„Wasserbäche auf den Höhen“

Das Erfahrungsfeld als Verheißungsprojekt

Unser guter Gott hatte sich wohl lange schon etwas vorgenommen. Warum sonst hätten wir Schloss Reichenberg erwerben dürfen – mit Hilfe vieler Freunde? Eine alte Burg auf dem Berg, weithin sichtbar – und ziemlich runtergekommen. Seit 41 Jahren können wir die alten Mauern mit neuem Leben erfüllen. Familien, Ledige, Jahresmannschaftler, Gäste, die das Leben teilen. Die alte Burg hatte schon über 700 ­Jahre Geschichte auf dem Buckel, als sie unser Lebensort und Tagungsstätte wurde. Gleich die erste schriftliche Erwähnung von 1307 ist ein (wenn auch vom Pfalzgrafen in Heidelberg angeordnetes) Versöhnungsereignis: Schluss da oben mit den Fehden unter den Bewohnern, steht da schwarz auf weiß. Das ist doch mal ein Erbe, das man antreten kann! Ein Ort des Friedens soll es sein.

Zum Neustart 1979 wurde damals eine Losung von Gott erbeten, die uns immer noch Orientierung und Ermutigung zugleich ist: Ich will Wasserbäche auf den Höhen öffnen und Quellen inmitten der Täler und will die Wüste zu Wasserstellen machen und das dürre Land zu Wasserquellen (Jesaja 41,18). Diese Wasserbäche auf den Höhen haben wir fließen sehen! Sie flossen über Jahrzehnte in die Burg auf dem Berg wie in ein großes Gefäß, das sich füllt, um überzulaufen. Sie flossen in Form von Schutz, Kraft und Freude. Sie flossen durch Kinder, die dort aufwuchsen, durch dienstbereite Menschen in Haus, Küche und Café; durch zur Verfügung gestellte finanzielle Mittel unserer Freunde für die umfangreichen Sanierungsmaßnahmen, freundliche Verantwortliche in den Denkmalbehörden, durch versierte Handwerker, Referenten, Gäste, und unendlich viel mehr.

Tore auf

Von Anfang an war klar: Schloss Reichenberg ist uns anvertraut, um das gemeinsame Leben darin im Glauben an Jesus zu gestalten, und um die Tore zu öffnen für andere. Es gehört uns nicht für uns allein. Es sollte ein ganzheitliches Angebot entstehen, das für Menschen aus der Region attraktiv wäre, das die Geschichte der Burg aufgreift, ihre Schönheit zum Ausdruck bringt und Themen behandelt, die das gute, gesunde Fundament des Lebens deutlich und erlebbar machen. Und mit der Idee fürs Erfahrungsfeld flossen wieder Wasserbäche vom Himmel! Der Mut der Kommunitätsmitglieder, sich auf ein neues Experiment einzulassen, Vertrauen und Gaben der Freunde; Leute, die auf Bauwochen die Ärmel hochkrempelten; Arbeitsanleiter mit Engelsgeduld; erste Ideen für Stationen durch ein kleines Team.

Erste Schritte hinein

Noch mitten in der Umgestaltung des Geländes kamen schon die ersten Anfragen: „Ihr habt da doch jetzt dieses Erfahrungsfeld. Wir wissen zwar nicht, was das sein soll, möchten aber gerne mit unseren Konfirmanden kommen.“ Das war im März 2009. Seitdem ist das Pflänzchen gewachsen. Wir übten uns in erlebnispädagogischen Aktionen mit Gruppen, richteten im Rittersaal Kommunikationsaufgaben an Tischen ein und aktive Gebetsstationen in der Waldkirche. Einen Freudensprung machten wir, als wir die Teamwippe aufstellen konnten. Staunend betrachteten wir die Entwürfe des Klangkünstlers aus Köln für den Klangbrunnen – und jubelnd hörten wir von der Zusage eines großzügigen Familienvaters, uns das Geld für den Aufbau zu schenken. Mit den vielen Besuchergruppen, die neugierig die interaktiven Führungen nutzten, kamen neue Fragen, Themen, Reaktionen, die wir als Hausaufgabe betrachteten, um das Angebot zu erweitern. Oben über dem Verlies kann man zwar einer Stimme lauschen, die aus der Grube kommt, aber kann man da nicht selber hinunterklettern? So wurde eine Strickleiter und ein Sicherungssystem installiert. Es ist eine spannende Geschichte, mehr des Vortastens als des Planens. Parallel und zugleich eng verzahnt gingen die Instandsetzungsarbeiten in der Burg weiter. Ein Höhepunkt, der feierlich begangen wurde: der fertiggestellte Innenausbau des Krummen Baus – und damit verbunden nochmals erweiterte Möglichkeiten.

