Die Baustelle freigeben

Stabübergabe von David an Salomo

Es ist wahr, der Greis zählt neunzig Jahre und hat somit Zeit gehabt, den Verstand zu verlieren über seiner Idee.1 Als ich diesen Satz erstmals las, stand ich kurz vor meinem 30. Geburtstag. Ich habe mich gefragt, was gegen solch einen Werdegang zu tun sei? Konkreter: Was könnte ich tun, um mit 90 nicht auch solch ein Urteil zu erhalten? Heute, auf meinen 60. Geburtstag zugehend, hat mich die Frage immer noch nicht losgelassen. Damals war ich jung und ­habe die Alten beobachtet, habe meinen Platz gesucht und mich orientiert. Heute stehe ich auf der anderen ­Seite des Lebens und muss nun lernen, loszulassen und den Jungen Ver­trauen und, wo von ihnen gewollt, Orientie­rung zu schenken. Die Bibel kennt in ihrer unnachahm­lich ehrlichen Art misslungene und gelungene Generationenwechsel. Der von David und Salomo gehört zu den gelungenen. Ich will ihm in drei Abschnitten nachlauschen und lade freundlich dazu sein, vor jedem Abschnitt die dazu gehörende Bibelstelle zu lesen.

Ein Alterswerk ohne Werk (1 Chronik 22,6-11)

Vor vielen Jahren stand ich in Jerusalem an der Klagemauer. Inmitten des Gewusels unzähliger Menschen stach plötzlich eine kleine, aber laut singende ­Gruppe orthodoxer Juden hervor. Unüberhörbar erschallte über den ganzen Platz: „David Melech Israel“ – ­David, König von Israel. Die Männer tanzten und ­sangen so voller Inbrunst, dass ich für einen Augenblick dachte, der alte König David käme jetzt gleich ums Eck. Bis heute ist der Klang dieses Namens für ­alle Menschen jüdischen Glaubens sehr besonders. Bis heute ist er der König ihres Volkes.

David lebte vor rund 3000 Jahren. Nach seiner überraschenden Berufung zum König musste er einen langen und schwierigen Weg gehen, bis sich diese Berufung zu erfüllen begann. Dann wurde er zum größten König, den Israel je hatte. Seine Verdienste sind enorm. Er handelte politisch und militärisch überaus klug. Ihm gelang die Einigung des Volkes. Er gründete Jerusalem als Hauptstadt und baute eine Verwaltung auf. Seine lange Herrschaft war voll großer außen- und innen­politischer, militärischer und organisatorischer ­Erfolge. „David ist Herr über ein beachtliches, innen und außen gefestigtes Reich, ein Reich, wie es vorher und nachher niemals auf dem kleinen Raum und kargen Boden Palästinas bestand.“2 Bei all den Erfolgen gab es aber doch so etwas wie Davids wichtigste Tat: Er brachte die Bundeslade nach Jerusalem. „Er will sein neues Königtum ganz bewusst an die alte Tradition Israels anschließen.“3 Es geht um die Fortsetzung der alten Verheißung an die Väter, die mit ihm nun weitergehen soll und muss. Das ist wahrlich keine nebensächliche Episode. Und deshalb will er dieses Werk mit dem Bau eines Tempels krönen.

So stand David vor seinem Alterswerk. Wunsch, ­Wille, Plan – alles war da. Und dann musste er ­feststellen: Gott denkt anders darüber. Er musste erkennen: Ich kann einen Tempel gründen, aber bauen wird ihn ­einer nach mir. Und das ist nicht nur eine ­Frage schwindender Vitalität, sondern vor allem der eigenen Lebensgeschichte. Von vergossenem Blut ist die Rede.

David muss erfahren: Das Leben vollendet sich nicht mit meinen Taten und Werken, sondern mit meiner Saat! Mein Alterswerk, das mein ­Leben erfüllen soll, besteht nicht in meinen hinterlassenen Leistungen, sondern in dem, worauf ­andere auf- und weiter­bauen können – in meiner ausge­streuten Saat, die in der nächsten Generation ihre Frucht bringen soll. Welch weise Einsicht!

Generationenwechsel mit klarer Erbfolge (1 Chronik 28)

In diesem Kapitel wird berichtet, wie David seinen Nachfolger Salomo dem Volk vorstellt. Das ist alles andere als selbstverständlich. Schließlich haben ihn zwei Dinge ein Leben lang begleitet. Einerseits die Freundschaft, wenn man an Jonathan oder Abner denkt. Andererseits aber auch die Rivalität, wenn man sich Saul oder Absalom vor Augen hält. Zwischen beidem ­musste er sich immer wieder entscheiden. ­Jedes Leben wird von verschiedenen Motiven geprägt und man muss und kann (!) sich immer wieder ­entscheiden, welchem man den Vorzug gibt. ­David hat sich im Blick auf seinen Sohn und ­Nachfolger ­Salomo – allen schlechten Erfahrungen zum Trotz – gegen das Motiv der (ängstlichen) Rivalität und für das der (vertrauensvollen) Freundschaft entschieden!

