„In dem ganzen anderen Gehuste“

Eine Ärztin in Nairobi

Ein Blick über den Tellerrand, 7. Januar 2021

Nairobi kleidet sich bunt, hektisch, laut und abstandsarm wie sonst auch. Nicht alle tragen ­Maske, obwohl dies gerade überall in der Öffentlichkeit Vorschrift ist, und wer eine trägt, schützt mehrheitlich Bart oder Kinn. In unserer Ambulanz herrscht wie gewohnt ­reger Zulauf. Das Team zur Umsetzung der Hygienevorschriften hat gute Arbeit geleistet, ist vorbildlich in der Umsetzung, und doch sind die Sprechzimmer sehr eng. Die wenigsten können sich eine FFP2-Maske leisten. Der Sohn meiner Übersetzerin hat sich heute wegen Fieber, Husten und Atembeschwerden krankgemeldet. Er soll in seinem Zimmer bleiben, hat sie ihm gesagt. Eigentlich hatte ich gerade, in einer kleinen Pause zwischen Gipsen und Wundversorgung im frisch gelüfteten Zimmer die Maske abgesetzt, jetzt setze ich sie wieder auf. Die Patienten tragen ebenfalls Maske, möchten aber gerne gut verstanden werden und ziehen das Stöffchen daher ab, um sich mundfrei dem Doktorohr zuzuneigen, wenn sie ihre ­Geschichte zu erzählen beginnen. Wir sind dann streng. Die ­Arbeitstage sind lang und ebenfalls bunt in der Vielzahl der Anliegen. Ein 34-Jähriger mit einem stark geschwollenen Bein stellt sich vor. Der ­Ultra­schall zeigt eine frische Thrombose, die bis in die Beckenvenen reicht. Da wir keine Möglichkeit zur Blutverdünnung haben, wollen wir ihn einweisen, aber bis auf eines der größeren Krankenhäuser sind alle im Streik – das Personal kämpft um bessere Schutzmöglichkeiten vor dem Virus. Bereits mehrere Ärzte auch jüngeren ­Alters sind verstorben, weil es diese nicht gab. Da ist der Aufruhr nachvollziehbar, aber was geschieht nun mit ­unseren Patienten? Eine Einweisung mit Kranken­wagen ist nicht möglich, man wird sofort wieder abgewiesen. Eine so ausgeprägte Thrombose zu Fuß zu schicken, widerstrebt sehr. Er soll halt langsam zum Taxi laufen, sagt die Headnurse. Pole, pole. Ich ­hoffe, dass er auf der Fahrt nicht einer Lungenembolie erliegt.

Die Tage gehen zu Ende mit Schuhen ­voller Gipssprit­zer, Povidonklecksen, mit verschwitzen ­Masken und zuweilen einer ­Runde ­Jerusalema-Dance auf dem Slum-„Parkett“. Alle ­zusammen, bunt gemischt, mit Maske na­türlich und reichlich Hüftschwung. Selten ist man so im Gleichschritt in dieselbe Richtung unterwegs.

Dienstreise nach Athi River, 13. Januar  

Auch unsere noch junge Zweigstelle, 30 km staubige, stark befahrene Straßen von Nairobi entfernt und von mehreren Slums umgeben, soll nun mit zwei Ärzten besetzt werden. Eine der Kolleginnen hat dort gerade ihr Internistenzimmer frisch eingerichtet, und da erst am nächsten Montag ein weiterer Kollege anreist, ist diese Woche jeweils einer von uns Nairobiärzten zum Mithelfen dort. Am Mittwoch bin ich dran. Klein und liebevoll eingerichtet ist die ­Fanaka-Klinik, im Flur wartet bereits eine halbe Schulklasse auf uns, alle mit trockenem Husten, Fieber und Kopfweh. Bauchweh haben auch einige, wobei meine Übersetzerin das Schulessen verdächtigt und vorschlägt, ich soll einen Menüwechsel anordnen. Da es täglich Bohnen gibt, könnte das möglich sein, ich bin aber nicht einverstanden, weil ich weiß, dass die Alternative ein Kohlgericht ist. Dann doch lieber die Bohnen … Eine der Standardabfragen bei Anmeldung ist: Covidkontakt? Ich staune, wie beherzt alle dies verneinen. Wo nicht getestet wird, hat auch keiner Covid, oder?

