Charisma Hoffnung

Der folgende Text ist eine Schatzkarte, die uns an die Quelle führt, warum wir – angesichts der Finsternis in dieser Welt – nicht verzweifeln müssen. Verweilen Sie bei diesem recht anspruchsvollen Text. Es lohnt sich.

I

Charisma ist Seinsgeschenk. Es wird hinzugetan zu meiner Natur. Die christliche Hoffnung ist eine Seinsart. Sie ist gestaltete Existenz. Ich weiß nicht, ich bin. Es hofft in mir.

Ich denke jetzt anders, weil ich das Ende weiß. Ich lebe anders, weil mir die Brüchigkeit der Welt nur Vorlauf des Heilenden ist. Urteil ist möglich, das vom Letzten her gefasst ist. Gelassen bleiben, sich nicht vom großen Weltgewicht beeindrucken lassen, die mensch­lichen Dinge in ihrem Wert und Unwert sehen können. Im Charisma der Hoffnung ist etwas von der Geduld Gottes auf den Menschen übergegangen.

II

Könnte es nicht sein, dass wir – an das Machbare der Welt verloren – die Gnadengestalt der Welt nicht mehr sehen? Und könnte es nicht sein, dass wir uns in ­einer Lage befinden, in der die pneumatische Dimension durch unsere Weltbildkonstruktionen, wie durch Risse, wie an den Rändern wieder durchscheint? Die pneumatische Dimension ist die prophetische Dimension der Anwesenheit, der besonderen Anwesenheit, die vom Zukünftigen her sich aufbaut. Das Zukünftige ist schon gegenwärtig, und zwar als Heilendes.  Als der Hoffnungsmensch muss der Christ die Solidarität des Geschicks dort annehmen, wo Heilendes als Möglichkeit in der Zeit sich ankündet. Das verweist ihn auf den Menschen.

III

Er erkennt den Menschen als den Schnittpunkt, in dem die Kräfte des Schöpfungsuniversums zusammenlaufen. Er erkennt ihn als die Schlüsselfigur der Verheißung, ohne den das „Vollkommene“ nicht kommen, Gott nicht „alles in allem“ sein wird.Der Mensch ist es, der Verheißung hat.

Es ist noch nicht erschienen, was er sein wird. Er steckt noch bis an die Schultern im biologischen Urschlamm, mehr Tier noch als Mensch, mehr Trieb als Geist, hungernd, sich gattend, sich befehdend und fressend, dem Tode verfallen. Puppe nur ist, noch nicht Schmetterling, dieser homo sapiens. Der Mensch ist das, was den Menschen um ein Unendliches überragt (Pascal). Das Vollkommene ist ihm verheißen. In der Christen Hand ist die Sorge um ihn gelegt, um die absolute Frage, die in ihm lebt, ja, die er ist. … Kein Linsengericht für sein Erstgeburtsrecht! Wie nagend auch sein Hunger und wie lange er das schon sei! Keinen Frieden machen mit dieser Welt. Die absolute Frage muss brennen bleiben: auf das Unmögliche hin. Die Christenheit muss sie schützen, diese Flamme, sie unter ihren Mantel nehmen. Orkane ziehen herauf, sie zu ersticken. Aber die Antwort ist schon unterwegs.

IV

Dass sie ein Letztes sagt und das von einem Letzten her tut, damit steht und fällt die Hoffnung. Indem sie vom Letzten spricht, hinter das es kein Zurück gibt, das schlechthin letzte Instanz ist, setzt sie der Welt der Relativitäten die Grenze. Deshalb geht uns nichts so tief unter die Haut, wie ihr Wort vom Ende. Hier wird wieder Maßstab sichtbar, schlechthin gültig. Nur von jenem Ende her, das Gericht heißt, kann es Schuld geben.

Warum spricht niemand aus Adams Geschlecht das lösende Wort von der Schuld, damit ihm das Bewusstsein seines Falles erhalten bleibe, der ein Fall in die Vermessenheit ist? Warum ist die Ansage des Gerichts im Munde der Christenheit verstummt, des Gerichts, das dem Fall gesetzt ist von Urbeginn her? Und das doch der Gnadenakt ist, der dem Unmaß die Grenze setzt und neuen Anfang stiftet? Es sagt dies niemand in der Christenheit, weil die Stimme der Hoffnung in ihr verstummt ist, die das Letzte bekennt.

V

Was bedeutet das für den Christen selbst, dass er durch Charisma so der für die ganze Welt Hoffende ist?

Hoffnung ist kein angestrengtes Sichbemühen. Das heißt nicht, dass man nicht um sie bitten soll, dass man nicht für sie bereit sein müsste, dass man sie nicht zu hegen hätte. Sie bleibt eine Art zu sein. Es gibt keine christliche Hoffnung ohne die Kraft des langen Atems, des Durchstehens im Hoffen wider alle Vernunft. Es gibt keine Hoffnung, ohne die Geschichts­tugend ­Gottes, die Geduld heißt. Gerade an der Tugend der Geduld lässt sich erkennen, dass die Hoffnung kein Willensakt, sondern eine Seinsart ist. Was es mit ihr auf sich habe, wird am deutlichsten in der Art, wie sich der Hoffnungsmensch in seinem irdischen Tag verhält. Zwar lebt er aus der verschwiegenen Kraft der Hoffnung, aber nun erst ganz dem irdischen Tag zugewandt, gleichsam mit dem Rücken den Horizonten der Prophetie zugekehrt. Denn eben diesen Tag erkennt er im Licht des Letzten, das ihm, wie über die Schulter, in seinen Tag hereinfällt.

VI

Weil die christliche Hoffnung ein Geheimnis ist, wahrscheinlich der Welt größtes und in dieser Größe vor dem menschlichen Geiste eben nur von ferne gelüftet, deshalb wird sie nicht allen Menschen zugemutet.

Es kann nicht unausgesprochen bleiben, wie schmerzlich-unerklärlich es uns auch anmutet: im alten Äon wird der Geist nur der kleinen Zahl gegeben, die nach dem Wort des Neuen Testamentes ekklesia, Versammlung der Herausgerufenen, heißt. … Ekklesia: die zur Stellvertretung Herausgerufenen, die stellvertretend glauben, lieben, hoffen. Es gibt diese Kraft der Stellvertretung: dass einer etwas für den andern tun kann, nachdem der Eine für alle gestorben und für alle auferstanden ist.

Schon durch das bloße Dasein, wenn bei ihr wirklich die Lampe der Hoffnung brennt, ist die Welt eine andere, so wie eine Landschaft durch die Stadt auf dem Berge, die weithin sichtbar ist, eine andere geworden ist.
Wie hart auch immer die Rückschläge sein werden, wie offenkundig das Versagen der Herausgerufenen, wie großmächtig der Triumph der Bosheit überhandnehmen mag, es gibt kein Zurück mehr. Das Salz ist ausgestreut, der Sauerteig gärt, der Geist zeugt im Fleisch.
Der Incarnatus bleibt das Mysterium der Geschichte – und ihrer Vollendung.     >>

Aus: Paul Schütz, Charisma Hoffnung, Von der Zukunft der Welt, Furche Hamburg 1962 (gekürzt)

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