Micha, lass uns reden!

Einladung zum Bibelgespräch

Der Prophet Micha wirkte ca. 150 Jahre nach der Teilung Israels (926 v. Chr.) im Südreich unter den ­Königen Jotam, Ahas und Hiskia, also ein knappes halbes Jahrhundert lang. Sein Heimatdorf Moreschet lag etwa 35 km südwestlich von Jerusalem, der Hauptstadt, und nur 15 km westlich von Gat, einer der befestigten Städte der Philister, was zu ständigen Auseinandersetzungen führte. Die Könige von Juda versuchten, der andauernden Bedrohung durch das expandierende assyrische Imperium mit einer Schaukelpolitik zu begegnen: Mal zahlten sie Tribut gegen Zugeständnisse und erhielten damit gewisse Freiheiten, mal verbündeten sie sich mit anderen gegen Assyrien. Der Druck durch die ­Feinde mit ihren Gottheiten war groß. Micha war Hirte in den fruchtbaren Landstreifen und als Orts­ältester von ­Moreschet Mitglied des Ältesten-Kollegiums der Hauptstadt. Er wirkte als kritisches Gegenüber der politischen und religiösen Führung seines Landes, des Königs mit seinen Funktionären, der Priester und anderer Pro­pheten. (Bibelzitate meistens aus Gute Nachricht.)

Wir: Micha, lass uns reden!
Micha: Reden? Worüber?

Ob du Gott wirklich richtig verstanden hast ...
Was meint ihr?

Du sagst schreckliche Dinge zu deinen Leuten: Der Berg Zion wird umgepflügt wie ein Acker, Jerusalem wird zu einem Trümmerhaufen. Das ist die Strafe für eure Verbrechen (Micha 3,12; nach Martin Buber). Und: Ihr werdet noch zu Jahwe um Hilfe schreien, doch er wird euch nicht hören (3,4a). Kann Gott weghören, wenn wir ihn brauchen? Was hast du für ein Gottesbild?!
Was wäre denn das richtige Gottesbild? Das meiner Leute in Juda, die sich so sicher sind, dass Jahwe im Tempel von Jerusalem wohnt? Der HERR ist mitten unter uns, uns kann nichts passieren! (3,11). Die anderen, die aus dem Nordreich und aus Samaria, mit ihrem neuen Heiligtum, die hätten es echt verdient, bestraft zu werden?

Also nicht nur du mit deinem weghörenden Gott, auch deine Leute denken seltsame Dinge von ihm. Dass sie unbesiegbar sind, solange sie ihn im Tempel als ­Nationalheiligen haben.
Ja, genau, und dass ihm sonst gleichgültig ist, wie sie leben, solange sie nur ihre religiösen Übungen machen, singen, beten, fasten. Ich musste mir einiges anhören: Hör auf mit dem Gesabber. So darf ein Prophet nicht reden! Deine Beschimpfung trifft uns nicht. So spricht man nicht zu den Nachkommen Jakobs. Der HERR verliert nicht die Geduld mit uns, das ist nicht ­seine Art! (2,6-7), so sagten sie.

So kennen wir es doch aus der Bibel: Die ­Güte des Herrn hat kein Ende, sie ist jeden Morgen neu (Klgl 3,22). Was soll daran falsch sein?
Ich möchte mal zurückfragen: Darf bei euch Gott denn auch der Richter sein? Darf er zornig werden über Unrecht? Darf er sagen, was recht und was unrecht ist? Wie groß ist euer Gott?

Sehr groß. Der Schöpfer des Himmels und der Erde.
Ja genau. Er ist atemberaubend. Ich habe es gesehen! Er kommt aus seiner himmlischen Wohnung und schreitet über die höchsten Gipfel der Erde. Unter seinen Füßen werden die Berge zu Tälern, sie schmelzen wie Wachs im Feuer… Das alles geschieht, weil die Leute von Israel gesündigt und dem HERRN nicht gehorcht haben (1,3-5).

Wir sündigen doch alle. Und wir leben davon, dass Gott uns vergibt. Du sagst es doch selbst: Du wirst mit uns Erbarmen haben und alle unsere Schuld ins Meer werfen, wo es am tiefsten ist (7,19).
Ja, am Ende habe ich das gesagt. Ich habe ge­betet für die wenigen Übriggebliebenen meines Volkes. Aber davor hatte ich eine andere Botschaft zu übermitteln! Macht euch Gott nicht zu klein! Er passt nicht in den Tempel! Ich habe versucht, meinen Leuten ­seinen Blick auf die Lage zu vermitteln: Seine Worte verheißen nur Gutes für den, der so lebt, wie es Ihm gefällt (2,7b).

