Fang bei dir an!

Das Chaos der Welt in kleinen Schritten bändigen

Also Aufmerksamkeit.       Beobachten Sie Ihre Umgebung. Achten Sie auf kleine Äußerlichkeiten, etwa auf psychologische Details. Vielleicht fallen ­Ihnen Sachen auf, die Ihnen keine Ruhe lassen. Sachen, die Sie in Ordnung bringen könnten – und es sogar tun. Solche Dinge finden Sie, indem Sie sich genau drei Fragen stellen und davon ausgehen, als interessierten sie Sie wirklich. Erstens: „Gibt es hier irgendetwas, das mich schon immer gestört hat?“ Zweitens: „Könnte ich das in Ordnung bringen?“ Und drittens: „Will ich das in Ordnung bringen?“ Wenn Sie eine dieser drei Fragen mit Nein beantworten, suchen Sie sich etwas anderes. Vielleicht etwas, das nicht ganz so anspruchsvoll ist. Suchen Sie, bis Sie etwas finden, was Sie stört, was Sie in Ordnung bringen könnten und was Sie anschließend tatsächlich in Ordnung bringen. Das reicht erst einmal. Vielleicht ist es ja nur der Papierkram auf Ihrem Schreibtisch. Sie schleichen schon ­eine ganze Weile um diesen Stapel herum, wollen ihn eigentlich gar nicht sehen, wenn Sie in Ihr Arbeitszimmer kommen. Schreckliche Dinge verbergen sich in diesem Stapel: Steuerformulare, Rechnungen und Briefe von Leuten, bei denen es Ihnen lieber gewesen wäre, Sie hätten nichts von ihnen gehört. Bemerken Sie das Angstelement in Ihrer Abneigung? Sie dürfen ruhig ein bisschen Mitleid mit sich haben. In diesem Papierkram verstecken sich Schlangen. Vielleicht werden Sie gebissen. Vielleicht wartet auch eine Hydra darauf, dass Sie das erste Blatt in die Hand nehmen. Wenn Sie einer Hydra den Kopf abschlagen, wachsen zwei neue nach. Dagegen haben Sie keine Chance.

Lust auf Besseres

Fragen Sie sich trotzdem: „Will ich mich nicht langsam mal um diesen Haufen Papier kümmern? Es muss ja nicht gleich alles sein. Geht auch ein Teil davon, ­sagen wir für zwanzig Minuten?“ Wenn die Antwort negativ ausfällt, versuchen Sie es mit zehn Minuten, mit fünf, notfalls mit einer Minute. Aber es ist ein Anfang. Schon bald werden Sie bemerken, dass der Papierberg viel von seinem Schrecken verliert, einfach durch die Tatsache, dass Sie sich bereits um einen Teil davon gekümmert haben. Und noch etwas stellen Sie dabei fest: Dass nämlich der ganze Haufen nur aus solchen Teilen besteht. Was, wenn Sie sich danach mit einem Glas Wein belohnen? Oder mit Lesen auf dem Sofa? Oder mit Abhängen vor dem Fernseher? Was, wenn Sie sich nach getaner Arbeit bei Ihrem Partner das (vereinbarte) dicke Lob abholen? Würde Sie das motivieren? Vielleicht ist das dicke Lob Ihres Partners auch nicht sonderlich überzeugend, aber das sollte Sie nicht abhalten, sich doch an den Stapel zu wagen. Der Mensch ist ja lernfähig. Fragen Sie sich ehrlich nach einer geeigneten Motivation und nehmen Sie Ihre eigene Antwort ernst. Sagen Sie sich vor allem nicht: „Ach Unsinn, habe ich das nötig?“ Was wissen Sie denn über sich selbst? Einerseits sind Sie das komplexeste Wesen im Universum, andererseits können Sie nicht einmal die Zeitschaltuhr an der Mikrowelle bedienen. Überschätzen Sie Ihre Selbsterkenntnis nicht.

