Vom Müllberg zur Schatzsuche

Heilsame Erfahrungen auf den Philippinen

Bobby wuchs ohne Eltern am Rande der Städtischen Müllhalde bei Verwandten auf, sammelte Müll für Cash und konsumierte wie viele seiner Kollegen Cannabis und Crystal Meth. 2002, als er 15 war, wurde er von Onesimo in eine Freizeit eingeladen. Heute ist Bobby ein verantwortungsvoller Vater von zwei Kindern und betreut eines der Onesimo-Häuser, eine Therapiegemeinschaft für 15 Jungs im Alter von 14 bis 18 Jahren.

Rose lebte mit ihrer Großmutter auf der Straße in ­Manila, ging nicht mehr zur Schule und schlug sich mit Straßenverkauf von Süßigkeiten, Zigaretten und dem „Verkauf“ von anderen Mädchen an Freier durch. 1999, als sie 16 war, nahm sie allen Mut zusammen und besuchte eine Onesimo-Freizeit. Heute arbeitet sie mit ihrem Mann Edmond – auch Therapieabsolvent – als Gemüsehändlerin, ist Mutter von drei Kindern und engagiert sich als freiwillige Mitarbeiterin in einer ­Gemeinschaft für Ehemalige von Onesimo.

Kim wohnte mit seiner ledigen Mutter in einem Slum am Stadtrand, sein Vater hatte die kleine Familie noch vor seiner Geburt verlassen. Kim besuchte die Schule und unterstützte seine Mutter mit Gelegenheitsjobs. 2005 lud ihn der Pastor einer nahen Slumkirche in ­eine der Onesimo-Sommer-Jugend-Freizeiten ein. ­Heute unterrichtet er als freier Mitarbeiter in verschiedenen Arbeitsbereichen von Onesimo. Seinen Lebensunterhalt verdient er vor allem mit Videographie und unterstützt damit seine Mutter und viele junge Nichten und Neffen. Er hat einen Hochschulabschluss in Krankenpflege und als Lehrer.

Leben heißt Er-Leben

Allen dreien, Bobby, Rose und Kim, wurde bei einer Freizeit in Camp Rock der Anfang ihres Ausweges aus der Armutsfalle in ein sinnerfülltes Leben gelegt.

Kim: „In jener Zeit, am Strand von Camp Rock, wurde mir mein Wert als Mensch bewusst und ich entdeckte meine speziellen Fähigkeiten. Ich begann dort an Gott, aber auch an mich selber zu glauben. Zuvor erlebte ich mich als ein Nobody, als gewöhnlicher Slumjunge ohne Erwartungen ans Leben. In Camp Rock fand ich meine Bestimmung.“ Nach der Freizeit begann Kim, sich in seiner Slumkirche und in Onesimo einzubringen.

Rose: „Onesimo brachte mich an einen Ort, den ich nie hätte erleben können, weil wir immer knapp bei Kasse waren. Es war überwältigend: Das Meer zum Baden, alles war so sauber, so still und voller Frieden. Das Rauschen der Brandung – wow. Und ich sah Vögel! Ich kam schmutzig von der Straße und fühlte mich voller Sünden. Camp Rock erlebte ich als Geschenk von Gott, der mich als sein Kind aufgenommen hat. Menschen schenkten mir Aufmerksamkeit und Liebe, die ich in meiner Familie nie erlebt hatte. Mein Leben wurde neu.“ Rose trat nach der Freizeit in eine mehrjährige Therapiegemeinschaft ein und schloss ihre Schulbildung ab.

Bobby: „Ich kam von der Müllhalde direkt auf die Insel. An den ersten Morgen erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen. Mein Leben fühlte sich ganz anders an, so leicht und neu, wie wenn alle Probleme weg wären. Schwer zu beschreiben. Die Ruhe, die saubere Luft, das Meer! Da gab es jede Menge Essen! Und ich hatte viele Väter und Mütter! Ich bekam neue Shorts und T-Shirts. Einfach so. Die kannten mich ja gar nicht. Wir spielten, und ich habe zum ersten Mal im Leben einen Berg ­bestiegen. Wir übernachteten in einem Zelt, ­wurden Freunde.“ Bobby begann nach der Freizeit eine zweijährige Therapiezeit mit Onesimo und schloss in der Folge auch die Schule ab.

