Identitätspolitik als Identitätsersatz

Mary Eberstadt über eine Strategie der sexuellen Revolution

Warum nimmt die Identitätspolitik in diesen Jahren solche Fahrt auf? Was macht die Zugehörigkeit zu einer sich als Opfer definierenden Gruppierung für so viele (junge) Menschen attraktiv? Solchen und ähnlichen Fragen geht die amerikanische Kulturanalystin Mary Eberstadt in ihrem jüngsten Buch Primal Screams. How the Sexual Revolution Created Identity Politics nach.

Im Zentrum dieser politischen und kulturellen Aus­einandersetzungen steht laut Eberstadt nicht so sehr die Fragen nach Gerechtigkeit oder Gleichheit, sondern vielmehr die Frage nach der persönlichen Identität: Wer bin ich? Und eng damit verbunden: Wozu bin ich da? Diese beiden Fragen zu beantworten sei die immer neu sich stellende Aufgabe einer jeden Generation. Und für Jahrtausende war die Gemeinschaft der engeren Familie und der größeren Verwandtschaft behilflich und mitverantwortlich, um die Heranwachsenden bei ihrer Suche nach Antworten zu unterstützen.

Doch seit den 1960er-Jahren sei dieses familiäre Sinn- und Identitätsgefüge stark erschüttert worden. Der Antreiber dieser sozialen Veränderungen sei, so Eberstadt, die sexuelle Revolution, die sich im Zuge des „technologischen Schocks der Antibabypille und ähnlicher Mittel, die zum ersten Mal verlässliche Verhütungsmittel für die Massen geliefert haben“ (S. 9), entfaltete. Damit einher ging eine „Destigmatisierung nicht-ehelichen Sexualverhaltens in allen Variationen und ein starker Anstieg von Verhaltensweisen, die zuvor selten, stigmatisiert oder beides waren.“ Die Auflösung dieser ehemals festen Verknüpfung von Ehe, Sex und Babys – und zwar in dieser Reihenfolge – ließ die Anzahl der Abtreibungen, der vaterlosen Familien und der Scheidungen in die Höhe schnellen, während die Zahl der pro Frau geborenen Kinder rapide abfiel. Damals dachten und denken heute noch viele, dass diesen Preis zu zahlen nicht zu hoch ist, um im Gegenzug sexuelle Freiheit zu erlangen. Eberstadt ist vom Gegenteil überzeugt, und sie untermauert das nicht nur mit scharfsinnigen kulturellen Beobachtungen, bspw. zu #metoo, sondern auch mit handfesten wissenschaftlichen Studien und statistischen Zusammenhängen.

Verlust von Beziehung und Krise von Identität

Ein solcher Zusammenhang ist z. B. der zwischen dem Fehlen des Vaters und einer damit einher­gehenden negativen Entwicklung der Kinder. Auch in Deutschland ist dieser Zusammenhang gut belegt.1

  • der Scheidung der Eltern und dem oftmals traumatischen Erleben der Kinder mit negativen Auswirkungen in Form von Schuld und Scham, Armut, verringerten Bildungschancen, emotionalen und Verhaltensproblemen, um nur einige der direkten Folgen zu erwähnen.2       
  • den durch Samenspenden oder Leihmutterschaft erzeugten Kindern und der damit einhergehenden Identitätsverwirrung.3         
  • dem Rückgang der Kinderzahl pro Frau und dem Verlust des Erlebens, mit Geschwistern aufzuwachsen. Beispielsweise lernen Geschwister Empathie voneinander, und die Anzahl der Geschwister, die ein Kind hat, lässt Vorhersagen über die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung zu: je mehr Geschwister, desto geringer das Risiko.4         
  • dem Rückgang der Religion(en) und dem Verlust der traditionellen religiösen, identitätsstiftenden Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ – Ein Kind Gottes.

Die Folge aus diesen Entwicklungen, die sich mehr oder weniger stark in allen westlichen Gesellschaften beobachten lassen, ist, dass „viele Menschen nicht mehr haben, was die Menschheit durch die Geschichte hindurch hatte: einen verlässlichen Kreis von Gesichtern, viele von ihnen mit einem selbst biologisch verwandt, die mehr oder weniger konstant in der Kindheit, der Adoleszenz und im Erwachsenenleben anwesend sind“ (S. 60f.). Diese relative Stabilität verläss­licher Beziehungen, familiärer Zugehörigkeit und Identität haben unumgänglich dazu beigetragen, die Fragen Wer bin ich? und Wozu bin ich da? zu beantworten.

Die sexuelle Revolution hat dieses identitätsstiftende Gefüge zerstört. Eberstadt macht in ihrem Buch deutlich, dass der Aufstieg der Identitätspolitik und der Abstieg der biologischen Familie mit dazugehöriger Verwandtschaft als Folge der sexuellen Revolution „nicht nur gleichzeitig stattfinden. Sie können voneinander getrennt nicht verstanden werden“ (S. 61).