Denken Sie in Ruhe über Ihre Tagesaufgaben nach. Das kann morgens geschehen, wenn Sie noch einen Moment auf der Bettkante sitzen. Oder abends vor dem Einschlafen. Bitten Sie sich um einen freiwilligen Arbeitseinsatz. Wenn Sie freundlich fragen, genau hinhören und niemanden verschaukeln wollen, meldet sich vielleicht jemand: nämlich Sie. Machen Sie dasselbe erst jeden Tag. Und dann den Rest Ihres Lebens. Nach kurzer Zeit hat sich Ihre Lage bereits verändert. Jetzt fragen Sie sich regelmäßig: „Was könnte ich, was würde ich tun, um das Leben ein bisschen besser zu machen?“ Wobei Sie sich übrigens nicht vorschreiben, was in diesem Fall unter besser zu verstehen ist. Sie sind nämlich weder ein totalitärer Diktator noch ein utopischer Spinner, nicht einmal im Binnenverhältnis zu Ihnen selbst. Sie haben von den Nazis, von den Sowjets, von den Maoisten und aus eigener leidvoller Erfahrung gelernt, dass Totalitarismus nie guttut. Aber zielen Sie ruhig hoch. Stellen Sie Ihr Visier auf die Verbesserung des Daseins ein. Verbünden Sie sich mit der Wahrheit und dem höchsten Gut. Es gilt, eine menschengemäße Ordnung zu errichten und Schönheit ins Leben zu bringen. Es gilt, das Böse zu überwinden, Leid zu lindern und sich selbst zu bessern.

Chance auf Glück

Nach meiner Lesart sind dies die großen Zielvorstellungen der westlichen Ethik. Dies ist auch der eigentliche Sinn in den rauschhaft verwirrenden Versen der Bergpredigt und damit des gesamten Neuen Testaments. Der Geist der Menschheit versucht hier, das unvermeidliche Du-sollst-Nicht der Kindheit in die positive Vision eines wahren Individuums zu überführen. Es ist Ausdruck nicht nur von bewundernswerter Selbstkontrolle und Selbstbemeisterung, sondern des fundamentalen Verlangens, die Welt ins Lot zu bringen. Die Bergpredigt entwirft das Bild der wahren Menschennatur und gibt gleichzeitig das Ziel der Menschheit vor: Konzentriere dich auf den Tag, damit du in der Gegenwart leben kannst, und kümmere dich um das, was du direkt vor Augen hast. Aber tu es erst, wenn du bereit bist, dein Licht nicht mehr unter den Scheffel zu stellen.

Damit rechtfertigst du nicht nur dein eigenes Dasein, sondern erleuchtest auch die Welt. Aber tue es erst, wenn du bereit bist, alles zu opfern, was geopfert werden muss, um nach dem höchsten Gut zu streben. Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in all seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist wie derselben eine. So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr euch tun, o ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer ­Vater weiß, dass ihr des alles bedürfet. Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen. Darum sorget nicht für den andern Morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe (Mt 6,28-34).

Allmählich dämmert die Erkenntnis. Statt andere zu tyrannisieren, schenken Sie den Dingen Aufmerksamkeit. Sie sprechen die Wahrheit, statt die Welt zu manipulieren. Sie verhandeln, statt Märtyrer oder Diktator zu spielen. Sie müssen nicht mehr neidisch sein, da Sie wissen, dass es ein anderer nicht wirklich besser hat. Sie müssen auch nicht mehr frustriert sein, denn Sie zielen tief und suchen sich erreichbare Ziele aus und haben mehr Geduld mit sich selbst. Sie entdecken, wer Sie sind, was Sie wollen und was Sie noch vorhaben. Sie wissen vor allem, dass die Lösung für Ihre Probleme maßgeschneidert sein muss, sonst ist es keine. Sie kümmern sich weniger darum, was andere tun, denn Sie haben selbst alle Hände voll zu tun.

Kümmern Sie sich um das, was täglich anliegt, aber seien Sie sich bewusst, dass Ihr eigentliches Ziel höher liegt. Die große Richtung geht immer nach oben. Das gibt Ihnen Hoffnung. Auch ein Schiffbrüchiger, der an Bord eines Rettungsboots klettert, ist glücklich. Und wer weiß, wohin die Reise von da an geht. Eine gute Reise kann besser sein als die Ankunft in einem ­sicheren Hafen ... Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Wenn Sie fragen, als bräuchten Sie wirklich Hilfe, und anklopfen, als wollten Sie wirklich eintreten, dann ­haben Sie die Chance, Ihr Leben zu verbessern – erst nur ein wenig, dann bedeutend, schließlich vollkommen. Jeder kleine Fortschritt verbessert das Leben auf der Welt insgesamt. Also vergleichen Sie sich nur mit dem, der Sie gestern waren, nicht mit irgendwem von ­heute.   >>

Aus: Jordan B. Peterson, 12 Rules For Life. Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt. © 2018 Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Übersetzung: Marcus Ingendaay / Michael Müller., S. 185-189.

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