Ganzheitlich lernen

Bei Onesimo unterscheiden wir zwei verschiedene Freizeiten: Die „Sommer-Jugend-Freizeit“ und die „Arbeits-Freizeit“. Bei beiden geht es um Lektionen für das Leben, die junge Menschen durch Partizipa­tion aktiviert und Bevollmächtigung (empowerment) ermutigt. Die Jungen selbst leiten die Programmelemente an, die weniger auf das kognitive Lernen zielen als vielmehr auf das Erleben (experiental). Dabei wird auf Ganzheitlichkeit (holism) besonders Wert gelegt und darauf geachtet, dass spirituelles Erleben wie Meditation, Austausch und Gebet in einem guten Gleichgewicht zu körperlichen Aktivitäten wie Spiel und Sport steht. Auch das tägliche Leben wird gemeinsam gestaltet: Körperpflege, Einkaufen, Kochen, Putzen, etc.

In den Sommer-Jugend-Freizeiten in Zusammenarbeit mit lokalen Slumkirchen begegnen junge Menschen, die in den Armenvierteln aufwachsen, dem christlichen Glauben. Ohne dieses Angebot hätten weder sie noch die lokalen Slumkirchen finanzielle Mittel, um der Millionenmetropole, der verschmutzten Verdichtung von Asphalt, Beton, Glas und Slumbehausungen mal für eine Woche zu entkommen. Diese Camps setzen eher auf Prävention als auf Intervention, denn die meisten Teilnehmenden gehen zur Schule und genießen auch den Schutz einer Familie. Trotzdem erleben wir sie als gefährdete Jugendliche, als youth at risk, denn die Teenager aus den Armenvierteln gelten als Bürger zweiter Klasse und sind den Verlockungen der von Gewalt, Drogen- oder Spielsucht geprägten Szene besonders ausgesetzt. Kim hatte eine solche Freizeit besucht.

Lebendiges Spiel

Vor den Freizeiten erhalten die Kleingruppenleiter aus den Slumkirchen eine spezielle Ausbildung in einem mehrtägigen Camp, in dem sie alle Elemente der Sommerfreizeit ausprobieren und einüben. Dazu gehört auch eine spirituelle Formierung, bei der die Jungen den Auftrag erhalten, sich von Gott in den Sommercamps für ihre Altersgenossen gebrauchen zu lassen. In den Freizeiten ist alles auf Partizipation und Erlebnis ausgelegt, so etwa das Element Game of Life. Jeder Teilnehmer bindet ein Wollbändchen um den Oberarm, das sie einander im Kampf abreißen sollen. Der Besiegte scheidet aus. Dieses Spiel ist spannend, beinhaltet kontrollierte Gewalt und provoziert „Konflikte“. In einer anschließenden Diskussion darf jeder äußern, wie es ihm ergangen ist. Es werden Parallelen gezogen zum wirklichen Leben im Armenviertel. Und meistens kommt es dann zu einer Versöhnungszeremonie. Dasselbe geschieht in den Morgenandachten und Bibelgesprächsrunden in kleinen Gruppen, die die Jugendlichen selbst leiten. Stets wird der Auseinandersetzung mit dem Bibeltext und dem Austausch eine konkrete Erfahrung in der Gruppe als roter Faden vorangestellt.

Emotionaler Tumult

Es gibt bereits bewährte Methoden, um seelische oder geistliche Prozesse und Inhalte anschaulich zu machen. Etwa zum Thema gereinigtes Leben. Die Teilnehmenden trinken auf ein Zeichen hin ein Glas Wasser. Das Wasser ist mit Salz „verschmutzt“, das sieht man nicht, aber man schmeckt es. Alle haben Mühe, das Glas ganz zu leeren. Danach gibt es ein Glas mit frischem Wasser ohne Zusatz. Alle genießen das ­klare, reine und reinigende Wasser. Das dient als An­schauung für Christus als Wasser des Lebens, das uns täg­lich reinigt und uns Leben schenkt (Offb 22,17; Joh 4,5-15). Oder zum Thema Stigmatisierung: Vor der Aufteilung in Kleingruppen sitzen alle zusammen und singen ein paar Lieder. Plötzlich steht einer auf und behauptet laut und wütend, jemand aus dem Kreis habe ihm ­seine Uhr gestohlen. Ein anderer steht auf und zeigt auf jemanden, den er beobachtet haben will. Ein weiterer schlägt in dieselbe Kerbe. Ein hoch emotionaler Tumult entsteht mit Beschuldigungen und Verurteilungen im Stegreif! Die Teilnehmenden wissen nicht, dass alles im Vorfeld abgesprochen war und sie in ­eine inszenierte Situation hineingenommen werden. Auf einmal stimmt jemand das bekannte Lied an: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein ...“ In den ­Gruppen tauschen sie sich darüber aus, wie die einzelnen die Situation erlebt haben. Sie lesen die ­Geschichte von der angeklagten Ehebrecherin in Johannes 8,1-11 und diskutieren, wie Jesus mit der „Sünderin“ umgegangen ist. Parallelen zum eigenen Leben werden gezogen und reflektiert.

