Der Augenblick eint

Wie Jung und Alt aneinander reifen

Lernen von Abraham J. Heschel

Jeder Mensch wird als Person und zugleich als Teil einer Generation geboren. Beides sind sinnstif­tende Gaben, die wir uns im Laufe unseres Lebens aneignen. Rabbi Abraham J. Heschel hat über diese ­Schwer­punkte immer wieder nachgedacht. Geboren 1907 in einer ­polnisch-jüdischen Gemeinde, studierte er in Berlin ­Orientalistik und Philosophie. 1940 konnte er in die USA ­emigrieren. Für Elie Wiesel war er geistlicher Ratgeber und Freund, und er unterstützte Martin Luther King in seinem Kampf. Er starb 1972. Anfang der 60er Jahre hielt er zwei Vorträge über die Aufgaben, denen Junge und Alte gegenüberstehen.1 Sie sprechen in ­unsere Zeit.

Die Grundkräfte der Geschichte sind …

Die Jugend ist nicht das Problem unserer Jugend. Das Problem ist der Zeitgeist (S. 34), der sie umgibt und prägt. Der Geist der Zeit ist die Verdinglichung der Welt, die Verdinglichung des Menschen, die Verdinglichung aller Werte. … Freude zu schöpfen aus innerem Erleben ist den meisten von uns nicht mehr möglich. Wir können der Jugend kein Gefühl der Zugehörigkeit zur Gesellschaft vermitteln, solange wir es nicht schaffen, ein Gefühl für sinnvolles Leben, ein Gefühl der Achtung für die Gesellschaft, zu der wir alle gehören zu wecken. Achtung und Verehrung sind die Haltung, aus der Zärtlichkeit und Mitleid hervorgehen. Sie wird durch die Eltern geweckt und durch deren Existenz veranschaulicht. So ist das Herzstück der Zehn ­Gebote: Ehre Vater und Mutter. Keine populäre Sicht unserer Tage, obwohl dies Erbe zu den Wurzeln unseres Glaubens gehört. Ohne tiefe Verehrung für Vater und Mutter wird unsere Fähigkeit, die anderen Gebote zu beachten, gefährlich beeinträchtigt. Das Problem, vor dem wir ­stehen, das Problem, vor dem ich als Vater stehe, ist, warum mein Kind mich verehren sollte. Wenn mein Kind nicht durch meine persönliche Existenz zur Verehrung geführt wird, durch meine Taten, meine Haltung – die Fähigkeit zum Triebverzicht, zur Überwindung von Vorurteilen, die Fähigkeit, das Heilige zu spüren und nach dem Edlen zu streben –, warum sollte es mich dann verehren? (S. 34). Ohne die Jugend aus ihren Aufgaben zu entlassen, sieht Heschel das Hauptproblem bei den Erwachsenen, besonders den Eltern und Lehrern, nicht bei den Kindern (S. 34). Wecken und gestalten die Eltern mit ihrer Existenz die Haltung von Achtung und Ehrerbietung, so liegt es bei den Lehrern, diese im täglichen Lerngeschehen zu entfalten und zu erhalten.

 

… Hoffnung beim Jungen

Die Griechen lernten, um zu verstehen. Die ­Hebräer lernten, um zu verehren. Der moderne Mensch lernt, um zu gebrauchen, getreu der Maxime: Wissen ist Macht (S. 35). Lernen gilt den meisten als eine ­Methode, die möglichst effektiv anzuwenden ist, die dazu trainiert, die richtigen Fragen zu stellen und die entsprechenden Antworten einzustudieren. Aber Staunen und Wahrnehmen, um angemessen den ­Eigenwert der ­Natur zu würdigen, gehen in dem bloß zupackenden Griff des verwertenden Erkennens unter. Lernen reduziert sich nicht auf einen Beruf. Wer nur so zum Lernen angeleitet wird, den begleitet von Anfang an eine latente Hoffnungslosigkeit angesichts des Sinns dieses Unterfangens. So lehren wir junge Menschen nicht, eine Persönlichkeit zu werden, innerlich zu wach­sen und sich an der Umwelt kennenzulernen ­(S. 39).

Der Lehrer ist mehr als ein Techniker. Er ist Repräsentant und Interpret des kostbarsten Besitzes der Menschheit. Lernen ist heilig, eine unaufgebbare Form der Läuterung und Veredlung. Im Lernen knüpfen wir ­eine Beziehung zwischen dem Ich und etwas, das sowohl ewig wie universal ist (S. 36). Was einst auch das Verständnis der Kirchen war, kann nicht einfach preisgegeben werden, nur, weil es nicht gegenwartstauglich scheint. Das Gefühl des Menschen für Staunen und Geheimnis zu fordern und zu fördern, statt es zu ersticken, liegt in der Verantwortung der Erwachsenen. Begabung, Wissen und Erfolg sind wichtig für die menschliche Existenz, aber Begabung ohne Hingabe, Wissen ohne Achtung, Erfolg ohne Demut führen zur Oberflächlichkeit (S. 41). Das gilt eher als verlorene Zeit, woran Menschen im Alter leiden, wenn Lernen eine Verpflichtung der Jugend bleibt und die Freude des Entdeckens und Reifens nicht bis ins ­hohe Alter das Leben bestimmt. Die Heiligkeit des Lernens ruht letztlich in der gottebenbildlichen Heiligkeit des Lebens, die ohne Heiligkeit menschlicher Lebensführung (S. 41) nicht zu denken ist. Sie rückt damit sehr nah an die menschliche ­Würde heran. Wir können von der Gabe, ein lebenslang Lernender zu sein, nicht hoch genug denken. Nicht, um Wissen als Macht zu optimieren, sondern durch Hingabe, Achtung und ­Demut an der Heiligkeit des Lebens Weisheit gewinnen und verinnerlichen, dass der Mensch nicht Herr ist, sondern Partner, dass Leben kein Besitz ist, sondern anvertrautes Gut. Als Mensch leben heißt, Gottes Gehilfe sein (S. 42).