Das Ich wird immer noch am Du

Den christlichen Leser stimmen diese Zusammenhänge nachdenklich. Als Christen glauben wir, dass menschliche Identität zutiefst in Gottes ICH wurzelt und dem Menschen, stets in Beziehung, als Kern seiner Würde zugesprochen wird. Identität festigt und entfaltet sich weiter im Aufeinanderbezogensein der Generationen, der Geschlechter und der sich ausdifferenzierenden Kulturgemeinschaften, der „Völker“. Von den ersten Kapiteln der Genesis bezeugen die ­Bücher der Bibel, wie elementar und zugleich verletzlich diese Ich-Du-, Wir-Ihr-Bezüge sind und wie angewiesen der Mensch darauf bleibt, dass das versöhnende Schalom in sie einzieht. Letztlich geht es um die uralte Frage, wie der Mensch zur Person wird, zu einem integeren „Ich“, das in der Lage ist, sich mit Anderen zu einem Wir zu verbinden – und wie dieses „Wir“ beschaffen sein muss, um die Integrität der Person nicht zu gefährden, sondern zu stärken. Identitätspolitik kann auf diese Frage keine Antwort geben, weil sie das Eingebundensein in ganzheitliche, kreatürliche Bezüge als Grund von Identität ausblendet und durch ein ­soziopolitisch konstruiertes Eingebundenwerden überschreibt. Sie sortiert Individuen nach separaten Aspekten der Selbst-Identifikation und definiert die sich beständig wandelnde Interessen-Kollektive anhand von Geschlecht, Alter, sexuellen, biologischen oder sozialen Markern. Damit degradiert sie aber Zugehörigkeit zu einer Allianz, die nicht auf Kontinuität gründet, sondern auf einem momentanen strategischen Interesse. Einer solchen Ersatz-Verbundenheit ist kein identitätsstiftendes Erleben vorausgegangen und sie bietet auch keine identitätsvertiefende Per­spektive für die Zukunft. Sie erschöpft sich in einer Art Komplizenschaft, die sich vor allem über den aktuellen Gegner definiert. Deswegen ist solche Identitätspolitik ein Widerspruch in sich: Sie kreiert flüchtige Ersatz-Identitäten, deren Bedeutung sie selbst aushöhlt.

Selbsterkenntnis im Anderen ist Transzendenz

Gefehlt haben mir auf den 180 Seiten des Buches Hinweise darauf, wie es geistig-geistlich zur schnellen Annahme – auch innerhalb der gläubigen Christenheit – der sexuellen Revolution kommen konnte. Eberstadt geht nicht auf den sich in der Moderne herausbildenden Dualismus zwischen Leib und Seele bzw. Bewusstsein und Materie ein5, noch deckt sie auf, wie der Verlust der sakramentalen Dimension unserer Welt dazu geführt hat, dass die sichtbare Materie nicht länger zeichenhaft auf eine unsichtbare Wirklichkeit hinweist.6

Es gelingt ihr aber, Zusammenhänge zwischen Phänomenen unserer heutigen Zeit herzustellen, die sonst immer getrennt betrachtet werden. Auch ihre Analyse der #metoo-Bewegung, des Feminismus, der androgynen Trends des Zeitgeistes (Verlust von Weiblichkeit und Männlichkeit zugunsten einer unterschiedslosen Gleichheit der Geschlechter) sind aufschlussreich.

Ich wünsche dem Buch, das es bisher nur in englischer Sprache gibt, viele, auch deutsche, Leser.      

Anmerkungen:    

  1. Siehe beispielsweise: Matthias Franz: Wenn der Vater fehlt. Verfügbar unter: www.dijg.de/ehe-familie/forschung-kinder/vater-bezug/       
  2. Vgl. Paul Sullins, The Tragedy of Divorce for Children. In: Margaret Harper McCarthy: Torn Asunder. Children, the Myth of Good Divorce and the Recovery of Origins. S. 19-40. Oder in deutscher Sprache z.B. Melanie Mühl: Die Patchwork-Lüge – Eine Streitschrift, Hanser, München 2011.     
  3. Vgl. Elizabeth Marquardt et al.: My Daddy‘s Name is Donor: A New Study of Young Adults Conceived through Sperm Donation. Broadway Publications, 2010. In Deutschland ist die anonyme Samenspende seit 2018 nicht mehr erlaubt. Siehe: „Anonym bleiben geht nicht mehr“ Süddeutsche Zeitung, 1. Juli 2018. www.sueddeutsche.de/panorama/samenspende-anonym-bleiben-geht-nicht-mehr-1.4036332 Zu Leihmutterschaft: European Centre for Law and Justice (Hg.): Wie Leihmutterschaft die Würde des Menschen verletzt. Abrufbar unter: www.dijg.de/menschenrechte-grundrechte/leihmutterschaft-verletzt-menschenwuerde/     
  4. Marc Jambon et al.: The Development of Empathetic Concern in Siblings: A Reciprocal Influence Model. Erschienen in: Child Development, 20. Februar 2018; Donna Bobbitt-Zeher et al.: Number of Siblings During Childhood and the Likelihood of Divorce in Adulthood. Erschienen in: Journal of Family Issues, Jg. 37, Nr. 15, 2014, S. 2075-2094. Auch Frank Schirrmacher verweist in seinem brillanten, aber zu wenig beachteten Buch Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft auf die Bedeutung von Geschwistern für Kinder.       
  5. Vgl. Bulletin Nr. 25, 2019: Leib, Leben, Lieben. Bedeutung und Relevanz für Mann und Frau. www.dijg.de/bulletin/leib-leben-lieben/        
  6. Vgl. Eph. 5,31-32; Hans Boersma: Heavenly Participation. The Weaving of a Sacramental Tapestry. Grand Rapids 2011.

Von

  • Jeppe Rasmussen

    Dipl.-Journalist, leitet seit 2017 das Deutsche Instituts für Jugend und Gesellschaft. Verheiratet mit Rahel, Vater von vier Kindern.

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