Von Leinen, Wurzeln und Flügeln

Ablösung vom Elternhaus

Wenn unsere zweijährige Tochter vehement ­„leine“ fordert, will sie uns eigentlich zu verstehen ­geben, dass sie schon groß genug ist, um etwas ­ALLEINE zu tun. So möchte sie im Moment ihr Nutella­brot am liebsten „…leine!“ bestreichen. Konzentriert sitzt sie auf ihrem Stühlchen und versucht, die ­braune ­Masse mehr oder weniger gleichmäßig auf das Brot und darüber hinaus zu verteilen. Was für den elter­lichen Geduldsfaden eine Zerreißprobe darstellen kann, ist einer der wichtigsten Prozesse im ­Leben einer Zweijährigen. Jedes alltägliche „…leine!“ ist ein Anruf an die Eltern: Schaut her, bisher musstest du das für mich machen, jetzt schaffe ich das auch selbst! Dumm nur, wenn uns Eltern gerade Zeit und Nerven fehlen, dann ist schnell Schluss mit lustig …

„Trotzphase“ nennen manche diesen Zeitraum, Auto­nomiephase trifft eher den Kern: Die wachsende Selbständigkeit will geschult werden, Autonomie braucht Übung. Welche Eltern möchten nicht, dass ihre Kinder auch später beharrlich an Dingen dranbleiben und gelernt haben, mit Frustrationen umzugehen? Kinder sollen doch zu Erwachsenen heranreifen, die wissen, wer sie sind und was sie können, die selbstbewusst im Leben stehen und Verantwortung für sich und andere übernehmen können. Wir alle ­haben unsere persönlichen Meilensteine im Kopf, an denen uns – oft mit klopfendem Herzen und zitternden Knien – unsere Eigenständigkeit bewusst wurde: die ersten Tage in Kindergarten und Schule, Arzt­besuche ohne Eltern, das Taschengeld aus dem Geldautomaten, das erste Betriebspraktikum, die erste lange Zugfahrt, später die erste eigene Wohnung, das erste Auto. Was aber, wenn ganz praktisch Ablösung realisiert wurde und man wirtschaftlich auf eigenen Beinen steht – und sich trotzdem nicht frei fühlt? Wenn man immer noch starke Verpflichtungen spürt – selbst wenn keine Forderungen ausgesprochen werden? Ist es normal, dass man Dinge genauso wie die eigenen Eltern tut oder sagt? Wurde die Nabelschnur nur gegen ein unsichtbares Gummiband getauscht?

Vermutlich sind wir uns darin einig: Wer glaubt, er könne in völliger Unabhängigkeit leben, sitzt einem Irrtum auf! Das gilt grundsätzlich und im ­Besonderen beim Thema der Ablösung vom Elternhaus: Wir nehmen unsere Wurzeln mit, selbst, wenn wir außer ­Sichtweite eingepflanzt werden! Was im Verborgenen entstand, ist Ergebnis eines jahrelangen Wachstumsprozesses. Erziehung und Atmosphäre in der Familie, in Kindergarten und Schule, der Einfluss von Freunden, Erfahrungen in Gemeinden und Vereinen, diverse Wertesysteme, das gesellschaftliche Umfeld – all das prägt uns und lässt uns zu dem werden, wer wir sind.1

Mehr noch: Wurzeln sind ja nicht nur ein lästiges ­Anhängsel, sie nähren uns und sorgen für Stabilität und Wachstum – zumindest im besten Fall. Denn genauso nehmen wir in unserem Gewordensein Wurzelstränge wahr, die das Leben weniger fördern, sondern im Gegenteil Bitteres und Ungenießbares hervor­bringen. Beides gehört scheinbar zu uns, jeder von uns lebt mit durchwachsenem Wurzelgeflecht.

Wie kann es nun aber gelingen, dass Kindern trag­fähige Wurzeln entstehen, die ihnen im Laufe des ­Lebens mehr Nähr- als Schadstoffe bieten? Welche ­Bedingungen können dazu beitragen, dass Kinder und Jugend­liche neben ­einem guten Fundament auch die Fähigkeit entwickeln, das heimatliche Nest (äußerlich und innerlich) zu verlassen? Bekanntlich brauchen Kinder ja Wurzeln und Flügel2. Und wie gelingt es, dass die Ablösung zu Unabhängigkeit und gleichzeitiger Verbundenheit führt? Ich möchte drei Haltungen beschreiben, die ich im Ablösungsprozess für ­wesentlich halte.

