Der fragwürdige Dritte

Unterwegs nach Emmaus.
Impuls zu Lukas 24,13-35

Zwei auf einem Weg. Sie haben eine schwere Zeit hinter sich. Tage der Enttäuschung, der Verwirrung, der Orientierungslosigkeit. Voller Fragen und Zweifel. Wie sie so über all das Unfassbare reden, gesellt sich ein weiterer Wanderer zu ihnen und hat offensichtlich denselben Weg. Ein vermeintlich Fremder, der ihnen zum Weggefährten wird.

Wenn wir uns wundern

„Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt?“, fragt er die beiden. Uns heute ist der, der da fragt, bekannt: der auferstandene Christus. Diesen beiden, die man seither nach dem Ziel ihres Weges die Emmaus-Jünger nennt, war dies aber verborgen. Sie wundern sich: „Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?“ Darauf Jesus: „Was denn?“ – Was mir auffällt bei dieser kurzen Szene: Jesus kommt nicht und quatscht die zwei gleich mal voll. Er nähert sich … biegt sozusagen auf ihren Weg ein … und beginnt dann das Gespräch mit einer Frage. Er weiß um ihr kümmerliches Herz und ihren irritierten Geist. Er weiß, wo es klemmt und doch drängt er sich nicht mit einer Antwort auf, sondern stellt einfach eine Frage. Und dann sprudeln die beiden Jünger los …

Wenn wir uns fragen

Jesu Weggemeinschaft hat Fragen ausgelöst. Indem er der Fragende war, konnten die beiden Jünger ihre eigenen Irritationen formulieren. Das gibt mir zu denken: Löst meine Weggemeinschaft mit den Menschen meiner Zeit Irritationen und Fragen aus? Gebe ich mich gleich brav und unanstößig, versuche alles Missverständliche schon im Vorfeld auszumerzen? Oder beginne ich gleich mit meinen wohlbegründeten und gut gemeinten Antworten? Möglicherweise ohne dass ein Anderer je danach gefragt hätte. Also, weckt meine Weggefährtenschaft Fragen? Biete ich Fragwürdiges – im wörtlichen Sinne: etwas, das würdig ist, dass man danach fragt?

Wenn Menschen eigene Erfahrungen mit Gott machen sollen, scheint mir dies unumgänglich zu sein. Diese Ostergeschichte ist ein Bericht, der mit einer sich gegenseitig befragenden Weggemeinschaft beginnt. Wo gibt es so etwas noch? Die Enttäuschten und die Mutigen … die Unerfahrenen und die Erfahrenen … die ­Unkundigen und die Kundigen … die Jungen und die Alten … wo gibt es solche Weggemeinschaft noch? Kann es sein, dass ohne solche Gespräche – also ohne jedwede Art von „Generationengespräch“ – kein fruchtbares Leben weitergegeben werden kann? Zu beiderlei Schaden, wohlgemerkt! Ich denke schon! „Der ­Kluge verzichtet nicht auf Wegweisung des ­Erfahrenen“, schreibt H.W. Wolff 1 und verweist auf Sprüche 10,21.

Wenn wir was lernen

Im biblischen Jargon spielt im Lernverhalten der Menschen ein Wort eine wesentliche Rolle: „Wenn euch eure Kinder fragen…“2. Mal fragen sie nach Bräuchen und Liturgien, mal nach einem Denkmal oder den Geboten. Wichtig ist, dass sie fragen! Und ebenso wichtig, dass es Anreiz und Raum zum Befragen gibt! Und dann auch solche, die sich befragen lassen! So entsteht Gespräch … darüber Erfahrung … und dadurch Lernen und Leben! Wenn ich das schreibe, denke ich an unsere eigenen Kinder. Sie mussten mit mir so manchen Ort besuchen, der eben dies versprach: Sie fragen, ich erzähle und hoffe, sie werden angeregt für ihr Leben. Ich denke an Besuche der Frankfurter Paulskirche, des Aachener Doms und Rathauses, der Barmer Kirche, aber auch Kunstausstellungen und manches mehr. Was damals geschah, sollte fruchtbar für ihr Heute und ihr Leben werden.

