Das Grab ist leer – die Kirchen auch

Christus finden bei den Menschen

Besonders in Krisen wird die Frage virulent, wie die Jünger Jesu die Spannung zwischen den innerwelt­lichen ­Gegebenheiten und den geistlichen Möglichkeiten gestalten: das Reich Gottes mitten unter uns. Seit den Aposteln über Augustinus, Luther und Karl Barth bis heute gilt das wachsame Deuten der „Zeichen der Zeit“ als Kernkompetenz von Kirche. ­Tomáš Halík nahm die Passionszeit unter dem Lockdown zum Anlass, auszuloten, was zu ihrem missionarischen Dasein im säkularen Umfeld gehört. Vieles bleibt auch jenseits von Corona und Heilfasten relevant: ein Blick über den protestantischen Tellerrand.  – (red)

Unsere Welt ist krank. Ich meine damit nicht nur die Pandemie des Coronavirus, sondern auch den Zustand unserer Zivilisation. Das globale Phänomen der Corona-Pandemie ist, biblisch gesagt, ein Zeichen der Zeit. Viele von uns haben noch zu Beginn gedacht, dass sie zwar eine Störung der gewöhnlichen Abläufe der Gesellschaft verursache, dass wir aber alles irgendwie überstehen werden und dann wieder zum alten Modus zurückkehren können. Aber so wird es nicht kommen. Und es wäre schlecht, wenn wir uns darum bemühen würden. Nach dieser globalen Erfahrung wird die Welt nicht mehr dieselbe sein wie vorher – und offensichtlich soll sie auch nicht mehr dieselbe sein. Es ist nun an der Zeit, auch die tieferen Zusammenhänge dieser Erschütterung der Sicher­heiten unserer Welt in den Blick zu nehmen.

Die Kirche als Feldlazarett

Welche Herausforderung stellt diese Situation für das Christentum, für die Kirche und für die Theologie dar? Die Kirche sollte „ein Feldlazarett“ sein (Papst Franziskus). Er meint damit, dass die Kirche über ihre Grenzen hinausgehen und denen helfen sollte, die physisch, psychisch, sozial und geistlich verwundet sind. Die Kirche soll gesundheitliche, soziale und ­karitative Dienste anbieten, jedoch darüber hinaus noch ­weitere Aufgaben erfüllen: die Diagnose („die Zeichen der Zeit“ erkennen), die Prävention (Gesellschaften, in denen sich die bösartigen Viren der Angst, des Hasses, des Populismus und des Nationalismus verbreiten, immunisieren) und die Rekonvaleszenz (durch Vergebung die Traumata der Vergangenheit auflösen).

Leere Kirchen als Zeichen

Als Priester und Theologe denke ich über die leeren und geschlossenen Kirchen nach. Ich sehe sie als ein Zeichen Gottes und als einen Aufruf. Die Sprache Gottes in den Ereignissen unserer Welt zu verstehen, erfordert die Kunst der geistigen Unterscheidung, und diese setzt eine kontemplative Distanz zu unseren erregten Emotionen und Vorurteilen voraus. In Momenten der Katastrophe werden die „schlafenden Agenten eines bösen, rachsüchtigen Gottes“ lebendig; sie verbreiten Angst und versuchen, religiöses Kapital aus der Situation herauszuschlagen. Ihre Vision von Gott ist schon seit Jahrhunderten Wasser auf die Mühlen des Atheismus.
In Katastrophenzeiten nehme ich Gott als Kraftquelle wahr, die in denen wirkt, die in solchen Situationen eine solidarische und aufopfernde Liebe erweisen – ja auch in denen, die dazu keine ­„religiöse Motivation“ haben. Gott ist eine demütige und diskrete Liebe. Ich werde jedoch die Frage nicht los, ob die Zeit der leeren und geschlossenen Kirchen für die Kirche nicht einen Blick in eine verhältnismäßig nahe Zukunft darstellt: So könnte das in ein paar Jahren in einem Großteil unserer Welt aussehen. Warum machten wir für diese Entwicklung so lange äußere Einflüsse („den Tsunami des Säkularismus“) verantwortlich und wollten nicht zur Kenntnis nehmen, dass ein weiteres Kapitel der Geschichte des Christentums zu Ende geht, und es daher notwendig ist, sich auf das nächste vorzubereiten? Vielleicht zeigt diese Zeit der leeren Kirchen den Kirchen symbolisch ihre verborgene Leere und eine mögliche Zukunft auf, die eintreten ­könnte, wenn die Kirchen nicht ernsthaft versuchen, der Welt eine ganz andere Gestalt des Christentums zu präsentieren. Zu sehr waren wir darauf bedacht, dass die „Welt“ (die anderen) umkehren müsste, als dass wir an unsere eigene „Umkehr“ gedacht hätten – nicht nur an eine „Verbesserung“, sondern an die Wende vom statischen „Christ sein“ zum dynamischen „Christ werden“.

