Option Vergebung

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Ausweg aus der verfahrenen Genderdebatte

„Ihr gehört auch zu denen, die hassen“ – mit diesen Worten wurden wir vor dem Veranstaltungsort ­eines Symposiums in Frankfurt, in dem über die Folgen der „Ehe für alle“ referiert wurde, begrüßt. Wer heute noch an dem traditionellen Bild von Ehe, Familie und Sexualität festhält, ja es sogar gegen seine Kritiker zu verteidigen sucht, dessen Einstellung gilt nicht einfach nur als veraltet, sondern als gefährlich. Nicht nur, dass Menschen wie ich als homophob, transphob, interphob und sexistisch gelten, unsere Einstellung zur Sexualität macht uns zu Nazis, zu Faschisten und Rassisten. Dieser Gleichsetzung begegnen wir nicht nur im säkularen Raum, von politischer und medialer Seite, sondern zunehmend auch unter christlichen Geschwistern. Bei solchen Anschuldigungen fällt es immer schwerer, standhaft zu bleiben, denn für uns alle wiegt die Schuld unseres Volkes verfolgten und drangsalierten Menschengruppen gegenüber immer noch schwer.

Wir sind schuldig geworden, da gibt es keinen Zweifel. Doch was folgt daraus? Muss man alles, was vorher gedacht, geglaubt und praktiziert wurde, verwerfen? Stelle ich mich auf die Seite derer, die heute als die Guten gelten, um das Stigma der Schuld loszuwerden? Versuche ich, wegen der Ungerechtigkeit unserer Vorfahren, auch im Namen des Glaubens, alles, was das klassische Geschlechterverhältnis ausmacht, zu dekonstruieren und, wie es von den Gender- und Postcolonial-Studies gefordert wird,1 dem eigenen religiösen und kulturellen Erbe weitgehend abzusagen, damit eine „gerechtere“ Welt entstehen kann?

In seinem neuen Buch Wahnsinn der Massen2 beschäftigt sich der britische Historiker Douglas Murray unter anderem mit der Frage, woher die Vehemenz gegen alles, was sich nicht an die Regeln einer neuen politischen Korrektheit hält, kommt. Er stellt fest, dass das, was als legitimes Einfordern von Menschenrechten begann, irgendwann durch die Leitplanken gekracht ist. Ab einem gewissen Punkt ging es nicht mehr um die Sicherung der eigenen Freiräume, sondern darum, die Räume anderer zunehmend zu beschneiden. Nicht darum, die Widersprüche, Auswüchse oder Verdrängungsmechanismen unserer Kultur ehrlich aufzudecken, sondern darum, das ihr zugrundeliegende Welt- und Menschenbild unter Generalverdacht zu stellen und durch ein neues zu ersetzen.3 Im Sinne dieses neuen Denkens ist jeder, der gegen seine Regeln verstößt, öffentlich zu demütigen und nach Möglichkeit auch strafrechtlich zu belangen.

Eine aufschlussreiche Erklärung für diesen Mechanismus fand Murray bei Friedrich Nietzsche, der in radikaler Weise zu Ende denkt, welche Folgen der „Tod Gottes“ für das christliche Abendland hat. Als Folgelast erkennt Nietzsche, dass sich die Menschen in einer ausweglosen Schleife christlicher Theologie wiederfinden würden. Insbesondere sah er voraus, dass die ­Konzepte von Schuld, Sünde und Scham übernommen würden, zugleich aber die von der christlichen Religion vorgesehene Erlösung nicht stattfinden ­könne.4 Nur wo es Vergebung gibt, kann in einer heilenden Weise mit Schuld und Fehlverhalten umgegangen werden. Da ist es möglich, Gutes von Bösem zu unterscheiden, sich vom Bösen abzuwenden, das Gute aber zu behalten. Nur der Mensch, der weiß, dass er Vergebung erlangen kann, ist fähig, sich mit seinem eigenen Fehlverhalten auseinanderzusetzen, ­umzukehren und Schuld und Scham zu überwinden. Doch in dem Kampf um die Geschlechtergerechtigkeit werden Scham und Schuldzuweisung instrumentalisiert, um Andersdenkende auf die eigene Seite zu bringen oder sie davon abzuhalten, den heutigen sexualethischen Diskurs aktiv mitzugestalten. So schreibt Murray am Ende seines Kapitels über Vergebung: „Vielleicht ist es ja nicht verwunderlich, dass immer mehr Menschen zu der Überzeugung gelangen, es wäre am besten, sich genau diesen Dogmen anzuschließen. Keine Fragen zuzulassen. Keine Fragen zu stellen.“5

