Was die Coronakrise mit mir machte

Mitten im Frühling brach die Corona-Pandemie in unser Leben, setzte Grenzen und stellte vieles auf den Kopf. Was hat dieser Einbruch mit dir gemacht?

Michelle Rath:  An meinem Geburtstag im März war der Lockdown schon spürbar. Vorausahnend habe ich mit meinen Gästen intensiv über die Frage ausgetauscht Was ist Freiheit für mich? Das war mir eine Stärkung für die Zukunft. Gerade noch rechtzeitig konnten wir unsere Tochter aus ihrer Unistadt abholen und sie vor Ansteckung im Zug bewahren. Die Kinder bei uns zu wissen, war beruhigend. Anfangs hatte ich einen großen Informationshunger, las alle Liveticker. Die Nachrichten der Virologen und die verstörenden Bilder von den Massensärgen in Italien aber machten mir Angst, – mich kann das ja auch treffen! Das wühlte mich sehr auf und verwirrte mich.

Was hat dir geholfen, Orientierung zu finden?  

Ich habe Trost und Orientierung von christlicher Seite gesucht und war furchtbar enttäuscht, dass von den Kirchenoberen, die sonst zu allem was zu sagen haben, so wenig Hilfreiches kam. Die Initiative „Deutschland betet gemeinsam“ von Johannes Hartl u.a. war ein erster Hoffnungsschimmer: Wir müssen uns tiefer im Gebetsleben verwurzeln. Ich wollte nicht, dass die Angst über mich herrscht!

Familie, Homeoffice, medialer Unterricht – alles im Ausnahmezustand. Eine Mixtur zum Verrücktwerden?

Familie hat eigentlich gut funktioniert, jeder musste seinen Platz finden. Alle Kinder (20, 18, 12) haben gespürt, dass wir in einer ernsthaften Situation sind. Meine mittlere Tochter stand vor dem Abi, aber wusste nicht einmal, ob es überhaupt stattfindet – ein emotionaler Balanceakt für sie und für uns. (*Inzwischen hat sie ihr Abiturzeugnis in den Händen!) Schwierig war, dass wir unsere Aufgaben alle im Homeoffice erledigen mussten und drei Computer unter fünf Menschen aufteilen. Ich habe um 6 Uhr morgens begonnen, den Unterricht vorzubereiten. Der Computer ist gefühlt tausendmal abgestürzt, ich hätte schreien können. Die ersten drei Monate waren gekennzeichnet von digitalem Stress. Als ich schon morgens Kopfschmerzen bekam, realisierte ich: Hier läuft was falsch, du musst dich auf deine Kernaufgaben konzentrieren: Familie, Homeschooling und die Umstellung auf moodle (eine Lernplattform) für mich als Lehrerin. Alle zusätzlichen Gemeindeaktivitäten wie Predigten und Planungsteamtreffen stellte ich schweren Herzens ein.

Was hat dir in der Krise am meisten Halt gegeben?

Gleich am Anfang hat mir eine gute Tagesstruktur geholfen, beginnend mit der morgendlichen Stille. Ein wichtiger Tipp war, handlungsfähig zu bleiben, jeden Tag ein kleines Problem zu lösen – z.B. die Wäsche versorgen oder mit den Schülern ein bisschen weiterzukommen. Tatsache war, dass ich ­­weitaus weniger schaffte als sonst und schneller müde wurde. Was auch sehr geholfen hat, war das Gebet. Ich habe ­­­­mehr und viel intensiver gebetet als sonst.

In Krisen kommen Dinge hoch, die man vorher nicht ahnt. Ist dir das auch begegnet?

Wir haben seit Corona vor der Tür eine Riesenbaustelle, der Lärm geht von morgens bis abends. Ein solcher Krach ist sehr belastend. Mittlerweile haben mein Mann und ich Tinnitus. Es ist einfach alles zu viel: der Lärm, das Virus, die Ungewissheit und die Distanz zu meinen Schülern und Kollegen. Ich habe mich selten so ohnmächtig gefühlt. Dann ist geistlich etwas ganz Interessantes passiert. Ich bin viel im Wald spazieren gegangen, um den Stress abzubauen. Überraschenderweise wurde die Natur zum Trost für mich. Ich habe plötzlich die vielen kleinen Schönheiten gesehen, aber auch die verletzliche, leidende Natur. Nicht, dass ich das nicht vorher wusste, aber ich habe es viel tiefer wahrgenommen, sicher auch weil ich selbst verwundbarer bin. Ich habe den Eindruck, dass Gott uns sagt, dass sich (laut Römer 8) die Natur nach Erlösung sehnt so wie wir von dem Coronavirus. Langsam wich meine Angst einer ganz großen Sehnsucht nach Leben. Kraft ziehe ich aus den kleinen Freuden des Alltags: ein schönes Essen, ein Waldspaziergang mit einer Freundin, Zeit mit den Kindern, ein gutes Gespräch mit meinem Mann, Blumen, ein gutes Buch, Stille.

Wie hat das deine Haltung verändert?