Kirche „fasten“ als kairos

Vielleicht sollen wir das jetzige Fasten von den Gottesdiensten und vom kirchlichen Betrieb als einen kairos annehmen, als eine Zeit der Gelegenheit zum Innehalten und zu einem gründlichen Nachdenken vor Gott und mit Gott. Ich bin überzeugt, dass die Zeit gekommen ist, in der man überlegen sollte, wie man auf dem Weg der Reform weitergehen will: nicht der Versuch einer Rückkehr in eine Welt, die es nicht mehr gibt, sondern eine Wende hin zum Kern des Evangeliums, einen „Weg in die Tiefe“. Ich sehe keine glückliche Lösung darin, dass wir uns während des Verbots öffentlicher Gottesdienste allzu schnell mit Ersatzmitteln in Form von Fernsehübertragungen behelfen. Eine Wende hin zu einer „virtuellen Frömmigkeit“, zum „Mahl aus der Ferne“ und das Knien vor dem Bildschirm ist in der Tat eine seltsame Sache. Vielleicht sollen wir eher die Wahrheit des Wortes Jesu erleben: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Vielleicht ist dieser „Ausnahmezustand“ nur ein Hinweis auf eine neue Form der Kirche, für die es jedoch bereits in der Geschichte Präzedenzfälle gab. Ich bin davon überzeugt, dass sich unsere christlichen Kommunitäten, Pfarreien und kirchlichen Bewegungen dem Ideal annähern sollten, aus dem die europäischen Universitäten entstanden sind: eine Gemeinschaft von Schülern und Lehrern zu sein, in der die Wahrheit durch freie Disputation und durch tiefe Kontemplation gesucht wird. Aus solchen Inseln der Spiritualität und des Dialogs kann eine genesende Kraft für die kranke Welt hervorgehen.

Leere Kirchen als Erinnerung

Wenn uns die Leere der Kirche an ein leeres Grab erinnern wird, sollten wir nicht die Stimme von oben überhören: Er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Er geht euch voraus nach Galiläa. Die Anregung zur Meditation lautet: Wo ist dieses Galiläa von heute, wo können wir dem lebendigen Christus begegnen? Soziologische Studien sagen uns, dass in unserer Welt die „Beheimateten“ weniger und die „Suchenden“ mehr werden. Darüber hinaus steigt jedoch die Anzahl der „Apatheisten“ – Menschen, denen sowohl religiöse Fragen als auch traditionelle Antworten gleichgültig sind. Die Hauptlinie der Aufteilung läuft nicht mehr zwischen den­jenigen, die sich für Gläubige halten und denjenigen, die sich für Ungläubige halten. ­„Suchende“ gibt es sowohl unter den Gläubigen (das sind diejenigen, für die der Glaube nicht ein „ererbtes Eigentum“ ist, sondern eher „ein Weg“), als auch unter den „Ungläubigen“, die religiöse Vorstellungen ablehnen, die ihnen ihre Umgebung vorlegt, die jedoch trotzdem die Sehnsucht nach einer Quelle spüren, die ihren Durst nach dem Sinn stillen könnte. Ich bin davon überzeugt, dass dieses „Galiläa von heute“, wohin man gehen soll, um den Gott zu suchen, der durch den Tod hindurchging, die Welt der Suchenden ist.