Aber das wäre ja Werkgerechtigkeit! Darüber sind wir echt hinaus! In Jesus hat er uns doch mit sich versöhnt.
Es geht mir doch gar nicht darum, wer in den Himmel kommt, sondern was wir auf der Erde leben! Hört ihr die Schreie nicht? Wie drastisch soll ich es noch ausdrücken, damit es bis zum Herzen der Führer meines Volkes dringt: Ihr behandelt die Menschen meines Volkes wie Schlachtvieh, dem man die Haut abzieht, das Fleisch von den Knochen reißt, die Knochen zerschlägt und sie samt dem Fleisch in den Kessel wirft. So beutet ihr das Volk aus! (3,2f).

Hör auf, Micha, uns wird schlecht! Das klingt ja wie ein Massaker. Ist es so schlimm bei euch?
Als ob es nicht reichen würde, dass die Assyrer uns in Angst und Schrecken versetzen. Sie breiten ihr Imperium in alle Richtungen aus. Ich will euch lieber nicht genauer beschreiben, was uns zu Ohren kommt, wie sie ihre Feinde abschlachten – und was sie mit den Frauen machen. Wir zittern, wenn wir nur daran denken.

So ähnlich erzählen es auch die Iraker, die bei uns ­Zuflucht gesucht haben. Bei manchen flackert die Angst in den Augen auf, wenn der IS nur genannt wird. Andere haben Albträume.
Ja, so ähnlich. Ich will aber auf etwas anderes hinaus. Unsere Feinde können es ja nicht besser wissen. Aber wir, die Nachkommen Jakobs, das Volk, das Gottes Weisungen kennt und es an die Kinder weitergibt: Du sollst nicht morden. Du sollst überhaupt nichts begehren, was deinen Mitmenschen gehört: sein Haus und seinen Grundbesitz … (Dtn 5,17.21). Was tun wir? Unsere Reichen? Sie liegen nachts wach und brüten ­Böses aus, um es früh am Morgen auszuführen, weil sie die Macht haben! Wollen sie ein Stück Land, so rauben sie es; gefällt ihnen ein Haus, so nehmen sie es. Rücksichtslos unterdrücken sie die Leute und nehmen ihnen ihr Eigentum weg! (2,1f). Gottes Volk tut das Gegenteil von dem, was es angeblich glaubt.

Das war schon immer so, dass die Reichen und Mächtigen es sich auf Kosten der Armen gut gehen lassen. Was hilft es, sich darüber aufzuregen?
Weil es Gott selbst aufregt! Wir sind nicht von ihm auserwählt, damit wir es uns in unseren Privilegien bequem machen, sondern damit man an uns erkennt, wie sich die Anbindung an Gott in allen Bereichen des Lebens auswirkt – stets zum Wohl aller, nicht nur Einzelner. Nimmt man den einfachen Leuten ihren Besitz weg, fangen sie an, Schulden zu machen und geraten am Ende in Schuldsklaverei. Nein, so sollte es in Israel nicht sein! Jeder Stamm hat Land zugewiesen bekommen, alle sollten genug zum Leben haben. Der Gier sollte eine Grenze gesetzt werden. Ich hörte Gott sagen: Wie lange beleidigen sie mich noch mit ihren gefälschten Messgefäßen? (6,10). Ja, Gott ist persönlich ­getroffen, wenn seine Geschöpfe betrogen, gequält oder versklavt werden.

Warum lesen eure Priester, religiösen Führer und ­Berufspropheten den Mächtigen nicht die Leviten? Wo sind deine Mitstreiter?
Ach, die sind wie Salz, das man auf die Straße wirft, wo die Leute es zertreten. Sie salzen nicht mehr. Sie verkünden Glück und Erfolg, wenn man ihnen zu ­essen gibt, und drohen jedem den Untergang an, der ihnen keine Geschenke macht. Sie führen das Volk in die Irre (3,5).

Das kennen wir. Bei uns predigen auch einige, man käme zu Wohlstand, wenn man nur richtig betete. Die haben ganz schön Zulauf und werden selber dabei reich.
Und die Ausgebeuteten sind doppelt gestraft: Sie bekommen theologisch attestiert, dass ihre Armut selbst verschuldet ist. Das ganze System ist korrupt! Die Beamten des Königs schrauben die Abgaben in die Höhe; die Richter geben dem Recht, der ihnen am meisten zahlt; die Mächtigen schalten nach ihrer Willkür. So drehen sie gemeinsam dem Volk einen Strick. Noch der Beste und Anständigste von ihnen ist schlimmer als eine Dornenhecke (7,3-4).

Gehörst du nicht selbst zum Ältestenrat in Jerusalem?
Genau deswegen rede ich: Ich bin mitverantwortlich. Es ist mein Volk, meine Glaubensgemeinschaft! Deswegen packt mich das Entsetzen! Zum Zeichen der Trauer gehe ich barfuß und halbnackt, ich heule wie ein Schakal und wimmere wie ein Vogel Strauß (1,8).

