Sorry, machen wir selber

Selbstwirksamkeit als Grundbedürfnis

Projekte aus der aktuellen Weihnachtsaktion

Vor wenigen Jahrzehnten erfuhr die traditionelle Entwicklungsarbeit mit dem Begriff „Hilfe zur Selbsthilfe“ eine entscheidende Kurskorrektur. Viele Organisationen, Missionsgesellschaften und NGOs hinterfragten ihre bisherige Vorgehensweise und erkannten in der „Hilfe zur Selbsthilfe“ einen zeitgemäßeren Weg des Miteinanders.

Im Grunde kann man es einfacher mit dem Montessori-Zitat ausdrücken: Hilf mir, es selbst zu tun.

Tatsächlich gehören auch zu meinen eindrücklichsten Erfahrungen besonders die Momente, wo mir etwas ­gelungen ist, ich aus eigener Kraft eine Veränderung herbeigeführt habe. Gerade in meiner Zeit in Lateinamerika habe ich erlebt, wie das Zutrauen anderer mich in meinen eigenen Möglichkeiten wachsen ließ. Und ich habe diesen Zuwachs an Selbstbewusstsein auch in den Gesichtern der Menschen gesehen, die wir in unserem Ausbildungszentrum begleiteten. Selbstwirksamkeit ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Daher begeistert und amüsiert mich seit Monaten eine Werbung im Supermarkt: „Sorry, Schweizer, Schokolade machen wir jetzt selber.“ Angepflanzt, geerntet und verarbeitet in Afrika. Fair und selbst!

Die indigenen Minderheiten in den Ländern Lateinamerikas ­haben über Jahrhunderte das Gegenteil ­erfahren. ­Andere haben über sie bestimmt und selbst die­jenigen, die sich für ihre Belange einsetzten, haben ­immer darüber geurteilt, was gut für sie ist. Am Ende bleiben die Empfänger selbst gutgemeinter Hilfe unselbstständig. Und ­eine Veränderung findet nicht statt, denn die Hilfe bleibt äußerlich und erreicht nicht die Herzen der Menschen. Das ist Fremdbestimmung und das Gegenteil von Selbstwirksamkeit. Der Mensch als Ebenbild Gottes möchte aber selbst kreativ und proaktiv sein Leben gestalten, möchte die eigene Stimme erheben und dem eigenen kulturellen Reichtum entsprechende Lebensräume gestalten. Eine Voraussetzung, um sprachfähig zu werden, ist das Entdecken der eigenen Ressourcen. Und dann an dem ansetzen, was schon da ist und weiter ­daran bauen: Erweiterung von Fachwissen, sozialer und politischer Kompetenz und geistlicher Tiefe. Nicht nur für Schulkinder, sondern auch für Erwachsene.

Hilf mir, es selbst zu tun – das schließt lange Entwicklungszeiten und auch Fehler ein. Und es zeigt, was ­intrinsische Motivation kann: In der Schule eine Fremdsprache zu pauken, fühlte sich selten befriedigend an. Als ich aber wusste, dass ich einige Zeit in Costa Rica leben würde, wollte ich Spanisch lernen und brauchte keine fünf Schuljahre dazu. Mein Herz war berührt. Mein durchaus vorhandenes Sprachgefühl bekam einen Fokus. Daher konnte ich die Angebote der Sprachschule annehmen. Die besten Lehrer und Ermutiger für die Ureinwohner Lateinamerikas sind Mitglieder der indigenen Volksgruppen, die durch ihr Beispiel zeigen: „Es ist den Aufwand wert. Wir haben diese Möglichkeiten in uns, hier habt ihr den Beweis.“

In Argentinien zum Beispiel hat es sich die Organisation „Asociana“ zur Aufgabe gemacht, die Veröffent­lichung von eigenem Ausbildungsmaterial in indigener Sprache und die Ausbildung von indigenen Übersetzern an Gerichten zu fördern.

In Mexiko ging von Saul und Pilar Cruz vor ­Jahren die Gründung von Internaten aus, damit junge ­Indigene eine weiterführende Schule oder die Universität be­suchen können: Daraus entstand der Verein ­„Armonia“. Die ehemaligen Internatsbewohner ­stehen heute den Neuzugängen zur Seite und coachen sie, ­damit sie die Hürden des Schulalltags überwinden und auch ihren Abschluss erreichen.

In Costa Rica und den angrenzenden Ländern sind ­unsere Freunde Gaby und Gonzalo Chacón für ­„Amigos“ unterwegs, um in entlegenen Gebieten mit den geistlichen Leitern Schulungen durchzuführen. Die Corona-Pandemie hat den Reisen ein Ende gesetzt, aber einzelne Leiter waren so motiviert, neue Wege zu beschreiten, dass sie sich die Nutzung von Internet-Tools wie Zoom aneigneten und online-Konferenzen abhielten. Der Nebeneffekt war eine Vernetzung über das Internet, wie sie im realen Leben nur schwer zu verwirklichen gewesen wäre. Asociana, Armonia, Amigos – dreimal ein A für „Anfang“ – wenn ein Anfang gemacht ist, kommt der Stein ins Rollen.

Alle drei Beispiele geben Zeugnis davon, wie viel ­Power darin liegt, wenn Menschen ihr Herz berühren lassen, ihr Potenzial entdecken und es selbst tun! ­Solche Menschen werden mir zu Vorbildern und ich lerne von ihnen Mut, Geduld, Neugier und Zuversicht.             

Leseempfehlung:

Glenn J. Schwartz: Wenn Nächstenliebe klein macht – Finanzielle Abhängigkeit in Mission und Gemeinde überwinden. Neufeld Verlag 2020.

Dieses einzigartige Buch hat unseren Leitfaden für OJC-Partnerschaften und Projekte inspiriert.

Von

  • Gerlind Ammon-Schad

    die mit ihrer Familie 18 Jahre in Costa Rica gelebt hat, bevor sie 2014 nach Deutschland und in die OJC kam. Sie und ihr Mann Bernhard sind im Herbst 2018 in die OJC-Kommunität eingetreten.

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