1. Ordnung verwurzelt

Der Alltag als Eltern von vier Kindern ist häufig tur­bulent. Zudem sind wir Teil einer Lebensgemeinschaft, in der die Grenzen von Dienst und Privatem oft nicht eindeutig sind: Gäste kommen und gehen, Termine werden kurzfristig verschoben, Gemeinschafts- und Familienzeiten müssen koordiniert und miteinander geklärt werden. Nach 20 Ehejahren Übung gelingt es uns in der Regel, einen gemeinsamen Rhythmus im Alltag zu leben und auf kurzen Wegen Absprachen zu treffen.

Wenn unser Alltag in gewissen Ordnungen verläuft, geht es uns allen besser. Jeder weiß, für was er zuständig ist und für was nicht – und dass man sich aufeinander verlassen kann. Stimmt die Grundordnung, sind auch kurzfristige Änderungen und flexible Lösungen möglich. Genauso trägt eine gewisse Grundordnung im Familiensystem dazu bei, dass es ­allen Beteiligten gut geht und Familie ­„funktionieren“3 kann. Schwierigkeiten entstehen, wenn Ordnungen aufge­hoben werden. Wenn Kinder beispielsweise zu früh die ­Rolle eines Elternteils übernehmen müssen oder ihnen mehr Verantwortung übertragen wird, als es ihrer Entwicklung entspricht. Eine Auflösung von Ordnung in der erweiterten Familie kann bedeuten, dass sich die Eltern permanent in die Ehe und Familie des erwachsenen Kindes einmischen. Die besorgte Schwiegermutter ist das klassische Beispiel einer solchen Schieflage.

Eine Ablösung aus dysfunktionalen Familienverhältnissen ist schwierig, da sie regelrecht erkämpft werden muss. Gelingt eine Trennung, reißen die Abhängig­keiten innerhalb des familiären Systems häufig Wunden oder bleiben trotz räumlicher Trennung einfach weiter als „Untergrundströmung“ bestehen. Die Folge sind Menschen, die Zeit ihres Lebens versuchen, ihren Eltern alles recht zu machen – oder durch ihr Verhalten permanent beweisen wollen, dass ihre Eltern unrecht hatten.

Tragfähige und vertrauensvolle Beziehungen können da entstehen, wo Erwachsene und Kinder ihren Platz einnehmen können. Mir sind viele dysfunktionale ­Familiensysteme vor Augen, die eine gewisse Unordnung aufweisen. Führt man sich umgekehrt Familien vor Augen, die einen funktionalen Eindruck erwecken, so lässt sich erkennen, dass die Elternbeziehung an erster Stelle steht und von gegenseitiger Liebe und Achtung geprägt ist. Die Eltern nehmen ihre Verantwortung wahr und Kinder dürfen Kinder sein, sie werden weder vernachlässigt noch verwöhnt. Die Kern­familie hat Priorität gegenüber der Großfamilie. Im Idealfall steht über allem ein gemeinsames Wertesystem (z. B. der Glaube), das dem Ganzen Halt gibt.

In einer solchen Ordnung finden Kinder einen verlässlichen Nährboden vor, auf dem Verbundenheit und Annahme gedeihen können. Durch ­feinfühliges elterliches Verhalten kann Bindungssicherheit und ­Urvertrauen entstehen. Interessanterweise sind ge­rade sicher gebundene Kinder in der Regel besser in der Lage, Trennungszeiten zu ertragen. Zwar wird in der aktuellen Bindungsforschung kontrovers ­darüber diskutiert, welche Faktoren sich tatsächlich auf die spä­tere Entwicklung des Kindes auswirken. Doch lässt sich aus vielen Erkenntnissen ableiten, dass ­eine sichere Bindung dazu beiträgt, dass Kinder widerstandsfähig werden und schwierige Situationen besser meistern. Kinder brauchen eine sichere Bindung, damit ihnen Flügel wachsen können.

2. Unabhängigkeit beflügelt

Völlige Unabhängigkeit kann eine Illusion sein. Wir sind und bleiben die Kinder unserer Eltern, unsere Wurzeln lassen sich nicht einfach abschütteln. Trotzdem müssen wir Eltern unseren Kindern eine Art Unabhängigkeit zugestehen: sie sind nicht unser Eigentum. Sie gehören zu uns, sind aber eigenständige ­Wesen – von Anfang an!