Ganz praktisch heute

Und heute, elf Jahre später, was ist daraus geworden?
Dazu beschreibe ich mal eine Woche auf dem Schloss, wie sie jetzt so ablaufen kann:

Montags laufen vom Parkplatz unten 18 Jugendliche den Berg hoch. Sie sind mit dem Bus aus der regionalen Berufsschule (Abteilung: Zweite Chance auf Hauptschulabschluss) angereist und nehmen unsere Begrüßung im Burghof eher schüchtern entgegen. „Was wird das hier werden?“, meinen wir in ihren Gesichtern zu lesen. Die beiden Lehrerinnen waren schon mehrfach mit Klassen bei uns. Wir freuen uns über das Wiedersehen. Der Auftrag: Die Jugendlichen einen Vormittag lang so aus ihrer Komfortzone locken, dass es für sie weder peinlich noch lächerlich ist, sondern die Klassengemeinschaft stärkt. Sie ins Spiel hineinlocken, in die gemeinsam zu bewältigende Herausforderung, die sie am Ende zum Staunen bringt. „Das haben wir geschafft! Wir haben es gemeinsam hingekriegt! Und ich war dabei wichtig!“ Wenn das geschieht, was wir Mitarbeiter zwar anbahnen, aber nicht bewirken können, dann ziehen junge Frauen und Männer ermutigt wieder den Berg hinunter – und wir bleiben dankbar zurück. Wir kennen jetzt ihre Namen, ihre Gesichter, ein paar ihrer Gedanken, auch mal ihre Tattoos und schicken viele Segenswünsche hinterher. Ganz am Anfang hatten wir kurz erzählt, dass wir als Christen hier auf Schloss Reichenberg gemeinsam leben, uns manchmal streiten und wieder versöhnen, dass wir mittags die Arbeit zum Beten unterbrechen – und dann haben wir mit den Schülern den ganzen Morgen lang nicht mehr über Gott gesprochen, dafür aber viel über sie selbst. Diese Frage hat uns in unserem Team länger beschäftigt. Dann haben wir zu unserer Vergewisserung so formuliert: Nehmt die Sehnsucht der Menschen nach Verbundenheit und Identität auf. Gestaltet dazu ein ganzheitliches Angebot. Das reicht. Der Gott des Friedens ist da.

Am Mittwoch begrüßen wir zwölf Männer und Frauen von einer befreundeten christlichen Gemeinschaft. Auftrag: Ihr Miteinander durch überraschende Aktionen beleben, diese dann intensiv aus­werten, kleine Impulse über ­„Wachstumsverheißungen“ (OJC-Grammatik) geben, Erfahrungen aus dem gemeinsamen Leben austauschen, mittags gemeinsam beten, und beim Mittagessen Zeit haben zum Gespräch. Der Raum der Begegnung ist für beide Seiten kostbar und stärkend. Wir freuen uns daran. Wir nennen das: Stellt euch mit eurem Leben und Glauben zur Verfügung. Seid da! Zeigt euch! Als Lernende, als Weggefährten, als Jesus-Freunde, die andere Jesus-Freunde willkommen heißen. Das ist überhaupt nichts Neues in der OJC, das gehört seit 50 Jahren dazu, das geschieht in allen Zentren unserer Gemeinschaft. Im Erfahrungsfeld auch, vielleicht ein wenig spielerischer, interaktiver.

Am Donnerstag treffe ich Altbürgermeister Lode am Schlosstor. Er hat eine große Gruppe Wanderer im Schlepptau und möchte sie in der Burg herumführen. „Sie kennen sich ja aus!“, sage ich und er lacht. Von ihm kann ich immer noch eine Menge lernen über die Regional- und Lokalgeschichte. Schloss Reichenberg ist ja „unser Schloss“, wie man im Dorf sagt – und wo man sehr wohl die Entwicklungen und die geöffneten Tore wahrnimmt. Der Bürgermeister jedenfalls wird den Besuchern voller Stolz die Baugeschichte, vielleicht die archäologische Fundstätte im ehemaligen Sanitärtrakt oder das gräfliche Wappen am Ziehbrunnen erläutern.

Samstags kommen wieder Jugendliche, diesmal Konfirmanden aus dem Nachbardorf.  Die Pfarrerin hat mit ihnen bereits den fünften Jahrgang angemeldet. Sie wünscht sich, „dass sie sich im Erfahrungsfeld besser kennenlernen und zusammenwachsen. Und gerne auch message!“, schreibt sie im Vorfeld. Wieder locken wir Teenager aus der Beobachterrolle durch knackige gemeinsame Aktionen, muten ihnen aber eher wenige Rückfragen zu. Das aus dem Ziehbrunnen geschöpfte Wasser wird zur Metapher für sprudelndes Leben. Die biblische Erzählung dazu veranschaulichen wir mit Sandbildern. Besonders still wird es bei den wenigen Sätzen, in denen einer von uns Mitarbeitern eine persönliche Erfahrung mit Gott erzählt.

Am Sonntag Nachmittag treffen nach und nach eine ­bunte Mischung von großen und kleinen Menschen zum offenen Erfahrungsfeld ein. Solche, die ­morgens in den Himmel geschaut haben und den Tag geeignet fanden, um mit ihren Kindern einen Ausflug in der Nähe zu unternehmen – ohne Anmeldung. ­Eine Burg ist doch spannend! Man wandert durchs ­Gelände, spielt hier und da mit, achtet darauf, den Abstieg ins Verlies nicht zu verpassen und lacht mit wildfremden Menschen auf der schaukelnden Teamwippe. Die meisten suchen keine christliche Gemeinschaft, wundern sich dann aber, dass es hier im Odenwald eine gibt, die zu Rekreation und Begegnung einlädt. ­Manche folgen dem Läuten der Glocken zum abschließenden Abendgebet.

Unser guter Gott hatte sich offensichtlich etwas vorgenommen – und es durfte werden. Das macht uns dankbar, glücklich und auch erwartungsvoll, was die nächsten Jahre bringen werden.

Von

  • Ute Paul

    Pädagogin und pädagogische Leiterin des ­Erfahrungsfeldes „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

    Alle Artikel von Ute Paul

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