„Du bist ein Spezialist“

Der langer Weg der Versöhnung mit meinem Vater und dem Jungen in mir

Andreas Exner

Ich sitze auf der Steinbrüstung einer Schlossmauer hoch über dem Fluss. Die Sonne steht bereits tief, und die letzten Ausflugsschiffe bringen Touristen in das kleine Städtchen unten im Tal. Es ist über drei Jahrzehnte her, dass ich an exakt der gleichen Stelle als elfjähriger Junge hier nachmittags auf der Mauer saß und in die Kamera meines Vaters blickte. In jenem Jahr haben wir eine mehrtägige Radtour gemacht und etappenweise in Jugendherbergen übernachtet.

Ich halte das alte Foto in meiner Hand, der Junge darauf schaut mir mit unsicheren Augen entgegen. Die Gefühle von damals sind mir noch heute präsent. Mir war unwohl auf der Radtour, ich hatte wie so oft Angst davor, irgendetwas falsch zu machen. Etwas, wofür mein Vater mich verurteilt und ablehnt. Dabei war ich ein lebendiger und cleverer Kerl, war neugierig. Habe rumexperimentiert, Dinge untersucht und auch mal auseinandergebaut, um zu sehen, wie sie funktionieren. Ich höre die Stimme meines Vaters, sehe sein Kopfschütteln, wenn ihm etwas nicht gefiel: „Das kann ja nur dir passieren. Du bist ein Spezialist. Auf dich ist kein Verlass.“ In diesem Urlaub werde ich mich an die Telefonate mit meiner Mutter klammern, der ich voll innerer Not erzähle, wie ich Papa erlebe. Sie tröstet mich dann und redet schlecht über ihn.

Ängstliche Suche nach Bestätigung

Drei Jahre später lassen sich meine Eltern scheiden. Die innere Distanz zwischen meinem Vater und mir wächst, wohingegen die Beziehung zu meiner Mutter immer enger geworden ist. Meine Schulzeit ­bestreite ich eigenständig. Bis zum Abi werden meine ­Noten ­immer besser. Das Lernen fällt mir leicht und so stellt sich für mich die Gleichung auf: gute Leistungen und Perfektion = Anerkennung und Wertschätzung. Schlechte Noten werfen mich aus der Bahn. Gegenüber gleichaltrigen Jungs bin ich im Teenageralter unsicher. Ich fühle mich nicht zugehörig, zweifle an mir. Raufereien und gegenseitigem Necken gehe ich ängstlich aus dem Weg. Über meinen Körper empfinde ich eine zunehmende Scham. Für Konflikte mit Anderen mache ich mich verantwortlich, bleibe mit meiner inneren Not allein. Zum Schutz vor Verletzungen und aus der großen Angst, abgelehnt und verlassen zu werden, reagiere ich bei Auseinandersetzungen abwehrend und wütend. Es fällt mir schwer, Nähe zu erleben, in meinem Kopf formieren sich Misstrauen und Vorwürfe.

Wachsende Sehnsucht nach Verbundenheit

Nach Abi und Zivildienst starte ich ins Studium. Zu Beginn des ersten Semesters stirbt mein Vater an Krebs. Leider war es auch in den letzten Monaten seiner Krankheit nicht zu einer Annäherung zwischen uns gekommen. Im gleichen Jahr habe ich meine ­erste Freundin. Das stellt mich nach einigen Monaten vor einen Zwiespalt, den ich mir selbst gegenüber bisher nicht formuliert habe. Wie kann ich mit ihr zusammen sein und gleichzeitig merken, dass ich homosexuelle Gefühle habe? In einer emotionalen Trennung bricht sich der Konflikt Bahn. Mit großer Überwindung vertraue ich mich einem Seelsorger an, der mich in den folgenden Jahren als väterlicher Mentor und Freund begleiten wird. Ich möchte verstehen, was in mir abläuft, besuche Seminare und eine Austauschgruppe, nutze fachliche Beratungsgespräche. Ich befreunde mich mit einem Mann. Die Beziehung zu ihm wird über drei Jahre dauern. Noch zwei weitere kurze Beziehungen zu Männern kommen hinzu.

Im Nachhinein kann ich sagen, dass mich keine dieser Beziehungen glücklich gemacht hat. Meine innere Not bleibt unverändert. Die Verbundenheit, die ich mir zu meinem Vater gewünscht hatte, ­finde ich hier nicht. Ebenso wenig bildet sich in mir die Gewissheit heraus, als Mann gesehen und wertgeschätzt zu werden. Die Nähe in den homosexuellen Kontakten ist immer wieder aufs Neue ein unbeständiger Ersatz für mich. Ich merke: In meine Angst vor Zurückweisung, in mein Gefühl der Unzulänglichkeit und Scham, in die fehlende ­Verbundenheit zu anderen Männern hat sich meine Sexualität eingeklinkt. Und mir wird klar: ­Meine homosexuellen Gefühle sind verbunden mit meiner inneren Not. 

Befreiendes Verständnis für uns beide

Es ist schmerzhaft, die Verletzungen anzuschauen, die aus der Beziehung zu meinem ­Vater und der Familiendynamik resultieren. Es ist nicht einfach, eingefahrene Denk- und Verhaltensmuster zu ändern. Gleichzeitig war es wichtig für mich zu erkennen, dass ich als Junge keine Schuld daran trug und mir die Zuwendung und Ermutigung meines Vaters zugestanden ­hätte. Ich sehe seine Vergangenheit. Er wächst zunächst ohne seinen Vater auf. Dieser gerät zum Ende des zweiten Weltkriegs in Gefangenschaft und kehrt erst sechs Jahre später als ein für ihn fremder Mann heim. Ich kann nur vermuten, was das mitihm gemacht hat. Mein Vater hat mir gegenüber Fehler begangen. Mittlerweile kann ich seine Geschichte dahinter erkennen und verstehen.

Wenn ich heute schwierige Situationen erlebe, kann ich mir von Weggefährten und Männern aus meinem Freundeskreis Rat holen und erfahre Rückhalt. Ich kann darauf vertrauen, dass sie da sind und sich nicht abwenden, auch wenn ich mal schlecht drauf bin. Wenn ich in meinem Alltag einen anderen Mann als ablehnend erlebe, kann es schnell passieren, dass ich in meine Denkmuster von Vorwurf und Misstrauen verfalle. Hier habe ich gelernt, innezuhalten und zu überlegen, was die Beweggründe für das Verhalten des Anderen sein können. Möglicherweise erfahre ich sie nicht. Manchmal gibt es die Situation aber auch her, nachzufragen. Und es stellt sich heraus, dass die Gründe außerhalb von mir liegen. Meine alte Verletzung hat sich gemeldet. Ich kann aber in neuer Weise reagieren und mich dadurch mit dem anderen Mann verbinden. Ich erlebe, dass dann auch meine homosexuellen Gefühle an Kraft verlieren und etwas in mir zur Ruhe kommt.

Für Berater und deren ergebnisoffene Begleitung, für Weggefährten und meine Freunde bin ich sehr dankbar. Ich habe diesen Umgang mit meiner Sexualität selbst gewählt. Das möchte ich auch weiterhin in Freiheit tun und nicht in einen affirmativen Lebensstil gedrängt werden.

Die Sonne berührt in der Ferne bereits den Horizont. Ich schaue auf das alte Foto, sehe mich als Elfjährigen. Dieser Junge mit seiner Geschichte ist ein Teil von mir. Für ihn möchte ich sorgen. Ich verstaue das Foto in meiner Tasche und mache mich auf den Weg.

Der Name des Autors ist verändert. Er ist der Redaktion bekannt.

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