Frei zu geben

Wie wir barmherzig werden

Predigt zur Jahreslosung 2021

Wovor fürchten wir uns am meisten? Wovor sollten wir uns am meisten fürchten?

Ist es die Pandemie oder der Impfstoff, ist es der Tod, ist es das Gericht am Ende aller Tage, das da kommt? Eines Tages gerichtet zu werden? Eines Tages gemessen und für zu leicht befunden zu werden? Was fürchten wir alles, und was fürchten wir am meisten?

Wer aus der Furcht lebt, hat von der großen Barmherzigkeit Gottes noch nichts gehört. Die Jahreslosung für das Jahr 2021 ruft uns als Aufgabe und Verheißung zu:
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist (Lk 6, 36).

Dazu eine eigene Erfahrung. Ich war 17 oder 18 Jahre alt. Als Jugendlicher braucht man immer Geld, und wen zapft man als erstes an? Seine Eltern. Mein Taschengeld reichte mir nicht, doch mehr konnte ich meinen Eltern nicht auf „legale Weise“ abluchsen. So schwindelte ich meiner Mutter vor, ich bräuchte Nachhilfe und dafür Geld. Das nahm sie mir ab und gab bereitwillig monatlich einen Betrag, den ich natürlich für andere Dinge ausgab, fast ein ganzes Jahr lang. Nach dem Abi kam ich nach Deutschland zur OJC. Mein Leben wandelte sich komplett und ich fand neu zum Glauben. Beim nächsten Besuch bei meinen Eltern in Südafrika fiel mir wieder ein, was ich getan hatte. Mein Gewissen drückte mich schwer. Ich wusste, ich muss es meiner Mutter sagen! Doch ich fürchtete die Konsequenzen. Was würde sie tun? Das Geld zurückfordern (wäre nur gerecht), alle weiteren Zuwendungen kappen (wäre gerechtfertigt), ausrasten, verletzt reagieren, für längere Zeit nicht mehr mit mir reden? – Ich wusste es nicht, doch ich fasste mir ein Herz und bat um ein Gespräch. Meine Mutter hörte sich alles ruhig an, kam an meine Seite, umarmte mich und sagte, dass sie mir verzeihe. Sie wollte nicht wissen, wie viel, wie lange und warum. Ich musste mich nicht rechtfertigen. Nur die Zusage: Ich verzeihe dir! Und zum Schluss sagte sie fröhlich: Ist doch gut, dass das jetzt raus ist – oder? Mir ist in diesem Gespräch Barmherzigkeit widerfahren. Und diese Barmherzigkeit war viel nachhaltiger, als jede Bestrafung oder pädagogische Maßnahme es hätte sein können. War das gerecht? Nein und Ja. Es war nicht gerecht im Sinne eines Strafkataloges und meiner schuldbewussten Erwartungen, sondern in einem viel umfassenderen Sinne: Meine Mutter ist ihrer Liebe zu mir gerecht geworden. Das ist Barmherzigkeit.

Gott ist Barmherzigkeit

Gott ist die Barmherzigkeit in Person. Das ist sein Wesenszug, seine DNA, sein Alleinstellungsmerkmal! Ein gerechter Gott – und dies in Vollendung: Er ist barmherzig. Das ist die Botschaft des Alten Bundes und des Evangeliums. Wie können wir seine Barmherzigkeit fassen? Der Kirchenvater Johannes ­Chrysostomos schreibt: „Stell dir vor, ein Funken (deiner Bosheit) falle ins Meer; kann er sich dort wohl halten und leuchten? Wie groß ein Funke im Vergleich zum Meer ist, so groß ist deine Bosheit im Vergleich zur Barmherzigkeit Gottes, oder besser gesagt: die Barmherzigkeit ist nicht nur so groß, sondern noch um vieles größer; denn das Meer, so groß es auch ist, hat eine Grenze, die Barmherzigkeit Gottes aber kennt keine Grenze.“ Und Paulus schreibt: Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen (Tim 2,13). Er kann sich selbst nicht untreu werden! Schreibt euch das ganz dick in eure Herzenswand hinein. ER KANN ES NICHT!

Und wir? Können wir Gott geben, was ihm gebührt? Kann ich irgendetwas geben, was dieser großen Liebe gerecht würde? Thomas von Aquin schreibt: „Nichts kann der Sünder von sich aus Gott entgegenbringen, auf dass ihm daraufhin Gott Barmherzigkeit widerfahren lasse; weder einen Gedanken, noch eine Handlung; weder etwas Vorausgesehenes noch etwas als gegenwärtig Geschautes. Wechselseitige Gerechtigkeit kommt Gott rücksichtlich der Kreatur nicht zu. Er gibt nur; und zwar niemals deshalb, weil ihm gegeben worden ist. Er gibt, soweit seine Güte und Liebe will, – und das ist Barmherzigkeit.“ Barmherzigkeit misst nicht am Maß dieser Welt. In den Versen vor der Jahreslosung bekommen wir einen Geschmack von dem, was das MEHR, das Übermaß ist:

Liebt eure Feinde.
Tut denen Gutes, die euch hassen.
Segnet, die euch verfluchen.
Halte die andere Wange hin.
Wer deinen Mantel nimmt, dem reiche auch noch freundlich das Hemd.