Diesen Verlust der Vergebungsgewissheit, die Murray anspricht, halte ich, die ich mich selbst intensiv mit den philosophischen Wurzeln der heutigen Gender­theorien befasse, für eine bestimmende Komponente des heutigen Zeitgeistes. Ohne die Möglichkeit der Vergebung hat der Mensch nur drei Optionen, mit Schuld fertig zu werden:

  • Option 1: Der Mensch versucht, perfekt zu leben.
  • Option 2: Der Mensch schafft Regeln, Normen und Werte, an denen er scheitern könnte, gleich ab und kommt damit möglichen (Selbst-)Vorwürfen, Schuldzuweisungen und Beurteilungen zuvor.
  • Option 3: Der Mensch schiebt die Schuld auf andere.

Option 1 gelingt eigentlich niemandem. Weder in einer Welt mit festen Regeln und Normen, gewiss aber nicht, wenn sich das, was gesagt und getan werden darf, ständig ändert. Niemand ist perfekt, alle ver­stoßen – ob willentlich, ob unabsichtlich oder auch unbewusst – gegen Regeln und Normen.

Option 2 ist eine Strategie, die unseren sexualethischen Diskurs heute maßgeblich prägt. Alle herkömmlichen Normen und Regeln im Umgang mit Sexualität werden als mehr oder weniger willkürliche, meist religiöse und patriarchale Machtinstrumente zur Unterdrückung von Frauen oder Minderheiten „entlarvt“. Wenn diese erst abgeschafft sind, brauchte man kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Aus diesem Grund wird in der diesbezüglichen Fachliteratur dafür plädiert, nicht nur die „bürgerliche Ehemoral“, sondern auch gleich das Konzept der „Zweigeschlechtlichkeit“ zu entnormalisieren und zu entnaturalisieren.6

Man fragt sich, warum sich auch Christen und Kirchen auf diese sukzessive Entnormierung der Sexual­ethik einlassen? Der Christ lebt doch nicht aus der Sündlosigkeit, sondern aus der Vergebung! Deshalb darf und soll er sein Gewissen an den Geboten Gottes, die er für gültig hält, überprüfen. Letztlich kommt es hier zu einer Bekenntnisfrage: Glauben wir, dass die ­sexualethischen Vorgaben der Bibel verbindlich sind, eheliche Treue ein Gebot und die Mann-Frau-Ehe die schöpferische Norm? Die Auslegung bietet sicher manchen Spielraum, den wir im Blick haben müssen. Aber doch nicht um den Preis der Tilgung des Sündenbegriffs. Woher kommt die Scheu der Christen, Sünde überhaupt zu thematisieren? Könnte es sein, dass der Glaube an die Vergebung brüchig geworden ist? Könnte es sein, dass auch Christen der Versuchung erliegen, sich nicht mehr als Sünder zu verstehen, sondern als Jünger einer Moralreligion, die sich zunehmend selbst optimieren? Die Rede über die Sünde ist anscheinend nicht mehr salonfähig.

Option 3 geht davon aus, dass jedes erfahrene Leid, ob individuell oder kollektiv, einen Verursacher hat, ­einen Schuldigen – vorzugsweise jemand, von dem man sich selbst distanzieren kann. Wenn man den ­findet, isoliert und straft, wird die Schuld gesühnt und das Leiden hört auf. Auch das Leiden an eigenen, verinnerlichten Normen oder am eigenen Gewissen. Verfolgt man die heutige Diskussion um die Gender-­Agenda, fällt auf, dass der Schuldige schon ausgemacht ist, der Hauptverantwortliche für alles Übel an Phobien, Sexis­mus, Rassismus, Imperialismus, Antisemitismus usw.: ein kollektiver Menschentypus, der im Begriff des „alten weißen Mannes“ zu fassen ist. Zur Analyse dieses Menschentypus gibt es seit neuestem auch in unserem Land einen speziell für ihn entwickelten Forschungsansatz, die Kritische Weißenforschung7. Ein ideales, weil unerschöpfliches Feindbild, in dem sich alle Feindbilder der 68er Revolte und ­diverser ­feministischer Bewegungen zusammenballen. Von diesem Feindbild her lassen sich alle gesellschaftlichen Übel der Welt deuten, entmachten und so ziemlich alles, was an zivilisatorischen Normen mit ihm identifiziert werden kann, an den Pranger stellen. Allen voran die Ausgrenzung von Menschen, deren Sexualethik nicht der traditionellen Werteordnung entspricht.