Wie hast du das nur durchgehalten, Micha?
Das frage ich mich seit Jahrzehnten. Wäre es mir um Anerkennung gegangen, hätte ich längst aufgegeben. Die Einsamkeit, die Angst, die Resignation wollten mich immer wieder überwältigen. Ich kann nur sagen, dass mich Gott selbst stark gemacht hat und mit seinem Geist erfüllt. Deshalb trete ich mutig für das Recht ein, ich halte den Leuten von Israel, den Nachkommen Jakobs, alle ihre Verbrechen vor (3,8).

Was versprichst du dir davon?
Es geht nicht darum, was ich mir verspreche! Ich hatte einen Auftrag. Ich habe ihn ausgeführt. Ich ­habe die Augen aufgemacht, die Ungerechtigkeit gesehen und sie angeprangert. Und während ich das tat, konnte ich Gottes große Trauer spüren. Seinen tiefen Wunsch, dass wir, sein Volk, in Frieden leben (4,1-4). Dass er uns wie ein Hirte im schützenden Pferch zusammenbringt (2,12). Aber ich hörte: Samaria wird sich nicht mehr von diesem Schlag erholen; er trifft auch Juda. Der Feind kommt bis in die Stadt meines Volkes (1,9).

Bis Jerusalem? Wer sagt das?
Gott selbst. Jahwe. Fort mit euch, in diesem Land findet ihr keine Ruhe mehr! Denn ihr habt es mit euren Verbrechen unrein gemacht und werdet einen schrecklichen Untergang erleben (2,10).

Lässt sich das noch abwenden?
Das haben sie mich auch gefragt! Womit soll ich vor den HERRN treten, diesen großen und erhabenen Gott? Was soll ich ihm bringen, wenn ich mich vor ihm niederwerfe? Soll ich einjährige Rinder als Opfer auf seinem Altar verbrennen? Kann ich ihn damit erfreuen, dass ich ihm Tausende von Schafböcken und Ströme von Olivenöl bringe? Soll ich meinen erstgeborenen Sohn ­opfern, damit er mir meine Schuld vergibt? (6, 6). Es ist zum Haare raufen! Es fällt ihnen nichts besseres ein als das, was die Völker um uns her für normal halten, um ihre Götter zu besänftigen. Sie opfern ihre ­Kinder! Ich fasse es nicht! Nicht Opfer, sondern Leben will unser Gott! Noch unser Urvater Abraham ­dachte, er solle seinen Sohn schlachten. Nein, halt, genug! „Ich sehe, dass du mir gehorchst!“, hatte Gott zu ihm gesagt.

Ja, die Geschichte mit Isaak. Ist ja noch mal glimpflich ausgegangen.
Glimpflich?! Eine revolutionäre Wende in der Geschichte war das! Menschen sind Gott kostbar. Alle Menschen. Alle sollen leben dürfen. Deshalb hat er uns ja auch aus Ägypten befreit. Gerettet vor unseren Unterdrückern und ihren selbstgemachten Göttern. Wo es eben nur der Pharao gut hatte und mit ihm die Mächtigen. An unserem Volk sollte man sehen, wie es ist, wenn Jahwe allein unser Gott ist. Seine Güte, sein Erbarmen, seine Gerechtigkeit. Dazu gab er uns Rechtsordnungen.

Ganz schön viele Rechtsordnungen! Da war ja alles geregelt. Erwartet da Gott nicht zu viel? Wer soll denn das alles einhalten?
Ihr macht den selben fundamentalen Denkfehler! Als ob wir Gott einen Gefallen tun, wenn wir uns an seine Gebote halten! Nein, es geht nicht um das, was Gott braucht, sondern um das, was der Mensch braucht. Was die Alten, die Armen, die Waisen, die Witwen, die Kinder – und jeder Mann und jede Frau brauchen. Es geht darum, das Rechte zu tun, damit es allen gut geht und das Gemeinwohl gedeihen kann.

Du findest nicht, dass Gott zu viel von uns Menschen fordert?
Er fordert nicht, er sucht! Er sucht bei uns das, was er uns schon längst gegeben hat. So viel Güte hat er uns erwiesen. „Erinnert euch!“, sagt er. „Ich habe euch aus der Sklaverei befreit!“

Gott geht in Vorleistung sozusagen?
Nennt es, wie ihr wollt. Es ist doch nicht kompliziert! Was könnte geschehen, wenn wir und ihr, jeder, jede beherzigten: Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: Nichts anderes als dies, Recht tun, Gemeinschaftssinn lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott (6,8).

Schalom!

Von

  • Frank Paul

    Koordinator der Internationale Partnerschaften und Projekte der Offensive Junger Christen; lebte von 1990-2008 mit seiner Familie in Argentinien, davon 13 Jahre im Chaco.

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  • Ute Paul

    Pädagogin und pädagogische Leiterin des ­Erfahrungsfeldes „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

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