Wenn man den biblischen Bericht liest, fällt auf, dass sich David in dieser Szene einen zeremoniellen ­Fauxpas leistet. Offensichtlich ganz bewusst! Üblicher­weise saß der König bei seinen Verlautbarungen, hier erhebt er sich. Dies war ein großes Zeichen der Ehrerbietung. Sicherlich gegenüber Gott, aber auch gegenüber Salomo. Benedikt von Nursia schreibt in seiner Ordensregel „Die Jüngeren sollten die Älteren ehren, die Älteren die Jüngeren lieben.“4 Ein großartiger Rat, der sich in unserer geistlichen Regel wiederspiegelt: „Wirst du älter, so sei großherzig mit den Jüngeren. Freue dich an ihnen und achte ihren Mut und ihre Entschlossenheit, den Mitweg der Gefährten zu wagen. Trage ihre Herausforderungen und Schwierigkeiten im Gebet.“5 David hat seine Liebe durch seine Ehrerbietung ausgedrückt. Beides schulden sich Generationen wechselseitig. Daraus erwachsen dann auch gegenseitiges Vertrauen und Zutrauen. Wo das vorhanden ist, kann der eine selbst in der Ermahnung des anderen eine Ermutigung erkennen.

Im Rahmen dieses angekündigten Generationen­wech­sels stellt David eine deutliche Erbfolge auf. Und du, mein Sohn Salomo, erkenne den Gott deines Vaters und diene ihm mit ganzem Herzen und mit williger Seele (1 Chr 28,9). Dieser fast selbstverständliche Satz hat Sprengkraft. David sagt nicht: Diene dem Erhalt der Macht unserer Familie – diene der Erhaltung meines glorreichen Rufes – diene meinen unerledigten Auf­gaben, etc. Salomo soll ganz und gar nicht Davids Erbe werden. Nein! Er soll der Erbe der Berufung Gottes werden! Nicht Davids Werk ist fortzuführen, sondern das Werk Gottes! Nicht der ­Alte ist das Maß, sondern Gott. Diese Verpflichtung ist eine ungeheure Freisetzung. Das sind wir Alten den Jungen schuldig.

Dieser Generationenwechsel hat eine klare ­Erbfolge: Salomo wird berufen, der Erbe der göttlichen Berufung zu werden. Keine Beliebigkeit, aber Freiheit! ­David antwortet auf die Frage nach der Verpflichtung seines Nachfolgers mit Ermutigung: So sieh nun zu, denn der HERR hat dich erwählt, dass du ein Haus baust als Heiligtum. (…) Sei getrost und unverzagt und mache es! Fürchte dich nicht und lass dich nicht erschrecken! Gott der HERR, mein Gott, wird mit dir sein und wird die Hand nicht abziehen und dich nicht verlassen, bis du jedes Werk für den Dienst im Hause des HERRN vollendet hast (1 Chr 28,10.20). Ich lese: die Berufung Gottes, die er in Zukunft mit und durch dich verwirklichen will, hängt nicht an mir, dem ­Alten. Das Leben lebt aus der Vergangenheit – wird aber nicht rückwärts gelebt, sondern zuversichtlich vorwärts. Ich lese weiter: diese Berufung Gottes hängt auch nicht an dir, dem Jungen. Sie hängt allein an Gott. Darum hänge dich an IHN! Niemand muss der Garant seines Lebens werden – das steht allein Gott zu, und ich darf es in Anspruch nehmen.

Nach Verpflichtung und Ermutigung kommt nun aber noch ein Drittes: Und David gab seinem Sohn Salomo einen Plan … (1 Chr 28,11). Also doch, könnte man meinen. Der Alte schiebt dem Jungen doch noch seinen Plan unter. Doch nicht so weit her mit der Freiheit, denkt man sich. Aber man könnte auch anders. Ich ­lese: Kein Leben beginnt beim Punkt Null. In dem Buch meiner Lebensgeschichte gibt es schon etliche Kapitel. Ich bin von Geburt an kein unbeschriebenes Blatt. Aber jetzt bin ich dran, bin ich der Autor.

Ich ­füge mein Kapitel hinzu und kann damit der Geschichte auch eine neue Richtung geben. David war klar, dass er den Bau nicht bestreiten wird. Aber damit ist das Thema für ihn nicht durch. Er bereitet den Bau vor, sammelt Mittel – auch eine beträchtliche Summe aus seinem Privatvermögen – und stellt Baumaterial und Pläne bereit. Dieser Grundstock – ­eine Art Stiftung – soll seinem Sohn helfen und auch alle anderen zu diesem Werk ermutigen. Bauen muss der Junge, das Startkapital aber liefert der Alte. So müssen Generationen zusammenlegen, wenn sich Gottes Berufungen erfüllen sollen.

