Benedictus

Der 2000-jährige Lobpreis

Der Lobgesang des Zacharias – nach seinem ­Anfangswort „Benedictus“ (Lk 1,68-79 EÜ) genannt – ist fester ­Bestandteil der christlichen Tagzeitenliturgie.1 Über Jahrhunderte hinweg wurde und wird er im Morgenlob, der Laudes, täglich gesprochen oder gesungen. Es sind aber nicht einfach antiquierte Worte, die da ständig wiederholt werden, weil „man es eben immer schon so gemacht hat“. Ich bete dieses alte ­Gebet gern, denn auch nach fast 2000 Jahren könnte es nicht aktueller sein.

68 Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen;
69 er hat uns einen starken Retter erweckt im Hause seines ­Knechtes David.
70 So hat er verheißen von alters her durch den Mund seiner ­heiligen Propheten.

Neun Monate war Zacharias verstummt. Jetzt steht er, der nicht glauben konnte, dass ihm und seiner Frau noch im hohen Alter ein Sohn geschenkt wird, vor seinen Nachbarn und lobt und dankt Gott. Jetzt glaubt er, was der Engel Gabriel ihm angekündigt hat: Sein Sohn Johannes wird viele zur Umkehr aufrufen und auf das Kommen des Herrn vorbereiten. Nach monate­langem Schweigen sind das seine ersten Worte. Und was für Worte! Der Vater des zukünftigen Propheten spricht an dieser Stelle – erfüllt vom Heiligen Geist – selbst prophetisch (vgl. Lk 1,67). Als gerechter und frommer Priester Israels (vgl. Lk 1,5f) ordnet Zacharias diese Verheißung in die Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk ein und nutzt dabei Worte, die ihm aus den heiligen Schriften vertraut sind.2 Zusammen mit den beiden anderen Lobgesängen im Lukasevangelium – dem Magnificat Marias (Lk 1,46-55) und dem Nunc ­dimittis des Simeon (Lk 2,29-32) – steht das Benedictus in der Tradition alttestamentlicher Loblieder und somit für die Kontinuität zwischen Altem und Neuem Testament. Wenn ich das Benedictus heute bete, darf ich mich in diese Linie hineinstellen. Ich darf mir diese alten Worte, die sogar auf noch ältere zurückgreifen, „zu eigen machen“ und mir bewusstwerden, dass die Verheißung mir persönlich gilt. Zacharias nimmt als Mann seines Volkes ganz die Perspektive Israels ein. Dass an der Erlösung und dem Heil, das Gott durch Christus seinem Volk im Hause seines Knechtes David schenkt (Lk 1,69), alle Völker Anteil haben, zeigt sich im Lukasevangelium spätestens mit dem Lobpreis des alten Simeon: Das Heil […], das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel (Lk 2,30ff).

71 Er hat uns errettet vor unseren Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen;
72 er hat das Erbarmen mit den Vätern an uns vollendet und an seinen heiligen Bund gedacht,
73 an den Eid, den er unserm Vater Abraham geschworen hat;

Zacharias spricht diese Worte in eine Situation hinein, in der sein Land eben gerade nicht frei, sondern besetzt ist. Er kennt die wechselhafte Geschichte seines Volkes und wir wissen: auch das folgende Schicksal Israels wird alles andere als leicht sein. Wie kann Zacharias also davon sprechen, dass sich das Erbarmen mit den Vätern vollendet hat? Und das mit dem Anspruch, prophetisch zu reden? Hier klingt ein Verständnis von Rettung und Freiheit von ganz anderer Qualität an, als die nach „weltlichem“ Maßstab. Eine, die nur im Blick auf dieses Kind verständlich wird, dessen Geburt aus Zacharias‘ Sicht noch in der Zukunft liegt, und in dem sich die Verheißungen des Bundes Gottes mit seinem Volk tatsächlich vollendet. Sie folgt derselben Logik, nach der Paulus später in der Gefangenschaft schreiben kann: Denn für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn (Phil 1,21). Kein Feind, keine Sorge, keine Krankheit und keine Pandemie, nicht einmal der Tod kann mir letztendlich etwas anhaben. Auch wenn die Vollendung der Erlösung noch aussteht, gilt: Schon jetzt bin ich durch Christus ein befreites Kind Gottes.