Das Prinzip des Sündenbocks dient nicht nur der Selbstrechtfertigung, es ist auch ein probates Mittel der Einschüchterung. Wer will schon zu den Bösen gehören? Nur wem es gelingt, sich von allem fernzuhalten, was ihn mit diesem Feindbild in Verbindung bringen könnte, kann vor Anschuldigungen und Beschämung sicher sein. Übertragen auf meine Situation in Frankfurt heißt das im Klartext: Wenn meine konservative Vorstellung von Sexualität so nachdrücklich mit Naziideologie gleichgesetzt wird, habe ich den Impuls, mich davon zu distanzieren, ohne dass ich durch Argumente vom Gegenteil überzeugt worden wäre.

Der einzige Ausweg

Das Verhängnisvolle am Sündenbock-Prinzip ist, dass es nicht zur Befriedung führen kann. Wenn sich ­eine ganze Gruppe permanent an den Pranger gestellt sieht, wird sie irgendwann den Gegenangriff starten und unter den zuvor Eingeschüchterten ihre Mitstreiter rekrutieren. Sie wird dann ihrerseits mit überzogenen Anschuldigungen gegen jene ins Feld ziehen, die zuvor noch Oberwasser hatten.8 Bis die Situation wieder kippt und sich die anderen durchsetzen.

Wir Christen haben eine andere Option. Wir müssen Schuld weder verdrängen, noch uns von ihr lähmen lassen. Ja, Christen sind auch an homosexuellen Menschen schuldig geworden, haben sie im Namen ihrer Religion ausgegrenzt, verfolgt, stereotyp vorverurteilt und sich geweigert, ihre Gefühle und Sehnsüchte ernst zu nehmen. Dafür braucht es Buße und Umkehr. Es hilft aber nichts, sich angesichts der Schuld sowie angesichts des Leides der Opfer von dem zu distanzieren, was uns aufgrund der biblischen Lehre als richtig erscheint und als lebensförderlich einleuchtet. Wir brauchen nicht in die Defensive zu gehen, sondern können offensiv nach dem Mehrwert des biblischen ­Lebensentwurfs forschen, unser Leben daran ausrichten und aktiv am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen. Das können wir, weil wir wissen: Wir alle sitzen im gleichen Boot. Wir alle leben aus der Vergebung. Wir brauchen uns nicht auf Kosten der anderen als „die Guten“ zu profilieren. Dieses Wissen macht uns frei, uns hinterfragen und korrigieren zu lassen, aber auch, weiterhin zwischen Richtig und Falsch, Gut und Böse zu unterscheiden und dafür einzustehen, was wir als richtig und gut erkannt haben.            

Anmerkungen:

  1. www.normativeorders.net/de/veranstaltungen/alleveranstaltungen/79-uncategorised/289-frankfurt-research-center-for-postcolonial-studies-frcps
  2. Douglas Murray, Wahnsinn der Massen, Finanzbuch-Verlag, München 2019
  3. Murray, S. 19
  4. Murray, S. 237
  5. Ebd.
  6. Jutta Hartmann, Astrid Messerschmidt, Christine Thon, 2017, Queering Bildung, Budrich Journal, www.budrich-journals.de/index.php/fgfe/article/view/29663 (zuletzt abgerufen 08.12.19)
  7. www.uni-wuerzburg.de/aktuelles/einblick/single/news/weisssein-sichtbar-machen/
  8. Murray, S. 21

Von

  • Silke Edelmann

    Pädagogin und seit drei Jahren wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft.

    Alle Artikel von Silke Edelmann

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