Opfer

Sterbend kündigte Romano Guardini (1885-1968) an, Gott zu fragen: „Warum, Gott, all das Leid?“, berichtet Bischof P. Kohlgraf in seiner Botschaft zur ­österlichen Bußzeit 2021. Seit einem Jahr sind wir mit dieser Frage unterwegs. Zuerst leise, wie ein Schatten, der über dem Alltag lag, drängt sie sich bei vielen immer lauter nach vorne. Eine Frage, die jedem Tun und Lassen unerbittlich eine neue Sinnfindung abverlangt. Was sich keiner wünschte, ist uns allen aufgenötigt. Die Pandemie konfrontiert uns mit einem Elend, das uns nicht zusammenrücken lässt, sondern allen den Abstand, vielen das Alleinsein gebietet, was mit der hohen Zahl der Corona-bedingten Toten ständig neu zur Tragödie wird. Es sei nicht mehr zeitgemäß zu behaupten, „dass Gott durch die Pandemie strafe“, verkündigen einige sehr gewiss. Bischof Kohlgraf fragt: „Wissen wir das so genau?“ Kann es nicht sein, „dass wir in der Pandemie auch die ‚Ernte‘ jahrelangen Missbrauchs der Erde einfahren – wer will das ausschließen?“ Wird uns nicht ein ungewolltes Lernen abverlangt, da wir „zu lange der Meinung (waren), dass wir in einer kranken Welt würden gesund bleiben können“, so Papst Franziskus. Keine populäre Sicht. Ein „Angesicht“ zu finden und nicht bloß der Spielball in einem blinden Fatum zu sein, ist der stille Wunsch, der uns vielleicht anregt, neu zu fragen: Gott, wer bist du?

Ohnmacht

Völlig erschöpft schlief Elia (1 Könige 18-19), ­Gottes Prophet, den Schlaf des Vergessens in der Wüste, auf der Flucht vor König Ahab und dessen Priesterfrau Isebel. Drei Jahre hatte er sich ihrem Zugriff entzogen, wandte sich gegen ihre staatlich verordneten Götzen­rituale, an die sich des Menschen Herz so gerne gewöhnt. Dienen doch Götzen bis heute der ­religiösen Bedürfnisbefriedigung. Auf dem Berg ­Karmel war es zum kultischen Kräftemessen gekommen über der Frage: wer ist JHWH? Der, dessen Sehnsucht der Mensch ist, der von sich sagt: Ich bin da, oder die Götzen, in denen wir uns selbst spiegeln? 40 Tage wanderte Elia aus der Wüste zum Gottesberg ­Horeb, wo schon Mose JHWH in ähnlicher Notlage mit den Stämmen Israels gebeten hatte, Ihn zu schauen. Gänzlich resigniert saß Elia dort in der Höhle. Weder im Feuer, noch im Beben, noch im Sturm, den Machtbeweisen auf dem Karmel, zeigte Er sich. Doch die anschließende Stille ließ Elia hellwach aufhorchen. Sie zieht ihn zum Höhlenausgang, mit verhülltem Gesicht. Der verborgen Gegenwärtige spricht zu ihm in einer „Stimme verschwebenden Schweigens“ (Martin Buber). Nicht hörbar für die Ohren, eine innere Stimme eher, die seine Seele für das „Vernehmen der Wirklichkeit ­Gottes“ weckt, was „jedes Mal wie eine Neugeburt meines Glaubens“ ist, so Pater Reinhard Körner (Lose Blätter o.J., 15). Wir sehen Elia im Höhleneingang, in der Hand ein zugewehtes Blatt verschwebenden Schweigens. Sein Eingeständnis in die Ohnmacht führte seine Seele ins Lauschen und weckte neue Hoffnung.

Optimismus

Hochaktiv begegnen wir der Pandemie mit medizinisch-technischer Akribie, um sie in die Knie zu zwingen. Ebenso braucht es für die Zeit danach tragfähige Antworten für einen hoffnungsvollen Lebens-, Denk- und Glaubensstil. Dietrich Bonhoeffer schrieb seinem Freund Ende März 1944 aus der Haft die Einsicht: „Es gibt erfülltes Leben, trotz vieler unerfüllter Wünsche.“1 Vielleicht zeigt sich hier für uns der Umriss einer Antwort in den bedrängenden Umständen. Er glaubte, „dass die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei, … die innere Befreiung des Menschen zu verantwortlichem Leben“2 und über die Köpfe der Geschichtemachenden hinweg „schafft der Lenker der Geschichte immer wieder aus Bösem Gutes“. Denn „Optimismus ist … eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren.“3 Können wir vertrauen, dass Gott aus dem Falschen das Bessere macht als das, was wir für richtig erachten?

Anmerkungen:
1 (WE 1955, 162)
2 (WE 19)
3 (WE, 15; 29)

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