Das Thema eigene Fähigkeiten entdecken und Teamwork ist eingebettet in einen ausgedehnten Geländelauf in kleinen Teams. Diese müssen an den Stationen unterschiedliche Aufgaben lösen, die Geschicklichkeit, Kraft, Wissen, Gedächtnis, Zusammenarbeit etc. erfordern. Die Teilnehmer werden sich ihrer eigenen Schwächen und Stärken bewusst und erleben, dass sie einen ganz eigenen Beitrag zum Gelingen des Ganzen leisten. Und natürlich fördern die Aktivitäten im Freien, Klettern, Bergwandern, Schatzsuche ein neues Verhältnis zur Schöpfung, bieten die Chance, Ausdauer, Mut, Vertrauen, Geduld und Selbstwahrnehmung zu lernen und stärken gesunde Freundschaften.

Bedeutsames Tun

Die Arbeits-Freizeiten (Workcamps) sind offen für junge Menschen, die direkt von der Straße oder den Slums kommen und in das zweijährige Rehabilitationsprogramm von Onesimo einsteigen wollen. Einige sind spiel-, drogen- oder alkoholsüchtig und keiner geht mehr zur Schule. Die wenigsten haben eine Familie oder wurden von dieser verstoßen. Für die Jungen stellen diese Freizeiten eine starke Intervention in ihr Leben dar. Die Camps sind nach Geschlechtern getrennt. Die Benennung „Arbeit“ kommt von der Auflage, den halben Tag zu arbeiten. Damit wird klar­gestellt, dass nicht alles geschenkt ist. Sinnvolle, ergebnisorientierte ­Arbeit stärkt das Selbstwertgefühl der Jugend­lichen! Für Bobby und Rose war der Besuch einer ­solchen Freizeit der Einstieg in ihre Thera­pie. Hier sind mehr Erwachsene beteiligt als in den Sommer-­Jugend-Freizeiten. Jedem Teilnehmer wird ein Mentor an die Seite gestellt, der ihn aufmerksam und im Gebet durch die Tage begleitet. Meistens sind es Peers, die bereits einen Teil der Therapie hinter sich haben. Neben den üblichen Elementen gibt es hier auch Trauma-­Sessions, die in der Gruppe stattfinden. Alle Teilnehmer erhalten die volle Aufmerksamkeit, wenn sie vor ihren neuen Kollegen aus ihrem Leben erzählen. Viele erleben zum ersten Mal, dass ihnen ­jemand aktiv zuhört. Als Hilfe und Vorbereitung zeichnen alle in einem ersten Teil ihren Lebens-Zeitstrahl (Life-Timeline) mit den wichtigsten Ereignissen wie Geburt, Schule, Tod eines Geschwisters, gewaltvoller Streit mit den Eltern, erster Drogenkonsum, Krankheit, Missbrauch, etc. Diese ­Momente des sich Offenbarens (outing) und Mitteilens, unglaublich bewegende und oft tränenreiche Momente, beginnen und beschließen wir mit Gebet. Bibeltexte wie Hab keine Angst, ich ­habe dich erwählt, du bist mein geliebtes Kind, ich kenne dich bei deinem Namen; ich habe dich je und je geliebt und dich zu mir gezogen aus lauter Güte, etc. werden den Einzelnen laut zugesprochen. Die Zuwendung und Liebe Gottes, die aus diesen Worten fließt, empfangen und erleben die Jugendlichen oft ganz konkret und wirkmächtig. Diese spirituell und emotional intensiven Momente nennt die Fachterminologie der säkularen Trauma-Arbeit „korrektive Gefühlserfahrungen“ (corrective emotional response). Wie Bobby und Rose haben in den letzten 20 Jahren Hunderte von jungen Menschen in den Freizeiten von Onesimo und im anschließenden Reha-Programm Heilung und ein neues Leben gefunden. Gott ist gut! 

Von

  • Christian Schneider

    Er lebte mit seiner Familie 9 Jahre in den Slums von Manila. Dem von ihnen gegründeten Hilfswerk Onesimo stehen sie bis heute zur Seite.

    Alle Artikel von Christian Schneider

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