Lebe deinen (Alb)Traum

Gott führt über Umwege ins Ziel

Einer der für mich faszinierendsten Sätze der Bibel entstammt der Biographie des Josef: Gott hat mich wachsen lassen in dem Lande meines Elends (Gen 41,52). Seit ich in meinen ersten Berufsjahren das Gefühl von Scheitern erlebt habe, frage ich mich: Wie kommt man zu solch einer Erfahrung? Josef ist gewachsen an seinen Krisen – das ist alles andere als selbstverständlich. Wie kommt man dazu, dass ein Land des Elends gute Früchte trägt?

Alles beginnt mit einem Träumer

Jeder kennt die Geschichte dieses Mannes. Die Eltern, die Brüder, die verwöhnte Kindheit mit der Bevorzugung durch den Vater. Und dann die Träume. Zwei an der Zahl – beide deuten in dieselbe Richtung. Eines Tages … eines fernen Tages … wird Josef herrschen und alle, selbst Mutter und Vater, werden sich vor ihm verneigen. Dass derart ambitionierte Träume nicht gerade zur guten Stimmung im Familienlager beitragen, versteht sich von selbst. Wir sind als Bibelleser gewohnt, die Brüderhorde als neidisch und missgünstig abzutun. Der arme Josef – Gott hat ihm ja die Träume geschickt, was kann er dafür? Und tatsächlich: Wer als junger Mensch keine Träume hat, ist arm dran. Wer schon in jungen Jahren wenig oder nichts vom Leben erwartet … oder auch von Gott … und von seinen eigenen Gaben, Perspektiven, Hoffnungen … wer da nicht träumt, der ist zu bedauern. Träumen ja bitte, viel und gerne auch groß! Wäre ich aber an Josefs Seite gewesen, hätte ich ihm einen kleinen Rat gegeben: Träume sind gut – aber sie sind jetzt noch für dich alleine bestimmt – nicht zur Veröffentlichung, sondern zum Gespräch mit dir selbst und mit Gott. Träume sind wie ein vertrautes Geheimnis, das man wahren muss und das sich dann zur rechten Zeit für alle sichtbar preisgibt. So gesehen sind die Brüder immer noch die Halunken der Geschichte, aber Josef hat eben auch seinen Anteil an dem, was folgt.

Aber warum Träume erst mal still behandeln? Man darf Josef ja durchaus unterstellen, dass er sie gar nicht in prahlerischer Absicht an die große Glocke gehängt hat. Warum also? Träume sind noch keine Berufung, sondern müssen sich durch die Reifungsprozesse der Lebensjahre in eine solche erst noch wandeln. Noch keine Berufung, aber das große Lockmittel dazu – deshalb beginnt alles mit einem Träumer!

Auf die Träume folgen die Rückschläge

Die Brüder wollen das aber nicht auf sich sitzen lassen: die Bevorzugung durch den Vater und die gefühlte Überheblichkeit des Bruders. Die Geschichte nimmt wie so oft ihren Lauf. Josef kommt unbedarft des Weges, seine Brüder schmieden einen gemeinen Plan, zack, das bunte Festgewand aus und ab in den Brunnenschacht. Da sitzt er nun, der Träumer. Im Dunkeln, nur weit oben einen kleinen Lichtkreis über sich, aber unerreichbar. Welch ein Erwachen in der Wirklichkeit, welch ein Rückschlag! Nochmal: Dies alles hatte nicht nur mit der Gemeinheit der Anderen zu tun, sondern auch mit der eigenen Unreife. Dies zu erkennen ist ein erster wesentlicher Schritt auf dem Weg, dass aus Träumen eine Berufung werden kann. Man selbst muss reif werden dafür. Auch in unser Leben treten ja immer wieder solche Brunnenschächte – solche „Länder des Elends“ – Orte des Scheiterns, der Ernüchterung. Oder auch solche, mit denen wir eigentlich gar nichts zu tun haben und die uns dennoch überfallen und ihre Macht ausüben ... wie momentan eben eine Pandemie. Es gibt ja kein Recht auf widerstandsloses Leben und es muss im Leben nicht alles glatt laufen. Wer das sucht – ­damals wie heute – bleibt unreif und entsprechend unfruchtbar. Wer keine Rückschläge zulassen kann oder will, bleibt ein Träumer, der nie die Erfüllung erlebt.Deshalb stellt sich die Frage: Wie reagiere ich auf eine Krise? Gerade auch auf eine, die ich nur zum Teil oder eigentlich gar nicht verschuldet habe? Dem früheren britischen Premier Winston Churchill ist in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, im Angesicht von immer mal wieder verlorenen Schlachten und nötig gewordenen Rückzügen, diese Erkenntnis gekommen: „Never let a good crisis go to waste!” – also: Lass niemals eine ordentliche Krise ungenutzt – oder: Schmeiß eine ordentliche Krise nicht einfach weg. Churchill ­wusste: Wer Krisen zu nutzen weiß, der verliert zwar die eine oder andere Schlacht, er wird aber den Krieg gewinnen! Denn nichts unterstützt unser Reifen mehr als unsere Krisen!