Viel ist in den letzten Jahren über „Helikoptereltern“ diskutiert worden, die dem Nachwuchs möglichst jedes Hindernis aus dem Weg räumen. Es werden weder Kosten noch Mühen gescheut, um dem Kind die bestmögliche Förderung zu ermöglichen – dann sollte aber bitte auch nichts schiefgehen! Doch ist das ratsam? Ich empfinde es als eine große Herausforderung, den eigenen Kindern auch Schwierigkeiten und Leid zuzumuten. In radikaler Einfachheit brachte es der Pädagoge Janusz Korczak auf den Punkt, in dem er forderte, das Kind habe drei Grundrechte, darunter auch das Recht auf seinen eigenen Tod.4 Korczak sah die Gefahr, dass Kindern aus Furcht vor dem Tod das Leben nicht zugemutet und jedes Risiko vermieden wird. Doch im Wagnis und der Erfahrung des Scheiterns liegt Potenzial. Nicht umsonst haben große Pädagogen immer auch das Fallen und Irren als wichtige Grundbausteine des Lernens verstanden. Maria Montessori verstand das Anliegen der Kinder so: „Hilf mir, es selbst zu tun. Zeige mir, wie es geht. Tu es nicht für mich. Ich kann und will es allein tun. Hab Geduld, ­meine Wege zu begreifen. Sie sind vielleicht länger, vielleicht brauche ich mehr Zeit, weil ich mehrere Versuche machen will. Mute mir Fehler und Anstrengung zu, denn daraus kann ich lernen.“

Kinder sind und bleiben eine Gabe Gottes (Psalm 127,3), ein Geschenk, das uns als Eltern anvertraut ist. Sie sind eigenständige Wesen, die wir ein Stück ihres Lebens begleiten und prägen dürfen, um sie dann wieder loszulassen. Mir hilft die Vorstellung, dass unsere Kinder letztlich nicht bei uns verwurzelt sind, sondern bei Gott. Sein Nährboden ist sowieso idealer als alles, was wir ihnen bieten können. Außerdem macht sie das unabhängiger von uns als Eltern – sie haben ihren nährenden Wurzelballen sozusagen immer bei sich. Wir können sie getrost fliegen lassen. Natürlich ist das einfacher gesagt als gelebt: Denn so sehr sich Kinder und Eltern eine gelungene Ablösung wünschen, so groß sind die damit verbundenen Ängste. Besonders in der Teenagerzeit wird diese Ambivalenz deutlich und ist für alle Beteiligten schwierig auszuhalten. Auch in dieser Phase gilt: Damit Flügel wachsen können, braucht es das richtige „Bindungsmaß“: Zu viel Bindung (aus Sorge oder durch übermäßige Verwöhnung) führt in abhängige Beziehung und lässt die Flügel verkümmern. Bei zu wenig Bindung (Vernachlässigung, Desinteresse, emotionale Kälte) wächst die Gefahr, dass Kinder im wahrsten Sinne des Wortes abstürzen, da ihre Flügel nicht tragfähig sind. Hier das richtige Maß zu finden und immer wieder verlässlich und angemessen zu reagieren, ist sicher die größte Herausforderung für Eltern.

3. Barmherzigkeit verbindet

So bleibt bei allem Wissen um das Ideal die Erkenntnis: Kein Mensch wächst unter vollkommenen Bedingungen auf, kein Ablösungsprozess verläuft reibungslos. Das ist ernüchternd und tröstlich zugleich: Für ­Eltern ist es unmöglich, alles richtig zu machen! Eltern und Kinder werden aneinander schuldig. Wie in allen Beziehungen bleiben Verletzungen nicht aus. Wir blicken im Nachhinein auf unsere eigene Geschichte und nehmen das Gute und das Schwierige wahr. Fest steht: Was wir erlebt haben und wie wir geprägt wurden, hat Einfluss auf unser jetziges Leben! Die entscheidende Frage an dieser Stelle ist, in welcher Weise dieser Einfluss unser Leben prägen soll und darf. In der Retrospektive wird die eigene Geschichte ganz subjektiv bewertet: Ereignisse werden bagatellisiert, verdrängt oder beschönigt, Menschen verdammt oder glorifiziert, ­eigenes Verhalten wird bedauert oder entschuldigt. Fragt man Geschwister nach ihren familiären Erfahrungen, werden gleiche Aspekte durchaus unterschiedlich bewertet. Doch unabhängig jeglicher Bewertung bleibt die schlichte Erkenntnis: Wir können unsere eigene Geschichte vielleicht umdeuten, aber nicht verändern! Es gilt, zunächst einmal das Gute und das Schlechte in unserer Geschichte anzuerkennen. Das gehört zu uns. Beides hat uns zu dem gemacht, wer wir sind. Es gilt das paradox klingende Motto: Versöhne dich mit deiner Vergangenheit, damit du dir deine Zukunft nicht verbaust. Das heißt nicht, dass wir alles gutheißen sollen! Schuld, die uns angetan wurde, bleibt Schuld! Wer Misshandlungen und Missbrauch oder traumatische Situationen erlebt hat, wird besondere Wege gehen müssen, um sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Manches bedarf einer langwierigen Aufarbeitung und kann im besten Fall in einem tatsächlichen Versöhnungsprozess enden. Wenn es hier um die Ablösung vom Elternhaus geht, meine ich eher die Anerkennung der „normalen Unfertigkeit“, mit der unsere Eltern versucht haben, ihr Bestes zu geben. Am Ende steht die Frage: Hänge ich unversöhnlich an bestimmten Eigenschaften meiner Eltern oder Situationen meiner Kindheit, die ich für alles Unglück meines Lebens verantwortlich mache? Dann laufe ich Gefahr, meinen Eltern entweder in Überheblichkeit zu begegnen oder aber mich immer noch von ihnen abhängig zu fühlen.5 Oder gelingt es mir, mit einem gütigen ­Auge auf das Bemühen der Eltern zu schauen?

