Den Glauben lernen – den Glauben lehren

Religionsunterricht als Glaubensschule: Eine Stimme aus Sevilla

Maria Viamney Fierro Palacios

Meine Schülerinnen und Schüler sind zwischen 10-17 Jahren und leben in einem Außenbezirk von Sevilla im sozialen Brennpunkt. Viele besuchen den Schulunterricht nur unregelmäßig. Da gilt es erst einmal, „Erfahrungsfelder“ zu etablieren, in denen es um simple, lebensnahe Fertigkeiten geht wie die Uhr zu lesen, Kekse zu backen, mit Geld umzugehen. Ganz wichtig ist, dass auch ich Lernende bleibe und meine Erfahrungsräume von ihnen erweitern lasse. Spielen und das gemeinsame Auswerten sind dabei wichtige Elemente, auf die ich Wert lege.

Wir lernen mit allen Sinnen

Tatsächlich hatte mir das Seminar vor 5 Jahren im Erfahrungsfeld Schloss Reichelsheim ein breites Spektrum an didaktischen und spielerischen Techniken eröffnet, um zu reflektieren, wie Lernen vonstatten geht. Wir lernen zu 90 % durch eigene Aktivität und Sinneseindrücke. Wenn ich also Religion unterrichte, ist es von elementarer Bedeutung, wie diese Lehrräume gestaltet sind: Fühlen sich die Schüler sicher, fassen sie Vertrauen zueinander und zu mir? Das trägt dazu bei, dass sie lernen, die Fürsorge Gottes in ihrem Leben wahr- und anzunehmen, sich mutig als konfessionelle Minderheit im katholischen oder auch säkularen Umfeld zu zeigen, dialogfähig zu werden und Toleranz einzuüben.

Wir lernen das Leben durch das Leben

In den schlichten Verrichtungen erleben die Schüler Gelingen oder Scheitern, können Verantwortung übernehmen. Dabei reflektieren sie, was sie mitbringen: Bilder über Familie, über Männer und Frauen – alles erste Schritte im Lernprozess hin zu Toleranz, Augenhöhe, Verantwortungsübernahme als Familienmitglied, aber auch als Staatsbürger – letztlich als Mensch vor Gott. Diese Erfahrungen gilt es, mit dem biblischen Glaubens abzugleichen, und das anhand von ihren ureigenen Erfahrungen, Fragen und Sehnsüchten.

Wir lernen durch Anerkennung

Nur, wer sich als Teil eines größeren Ganzen erlebt, kann einen sinnvollen Beitrag dazu leisten. Das ist Kinder vom Rand der Gesellschaft, die wenig Respekt erfahren haben, besonders herausfordernd und braucht einen langen Atem, denn Wirkungen zeigen sich erst mit der Zeit. Ich erlebe immer wieder, wie sie – vom Evangelium angerührt – über ihre oft negative Selbstwahrnehmung hinauswachsen und eine neue Sicht auf die Welt und ihr Leben gewinnen. Die Erkenntnis, von Gott geliebt, gewollt und begabt zu sein, motiviert sie, selbst zum Wohlergehen anderer beizutragen. Alles an ihnen, ihr Blick, ihre Haltung, ihr Gesichtsausdruck verändert sich – das sind Sternstunden im Religionsunterricht.

Wir lernen geschöpflich-schöpferisch

Die Schüler nehmen mich als ganze Person wahr, und je mehr ich von mir zeige, desto mehr kann ich ihnen beibringen. Im Gegenzug lasse ich mir ihre Lebenswelt erklären und gehe darauf ein – so kann das Gelernte fruchtbar werden. Sie stellen ihre Fragen und finden meist ihre eigenen Lösungen, wenn ich sie dazu ermutige. Kinder und Jugendliche lernen durch Beziehung und durch Kommunikation, auch über Gott.

Wir sind im Bilde eines kreativen, ausdrucksstarken, geistig regen, emotional reichen Gottes erschaffen, der das Leben in Fülle hat und intensive Beziehung sucht. Folglich lernen wir am besten im kreativen, geistig-emotional anregenden Beziehungsgeschehen. Das erlebnispädagogische Setting bietet ideale Bedingungen, weil es Sinne, Gefühle und Geist anregt und interaktiv ausgerichtet ist. Besonders nachhaltig sind Teamaktionen, in denen die Schüler sich zeigen, spiegeln und aufeinander einwirken – was immer mit einigem Risiko verknüpft ist und ihren inneren und äußeren Horizont weitet. Teil eines Ganzen zu sein, fördert Verantwortlichkeit, Selbstwirksamkeit und gegenseitige Wertschätzung. Überhebt euch nicht über andere, seid freundlich und geduldig, geht in Liebe aufeinander ein. Epheser 4,2.

Wir lernen im Transzendieren

All dies führt den Einzelnen über die eigenen Grenzen, Umstände, Gefühle und Erfahrungen hinaus zu etwas Fremdem und Neuen, wofür ihnen noch die Worte fehlen. Die Wirklichkeit, die die eigene übersteigt – transzendiert, ist die Dimension des Glaubens! Auch der Ruf in die Nachfolge ist etwas, was sie zwar nicht kontrollieren, aber zunehmend besser verstehen und in die Tat umsetzen können. Sie auf diese Fährte zu setzen, ist das eigentliche Ziel des Religionsunterrichts. Erlebnispädagogische Elemente bieten viele Möglichkeiten, Schüler aus der Reserve zu locken, damit sie Gedanken und Gefühle mitteilen, ohne die Angst, sich lächerlich machen. Ich höre genau zu, was sie über Spiritualität zu sagen haben und schlage die Brücke zu dem, was in der Bibel mit ihren Fragen und Vorstellungen korrespondiert. So können sie sich öffnen zu dem Gott hin, „den sie nicht kennen“, weil er ihre Erfahrungswelt sprengt.

Wir lernen durch Fragen und Vertrauen

Meine Schüler kommen aus dem Umfeld evangelikaler Gemeindegründungen, sie haben also bereits Kontakt zum Glauben. Oft fokussiert aber die Verkündigung im Gottesdienst auf Gottes Wunder und die Heldentaten der biblischen Gestalten. Wie Gott im konkreten Leben wirkt, bleibt unterbelichtet. Das spornt mich an, “Erfahrungsfelder” zu öffnen, in denen Schule ihre Glaubensfragen- und erfahrungen mitteilen und über Werte nachsinnen können. Die junge Generation ist so vielen unnützen Einfüssen ausgesetzt, die sie in unguter Weise prägen. Sie sollen in sicheren Räume ihre Zweifel äußern können und gemeinsam begreifen, dass der selbe Gott, der in den biblischen Erzählungen gewirkt hat, hier und heute in ihnen und mit ihnen wirken will.

 

Maria Viamney ist Lehrerin für evangelische Religion in Sevilla, im katholisch geprägten Spanien. Mit dem lateinamerikanischen SEPAL-Team (Serve, Passion, Love) unterstützt sie den missionarischen Gemeindebau im Land. Ein Wochenend-Seminar im Erfahrungsfeld Schloss Reichenberg 2015 zum Thema „Vertrauen wagen – Glauben vertiefen“ für Multiplikatoren hatte ihr wichtige Impulse für ihren Unterricht gegeben.

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