven Einsatz verleihen Klang und Rhythmus der Wasserspiele einen freudigen Abschluss. In der Vermischung der Wassergeräusche und Klänge werden Natur und Technik akustisch versöhnt und die wiederkehrende Melodiefolge gibt dem Erleben vor Ort sein eigenes Gepräge.

 

 

Stein und Stabilität – der Renaissancebrunnen

Der Ziehbrunnen sammelt Sickerwasser in seinem breiten, tonnenförmigen Schacht, der etwa 17 m tief in den Felsenkies gehauen wurde. Der Aufbau aus rotem Sandstein ist auf 1567 datiert. Darüber prangt das Allianzwappen des Erbacher Grafen Georg III und seiner Frau Elisabeth von der Pfalz von 1557. 

Eine Zisterne für Krisenzeiten

Der Brunnen wurde im Alltag nicht benutzt, sondern war für den Belagerungsfall angelegt. Das Trinkwasser holte man aus einer naheliegenden Quelle und sammelte Regenwasser von den Dächern. Dabei filtert der Felsenkies hervorragend und auch der Wasserspiegel ist bis heute konstant, allerdings wäre es mühselig ­gewesen, das Wasser aus 13,5 m Tiefe zu schöpfen. 

Wir hatten die denkmalgeschützte Zisterne bis auf die Schlammsohle leergepumpt, ließen aber die quaderförmige und überwölbte Halle unter dem Aufbau unangetastet. Dabei durfte das Gewölbe nicht erst entlastet und dann neu belastet werden, um eine ständige Gewichtsverschiebung zu umgehen. Als wir das Gewölbe 2009 mit amerikanischen Studenten freilegten, haben es Archäologen aus Darmstadt vermessen, fotografiert und dokumentiert. Danach konnten wir es sichern, restaurieren und reinigen, jahrhunderte­lang wu­chernde Wurzeln entfernen und es von ­außen komplett neu verfugen. Die gedrechselte Rolle, die Holzfässer und die geschmiedeten Eisenhalterungen haben hiesige Fachleute gefertigt. Jetzt funktioniert der Brunnen wie ursprünglich, außer dass in der ­Rolle ­eine Stahlrolle dafür sorgt, dass das Seil nicht daneben­läuft.

Das Alte war auch mal modern

Obwohl im Odenwald bis ins 16. Jahrhundert die ­Gotik vorherrschte, trägt dieser Brunnen schon ­Züge der ­Renaissance. Die Akanthusblätter im Wappen ­etwa sind für ihre Zeit modern und anspruchsvoll aus­geführt, vermutlich von einem Mainzer oder Erbacher Meister. Eine der Kugeln auf dem Querbalken ­konnten wir restaurieren, eine habe ich ersetzt. Auch die Wahl der Werkzeuge musste gut überlegt sein. Als der ­Brunnen errichtet wurde, gab es noch kein Scharriereisen, die Oberfläche wurde gebeilt. Meine Vorgänger haben Großartiges geleistet! Es ist eine schöne Herausforderung, mit dem Werk vieler Generationen so umzugehen, dass möglichst viel von der ursprünglichen Substanz erhalten bleibt.

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