Vermutlich ist es das, was mit dem fünften Gebot gemeint ist: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ­ehren, auf dass dir‘s wohl gehe und du lange lebest auf Erden.6 Dieser Aufruf gilt dem erwachsenen Kind. Das im Gebot verwendete hebräische Wort für „ehren“ entstammt derselben Wortfamilie, wie die Worte für „schwer sein, eine Last sein, reich sein, eine Bedeutung haben“. „Ehren“ ist also zunächst als wertfreie Anerkennung zu verstehen, welches Gewicht, ­welche Bedeutung unsere Eltern für uns haben. Es gilt, sie so stehen lassen zu können, wie sie sind – und nicht, wie ich sie gerne gehabt hätte. So kann es mir als Erwachsenem gelingen, das Gute wahrzunehmen, das ich selbst einer nächsten Generation weitergeben ­möchte. Vielleicht ist es aber auch notwendig, eine schlechte Wurzel zu kappen, damit sich giftige Beziehungsmuster oder destruktive Verhaltensweisen nicht über Generationen weitervererben. Hilfreich kann in allen Fällen die nüchterne Betrachtung eines Dritten sein, der mich als Seelsorger oder guter Freund begleitet. Für echte Versöhnung mit unserer Geschichte braucht es manchmal das helfende Wort von außen. Gott hat uns unser Leben geschenkt und es eingebettet in eine ganz individuelle Lebensgeschichte. Er weiß um mein durchwachsenes Wurzelgeflecht und die Beschaffenheit meiner Flügel. In ihm kann ich aber auch erkennen, wie echte Gemeinschaft und gesunde Beziehungen entstehen und gelingen können. Denn er, der dreieinige Gott, ist in sich Gemeinschaft und verkörpert die ideale Beziehung in „verbundener Selbständigkeit“. Das gilt besonders in der Beziehung der Generationen: „Bei einer gelungenen Ablösung steht am Ende eine gereifte Beziehung, in der statt Abhängigkeit gegenseitige Achtung gewachsen ist – trotz ­Eigenständigkeit und Verschiedenheit.“7

Anmerkungen:

  1. Ganz zu schweigen von den genetischen Voraussetzungen, die nach aktuellen Forschungen mindestens zur Hälfte unsere Persönlichkeit bestimmen.
  2. J. W. von Goethe: „Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“
  3.  Nicht umsonst spricht man in der Psychologie von „funktionalen“ Familiensystemen.
  4.  Janusz Korczak: Wie man ein Kind lieben soll, Göttingen 2005, S. 40
  5. Beide Extreme wären eher ein Hinweis darauf, dass mein inneres Kind in einer Phase hängengeblieben ist, in der diese Haltungen normal sind: Das jugendliche Kind fühlt sich seinen Eltern überlegen, hat hohe Ideale und misst die Eltern daran. Das Kleinkind lebt in Abhängigkeit zu den Eltern, die Eltern sind die größten und werden nicht hinterfragt.
  6. 2 Mose 20,12
  7.  Verena Kast: Loslassen und sich selber finden, Herder, Freiburg 1991.

Von

  • Daniel Schneider

    ist Referent für Freiwilligendienste und lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern im Haus der Hoffnung in Greifswald.

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