 

… Glaube beim Alten

Um das Hineinreifen in Weisheit geht es im Alter, denn in jungen Jahren haben wir kaum vor Augen, welchen Mut uns das Altwerden abverlangt. Wir wollen alle alt werden. Wenn wir es aber sind, sehen wir es als Niederlage an, als eine Art Todesurteil. So leitet Abraham J. Heschel seine Gedanken über das Wachsen in der Weisheit ein, und was wir den alten Menschen schulden, ist Ehrerbietung (S. 59), denn Jugend ist unser Gott, jung sein ist göttlich. Natürlich ist Jugend etwas Wundervolles. Aber der Kult der Jugend ist Götzendienst (S. 60). Sobald wir ihr entwachsen, umkreisen wir versäumte Entscheidungen und gescheiterte Begegnungen, und tragen beim Älterwerden die Chance, noch Großes zu hoffen, nicht mehr als innere Botschaft mit uns. Das führt Abraham Heschel zu der Bemerkung: Alter ist eine besondere Infragestellung des inneren Lebens; es erfordert sowohl Weisheit als Stärke, ihm nicht zu erliegen. … Man könnte den alten Menschen beschreiben als einen, der nicht mehr träumt, dem jeder Ehrgeiz fehlt und der in ständiger Furcht lebt, seinen Status zu verlieren (S. 61). Die Generationen der vergangenen Jahrzehnte sind dem noch mit Ritus und Gebet begegnet. Diese Formen und Ausprägungen hat der Mensch von heute aufgegeben und die Kunst des Betens nicht mehr gelernt. Ersatz für beides bot ihm der Beruf. Er löste die Beziehungen zu Gott, zum Kosmos, selbst zu seinem Volk. … Der Reiz des Erfolgs trat an die Stelle der Inspiration (S. 62). Was das Gefühl der Nutzlosigkeit, innerer Leere und Langeweile sowie die Angst vor der Zeit betrifft, sollten wir unterscheiden zwischen Unterhaltung als Ersatz und Unterhaltung als Heilung.

 

Gefühl der Nutzlosigkeit

Da jeder wesentlich mehr ist als sein Dienst, kann ­seine Sinnsuche nicht auf Verlorenes und Geleistetes beschränkt bleiben. Daher kann der Mensch … aus der Gesellschaft keinen letzten Sinn für seine Existenz ableiten, denn die Gesellschaft selbst bedarf der Sinngebung. Und da die Menschheit wertvoll ist, weil sie aus Einzelwesen besteht, ist es weise zu erkennen, dass wir einander nur einen Bruchteil davon geben können, wer wir sind und wessen wir bedürfen: Es gibt Wege in der Seele, die der Mensch allein geht, Wege, die nicht in die Gesellschaft führen, ein persönlicher ­Bereich, der sich vor der Öffentlichkeit verbirgt. Zum Leben gehört nicht nur fruchtbares Ackerland, sondern auch Traumgebirge, ein Untergrund von Kummer und Sorge, ­Türme der Sehnsucht, lauter Dinge, die sich schwerlich bis ins letzte für das Wohl der Gesellschaft nutzbar machen lassen, wenn man den Menschen nicht zu einer ­Maschine degradieren will (S. 64).

 

Innere Leere und Langeweile 

 

Der Langeweile kann man nur mit den Erfahrungen sinnvollen Lebens begegnen. Dazu gehört ein Lernen, das die Gedanken über das schon Gewusste hin­ausführt, und Taten, die zu tieferer Motivation ­führen, um mit der Quelle des Lebens in Berührung zu kommen. Das Erleiden der Leere kann im Alter einen Wunsch nach Intensität wecken, der über meine Existenz hinausweist. Geliebt, gewollt und gebraucht zu sein – menschliche Konstanten –, werden erneut wach und gestärkt, wo wir erleben, gefordert zu sein und gefördert zu werden. Letztlich heißt Sein, gehorsam (zu) sein2, wie es Heschel als Summe benennt. Der Eintritt ins hohe Alter ist kein Weg in den Stillstand, sondern eine Zeit der Gelegenheit zu innerem Wachsen (S.66). Und Erziehung zum Ruhestand ist ein lebenslanger Prozess (S.67).