Es folgen eine junge Frau mit geschwollenen Beinen, die nicht geschwollen sind, ein junger Mann mit Ganzkörperschmerz, ein weiteres Kind mit Bauchweh, eines mit Ausschlag, Wunden, Schwellungen hier und da und Halsschmerzen. Insgesamt ist das Spektrum nicht ganz so katastrophenträchtig wie in Baraka und auch die Patienten noch nicht so zahlreich. Aber das ändert sich bereits, es hat sich schon herumgesprochen, dass hier Hilfe vor Ort ist, auch in Zeiten, wo anderswo gestreikt wird. Meine Übersetzerin ist gründlich und sehr freundlich, überhaupt alle sind sehr engagiert und stellen gern ihren Arbeitsbereich vor. Die Sonne scheint von einem fast wolkenlos prallblauen Himmel auf die Warte- und Anmeldebereiche, die sich alle überdacht im Außenbereich befinden; und wenn Zeit für ein Päuschen ist, kann man von den Mit­arbeitern erfahren, wie sich das Projekt entwickelt hat. Bei so vielen Problemen anderer Art vergisst man hin und wieder, dass es da noch eine Krankheit gibt, die mit C anfängt, sowieso hier nicht nachweisbar, und ein bisschen untergegangen in dem ganzen anderen Gehuste hier bei Tuberkulose und Lungenentzündung und vor allem der elend schlechten Luft hier … Aber: Wie war dieses letzte Jahr für dich, frage ich Charles, unseren Fahrer. Oh, es war hart, sagt er, ein wirklich schwieriges Jahr. Ich habe so viele Freunde verloren an das Virus. Wie konntest du wissen, dass es Corona war, wo es doch fast keine Tests gibt, möchte ich wissen. Ach, die Regierung sagt einfach, bei jedem, der die entsprechende Symptomatik hat, muss es Covid sein. Und wenn es einem ganz schlecht geht, testen sie einen dann doch. Und dann hat man sie auf irgendeine Isolierstation gelegt und niemand hat sich um sie gekümmert. Das Personal hatte Angst vor ihnen. Er macht eine Pause. Ich glaube, sie sind einfach an Vernachlässigung gestorben … sagt er nach einer Weile.

African Ladies: Janet, 24. Januar

Hier bin ich, und arbeite mit German Doctors im ­Baraka Health Center! Und ich bin froh darüber, sagt Janet. Schon in der Grundschule wollte sie Ärztin werden, mit ihren Händen arbeiten. Und sie hatte das Glück, eine gute Mentorin und Freundin zu finden, die ihr half, ihre Gaben zu entwickeln und mutig ihren Weg zu gehen. Und sie ist Ärztin geworden! Ich bin durch andere Frauen, was ich heute bin, und ich bin stolz, eine Frau zu sein, berichtet sie – wer ein Mädchen fördert, verändert damit auch die Gesellschaft zum Besseren. Keine Mutter wird ihr Kind krank oder hungrig lassen wollen. Und so ist es für Janet auch essentiell, aktiv zu sein. Nach ihrem Leitspruch gefragt: Bring die Dinge auf den Weg! Es gibt so viele Gelegenheiten, ergreife sie, mach etwas daraus! Lehn dich nicht zurück und warte auf das Glück. Selbst wenn die Umstände schwierig sind, es gibt immer einen ersten Schritt, den man gehen kann. Gibt es einen Traum? Viele! Die Welt zu bereisen, aus dem eigenen Kokon ausbrechen, den Horizont erweitern! Papua Neuguinea sehen, die Aborigines in Australien treffen, die Pyramiden in Ägypten entdecken. Aber auch die fachärztliche Ausbildung, vielleicht in Dermatologie abschließen, im öffent­lichen Gesundheitssystem arbeiten… Und einen guten Mann finden, viele Kinder haben, mindestens sieben! Und ein volles Haus, und immer inmitten der Familie sein! Und am ­Ende zu Hause sein.
Zu Hause in Kenia!