Wenn einer mitgeht

Zurück zur sich gegenseitig befragenden Wegge­meinschaft auf einem Feldweg zwischen Jerusalem und Emmaus. Dann, erst nachdem alles auf dem Tisch bzw. auf dem Weg ist, beginnt Jesus mit einer Antwort. Gleichermaßen klar wie doch feinfühlig. Es sind ­Hinweise der Lebens-Deutung, die er ihnen bietet. Nicht, dass damit alles erschöpfend gesagt wäre – nicht, dass alle Fragen eine direkte Antwort erhielten – nein, gar nicht! Jesus zeigt den großen Bogen und bietet Anregungen zum weiteren Nachdenken und Klären. Er will die orientierungslosen Jünger zu eigenen Schlüssen und Erfahrungen anleiten! Für mich hat dieses Vorgehen auch etwas zutiefst Lehrreiches für die Seelsorge. Ich gehe mit einem Ratsuchenden einen gemeinsamen Weg. Ich speise ihn nicht mit ­meiner ­klugen Antwort ab, sondern lausche mit ihm nach seiner eigentlichen tiefergehenden Frage und ­begleite ihn dann zu seiner eigenen Antwort. ­Jesus scheint ähnlich gelehrt zu ­haben, und es hat wohl funktioniert. Als dieser kleine Wandertrupp nach Emmaus kommt, sind beide nicht etwa erleichtert, den Unbekannten endlich loszuwerden. Im Gegenteil: ­Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Die Art und Weise wie ­Jesus auf ihre Frustrationen und Sorgen, auf ihr Unverständnis und ihre Orientierungslosigkeit eingegangen war, hatte den beiden Wanderern Lust auf Fortsetzung gemacht. Sicher war auch orientalische Gastfreundschaft im Spiel. Aber eben auch, dass sie den, der so auf sie eingegangen war und ihnen nichts überstülpte, noch ein bisschen bei sich haben ­wollten. So nehmen sie Jesus mit nach Hause und setzen sich gemeinsam an einen gedeckten Tisch. In unserer geistlichen Regel steht dazu: „Das ­innigste Sakrament, das Jesus gestiftet hat, vollzog sich an einem Tisch. Er war der Gastgeber. Der Tisch des Abendmahls muss sich fortsetzen an den ­Tischen in unserer Gemeinschaft. Hier versammeln wir uns als ‚neue Familie‘ in Christus. Wir laden andere ein und freuen uns auf Begegnung. Das setzt Tischkultur, Gesprächskultur und die Bereitschaft zu teilen voraus. Gastfreundschaft gewährt ein Stück Heimat auf dem Weg ins ewige Zuhause.“3

So spricht Jesus das Tischgebet und dann passiert es: Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. (..) Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Alles Erklären Jesu – alles Öffnen, alles Aufbrechen der Heiligen Schrift – ergab einen gewissen Grad an Verstehen. Das ist gut und wichtig – aber erst durch sein Handeln kommt es zur Erkenntnis. Plötzlich werden ihnen die Augen geöffnet und sie erkennen, was zu erkennen so wichtig war! Wichtig ist mir, dass es hier nicht um eine bestimmte Technik geht, die es zu erlernen und anzuwenden gilt. Hier gilt es nicht einfach, etwas zu kopieren, sondern zu fragen: Durch welches Reden und Tun meinerseits will Gott jetzt gerade wirksam werden? All unser Tun ist letztlich auf Gottes Handeln angewiesen – ­ohne dies bleibt es ehrenvolles Engagement und doch fruchtlose Mühe.

Wenn wir erfahren

Und damit sind wir bei unserem Erfahrungsfeld auf Schloss Reichenberg. Die Bibel lehrt uns, dass ein ­Leben mit Gott ein ständiges alltägliches Erfahrungsfeld ist. Ständig sollen Menschen (ihre) Erfahrungen mit Gott machen – eben das meint ja persönlicher Glaube: persönliche Erfahrung mit dem Glauben. Und nur so ist der lebendige Gott zu begreifen … nur so kann man in Berührung mit ihm kommen. Unser Erfahrungsfeld will Menschen in einer kleinen Weggemeinschaft dazu anleiten, ihre Fragen zu stellen … vielleicht auch erst einmal auf ihre (eigentlichen) Fragen zu kommen. Es will Irritierendes und dadurch Fragwürdiges bieten – damit unsere Gäste ihre Erfahrungen mit Gott machen können. Und auch unsere Familien und Gemeinden sollten das Fragen fördern, denn die richtige Frage zu finden ist das Geheimnis fruchtbaren Lernens. Und wenn dann noch jemand mit Wort und Tat hinzukommt und ein Stück Weg mit uns geht und uns Anteil gibt an seinem Reden und Handeln, dann wird aus Wissen auch Bildung. Das ­Leben wird gebildet. Claus Westermann schreibt dazu bedenkenswerte Sätze: „Liegt nicht sehr viel daran, dass das Leben, in dem sich der Glaube der Erwachsenen darstellt, vielfach so starr und konventionell, so wenig durchglüht von Freude und Leidenschaft ist, dass die Kinder auf ihrem Sich-Vortasten in das Leben hinein gar keinen Anlass haben, nach dem Gottesdienst, dem Zusammensein der Gemeinde, den Bräuchen und anderem zu fragen, weil ihnen das nicht wirklich interessant und lebenswichtig erscheint?“4

Wie sehr die Weggemeinschaft, das öffnende Fragen, die lebensdeutenden Hinweise Jesu und schließlich sein Tun wirksam wurden, zeigt der Schluss des ­Berichtes: Und die beiden Jünger standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem (…) und sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen ­erkannt wurde, da er das Brot brach. Eben waren sie noch völlig orientierungslose Wanderer bei Nacht – voller ­Fragen und Zweifel – und nun sind sie schon Zeugen und ­damit Lehrer des Glaubens!

Anmerkungen:

  • Hans Walter Wolff, Anthropologie des Alten Testaments, S. 300
  • siehe: Ex 12+13; Dtn 6; Josua 4
  • Die OJC Kommunität mit Dominik Klenk, Wie Gefährten leben, eine Grammatik der Gemeinschaft [120]
  • Claus Westermann, Tausend Jahre und ein Tag, S. 175

 

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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