 

Einsamkeit und Angst vor der Zeit

Die Zeit ist der einzige Bereich des Daseins, der völlig außerhalb der Kontrolle des Menschen liegt. Wir sind gewohnt, mit Dingen umzugehen, die wir beherrschen. Allein das Versagen des Computers oder der Ausfall des Kühlschranks reißen uns aus den Rhythmen des Schneller-Höher-Weiter. Wirklichkeit ist für uns dinghaft und eine Raumerfahrung. Die Zeit ist ein schlüpfriges, treuloses Untier mit einem feurigen Schlund, so Heschel. Sich am Raum und seinen Dingen festhalten, gießt letztlich Öl ins Feuer der Angst vor der Zeit, denn die Dinge sind nicht feuerfest. Wir wissen, was wir mit dem Raum tun sollen, aber wir wissen nicht, wie wir mit der Zeit umgehen sollen, es sei denn, wir stellen sie in den Dienst des Raums oder wir ‚vertreiben‘ sie, wir ‚schlagen sie tot‘ (S. 67). Der Raum trennt …, und teilt; jedes Ding ist eine eigene Welt, um die wir kreisen. … die Zeit eint uns. Der Augenblick ist ein Moment der Zeit. Das Majestätische der Zeit ist ihr eigener und letzter Sinn, dem abendlichen Sternenhimmel gleich. Was wollen wir mit ihm machen? Was macht er mit uns? Die Zeit ist der Schöpfungsprozess; die Dinge des Raums sind das Schöpfungsergebnis. Wenn wir den Raum anschauen, sehen wir die Produkte der Schöpfung; wenn wir die Zeit erfassen, hören wir den Prozess der Schöpfung. … Die geschaffenen Dinge verbergen den Schöpfer. Erst in der Dimension der Zeit begegnet der Mensch Gott, wird er gewahr, dass jeder Augenblick ein Akt der Schöpfung ist (S. 68).

Vor allem das Alter birgt die Gefahr, den Menschen um die Gegenwart zu betrügen, um die Erwartung des Kommenden. Das Vergangene ist sicherer, aber oft vom schmerzlichen Gift des Vergeblichen durchzogen. Zeit ist die Gegenwart Gottes im Raum und der Augenblick der Moment, da wir ihren Wundern begegnen. Im Alter lernen, da zu sein, im Augenblick zu leben, öffnet uns die Augen für die Wunder um uns herum. Und wir sind Teil dieser Wunder. Das Vergangene wird sich dann, bei allem Vergeblichen, ebenso als Schatz vieler erfahrener Wunder erschließen. Einfach Dasein ist ein Segen; einfach nur leben ist heilig. Der Augenblick ist das Wunder. Erst wenn man dem Wunder des Augenblicks aus dem Weg geht, fängt die Langeweile an, die in Hoffnungslosigkeit endet. … Wer mit einem Gefühl für die Präsenz Gottes lebt, weiß, dass Älterwerden nicht heißt, Zeit zu verlieren, sondern Zeit zu gewinnen. Und er weiß auch, dass die Hauptaufgabe bei all seinem Tun ist, die Zeit zu heiligen. Um die Zeit zu heiligen, braucht es nichts weiter als Gott, eine Seele und einen Augenblick. Diese drei sind immer vorhanden (S. 69).

… und Liebe zwischen beiden3

Unsere Lebensweise bringt die Erfahrung mit sich, dass Eltern und Kinder kaum noch gemeinsame Zeit und Erfahrung teilen. So wissen die Generationen zu wenig umeinander, was eher den Generationenabbruch als das Generationengespräch fördert. Die ­Eltern bleiben Außenseiter für die Seele des Kindes (S. 69). Die Zeit zu feiern, wie es in der jüdischen Sabbatfeier oder der christlichen Sonntagsbegrüßung geschieht, ist eine Chance, gemeinsam ihr Geheimnis zu entdecken. In seiner Schrift über den Sabbat spricht Abraham Heschel eindrücklich davon, was es heißt, die Zeit zu feiern.4 Im Feiern der Zeit verbindet sich Vergangenes und Gegenwärtiges. Wir finden eine Gestaltung, dem Majestätischen der Zeit zu begegnen, denn es ist schwer, Wesentliches nicht nur zu sagen, sondern es auch weiterzureichen. Im Feiern sind drei Dinge für ein sinnvolles Leben nötig: Gott, eine Seele und ein Augenblick (S. 71). Im Feiern finden Alt und Jung zusammen; Gott, die Seele und der Augenblick finden zueinander.

Anmerkungen:

  1. Alle Zitate aus Abraham J. Heschel: Die ungesicherte Freiheit, Neukirchen-Vluyn 1983; besonders die Artikel: Kinder und Jugendliche, S. 34-44; Wachsen in der Weisheit, S. 59-71.
  2. S. 65; was er vor allem in seinen anthropologischen Gedanken: Who is Man? entfaltet.
  3. Eugen Rosenstock-Huessy.
  4. Der Sabbat, Neukirchen-Vluyn 1990.

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