Entschlossenheit muss reifen

Die biographischen Notizen der Bibel lassen Josef via Karawane in das Haus des Potifar gelangen. Erst läuft alles prima – Josef hat Erfolg, macht sich einen Namen, nimmt eine herausragende Stellung ein. Alles scheint sich zum Guten gewendet zu haben. Gerade in solchen Lebenslagen – wenn es endlich mal glatt läuft – ­lauern die Stolpersteine. Hier in Form von Frau Potifar. Es gibt auch andere: Macht, Geld, Ansehen, Arroganz, ein ­be­quemes Sich-eingerichtet-Haben und vieles mehr. Josef muss hier lernen, sich klar zu positionieren. Wer seinen Weg im Leben finden will, darf Eindeutigkeit nicht scheuen. Möglicherweise helfen faule Kompromisse hier und da mal schnell weiter, aber am Ende sind sie eine Sackgasse. Josef muss jetzt entschlossen seinen Weg gehen. Und zu diesem Reifeschritt gehört auch, Nachteile in Kauf zu nehmen.

Unsere Begabungen müssen reifen

Die Geschichte wiederholt sich. Statt Brunnenloch nun Gefängnis. Wieder kann Josef einen guten Platz einnehmen. So trifft er auf zwei hohe Beamte des Pharaos. Und wieder spielen Träume eine ­Rolle. Seine Deutungen sind wie ein Übungsfeld. Zum ersten Mal kommt diese Gabe zum Vorschein. Begabungen ­fallen nicht als fertiges Produkt vom Himmel. Sie sind unserer ­Lebensberufung gemäß in uns gelegt – sie müssen aber auch erkannt, erprobt, gereinigt werden. Das zeigt sich in seiner Demut, die unbedingte Voraussetzung zur Wirksamkeit göttlicher Begabungen in unserem Leben ist. Josef sprach: Auslegen steht bei Gott – doch erzählt mir's! (Gen 40,8). Wenn das, was Gott in unser Leben hineingelegt hat, wirksam werden soll, braucht es Erprobungs- und Reifeschritte.

Und unsere Ausdauer muss reifen

Nach erfolgreicher Traumdeutung scheint der Weg gebahnt zu sein. Und dann dies: Aber der Oberste der Mundschenken dachte nicht an Josef, sondern vergaß ihn  (Gen 40,23). Josef wird einfach sitzengelassen! Das ist der Moment, in dem die Resignation um sich greifen will: immer die gleiche Leier, es wird doch nie besser. Selbstbemitleidung hilft aber auch da nicht weiter. Wer vom Träumer zum Segensträger werden will, muss lernen, „dicke Bretter zu bohren“, ­Ausdauer einzuüben.

Offen bleiben für Gottes ­Momente

Josefs Leben glich einer Achterbahnfahrt. Mal hoch, mal runter. Mal gelobt, mal angefeindet. Mal ganz oben, dann wieder tief gefallen. Es ist verblüffend, wie Josef dann doch seinen Weg findet. Dieses „wie“ wird aber im biblischen Bericht gar nicht beschrieben. Nur „dass“ es so ist. Vielleicht, weil dieses „wie“ so indivi­duell verschieden sein kann. Möglicherweise aber auch deshalb, weil alles Wesentliche Gott tut. Weil Gott der Garant für seinen Weg war. Und Josef diesen Weg jeweils mitgegangen ist. Auf der Etappe, die so erfolgreich daherkam und der, die sich als so holprig erwies. Das klingt so schlicht und ist doch so tief. Es erinnert mich an einen Satz von Vaclav Havel: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.“ Und plötzlich wird alles anders. Der Pharao lässt ihn rufen. Gott vergisst keine Träume und Berufungen.