Eine Welt der Suchenden

Es ist notwendig, Christus auch bei den Menschen zu suchen, die in der Kirche marginalisiert sind; bei denen, die „nicht mit uns gehen“. Wenn wir als Jünger Jesu dort eintreten wollen, müssen wir zunächst viele Dinge ablegen. Wir müssen unsere bisherigen Vorstellungen von Christus ablegen. Der Auferstandene ist durch die Erfahrung des Todes radikal verändert. Wie wir in den Evangelien lesen, konnten ihn nicht einmal seine Nächsten und Liebsten erkennen. Wir ­müssen nicht gleich alles glauben, was uns berichtet wird. Wir können darauf bestehen, dass wir seine Wunden berühren wollen. Wo begegnen wir ihm heute übrigens mit größerer Gewissheit, wenn nicht gerade in den Wunden der Welt und in den Wunden der Kirche, in den Wunden des Leibes, die er auf sich genommen hat? Wir müssen unsere proselytischen Absichten ablegen. Wir dürfen deshalb in die Welt der Suchenden nicht eintreten, um diese schnellstmöglich zu „bekehren“ und sie in die bestehenden institutionellen und mentalen Grenzen unserer Kirchen einzuengen. Auch Jesus, der „die verlorenen Schafe des Hauses ­Israel“ suchte, führte diese nicht in die Strukturen der damaligen jüdischen Religion hinein. Er wusste, dass man neuen Wein in neue Schläuche füllen muss. Wir wollen aus dem Schatz der Tradition, die uns anvertraut ist, sowohl neue als auch alte Sachen her­ausholen, um sie zum Bestandteil des Dialoges mit den Suchenden zu machen; eines Dialoges, in dem wir voneinander lernen können und sollen. Wir sollen lernen, die Grenzen unseres Verständnisses von Kirche radikal zu erweitern. Es reicht nicht mehr aus, dass wir im Tempel der Kirche den „Vorhof der Heiden“ großzügig öffnen. Der Herr hat bereits „von innen“ angeklopft und er ist bereits hinausgegangen – und es ist unsere Aufgabe, ihn zu suchen und ihm zu folgen. Christus ist durch jene Tür hindurchgegangen, die wir aus Angst vor den anderen verschlossen hatten, er ging durch die Wand, hinter der wir uns verschanzten, er ­öffnete uns einen Raum, vor dessen Breite und Tiefe es uns schwindelt. Gleich zu Beginn ihrer Geschichte erlebte die junge Kirche aus Juden und Heiden die Zerstörung des Tempels. Die damaligen Juden fanden darauf eine mutige und kreative Antwort: Den Altar des zerstörten Tempels ersetzte der Tisch der jüdischen ­Familie, die Opferbestimmungen wurden durch die Bestimmungen zum privaten oder gemeinsamen Gebet ersetzt, die Brandopfer und die blutigen Opfer wurden ersetzt durch die Opfer der Lippen, der Gedanken und des Herzens, das Gebet und das Studium der Schrift. Ungefähr zur selben Zeit suchte das junge Christentum, das man aus den Synagogen vertrieb, seine neue Identität. Juden und Christen lernten, auf den Ruinen der Traditionen das Gesetz und die Propheten neu zu lesen und auszulegen. Sind wir in unserer heutigen Zeit nicht in einer ähnlichen Situation?

Theologie als Kampf der beiden Reiche

Als an der Schwelle des fünften Jahrhunderts Rom fiel, hatten viele eine schnelle Erklärung parat: Für die Heiden war der Fall Roms die Strafe der Götter für die Annahme des Christentums, und für die Christen war sein Fall die Strafe Gottes für ein Rom, das noch nicht aufgehört hatte, die Hure Babylon zu sein. Der ­heilige Augustinus lehnte beide Auslegungen ab. In dieser Umbruchszeit entwickelte er seine Theologie des ewigen Kampfes der beiden „Reiche“: nicht der Christen und der Heiden, sondern der beiden „Lieben“, die im menschlichen Herzen wohnen: der Selbstliebe, der die Transzendenz verschlossen bleibt, und der Liebe, die sich hingibt und dadurch Gott findet. Ruft nicht diese Zeit der Zivilisationsveränderungen nach einer neuen Theologie der gegenwärtigen Geschichte und nach einem neuen Verständnis von Kirche? „Wir wissen, wo die Kirche ist, aber wir wissen nicht, wo sie nicht ist“, lehrte der orthodoxe Theologe Evdokimov. Vielleicht ist die Zeit gekommen für einen breiteren und tieferen Ökumenismus, für ein mutigeres „Suchen Gottes in ­allen Dingen“. Diese Zeit der leeren und schweigenden Kirchen können wir als ein kurzes Provisorium annehmen, das wir dann bald vergessen werden. Wir können sie jedoch als kairos annehmen – als eine Zeit, „in die Tiefen hinabzusteigen“ und eine neue Identität des Christentums in einer Welt zu suchen, die sich vor unseren Augen radikal verwandelt.

Nehmen wir die kommende Zeit als Aufruf zu einer neuen Suche nach Christus an. Suchen wir nicht den Lebenden unter den Toten! Suchen wir ihn mutig und ausdauernd und lassen wir uns nicht dadurch verwirren, dass er uns wie ein Fremder erscheinen mag. Wir werden ihn erkennen an seinen Wunden, an seiner Stimme, wenn er uns vertraut anspricht, an seinem Geist, der den Frieden bringt und die Angst vertreibt.    

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des ­Verfassers.

Von

  • Tomáš Halík

    Professor für Soziologie an der Karls-Universität in Prag, Präsident der Tschechischen Christl. Akademie und Pfarrer der Akademischen Gemeinde Prag. Während des Kommunismus wirkte er im Untergrund.

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