Jesu Aufforderung knüpft an die Verheißung an: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Die Barmherzigkeit hebt die Gerechtigkeit nicht auf, sondern bringt sie zur Vollendung, weil sie nicht aufrechnet, sondern den anderen aufrichtet: Doch wer barmherzig war, bei dem triumphiert die Barmherzigkeit über das Gericht. Er wird nicht verurteilt werden (Jak 2,13).

Ohne Wenn und Aber

Doch wie erlangen wir Barmherzigkeit und wie werden wir selbst barmherzig? Die Kirchenväter sprachen vom zerschmetterten Herzen. Bei Augustinus heißt es: „Das unreine Herz muss also zerstört werden, damit das reine erschaffen werden kann. Sich seiner ­Sünde bewusst sein, sie Gott hinhalten und um Erbarmen flehen.“ Gottes Barmherzigkeit gilt ohne Wenn und Aber. Sie will wie ein Gnadenstrom in und durch unsere Herzen fließen und uns befreien von jeglicher Erbsenzählerei. Sie kollidiert mit unserer Hartherzigkeit – sei es gegenüber anderen oder uns selbst.

Der Theologe Elmar Gruber schreibt: „Barmherzigkeit beginnt mit dem Zugeben der eigenen Unbarmherzigkeit.“ Zugeben, abgeben, hingeben, was das Herz hart macht. Das ist nicht leicht! Aber nur, wenn wir den Panzer um das eigene Herz ablegen, wird es wieder durchlässig für die lebendige Barmherzigkeit Gottes. Allerdings auch für neue Verletzungen und Verwundungen, die in Beziehungen nicht ausbleiben. Nur wenn wir uns der eigenen Erbärmlichkeit bewusst sind, wenn wir die eigene Schwäche und Sündhaftigkeit nicht verdrängen, haben wir Anteil an der Barmherzigkeit. Jesus kam nicht um der Gerechten, sondern um der Sünder willen. Die aufrichtige und schonungslose Umkehr ist die Tür zu Gottes Barmherzigkeit, sie ist der Kairos für die Barmherzigkeit Gottes. Das ist es also, wovor wir uns am meisten fürchten sollten: vor der eigenen Unbarmherzigkeit! „Wer noch nicht barmherzig geworden ist, kann nicht in den Himmel kommen“ (Elmar Gruber). Und der Mystiker Johannes vom Kreuz: „Am Abend des Lebens werden wir nach der Liebe gerichtet.“ Punkt. That’s it. Im Jakobus­brief heißt es: Ein Gericht ohne Barmherzigkeit wird ergehen über jenen, der nicht Barmherzigkeit geübt hat (Jak 2, 13). Was aber, wenn das Herz zu hart ist, um mich als Sünder zu erkennen? Dann flehe ich Gott an, dass er mir rechte Erkenntnis schenke. Ich flehe den Heiligen Geist an, mich in alle Wahrheit zu führen und zu überführen. Bete um jene Ritze, den Türspalt, die kleine Öffnung, die zum Dammbruch für Gottes Barmherzigkeit wird. Bei meiner ersten Beichte habe ich Rotz und Wasser geheult: Das war aber der Türspalt, das war der Kairos Gottes in meinem Leben. Im Himmel wird mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, umzukehren! (Lk 15,7).

Barmherzigkeit aus dem FF

Diese Jahreslosung ist die Frohbotschaft von einem freigebigen Gott. Paulus erinnert uns im zweiter Brief an die Korinther: Gott liebt den, der fröhlich gibt. Wenn du also ein Werk der Barmherzigkeit tust, dann tu es nicht mit verdrossener Miene, oder weil der Herr ­Jesus es halt von dir will. Was bringt es, wenn du dem Hungrigen vorwurfsvoll zu essen gibst? Was bringt es, den Nackten mit trüber Miene zu bekleiden? Was hat der Empfänger deiner Barmherzigkeit davon, wenn du ihm seine Beleidigung unter Vorwürfen verzeihst? Was hilft es, wenn du unangenehme Menschen mit Ungeduld erträgst? Oder wie es ein paar Verse vor der Jahreslosung heißt: Wenn ihr nur die liebt, die euch ­lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? (Lk 6,32-33). Solch eine Barmherzigkeit ist nicht viel wert. FF = Freudige Freigebigkeit ist alles. Uns erwartet ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß. Mit einer solchen Zusage kann man doch wunderbar ins neue Jahr starten!

Von

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