Wir mögen bei den Windungen des Lebens unseren Weg aus den ­Augen verlieren oder eine Berufung gar an den ­Nagel hängen – Gott tut dies nicht! Nie! Und dass Josef jetzt vor Pharao seinen (von Gott längst zugedachten) Platz einnehmen kann, hat etwas mit seinem Offen-hoffnungsvoll-zuversichtlich-Bleiben zu tun. Wie lebendig dies alles war, zeigt der Name, den Josef vom ägyptischen Herrscher bekommt: Zafenat-Paneach. Man kann es übersetzen mit: „Gott lebt und er redet.“ Was für ein Typ, dieser Josef! Da kommt der einfache Hirtenjunge aus dem fremden Land Kanaan an den ägyptischen Königshof und man spürt ihm ab: Sein Gott lebt und hat uns was zu sagen! Wenn ich diese Wendung als Fortsetzung seiner Achterbahnfahrt lese, dann spüre ich: Hoffnung meint nicht, dass alles so schön wird, wie ich es mir früher erträumte, sondern dass mir in allen Lebensführungen Neues zugemutet wird, mit dem am Ende ein Segen heranwächst, der weit größer ist als vorher!

Versöhnung über die Lebenswege muss reifen

Josef vor Pharao. Happy End, so könnte man meinen. Aber der Höhe­punkt eines jeden Lebens ist eben nicht, wenn es am stärksten und erfolgreichsten ist. Denn die ­größte Prüfung seines Lebens stand ­Josef noch bevor. Nun kam es zur Begegnung mit seinen Brüdern. Und sentimentales Heimatgefühl hat da nicht ausgereicht: Diese Gauner hatten ihm schließlich seine Jugend versaut und die ganze Familie in tiefes Unglück gestürzt! Aber dann spricht er diesen Satz: Ihr gedachtet es böse zu machen, aber Gott hat es gut gemacht (Gen 50,20). Beides lässt Josef wahr sein. Nichts wird vertuscht – beide Wirklichkeiten haben ihren Platz im versöhnten Leben dieses Mannes. Mich erinnert der Satz an einen anderen. Aus einer anderen Epoche, aber auch geboren aus unzähligen Tiefschlägen: „Ich ­glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.“ Wie nahe sich doch Josefs und Bonhoeffers Erfahrungen sind! Und wie sie an Paulus erinnern: Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen! (Röm 8,28). Müssen, so Paulus, nicht können, wenn es mal doch gut läuft, nein: müssen! Im fortgeschrittenen Alter und in der Begegnung mit den alten Wunden lauert eine immense Gefahr. Und doch auch der Schlüssel zu erfülltem Leben. Wenn die ertragenen Wunden noch einmal schmerzen und den (vermeintlich) verpassten Chancen nachgetrauert wird, da ringt unsere latente Unversöhntheit mit der Versöhnung über unseren Lebenswegen. Wer hinter seinen Lebenswegen und Schicksalsschlägen nur die böse menschliche Hand sieht, sieht viel zu wenig. Wer nur das ihr gedachtet es böse zu machen sprechen kann, bleibt unerfüllt. Auch das gehört ­dazu – das versöhnte und ­versöhnende aber Gott hat es gut gemacht. Das Zitat von Dietrich Bonhoeffer entspringt übrigens dem Buch „Widerstand und Ergebung“. Der entsprechende Abschnitt ist überschrieben mit ­„Einige Glaubens­sätze über das Walten Gottes in der Geschichte.“ Exakt darum geht es! In allen Widerwärtigkeiten des Lebens doch das Herz frei zu halten für Gottes Walten in eben dieser meiner Lebensgeschichte!

Das Land des Elends fruchtbar machen

Josef ist einer, der durch alle Krisen hindurch seinen Weg gefunden hat. Offensichtlich vertraute er darauf: Gott geht seinen Weg mit mir. Der muss weder glatt noch leicht sein. Er dient allemal nötigen Reifungsprozessen. Und wer sich denen verschließt, bleibt allemal unreif. Oft genug haben in der Geschichte die dunkelsten Stunden den hellsten Segen hervorgebracht. Ich schließe mit einem Beispiel. Das Volk Israel im babylonischen Exil – nach einer schlimmen Niederlage – das Land verloren, der Tempel zerstört – Identität und Glaube quasi dahin – ­lebendige Kriegsbeute in der Fremde. Und gerade dort wächst entscheidend Neues: Die ­Synagoge entsteht. Die Israeliten verstanden: Gott ist nicht gebunden an den Tempel in Jerusalem – Gott ist auch hier – er ist überall! Nicht wir gehen mit Gott, Gott geht mit uns – auf allen Wegen! Als dann 70 nach Christus der zweite Tempel endgültig zerstört und das Volk für nahezu 2000 Jahre in die Fremde musste, war diese in tiefstem Leid geborene Erkenntnis der entscheidende Überlebensgarant! Was könnte nicht alles geschehen, wenn wir doch zögerlicher im Hadern und hoffnungsvoller im Zutrauen zu Gott sein könnten?!! Gott würde auch uns in den Ländern unseres Elends wachsen ­lassen!

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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