Im Verbandszimmer mittags um eins …, 27. Januar

Neben dem Hofausgang sitzt eine Muslima mit ­Schleier, das rechte Bein in einem Wassereimer mit Jodlösung und benetzt unermüdlich tapfer mit der Hand schöpfend die 5cm ­große, verkrustete Wunde am Unterschenkel. Der Eimer ist zu klein, deshalb reicht der Wasserspiegel nicht bis über die Wunde. Aber so geht es auch. Vor zwei ­Wochen hat sie sich am Auspuff eines Motorradtaxis das Bein verbrannt, in einem Lädchen hat ihr dann jemand ein Pilzmittel dafür angedreht. Was die Umstände keineswegs verbessert hat. Schließlich ist die eitrige Kruste gelöst und das Bein verbunden. Alles kann besser werden. Wie ging es dir in diesem letzten Jahr, ­frage ich Beth, meine Übersetzerin. Ach, ach, sagt sie, schwierig, schwierig. Der Ehemann, eigentlich Lehrer, ­hatte sich gerade gerüstet, ein Geschäftsmann zu werden, seine Stelle an der Schule gekündigt, als Corona kam. Und dann …?
Ja, das wurde nichts mit dem Geschäft, der kenianische Lockdown hat ihm einen ­dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Und jetzt? Ach, wir müssen irgendetwas machen, sagt Beth, um zusätzlich ein bisschen Verdienst zu erwirtschaften, die beiden angenommenen Kinder (der verstorbenen Schwester und Cousine) müssen in die Schule, vielleicht können wir eine Kuh erwerben und dann die Milch verkaufen? Ein Stücklein Land ist vorhanden, wenn auch klein. We have eaten up almost all our ­money this year, sagt Beth leise…

Mütter, 4. Februar

Die Mutter von Milka (8 Monate) ist beschäftigt. Zwar müssen die beiden ein Weilchen warten, bis sie in den Behandlungsraum kommen können, aber so wird die Zeit nicht lang: Das Kind patscht mit seinen kleinen Händen so lange an Mamas Maske, bis dahinter ihr ­Lächeln zum Vorschein kommt, dann lachen beide. Das lässt sich beliebig oft wiederholen. Das Mädel ist auch nicht wirklich krank, ein Pickel am Arm soll begutachtet werden. Die Mutter von Violet (3 Monate) zieht die Maske über die Augen. Ein großer Abszess, der fast die ­Hälfte des Oberschenkels ihrer Tochter einnimmt, soll jetzt, nach einer Woche, endlich geöffnet werden, und das will sie nicht mit ansehen. Sie dachten ja, es ­würde vielleicht von selbst wieder gut … Die Mutter von Everlyne und Elizabeth, beide ­Mitte 50, wird von ­ihren Töchtern wegen Schulterschmerzen ­gebracht. Die drahtige Über-Siebzigjährige ist noch sehr aktiv im Management von Häuschen und Garten up-country im Dorf, aber beim Schleppen der schweren Wasserkanister ist es ihr vor drei Tagen schmerzhaft in die Schulter gefahren. Und nun schmerzt es beim Heben des Arms. Ich stelle mir unsere Rentnerinnen zuhause vor, wenn sie ihr Wasser in gelben 10-Liter-Kanistern holen gehen müssten. Gibt es ­keine Enkel, die tragen helfen könnten, frage ich? Ach, die machen das nicht richtig, winkt die alte Dame ab.

Als wir abends verschwitzt und müde nach Hause kommen, steht John vor unserer Tür, treuer Fahrer und Manager zahlreicher Ausflüge von Generationen von German Doctors. Er wolle uns begrüßen, fragen, ob wir nicht wieder auf Reisen gehen wollten? Die Not muss groß sein, denke ich, noch nie ist er von selbst vorstellig geworden. Schön, dass wir wieder da seien, strahlt er, und er habe noch Kapazitäten frei. Wir sind ein bisschen ratlos, eigentlich wollten wir erstmal nicht weiter planen. Und hatten auch nicht mit einem Besuch gerechnet. Ein Glas Wasser wird geholt, auch eine Tischdecke für den Gartentisch, aber da ist er schon wieder auf dem Rückzug, er spürt, es passt nicht. Ob wir an ihn denken würden? Wir versprechen es. Was denkst du, frage ich später beim Abendbrot die kenianische Kollegin, waren wir unhöflich? Hätten wir ihn zum ­Essen einladen sollen? Ja, sehr unhöflich, sagt sie, wenn hier einer käme, bitte man ihn herein. Biete ihm an, eine Tasse Tee zu kochen. Man lade ihn zum Essen ein. Und wenn er wolle, dürfe er einen ­Monat lang bleiben.

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