Corona ist wie ein Brennglas, du fokussierst dich. Vieles am Rand verschwindet, es ist nicht mehr so wichtig. Was wirklich wichtig ist, sind Beziehungen und was Gott uns sagt. Ich will, dass diese Krise mich verändert. Ich will das, was Gott wichtig ist, auch zu meiner Priorität machen. Das geht nur auf der Grundlage des Vertrauens. Mein Vertrauen in Gott hat sich in der Krise gestärkt. Ich weiß jetzt, auch wenn ich mal krank bin oder sterben muss, ich habe es schon mal eingeübt, ohnmächtig zu sein. Jesus hält mich in meiner Ohnmacht. Ich kann mich auf ihn verlassen. Da ist ein Nebeneinander von Ohnmacht und Freude, von Verzweiflung und Dankbarkeit. Beides gehört zusammen. Ich habe eben diese große Machtlosigkeit gefühlt und wollte das nicht zulassen, wollte mich lieber stark und handlungsfähig fühlen. Bis ich mich schließlich in diese Ohnmacht hineingeworfen habe. Ich fühlte mich wie jemand, der seine Taschen ausleert und nichts mehr darin findet. Dann einfach nur die Bitte: Jesus, hilf du uns! Ich kann nicht sagen, dies oder das hat er gemacht, aber den Tag haben wir überlebt. Der nächste fing nicht ganz so hoffnungslos an. Ich kann immer wieder nur betonen, dieses Einüben in die Ohnmacht, das ist für mich ein Einüben ins Sterben. Gar nichts machen außer Beten. Der Trost ist, dass ich merke, Jesus geht jeden verrückten Tag mit.

Hat dich die Diskussion über „Coronavirus - die Strafe Gottes“ beschäftigt?

Corona ist für mich keine Strafe Gottes, aber ein Stoppschild. Stopp: Verändere etwas in deinem Leben. Fokussiere dich. Ich werde sorgsamer mit der Natur umgehen als bisher und plane ein entsprechendes Schulprojekt. Ich pflege meine Beziehungen sorgsamer als bisher, weil sie mir noch kostbarer geworden sind. Ansonsten möchte ich aufmerksamer hören, im Gespräch sein mit Gott, um zu verstehen, was er von mir will. Etwas Neues wird Gestalt gewinnen. Ich bin gespannt.

Was nimmst du mit aus dieser Krisenzeit?

Corona hat mich gelehrt, Fehler machen zu dürfen, Schwäche zuzulassen. Im Moment werden so viele Fehler gemacht, es ist in Ordnung. Wir gehen einen Weg in dieser Krise, der verändert uns. Barmherzigkeit ist sehr wichtig in dieser Situation, nicht von anderen etwas erwarten, was wir selber nicht leisten können. Keiner hat sofort die richtige, erlösende Antwort. Auch die Verantwortlichen in Kirche und Politik müssen erst Orientierung finden. Die Lösung besteht aus vielen kleinen Lösungen. Wir haben uns zurückgenommen, um der Gefährdeten willen. Hochachtung habe ich dafür, dass unsere Landsleute aus allen möglichen Ländern zurückgeholt wurden, welche Fürsorge! Ich bin dankbar für die Nüchternheit unserer Verantwortlichen, nicht die Lautsprecher und Schlechtredner hatten das Wort. Angemessene Kritik ja, aber unter der Bewahrung des Respekts.

…und persönlich?

Ich bin sehr dankbar, dass die Familie zusammengehalten hat, trotz der Anspannungen und Zusammenstöße. Es wird viel über häusliche Gewalt gesprochen, ich habe anderes erlebt: Familien, die endlich einmal länger zusammen unterwegs sein konnten. Kinder, die das sehr genossen haben mit Vater und Mutter zu sein, auch mein Sohn. Verbundenheit stärkt uns innerlich ungemein. Große Wertschätzung habe ich auch für meine Lehrer-Kollegen, wir haben es hingekriegt, das konstruktive Klima in der Schule hochzuhalten. Letztendlich darf ich auch nicht zu viel von der Kirche erwarten. Es gibt wohl nicht das eine erlösende geistliche­­ Wort. Es gibt Pfarrer und Seelsorger, die ermutigende Worte finden und einen tollen Job machen. Wie Gott mich tröstet und stärkt und was ich davon an die weitergebe, die mir anvertraut sind, kann ich nur selbst im Gebet herausfinden.

Berührt haben mich besonders meine Schüler. Der Austausch online war schwierig und gewöhnungsbedürftig, dabei wollte ich sie in dieser Situation gern ermutigen, ihnen etwas mitgeben, Hoffnung, Orientierung. Sie sind ja auch auf der Suche. Wir hatten das Thema Gebet im Unterricht, da habe ich sie einfach mit hineingenommen in das große Hartl-Gebets-Projekt um das Coronavirus. Alle meine Schüler haben es angeschaut und zurückgemeldet, dass es sie zutiefst berührt hat. Das hat mich sehr gefreut. Ich kann andere ermutigen, auch wenn ich mich selbst ohnmächtig fühle.

Das Interview führte Angela Ludwig.

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