Die Übergabe wird zum Gewinn (1 Chronik 29)

Nun wird es ernst. David übergibt die Macht an seinen Sohn. Zu Lebzeiten wohlgemerkt! Und diese Übergabe war alles andere als ein Aufgeben des Alten zugunsten des Jungen. Bei Generationen geht es immer um Übergänge. Da muss man Geschichte aufnehmen und in aktueller Gestalt weiterführen. Töricht die Jungen, die die Geschichte nicht zu ihrer eigenen machen und immer alles neu erfinden wollen. Töricht die Alten, die Geschichte nicht freigeben und immer alles beim ­Alten belassen wollen. Jeder geistliche Orden kennt das: die Treue zur (von Gott gegebenen) Berufung muss mit der Aktualisierung der (aus unserem Tun ­bestehenden) Sendung verbunden werden. Beides ist nicht mitein­ander zu verwechseln. Darum tut David etwas, das für den Prozess eines Generationenwechsels entscheidend ist, wenn er gelingen soll.

In 1 Chr 29,19 heißt es: Und meinem Sohn Salomo gib ein rechtschaffenes Herz, dass er halte deine Gebote, Ordnungen und ­Rechte und dass er alles ausführe und diese Wohnstatt baue, die ich vorbereitet habe. David schwört Salomo nicht auf sich, sondern auf Gott ein. Oben hieß es: nicht der Alte ist das Maß, sondern Gott. Das wird hier noch einmal deutlich: Gottes Gebote, Ordnungen und Rechte sind Ausgangs- und Zielpunkt. Und hier liegt der Orientierungspunkt für einen gelingenden, fruchtbaren Generationenwechsel!

Wenn dies klar vor Augen ist, kann der eine loslassen und der andere zugreifen: „So setzte sich Salomo auf den Thron des HERRN als König an seines Vaters David statt, und Gott gab ihm Gelingen“ (1 Chr 29,23). David hatte die Regelung der Thronfolge bis in die Zeit kurz vor seinem Tod hinausgeschoben. Es fehlte im Volk ­Israel auch jegliche Tradition der Thronfolge. Nun aber will er den Wechsel noch zu seinen Lebzeiten. Los­lassen ist die Kunst, nicht resigniert hinzuschmeißen, sondern freizugeben und zu ermutigen. Die Kunst, die kommende Generation stark zu machen, die auf die Bereitschaft treffen muss, dass diese das Losgelassene aufnimmt. In unserer geistlichen ­Regel heißt es: „Mit zunehmendem Alter ist die Bereitschaft gefordert, loszulassen. Dieser geistliche Weg gehört zum Schwersten und Befreiendsten in ­unserem Leben. Wir kommen der Ewigkeit näher.“6 Das ist die Dimension: Der Junge steht noch ganz in der Zeit, der Alte schon unter dem Blick der Ewigkeit. Wer so freigibt, der kann schließlich lebenssatt und doch ehrenvoll sterben: Und David starb in gutem Alter; satt an Leben, Reichtum und Ehre (1 Chr 29,28).

Solch einen Generationenwechsel, der für beide zum Gewinn wird, beschreibt Jeremias Gotthelf: „Ein junges, neues Leben war auferstanden im Greise. Seit langen Jahren hatte er ein beschauliches Leben geführt, tätigen Anteil an wenigem genommen, jüngeren Händen die Geschäfte des Tages, das Leiten des Ganzen überlassen, nur aus der Fülle seiner Erfahrung Rat gespendet, wenn er bei ihm gesucht ward“7. So ­konnte die nächste Generation die Verantwortung in die ­Hände nehmen. So machte sich Salomo an sein Lebenswerk. Er war übrigens der König Israels, der mit den besten Voraussetzungen gestartet ist (2 Chr 17-13).

Aber er hat je länger je weniger daraus gemacht! Das erinnert daran, dass jede Generation ihre eigene Verpflichtung hat, der sie verantwortlich nachkommen muss.

 

Anmerkungen:
1 F. M. Dostojewski; Der Großinquisitor; S. 10.
2 Claus Westermann; Tausend Jahre und ein Tag; S. 132.
3 Westermann a. a. O., S.127.
4 Regula Benedicti 63,10.
5 Wie Gefährten leben; Eine Grammatik der Gemeinschaft [99].
6 Wie Gefährten leben; a. a. O. [99].
7 Jeremias Gotthelf; Der Druide; S. 57.

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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