74 Er hat uns geschenkt, dass wir, aus Feindeshand befreit, ihm furchtlos dienen
75 in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesicht all unsre Tage.

Gott in Heiligkeit und Gerechtigkeit täglich furchtlos zu dienen scheint zunächst ein Programm zu sein, das gar nicht zu bewältigen ist. Aber die Reihenfolge ist zu beachten. Es heißt nicht: Wir dienen, um Freiheit, Heiligkeit und Gerechtigkeit zu erlangen. Sie sind uns (völlig unverdient) bereits geschenkt und unser Dienst ist Antwort auf die Gnade Gottes. Das Benedictus ist kein Aufruf zur heldenhaften Furchtlosigkeit, sondern eine Erinnerung daran, dass es keinen Grund zur Furcht gibt. Natürlich bleibt es eine Herausforderung, daran festzuhalten und es immer wieder zu verinnerlichen. Daher kann mir das Benedictus (gerade am Morgen) helfen, nicht nur auf meine Sorgen und Probleme zu schauen, sondern meinen inneren Kompass auf Jesus hin auszurichten und so den Tag und alles, was er mit sich bringt, anzugehen. Für mich hat sich das im Alltag bewährt.

76 Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten heißen; denn du wirst dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten.
77 Du wirst sein Volk mit der Erfahrung des Heils beschenken
in der Vergebung seiner Sünden.

Hier zeigt sich nun der eigentliche Feind. Der ­einzige, der mir wirklich gefährlich werden kann: meine Sünden; also das, was mich von Gott trennt, meine Beziehung zu ihm, zu meinen Mitmenschen und zu mir selbst stört. Johannes der Täufer, der an dieser ­Stelle angesprochen wird, wird die Menschen später zur Umkehr aufrufen und Zeugnis für Christus geben, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt (Joh 1,29). Auch an dieser Stelle heißt es wieder ­„beschenkt“ und nicht „verdient“.

78 Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe,
79 um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.

Wenn das nicht passende Worte für einen guten Start in den Tag sind! Die letzten beiden Verse liefern uns in sehr bildhafter Sprache nicht nur eine prägnante Zusammenfassung des Benedictus, sondern sogar des ganzen Evangeliums. Inklusive der Aufforderung, selbst aktiv zu werden, Täter des Wortes und nicht nur Hörer zu sein (Jak 1,22), Jesus nachzufolgen oder – mit den Worten des Zacharias – den Weg des Friedens zu gehen. Das aufstrahlende Licht aus der Höhe, Jesus, ist dabei Befähigung, Antrieb, Orientierung und Ziel.

Beim Beten des Benedictus darf ich mich verbunden wissen. Mit dem Volk Israel, für das Zacharias den Lobpreis stellvertretend gesprochen hat, und mit ­allen Christen, die in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seine Worte wiederholen. Und auch ganz „zeitlich“ kann ich mich verbunden mit anderen wissen, denn irgendwo auf der Welt wird gerade in diesem Augenblick bestimmt von einer Gemeinschaft oder einem Einzelnen das Morgenlob mit dem Benedictus gebetet. >>

Anmerkungen:
1 Im katholischen Stundenbuch, dem anglikanischen Book of Common Prayer und einigen evangelischen Tagzeitenbüchern.
2 Vgl. z. B.  Lk 1,69 – 2 Sam 22,3/Ps 18,3; Lk 1,72 – Ps 105,8; Lk 1,76 – Mal 3,1; Lk 1,78 – Jes 60,1.

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